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Esteban`s (c) Julia Grandegger

„Das Musikmachen geht mir leicht von der Hand“ – CHRISTOPH JARMER im mica-Interview

Nachdem sich Gitarrist CHRISTOPH JARMER im Mai 2015 von GARISH getrennt hatte, veröffentlichte er im Oktober das dritte Album seines Soloprojekts ESTEBANS. Mit Lucia Laggner sprach er unter anderem über Stille, reduzierte Besetzung und den Blick für das Wesentliche.

Wenn man ein Album schreibt, dann ist es auch immer ein Verarbeiten und sozusagen Hineinarbeiten von Einflüssen und Eindrücken. Welche Einflüsse haben bewusst Einzug in dieses Album gehalten?

Christoph Jarmer: Das Garish-Thema hat schon länger eine Rolle gespielt. Wobei ich sagen muss, dass ich gewisse Dinge im Nachhinein viel positiver sehe, als in den Momenten, in denen die Texte entstanden sind. In meiner Arbeit ist es einfach so, dass gewisse Phrasen und Hooklines entstehen, um die ich einen Text baue. Die Aussagen unterliegen natürlich immer einem subjektiven Interpretationsrahmen. In jedem Fall ist das Text schreiben für mich sehr viel Arbeit.

Das Musikmachen geht mir leicht von der Hand und ist eine wunderbare Sache. Das Texten empfinde ich als mühsameres Unterfangen. Der Text entsteht auch erst ganz zum Schluss. Die Melodie wird zunächst mit einer englischen Fantasiesprache gesungen und auf diesem Untergrund wird ein „echter“ Text gebastelt.

„[…] bei diesem Album war es mir wichtig, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Das ist Ihr drittes Soloalbum. Wie unterscheidet es sich von den ersten beiden? Was haben Sie anders gemacht, wo aus Erfahrungen der letzten beiden Prozesse gelernt?

Christoph Jarmer: Im Vorhinein war es diesmal sehr wichtig, dass ich keine spezielle Single produzieren wollte, die als Vorsteher fungieren sollte. Vielmehr sollte dieses Album ein in sich geschlossenes, kompaktes Ding sein. Es ging auch nicht darum, textlich ein Thema zu behandeln, sondern musikalisch aus einem Guss zu formen und eine Stimmung zu schaffen.

Wichtig war mir außerdem, dass ich die Songs ganz einfach mit der Gitarre spielen kann. Bei meinem zweiten Album habe ich alles selbst gemacht. Da kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Natürlich wird es manchmal durch das Hinzufügen von mehr Dingen auch besser, aber bei diesem Album war es mir wichtig, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nach dem Grundsatz: Alles, was man noch hinzufügen könnte, den Song aber nicht besser machen würde, fällt weg. So können wir auch momentan meist zu dritt auf der Bühne sein. Das ist völlig ausreichend und funktioniert viel besser, als ich mir das vorgestellt habe.

Auch während der Produktion habe ich das schon mitgedacht. Ich wollte die Songs so arrangieren, dass ich reduziert auftreten kann. Dadurch kann ich sehr locker auf der Bühne agieren und sowohl dem Musizieren als auch dem Publikum sehr nahe sein.

Wenn man sich von etwas trennt, dann wird auch die Energie, die man für seine Arbeit und für das Schaffen hat, neu sortiert. Wie hat sich diese Energie seit der Trennung von Garish aufgeteilt? Spüren Sie auch eine Erleichterung?

Christoph Jarmer: Im ersten Moment, in dem mir klar wurde, dass es mit Garish wirklich vorbei ist, war ich eindeutig erleichtert. Diese Intention, wie sehr ich mit Kopf und Herz bei Garish dabei war, hat sich auch in den letzten Jahren langsam verflüchtigt. Ich war dabei und das Touren war super, aber nicht zu vergleichen mit früher. Damals habe ich schon stärker eingegriffen, der größte Teil ist meiner Feder entsprungen und ich habe vieles gewissermaßen gelenkt. Ab dem Zeitpunkt, da ich mit meinem eigenen Projekt begonnen habe, hat das nachgelassen.

Diese Befreiung und Erlösung waren spürbar. Seit einem Jahr produziere ich viel für Film und Fernsehen. Das macht Spaß und ist auch sehr zeitintensiv. Irgendwie ist sich schon alles nicht mehr ausgegangen. Das heißt, es ist gar nicht so viel Zeit übrig geblieben, als ich mich von Garish getrennt habe, sondern ich bin einfach ein bisschen freier geworden. Allerdings besteht jetzt wieder die Möglichkeit, auch an ein neues Projekt zu denken. Darauf habe ich jedenfalls Lust, das hätte ich in den letzten Jahren nicht machen können.

„Ich […] empfinde das eigene Musikmachen als eine Notwendigkeit.“

Warum machen Sie Musik?

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Esteban`s (c) Julia Grandegger

Christoph Jarmer: Wenn ich durch das Unterrichten mit Jugendlichen zu tun habe, die kurz vor der Matura stehen, dann merke ich, dass 90 Prozent keinen Plan haben, was sie gerne machen würden. Das kenne ich nicht. Ich wusste sehr früh, dass ich entweder etwas mit Musik oder mit Sport machen will. Als ich fünfzehn war, gründeten wir Garish.

Dann war es entschieden. Ich bin gar nicht wahnsinnig musikinteressiert und weiß nicht, welche Band wann wen beeinflusst hat. Tatsächlich mache ich einfach ständig Musik. Wenngleich ich selten Musik höre. Ich genieße die Stille und empfinde das eigene Musikmachen als eine Notwendigkeit.

Meine Songs sind das Resultat von vielem Herumprobieren. Ich sehe mich auf nicht als Künstler. Musik zu machen ist eine viel trivialere Sache, als das oft gesehen wird. An sich ist es ein Handwerk. Bei mir ist da wenig Esoterisches dahinter. So bin ich vermutlich auch gestrickt.

„Ich bin immer froh, wenn ich aus Wien wieder rausfahre.“

Sie sind von der Stadt auf das Land gezogen. Sind Sie auch auf dem Land aufgewachsen?

Christoph Jarmer: Ich bin in Mattersburg im Burgenland in die Schule gegangen. Mattersburg kann man nicht wirklich als Stadt bezeichnen. Wir haben außerhalb via-à-vis dem Friedhof gelebt. Später habe ich studiert und acht Jahre in Wien gelebt. In dieser Zeit war ich immer ein Exilwiener und habe es kaum zwei Wochen in Wien ausgehalten. Fast jedes Wochenende bin ich raus gefahren. Das war notwendig.

Jetzt lebe ich in der Nähe von Wiener Neustadt in einer Altbauwohnung einer ehemaligen Bundesheer Villa. Sowas habe ich zuvor noch nie gesehen. Mitten im Grünen führt eine Privatallee zu diesen Villen. Dort lebe ich mit meiner Frau und mit unserem gemeinsamen Kind. Ich bin immer froh, wenn ich aus Wien wieder raus fahre. Schon in den letzten Jahren, als ich noch hier lebte, konnte ich das Positive am Stadtleben nicht wirklich genießen. Ich bin meistens in der Wohnung geblieben und wollte nicht mehr jeden Tag raus gehen und Menschen treffen. Das liegt sicher auch daran, dass wir mit Garish viel unterwegs waren.

Jetzt leben und arbeiten Sie an einem Ort?

Christoph Jarmer: Genau. Ein Freund, der auch dort lebt, und ich haben ein Studio gebaut. Dort kann er als Sprecher und ich mit meiner Musik arbeiten. Besser könnte ich es mir kaum vorstellen. Ich habe mir dort die perfekte Umgebung geschaffen.

Gibt es Visionen für die nächsten Jahre?

Christoph Jarmer: Ich würde sehr gerne noch mehr Filmmusik machen. Es liegt mir einfach, Stimmungen zu schaffen. Das will ich weiter vorantreiben. Und über das neue Projekt, das ich vorhin angesprochen habe und auf das ich mich schon sehr freue, will ich noch nichts verraten. Nur so viel: Es gibt einen konkreten Plan und ich arbeite bereits daran.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Lucia Laggner
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