Vivin (c) Amelie Springer

„[D]ie Lösung für alles: back to the roots und Entschleunigung.” – VIVIN im mica-Interview

„KAOS“ (Seayou Records) ist das erste Album der Band VIVIN, aber das dritte Album, das ADA JOACHIMSTHALER, FRANZISKA KLEINSCHMIDT und HELE MAURER gemeinsam aufgenommen haben. Zuvor kannte man sie unter dem Namen GIANTREE, der Indie-Hörerinnen und -hörern in Österreich vertraut war. Mit „KAOS“ lassen die drei allerdings die Gitarren außen vor und tauschen sie gegen Synthesizer ein. Im Gespräch mit Benji Agostini erzählten sie, wie der Übergang zwischen den beiden Projekten verlief, wie viel Chaos wirklich hinter ihrem Album steckt und welche Thematiken sie besonders beschäftigt haben. 

Wie verlief der Übergang zwischen Giantree und VIVIN?

Hele Maurer: Wir haben 2016 die zweite Giantree-Platte aufgenommen und danach brauchten wir erst mal eine Pause.

Ada Joachimsthaler: Wir haben uns danach langsam erst wiedergefunden. Wir haben uns zu dritt einfach mal wieder zum Jammen im Proberaum getroffen. Dabei haben wir gemerkt, dass es uns sehr fehlt, aber alle hatten einen Job. Es war der Schnitt zwischen Studentenzeit und Berufsleben. Wir mussten uns erst neu organisieren und konnten nicht mehr den ganzen Tag im Proberaum verbringen.

Franziska Kleinschmidt: Jede hat dabei auch unterschiedliche Kontakte mitgebracht. Ich habe den Schlagzeuger von damals mitgebracht und Ada hat Thomas Vogelreiter mitgenommen, der auch gleich bereit war, unsere Single mitaufzunehmen.

Ein paar Elemente eurer Musik bei VIVIN habt ihr von Giantree übernommen, einiges ist aber auch neu. War das eine bewusste Entscheidung?

Ada Joachimsthaler: Nein, eigentlich nicht. Als wir uns nach der Bandpause wieder getroffen haben, ist es auch nur schleichend dazu gekommen, dass wir wieder etwas machen. Bei den Songs war es auch so. Irgendwann haben wir gesagt: „Der neue Song klingt cool, wollen wir nicht versuchen, den rauszubringen?“ Dann waren wir eigentlich schon wieder mittendrin.

„Wir haben uns selbst keine Grenzen gesetzt.“

Wenn man euren Pressetext liest, wirkt es, als würdet ihr sehr konzeptionell arbeiten. War zuerst das Konzept von „KAOS“ da oder hat sich das aus der Arbeit heraus ergeben?

Ada Joachimsthaler: Es hat sich aus dem Chaos heraus entwickelt. Es ist verblüffend, wie dann im Nachhinein manches Sinn ergibt. Wir arbeiten ja wirklich in das Chaos hinein und das betitelt unser Schaffen ganz gut. Wir sind ohne ein genaues Vorhaben und ohne genaues Ziel vor Augen in die Sache eingestiegen. Wir hatten die Last des Erfolgsdrucks nicht mehr, den wir nach dem zweiten Giantree-Album schon spürten. Auch beim Songschreiben war das befreiend. Wir haben uns selbst keine Grenzen gesetzt. Jede darf mal jedes Instrument ausprobieren.

Franziska Kleinschmidt: Es war auch deswegen ein Chaos, weil wir am Anfang nur zu dritt waren und keinen Drummer hatten. Wir mussten beim Schreiben der Beats improvisieren. Weil die Gitarren weggefallen sind, haben wir auch mehr elektronische Elemente in unseren Songs, die wir neu entdeckt haben. Dann hat zwischendurch der Drummer gewechselt und es waren mehrere Produzenten beteiligt. Dementsprechend war das eine sehr bunte Entstehungsphase. Es gibt auch zum Beispiel keinen fixen Songwriter bei uns. Es gibt immer eine Idee von jemanden und wenn die gut ist, bauen wir darauf auf.

Meinst du „Idee“ im Sinne von „musikalisches Thema“?

Franziska Kleinschmidt: Genau. Es fängt meistens mit einem Effekt oder einem Riff an. Ada findet dann innerhalb von fünf Minuten die Akkorde und eine Melodie dazu.

Hele Maurer: Und den Text.

Franziska Kleinschmidt: Ja, das ist etwas, was ich immer schon beneidet habe. Hier bin ich völlig raus.

Hele Maurer: Aber wir sind definitiv ohne Konzept an die Songs herangegangen. Wir haben mehr Song für Song am Album gearbeitet. Nachdem wir etwa zu drei Viertel fertig waren, kam dann mit dem Song „Kaos“ auch der Titel dazu.

Franziska Kleinschmidt: Ich habe für den Song „Kaos“ den „Kaossliator“ von KORG verwendet, daher kommt auch das K in „Kaos“. Das war eine Zeit lang der Arbeitstitel, aber dann hat es inhaltlich auch so gepasst. Das Beste ist zwar immer, wenn man das Konzept von vornherein festlegt, aber genau das war im Endeffekt das Konzept des Endprodukts. Wenn du ein Chaos hast, dann kann es nicht wirklich ein Konzept geben, denn sonst wäre es kein Chaos.

Ada Joachimsthaler: Auch die Texte sind während der Proben entstanden. Die wurden nebenbei auf einen Zettel geschmiert, also wirklich von der Seele weg. Wir haben uns nicht großartig überlegt, was uns jetzt beschäftigt, es war mehr ein „Ich singe es aus mir raus“.

VIVIN

Das heißt aber, dass euch die Themen zumindest unterbewusst beschäftigen.

Franziska Kleinschmidt: Voll. Und es hat dann auch thematisch gepasst. Ich finde es am authentischsten, wenn es Sachen sind, die aus dem Tun herauskommen. Ohne den Standard durchblättern zu müssen, welche Themen gerade aktuell sind, um einen Song zu basteln.

Ein Thema, das ihr behandelt, ist Realitätsflucht. Was ist Realitätsflucht für euch?

Ada Joachimsthaler: Wahrscheinlich die Musik. Ich merke auch, dass es mir total gut geht, wenn ich mal aufs Land fahre und einfach nur im Grünen bin, obwohl ich die Stadt liebe.

„Depressionen sind ein großes Thema in unserer Zeit.”

Du hast also einen eher positiven Zugang.

Ada Joachimsthaler: Ja, aber im Song habe ich das anders behandelt. Es spielt natürlich damit zusammen, wie man sich nach außen hin präsentiert, wenn man erkennt, dass so viel nur gefakt ist und man sich fragt, ob es die Freundinnen und Freunde noch ernst meinen oder wie man seine Außenwelt wahrnehmen kann. Oder reicht es einem eigentlich und möchte gar nicht mehr rausgehen. Auch das Thema Depressionen spielt da sicher mit. Wenn man sich denkt: „Aus jetzt, ich sehe keine Farben mehr, ich sehe alles nur noch in Schwarz-Weiß und möchte abschalten.“ Aber im Grunde genommen kann man sich überlegen, ob das Farbensehen echt ist oder nicht. Sieht man die Farben nur am Bildschirm, so wie es im Song „Chromatics“ dargestellt wird, oder kann man die Farben auch sehen, wenn man rausgeht und das Leben wahrnimmt?

Hele Maurer: Depressionen sind ein großes Thema in unserer Zeit. Ich bin Baujahr 80. Also für mich wird es schon zu viel, ständig überall präsent zu sein. Vor allem durch Social Media wird so etwas verstärkt. Wir sind alle selbstständig, da ist das Wort „ständig“ dabei und auch als Musikerin bzw. Musiker muss man ständig up to date sein. Ich hab jetzt auch bemerkt, dass ich aufs Land muss.

Franziska Kleinschmidt: Back to the roots.

Hele Maurer: Ja, das ist definitiv die Lösung für alles: back to the roots und Entschleunigung. Was man aber nicht mit Faulheit verwechseln darf. Aber ich könnte mir auch vorstellen, als Realitätsflucht wochenlang auf Tour zu gehen.

Schreibt ihr die Texte auch im Sinne einer Katharsis?

Ada Joachimsthaler: Absolut. Wir schreiben da unsere Sorgen runter. Darum sind das Themen, die aus unseren Herzen kommen. Als wir „Skip the Beat“ geschrieben haben, war die Flüchtlingskrise gerade aktuell. Es ist ja leider noch nicht wesentlich besser geworden und der Song ist einfach immer noch aktuell.

Ein Merkmal eures neuen Albums ist, dass ihr immer wieder Instrumente getauscht habt. Spielt ihr da auch welche, die ihr eigentlich nicht beherrscht?

Franziska Kleinschmidt: Die Tasteninstrumente haben wir immer schon abgewechselt.

Hele Maurer: Ja, wenn Franziska zum Beispiel vom Bass auf den Synth-Bass wechselt.

Franziska Kleinschmidt: Mit dem Samplepad kann man beispielsweise auch schnell Beats basteln, obwohl niemand von uns richtig Schlagzeug spielt. Live spielen wir manchmal beide gemeinsam am gleichen Klavier, dann wechseln wir wieder. Aber es ist nicht so stressig, wie sich das vielleicht anhört.

Ada Joachimsthaler: Das klingt jetzt nach Arcade Fire, aber das sind ein paar mehr Leute als wir.

Franziska Kleinschmidt: Das ist auch nicht aus konzeptionellen Gründen entstanden, sondern mehr aus einer Notsituation. Wenn ich mir einen Riff nicht merken konnte, habe ich jemanden gebeten, dass er bzw. sie ihn spielt. Es hat auch pragmatische Gründe.

Vivin “Kaos”

Denkt ihr, dass ihr dadurch auf Ideen gekommen seid, die ihr sonst nicht gehabt hättet?

Franziska Kleinschmidt: Ja, auf jeden Fall. Wir haben das im Laufe des Schreibprozesses als Mittel zum Zweck genutzt. Es hat damit angefangen, dass wir uns dachten: „Wir sind zu wenig Leute, wir müssen uns abwechseln.“ Aber dann haben wir entdeckt, dass Ada und ich vierhändig das Intro spielen könnten. So entstehen neue Ideen.

Ada Joachimsthaler: Bei der Produktion haben wir immer wieder neue Teile hinzugeschrieben und uns erst danach überlegt, wie wir das live umsetzen können.

Hele Maurer: Unsere beiden Drummer und Produzenten haben sich auch immer wieder eingebracht.

Ada Joachimsthaler: Aber beim Produzieren haben wir gemerkt, dass wir es gar nicht aus Hand geben können. Bei Giantree haben wir das auch immer selbst gemacht und jetzt haben wir Produzenten dabeigehabt und am Ende trotzdem gemerkt, dass wir immer dabei sein und genau sagen müssen, wie wir uns das vorstellen.

Hele Maurer: Das Technische haben wir hauptsächlich abgeben müssen.

„Wenn wir alle Bands aufzählen würden, die uns beeinflussen, dann müsste ich meine ganze Spotify-Bibliothek aufschreiben.“

Habt ihr euch bewusst von irgendwoher Inspiration geholt?

Hele Maurer: Es hat sich aus so vielen verschiedenen Quellen entwickelt. Wir machen seit 2011 gemeinsam Musik und damals war die Indie-Elektro-Welle gerade groß, mit Bands wie The Naked And Famous, die den Sound von Giantree geprägt haben. Spuren davon findet man immer noch in unseren Songs.

Franziska Kleinschmidt: Da kommen natürlich viele Bands dazu. Wenn wir alle Bands aufzählen würden, die uns beeinflussen, dann müsste ich meine ganze Spotify-Bibliothek aufschreiben.

Versucht ihr, auch im Ausland Fuß zu fassen?

Hele Maurer: Wir haben das Glück, dass „Seayou Records“ auch das Ausland bemustert. In erster Linie ist das Deutschland, aber wir haben teilweise auch Airplay in Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich, der Schweiz und Russland. Natürlich wäre es ein Traum, auch Konzerte dort zu spielen, aber das muss man erst finanzieren. Und man muss richtigen Booking-Partner finden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Benji Agostini

 

Termin:
28. Juni 2019, Vivin / Karmic – Kino Ebensee, Oberösterreich

Links:
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