Dino Spiluttini (c) Tine Marie Spiluttini

“(Der) Drang zur Transzendenz” – DINO SPILUTTINI im mica-Interview

DINO SPILUTTINI führt in seinem Solo-Projekt transzendentale Kirchenmusik, zeitgenössische Synthsounds und minimalistische Elektronik zusammen. Das Ergebnis sind zärtliche Elegien, die auf repetitive Pulsen, Orgeldrones, synthetischen Himmelschorälen und ekstatischen Gitarrenklänge basieren. Spiluttini bedient sich intuitiver Kompositionsmethoden, fügt funkelnde Sounds zueinander und scheut sich nicht vor Preset-Klängen. Gleichzeitig leistet er mit „Heaven“ (Editions Mego/VÖ: 11.10.) eine sehr persönliche Aufarbeitung des Themas Tod. Welche Hintergrundgeschichte den Release inspiriert hat, wie es für ihn war, erstmals Orgel zu spielen und wie er den Grenzgang zwischen Kitsch und Sentimentalität meistert, erklärte der Musiker Shilla Strelka in einem Interview.

Du beschreibst „Heavenals Werk zeitgenössischer Kirchenmusik. Was assoziierst du mit diesem musikalischen Genre?

Dino Spiluttini: Vor allem natürlich das Übertriebene, die große Geste. Die Ergriffenheit. Dann das zentrale Thema: Leid, bzw. in vor allem in den westlichen Religionen das pompöse Selbstmitleid. Und den Drang zur Transzendenz. Damit kann ich als unreligiöser Mensch auch etwas anfangen. Das macht was mit mir. Musikalisch gesehen verbinde ich mit Kirchenmusik eine gewisse Reinheit, eine Einfachheit, eine Art ätherische Transparenz. Schönheit und Harmonie um jeden Preis. Melodien, die sich nach oben in den Himmel schlängeln. Pathos.

Im Pressetext legst du die sehr persönliche Hintergrundgeschichte offen. Könntest du sie nochmal näher ausführen?  

Dino Spiluttini: Ich war im Sommer 2015 auf Besuch bei meiner Mutter, die mich zur Kirche im Ort geführt hat und dort auf eine Art Wand gezeigt hat mit den Worten: „Hier habe ich gerade einen Platz für unsere Urnen reserviert.” Es war eine seltsame Geste. So aus dem Nichts mit dem nahenden Tod der Mutter, und mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert zu werden, auf so eine konkrete und Art, hat Prozesse ausgelöst in mir. Ich denke seither fast jeden Tag darüber nach, dass meine Mutter einmal sterben wird. Außerdem kenne ich fast niemanden in meinem Alter, der schon weiß, wo er mal begraben sein wird.

Bild (c) Dino Spiluttini

Im darauffolgenden Winter habe ich dann in eben dieser Kirche eine Art Zeremonie abgehalten. Ich hatte die Möglichkeit, dort an mehreren Tagen einige Stunden alleine zu sein und Orgel zu spielen. Die Aufnahmen waren von Anfang an als Ausgangsmaterial für ein Album gedacht. Der Arbeitstitel für das Album war anfangs allerdings „Offerings for the Void“. Aber weil es kein hippieskes Todesritual werden sollte und das etwas nach Geister ausräuchern klang, heißt es jetzt einfach nur „Heaven“.

Wie war es für dich in dieser Kirche aufzunehmen? Wie hat sich das angefühlt?

Dino Spiluttini: An die Aufnahmen habe ich eher unangenehme Erinnerungen. Ich hatte eine depressive Episode, und hatte seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Dazu war es noch sehr kalt und recht dunkel in der Kirche. Ich muss also ziemlich kümmerlich an dieser Orgel ausgesehen haben. Von den sechs Stunden Orgelaufnahmen sind vielleicht zehn Minuten auf dem Album gelandet. Aber der Aufnahmeprozess war ein sehr wichtiger Ausgangspunkt und Anker.

Ich nehme an, du hattest noch keine Erfahrung an der Orgel?

Dino Spiluttini: Das Spielen war schon eine Herausforderung, weil ich es nicht gewohnt bin, dass ein Instrument keinen Sustain hat, also dass der Ton sofort aufhört, wenn man die Taste loslässt. Ich spiele Klavier sonst meistens mit gedrücktem Pedal. Und bei meinem gelernten Instrument, der Gitarre, klingen die Saiten sowieso immer nach, beim Spielen. Ich konnte an der Orgel nicht meine eingefahrenen Klaviermotive abspulen, sondern musste mir eine dem Instrument angepasste Spielweise aneignen, was der Sache im Endeffekt aber zuträglich war.

„Dilettant zu sein heißt verspielt und neugierig zu sein.

Bild (c) Dino Spiluttini

Hast du eigentlich eine klassische Klavierausbildung hinter dir?

Dino Spiluttini: Nein, und ich spiele auch nur selten und sehr schlecht, was vielleicht überraschend ist, wenn man bedenkt, dass die meisten meiner bisherigen Releases – bis zu Heaven – hauptsächlich auf verfremdeten Klavieraufnahmen basieren. Aber zum Glück muss man heutzutage kein Virtuose sein, man kann  gnadenlos editieren. Ein gewisser Dilettantismus bringt ja meistens auch viel interessantere Ergebnisse hervor. Dilettant zu sein heißt verspielt und neugierig zu sein. Leider kein sehr populäres Konzept. Die Gesellschaft ist ja generell eher besessen von Leistung und der Suche nach dem größten Talent. Man kann   zum YouTube-Star werden, wenn man mit den Füßen Geige spielen kann, egal wie originell oder berührend die Musik ist

„Wenn man eine gewisse Beziehung zum Publikum aufbauen will, dann muss man sich öffnen“

Deine akustische Auseinandersetzung mit dem Thema Tod ist sehr sanft und bisweilen sentimental. Wieviel Mut hat es erfordert, diesen Schritt zu gehen und diese so persönliche Geschichte zum Narrativ des Releases zu machen? Du legst damit ja sehr viel offen.

Dino Spiluttini: Ich bin schon seit jeher, v.a. in meiner songorientierten Musik sehr confessional. Die meisten meiner Texte behandeln sehr Persönliches, mal mehr, mal weniger chiffriert. Aber auch in meiner instrumentalen Musik bringe ich zumindest durch die Tracktitel eine persönliche Inhaltsebene mit hinein. Das ist dann vielleicht trivial und aufdringlich, aber mich berührt es, wenn jemand so plakativ und on point sein Leid benennt. Ich bin da ja wie ein kleines Kind, das zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Ich schreie immer wieder meine Themen ins Nichts. Was einige sicher auch lächerlich oder nervig finden. Aber ich finde, wenn man eine gewisse Beziehung zum Publikum aufbauen will, dann muss man sich öffnen, sich auch mal lächerlich machen. Ich will die Leute immer schon eher im Bauch abholen als im Hirn, um das mal sehr vereinfacht auszudrücken.

Body At War“, „Flesh Angeloder Blood Fountain sind tatsächlich sehr bildreiche Titel.

Dino Spiluttini: Ja, bei instrumentaler Musik ist es sehr schwer, einen inhaltlichen Kontext mitzukommunizieren, weil es kein direkt narratives Element gibt, also keinen Gesang und keinen Text. Also nutze ich diese kleinen Inseln, die Titel, um den Stücken eine Bedeutung zu geben. Mir geht es um eine bestimmte Wucht. Dafür bin ich auch schon als bedeutungsschwanger kritisiert worden, weil man in der elektronischen Musik eigentlich eher kryptisch und zurückhaltend sein muss. Ich thematisiere in meinen Titeln und Inhalten oft das Überwinden oder aber, am anderen Ende des Spektrums, das Überwältigt-Werden.

Meinst du beschreibst du in deiner Musik auch einen Sehnsuchtsort? Ich persönlich finde, dass den Sounds viel Melancholie eingeschrieben ist. Gleichzeitig hat der Release etwas sehr Zeitloses, eben Transzendentales. Wie stark beschäftigst du dich auch damit, was deine Sounds bei den Hörer und Hörerinnen auslösen? Oder geht es dir v.a. darum, dich selbst auszudrücken?  

Dino Spiluttini: Melancholie würde ich fast zu schwach finden als Beschreibung. Das ist zumindest nicht das, was ich ausdrücken will. Mir geht es um Gefühle wie Verzweiflung und Resignation. Was dann das Publikum assoziiert oder fühlt, ist ja immer schwer zu steuern. Ich hoffe doch irgendwie auf eine gewisse Überwältigung oder Ergriffenheit. Wie bei einem Gottesdienst.

Vorrangig geht es mir schon darum, mich selbst auszudrücken, so blöd das auch klingt. Da denkt man ja eher an einen Pubertierenden mit Akustikgitarre. Aber – um jetzt mal gefährlich spirituell zu werden – ich sehe meine Musik schon als Verlängerung meiner Persönlichkeit. Es gibt so ein gewisses Gefühl in mir, das ich beim Musik machen erreichen muss. Dann weiß ich, dass ich am richtigen Fleck andocke. Wenn dann alles zusammenkommt und endlich mal ein Stück funktioniert, ist mir für ein paar Minuten wieder kurz klar, warum ich überhaupt da bin. Das würde ich schon als Selbstausdruck bezeichnen. Auf dem Weg dahin muss ich natürlich alle meine Unsicherheiten und Ängste und meinen Selbsthass transzendieren, womit wir wieder beim Thema wären. 

Cover “Heaven”

r Kitsch muss man mutiger sein“

Die Suche nach Schönheit in Harmonie und Klängen kann ja oft in Kitsch abdriften. Dir finde ich, gelingt die Gratwanderung zwischen emotionaler Ergriffenheit und sentimentaler Musikalität. Aber ab wann wäre es too much?

Dino Spiluttini: Ich habe eigentlich überhaupt keine Angst vor Kitsch. Dissonanz wird oft einfach nur als Distinktionswerkzeug verwendet, man macht sich damit unangreifbar. Lärm kann man schlecht kritisieren. Für Kitsch muss man mutiger sein, weil man sich damit lächerlich macht. Ich habe bei diesem Album sogar bewusst mit sehr bekannten Presets aus digitalen Synthesizern der späten 1980er und frühen 90er gearbeitet, die man eher mit Eurodance oder New Age Musik assoziieren würde, aber ich habe sie rekontextualisiert. Ich glaube nicht, dass ich da direkt auf eine Balance geachtet habe. Aber ich finde es schön, wie du es beschreibst, und freue mich wenn es so wahrgenommen wird. Die Gratwanderung zum Kitsch.

„Whatever works – ich habe da keinen Fetisch.“

Mit welchen Tools arbeitest du? Du entfremdest den Klang der Orgel, arbeitest mit Synthesizern, um den Klang nochmal dicker zu machen, aber auch die E-Gitarre spielt wieder eine Rolle.

Dino Spiluttini: Ich bin nach einem jahrelangen Ausflug in die analoge Produktion jetzt wieder fast komplett im Computer gelandet. Ich beuge mich der Technokratie. Ziemlich wichtig für das Album waren generative, computergesteuerte Vorgänge. Ich baue mir oft Systeme, und lasse die dann einfach mal machen. Eigentlich kann ich nur so die meine hemmenden Selbstzweifel überwinden, weil ich dann eine kuratierende Rolle einnehmen muss. Ich wähle aus, sammle, bewerte es erst mal nicht als meines. Ich arbeite jetzt auch vermehrt einfach mit Presets, also Einstellungen, die andere erstellt haben, und die vielleicht tausenden andere Menschen auch verwenden. Auch da bin ich dann Kurator. Das große Herumwühlen auf der Mikroebene kommt dann erst im nächsten Schritt, bis dahin sind die wichtigsten Entscheidungen schon gefallen. Meine Tools sind im Grunde die gleichen, die auch jeder andere verwendet. Whatever works – ich habe da keinen Fetisch.

Wie ist dein Bezug zu Arvo Pärt? Wie kam es zu dieser Referenz? 

Dino Spiluttini: Vor ein paar Jahren habe ich mich intensiver mit seiner Kompositionstechnik, die er Tintinnabuli nennt, auseinandergesetzt, weil ich einfach auf einer intellektuellen, erforschbaren Ebene herausfinden wollte, warum seine Musik so unglaublich berührend ist. Einiges davon habe ich mir sicher dabei angeeignet, und ich denke, manchmal blitzt das auch hörbar durch.

Gleichzeitig ist der Release stark von zeitgenössischer Synth-Elektronik inspiriert. Ich höre Referenzen an Oneohtrix Point Never, Kara Lis Coverdale, aber auch an Computerspiele. Siehst du dich selbst als Teil eines globalen Netzwerks? Fühlst du dich einer Szene zugehörig? Du bist ja in vielen Richtungen unterwegs. 

Dino Spiluttini: Die Veränderung im Sound war schon eine bewusste Entscheidung. Ich wollte nicht immer das gleiche machen. Wobei das keine radikale Zäsur ist, sondern eher eine beschleunigte Evolution. Diesen neuen Sound zu finden und auszuformulieren, war wahrscheinlich die zeitaufwendigste Phase in der Albumproduktion. So abgedroschen es auch klingt, aber man braucht für ein homogenes Werk wie ein Album ja eine musikalische Sprache, eine kohärente Ästhetik, und die muss man erst definieren, und dann erlernen.

Als Teil eines globalen Netzwerks würde ich mich nicht unbedingt sehen. Es gibt keinen regen Austausch mit anderen Musikern oder Musikerinnen. Ich glaube, ich werde eher von außen als Teil von etwas angesehen, zuletzt auch vermehrt im Kontext vom Label Editions Mego rezipiert. Es ist aber natürlich auch nicht so, dass ich in völliger Isolation lebe. Gerade lokal würde ich mich schon als recht gut vernetzt bezeichnen, allerdings nicht unbedingt mit Musikern und Musikerinnen, die einen ähnlichen Sound machen, sondern mit einer sehr diversen Szene, in der einen eher die Freundschaft verbindet, als ein künstlerisches Nahverhältnis.

Dino Spiluttini (c) Tine Marie Spiluttini

Du machst ja nicht nur abstrakte Musik, sondern bist auch Sänger in einer Wave-Band und releast nach wie vor Tracks mit Songtexten. Was ermöglicht dir die rein instrumentelle, abstrakte Musik im Gegenzug? Was ist der Unterschied in der Produktion? Erfordert sie ein anderes Einlassen auf Klang?

Dino Spiluttini: Ich würde meine Musik gar nicht als abstrakt bezeichnen. Ich finde sie sehr konkret, weil sie auf traditionellen Elementen wie Melodie und Harmonie basiert. Auch wenn andere Leute das vermutlich anders sehen, verorte ich mich musikalisch auch viel mehr in der U- als in der E-Musik und referenziere ständig aus den unerschöpflichen Archiven der Popkultur. Ich koche, wie man so schön sagt, auch nur mit Wasser.

Ein gewisses Level der Abstraktion besteht aber natürlich schon. Aber jetzt nicht als Konzept oder Selbstzweck oder Distinktionsmechanismus. Ich schraube einfach, bis mich etwas berührt. Das bedeutet vor allem viel und gut zuhören, und ja, ein neugieriges Einlassen auf den Klang. Ich mache keine Genremusik mache. Es gibt keine Regeln.

Du releast mit Heavendas erste Mal auf Editions Mego. Wieviel Einfluss hatten Acts des Labels auf deine eigene Produktion, wie z.B. Fennesz?

Dino Spiluttini: Meine Beziehung zu Fennesz ist ganz klassisch wie bei vielen anderen in meinem Alter, denke ich: er hat mich damals – gemeinsam mit Aphex Twin – von der Rock- zur elektronischen Musik geholt. Direkt Bezug nehme ich aber eigentlich nicht, zumindest nicht bewusst. Einfluss ist ja oft auch keine bewusste Entscheidung.

„Die besten Momente mit meiner Musik habe ich, wenn ich mich beim Anhören von ihr verstanden fühle.“

Immersion spielt in der zeitgenössischen Elektronik eine immer wichtigere Rolle. Warum meinst du?

Dino Spiluttini: Die soghafte Musik ganz konkret bietet Trost. Ein Nest. Die besten Momente mit meiner Musik habe ich, wenn ich mich beim Anhören von ihr verstanden fühle.

Gibt es also eine therapeutische Dimension hinter dem Release?

Dino Spiluttini: Am ehesten den, dass ich seither mit meiner Mutter viel über den Tod – ihren, aber auch meinen – reden konnte. Das ist ja eigentlich immer noch ein Tabuthema, gerade in der eigenen Familie.

Cover “Heaven”

Wie hat deine Mutter eigentlich auf die Platte reagiert? 

Dino Spiluttini: Ich habe es leider verabsäumt, ihr rechtzeitig den Pressetext zu zeigen, bzw. ihr überhaupt zu erzählen, dass ich mit der ganzen Geschichte an die Öffentlichkeit gehe. Im Endeffekt ist es leider zu einem Konflikt zwischen uns gekommen, weil sie sich falsch dargestellt gefühlt hat. So als hätte sie einen Selbstmordpakt für uns vereinbart. Schlussendlich haben wir das aber geklärt. Und inzwischen habe ich ihr auch gestanden, dass ein Foto von ihr hinten am Albumcover drauf ist…

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Shilla Strelka

Termin:
12. Oktober – Release-Show, DasWerk, Wien

Links:
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Editions Mego