Foto Haydn Chamber Ensemble
Haydn Chamber Ensemble (c) Haydn Chamber Ensemble

„Man spürt den Spaß“ – HANNES GRADWOHL und LUCA MONTI im mica-Interview

Das in Eisenstadt und Wien beheimatete HAYDN CHAMBER ENSEMBLE wurde 2013 als klassisches Klaviertrio von HANNES GRADWOHL gegründet. Der Grund dafür, mit dem Trio ein mica-Interview über Neue Musik zu führen, war nicht, dass der wesentliche künstlerische Schwerpunkt des Ensembles – seinem Namen verpflichtet – auf der Musik des Namenspatrons Joseph Haydn und seiner Zeitgenossen liegt. Der Grund war vielmehr der bemerkenswerte zweite Schwerpunkt, den das HAYDN CHAMBER ENSEMBLE setzt: Im seit 2014 gestalteten eigenen Kammermusikzyklus im Rahmen der HAYDN FESTSPIELE gelangt in jedem Konzert ein neues Werk zur Uraufführung. Heinz Rögl sprach mit dem Cellisten HANNES GRADWOHL und dem Pianisten LUCA MONTI.

Hannes Gradwohl war von 1992 bis 2010 Cellist beim Haydn Trio Eisenstadt. Seit 2011 ist er Mitglied des Haydn Piano Trios. Luca Monti unterrichtet Klavier an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Kammermusik am ehemaligen Konservatorium, das seit 2015 nunmehr Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) heißt. Die Dritte im Bunde ist die aus Salzburg stammende Geigerin Cornelia Löscher, die neben ihrer solistischen und kammermusikalischen Tätigkeit am Joseph Haydn Konservatorium des Landes Burgenland unterrichtet und dort eine eigene Violin- und eine Kammermusikklasse für Streicher leitet.

Für die Saison 2016 wurden vier neue Werke für Klaviertrio zum Thema „Haydn – ein Europäer“ in Kooperation mit dem BKA bei Gerhard Krammer, Manuela Kerer, Johanna Doderer und Gyeong Ju Chae in Auftrag gegeben, 2014 hießen die eingeladenen Komponisten Burkhard Stangl, Judit Varga, Julia Purgina und Norbert Sterk, 2015 Elisabeth Harnik, Manuela Kerer, Gerald Resch und Peter Jakober. Es zeigen sich bisher also eine Ausgewogenheit nach Geschlecht und das Bestreben nach Zusammenarbeit sowohl mit renommierten wie auch aufstrebenden Komponistinnen und Komponisten Neuer Musik.

Das Haydn Chamber Ensemble besteht seit 2013. Wie ist es entstanden und wie haben die Mitglieder einander kennengelernt?

Hannes Gradwohl: Das Haydn Trio Eisenstadt, dem ich angehörte, ist 2009/10 auseinandergegangen. Wir haben dann ab 2011 als Haydn Piano Trio weiter konzertiert, nach Verena Stourzh hat eine Zeit lang Eszter Haffner Geige gespielt. Als sich der Pianist Harald Kosik zurückgezogen hat, habe ich beschlossen, etwas Neues zu machen, und bin dann auf Luca Monti und Cornelia Löscher gekommen, die ich schon kannte. Anlass war ein Konzert in Deutschland, das ich unbedingt spielen wollte. Da habe ich die beiden gefragt, ob sie Interesse hätten. Cornelia war schon einmal bei einer CD-Aufnahme mit dem Haydn Trio Eisenstadt für die Haydn-Concertini mit von der Partie, Luca Monti kenne und schätze ich schon seit Studienzeiten an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, von Klassenabenden und vom Internationalen Beethoven Klavierwettbewerb. Er hat schon vorher in einem Trio gespielt.

Luca Monti: Das war vor 20 Jahren das Trio Ison mit Harald Krumpöck, dem jetzigen Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, und mit dem Cellisten Orfeo Mandozzi, auch mit seiner Schwester haben wir weitergespielt. Wir haben einen Wettbewerb in Osaka gewonnen, aber wie so oft bei Trios oder Kammermusikensembles sind die Mitspieler dann weggegangen …

Und sie sind Lehrender in Wien an der Musikuniversität

Luca Monti: … und unterrichte vor allem an der MUK [der vormaligen Konservatorium Wien Privatuniversität; Anm.] Kammermusik.

Standbein des Trios und seiner Auftritte ist Eisenstadt?

Hannes Gradwohl: Genau, unser Kammermusik-Zyklus in Eisenstadt, der auch im Rahmen der Haydn Festspiele erklingt, ist eigentlich das Um und Auf. Wir haben 2015 auch unsere erste CD bei Gramola herausgebracht.

Da zeigt sich mit späten Haydn-, Mozart- und Schubert-Trios auch der Schwerpunkt des Ensembles, nämlich die Wiener Klassik.

Hannes Gradwohl: Wobei wir schon versuchen, das ganze Spektrum des Klaviertrio-Repertoires abzudecken. Der Schwerpunkt „Haydn“ ist natürlich gegeben, aber Brahms, Schumann und die Romantik sind durchaus auch Ziele. In der Vorschau der Konzerte 2016, die unter „Haydn – ein Europäer“ neben Österreich und Deutschland die Länderschwerpunkte Frankreich und Russland aufweisen, finden sich neben Haydn und den Wiener Klassikern auch Klaviertrios von Johannes Brahms (c-Moll, op. 101), Camille Saint-Saëns, César Franck, Dmitri Schostakowitsch, Sergej Rachmaninow und Anton Arensky.

„[…] wie ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk […]“

Es ist ja nach wie vor so, dass das Publikum viele Werke Haydns gar nicht kennt, wer hat zum Beispiel schon das umfangreiche und wichtige Klavierwerk von ihm im Ohr?

Hannes Gradwohl: Bei den Haydn-Trios haben auch meine beiden Kollegen vieles noch nicht gehört oder gespielt und sind immer wieder positiv überrascht.

Luca Monti: Ich freue mich manchmal, wenn ich Stücke nicht kenne. Vielleicht ist es kindisch, aber man erlebt immer wieder freudige Überraschungen. Manches, was er machte, kommt einem wie ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk vor. Ich bin dankbar, weil ich früher eher wenig Haydn gespielt habe.

Bei Haydn gibt es kein Schema F, es gibt immer Neues und Innovatives, nicht wahr? 

Luca Monti: Ja – Lebendigkeit, Schnelligkeit.

Hannes Gradwohl: Man spürt den Spaß, den er beim Komponieren gehabt hat.

Gab es die Idee, bei jedem Konzert des Zyklus ein neues Werk von heutigen Komponistinnen und Komponisten ins Programm zu nehmen oder sogar zu beauftragen, von Beginn an?

Hannes Gradwohl: Wenn man versucht, Haydn als innovativen Menschen darzustellen, der sich getraut hat, Neues zu machen, passiert derlei heute natürlich genauso. Es war ja auch damals nicht so, dass man alles von ihm gleich bejubelt hat, es waren auch Skandale dabei. Und unsere Idee war, zu versuchen, das, was der Haydn damals gemacht hat, in den Zyklus einzubauen, um zu beweisen, dass die klassische Musik auch heute Innovationen – oder besser gesagt: neue Konstellationen – aufweisen kann. Der Zyklus steht jedes Jahr unter einem bestimmten Motto, was heißt, dass die Kompositionsaufträge unter einem bestimmten Gesichtspunkt vergeben werden. Wir suchen Kompositionen aus, von denen wir meinen, dass sie genau zu einem speziellen Konzert passen.

Schauen Sie da, ob da von jemandem schon etwas da ist?

Hannes Gradwohl: Nein, in Eisenstadt spielen wir lauter Uraufführungen. Zu jedem Zyklusthema werden vier Komponistinnen und Komponisten beauftragt, zu diesem Thema ein Werk von etwa acht bis zehn Minuten zu schreiben. Gefördert wird das vom BKA, mit dem wir auch eng zusammenarbeiten. Was uns besonders wichtig ist, ist, dass die Komponistin beziehungsweise der Komponist persönlich beim Konzert anwesend ist und vor ihrem beziehungsweise seinem Werk eine kurze Einführung macht, weil das Publikum mehr damit anfangen kann, wenn es die Person vor sich hat und erfährt, was zu erwarten ist. Das sind Aspekte, die auch ein relativ konservatives Publikum erreichen und neugierig machen können – wir machen ja kein ausschließlich modernes Programm, sondern bauen das in ein klassisches Programm ein. Wir konnten sehen, dass das Publikum das recht gut aufnimmt.

Zusammenhänge mit gespielten Werken

Foto Haydn Chamber Ensemble
Haydn Chamber Ensemble (Haydn Chamber Ensemble

Sind die Komponistinnen und Komponisten abgesehen vom Motto an Vorgaben gebunden?

Hannes Gradwohl: Nein, sie sind vollkommen frei.

Luca Monti: Manuela Kerer etwa arbeitet sehr gerne mit unkonventionellen Spielweisen, verwendet vielleicht auch einmal andere Geräte, aber das Ergebnis ist nie übertrieben. Kürzlich habe ich ein Interview mit Pierre Boulez gehört, der sich einmal sehr kritisch über Übertreibungen von Komponistinnen und Komponisten äußerte. Wenn es bei uns einmal „Extremeres“ gibt, entstehen komischerweise oft Parallelen und Zusammenhänge mit gespielten Werken von Haydn. Meist spielen wir ja zu Beginn ein Haydn-Trio und es kann manchmal zum Erlebnis werden, wenn sich dann die Klänge, die im Saal entstehen, mit irgendwelchen Geräuschen vermischen. Manchmal gelingt es, manchmal geht es schlechter. Aber ich finde Klassisches in Kontakt mit Neuem sehr interessant.

Hannes Gradwohl: Dass die Komponistinnen und Komponisten Bestandteil eines spezifischen Programms sind, ist für sie vielleicht auch ein Ansporn.

Manche, etwa Gerald Resch oder Manuela Kerer, haben ja auch selber beim Komponieren so etwas wie einen haydnschen Zugang. Manuela Kerer will ja auch unterhalten.

Luca Monti: Sie ist auch verspielt.

Hannes Gradwohl: Und sie kommt auch oft von der Sprache, sie bringt die Sachen oft super rüber und oft entstehen wirklich erstaunliche Dinge.

Sie haben Manuela Kerer ja schon öfter als Komponistin ausgewählt.

Hannes Gradwohl: Es macht ihr und uns Spaß, warum sollten wir sie nicht öfter nehmen?

Luca Monti: Jede Komponistin und jeder Komponist hat natürlich eine eigene Sprache. Manchmal ist es nicht so leicht, sofort einen Zugang zu finden. Mit Manuela ging das recht schnell.

Hannes Gradwohl: Es hängt auch von der Probenarbeit ab, wie eine Komponistin beziehungsweise ein Komponist einem das Werk näherbringt. Es gibt auch welche, die sitzen da wie ein Pflock, da kommt überhaupt nichts und man weiß nicht, ob das, was man macht, in ihrem oder seinem Sinn ist. Man kann schließlich ein Werk auf fünfzigtausend Arten spielen.

„Es tun sich ja oft Fragen auf.“

Sie machen also immer auch Proben mit den Komponistinnen und Komponisten?

Hannes Gradwohl: Natürlich. Es tun sich ja oft Fragen auf. Wenn uns Noten unspielbar vorkommen, kann die Komponisten beziehungsweise der Komponist etwa sagen, dass es ihr beziehungsweise ihm da nicht um jeden Ton, sondern eher um eine bestimmte Klangvorstellung geht, und man kann damit dann mehr damit anfangen.

Außer Manuela Kerer wurden für 2016 Johanna Doderer, Gerald Krammer und Gyeong Ju Chae beauftragt.

Hannes Gradwohl: Ich freue mich sehr, dass Johanna Doderer, die schon einige Trios für das Haydn Trio komponiert hat, wieder einen Trioauftrag von uns angenommen hat, obwohl sie ja viele Verpflichtungen hat. Ich weiß, dass sie super schreibt, sehr gut in der Probe ist und sonst auch sehr nett ist. Auch der burgenländische Komponist Gerald Krammer war schon dem Haydn Trio verbunden, Gyeong Ju Chae ist Koreaner und weil wir schon des Öfteren in Korea aufgetreten sind, war es naheliegend, einmal einen in Österreich lebenden Koreaner zu fragen.

Wiewohl das Ensemble unter Haydn Festspiele firmiert, tritt es nicht bei den eigentlichen Internationalen Haydntagen im September auf.

Hannes Gradwohl: Das hat den einfachen Grund, dass wir in Eisenstadt ohnehin viermal im Jahr spielen, das ist mehr als genug. Die Konzerte sind alle voll, das ist eine Leistung der Haydn Festspiele.

Wie ist die Situation in Eisenstadt derzeit im Allgemeinen? Es gab ja Berichte über die Gefährdung der Haydn Festspiele und auch keine Einigung über die Raumnutzung und die Mieten im Schloss Esterházy mit der Esterházy Privatstiftung als Eigentümerin?

Hannes Gradwohl: Wir haben jetzt eine Konsequenz gezogen, wir spielen in diesem Jahr unseren Zyklus erstmals nicht mehr im Empiresaal des Schlosses Esterházy, weil es immer schwieriger wird, Termine zu bekommen und einzuhalten, sondern in der Landesgalerie Burgenland. Wir wollten auch nicht in einen der anderen Konzertsäle in Eisenstadt. Wir halten die Landesgalerie architektonisch für sehr interessant und auch geeignet für unsere Konzerte, die wir im großen Ausstellungsraum mitten in die Ausstellung hineinsetzen können. Mit den Ausstellungskuratoren wurde bereits abgesprochen, wie man mit Wänden quasi einen Konzertsaal einbauen kann. Gerade im Verbund mit den Uraufführungen ist es doch nicht unspannend, wenn rundherum eine Ausstellung ist.

Sie machen auch Tourneen und spielen in Österreich immer wieder an anderen Orten. Wie schaut es eigentlich mit Konzerten in Wien aus, wo man Sie noch nicht hören konnte?

Luca Monti: Wir sind mit mehreren Institutionen in Kontakt … Natürlich möchten wir die Programme, die wir in Eisenstadt spielen, auch in Wien auf die Bühne bringen. Derzeit kann man darüber noch nicht sprechen. Aber ich glaube, wir werden recht bald auch in Wien auftreten.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Heinz Rögl

Cornelia Löscher
Die Salzburger Geigerin Cornelia Löscher studierte bei Irmgard Gahl, Benjamin Schmid, Joshua Epstein, Ernst Kovacic und nahm an zahlreichen Meisterkursen teil. Sie ist Preisträgerin von Wettbewerben im In- und Ausland sowie des Christa Richter Steiner Preises des Vereins der Freunde der Universität Mozarteum Salzburg. Sie gewann den Violinwettbewerb um die Ö1 Geige, eine Ceruti 184*, auf der sie von 2003 bis 2005 spielte. Sie bestreitet sowohl solistische als auch kammermusikalische Konzerte. Seit 2007 ist sie Dozentin am Joseph Haydn Konservatorium des Landes Burgenland. Sie leitet eine eigene Violinklasse und die Kammermusikklasse der Streicher.

Luca Monti
Der in Wien lebende Pianist Luca Monti studierte am Istituto Superiore di Studi Musicali G. Briccialdi di Terni bei Elio Maestosi, an der Zürcher Hochschule für Musik bei Jürg von Vintschger und schließlich an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien bei Noel Flores. Wichtige Impulse erhielt er von Elisabeth Leonskaja, Rudolf Kehrer, Paul Badura-Skoda und im Rahmen von Meisterkursen bei Vera Gornostaeva, Hans Graf, Vlado Perlemuter, Harvey Shapiro, Rudolf Buchbinder und Sergio Perticaroli. Er ist Preisträger namhafter Wettbewerbe, des Wettbewerbs Concorso Pianistico Internazionale „Alessandro Casagrande“ in Terni, der International Piano and Orchestra Competition in Cantù, des Wettbewerbs der Associazione Romana Amici della Musica – A.R.A.M. etc.

Hannes Gradwohl
Der aus Eisenstadt stammende Cellist Hannes Gradwohl erhielt seine Ausbildung am Joseph Haydn Konservatorium des Landes Burgenland, an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und an der Scuola Internationale Duino in Italien. Er ist Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe. Von 1992 bis 2010 war er Cellist beim Haydn Trio Eisenstadt. Seit 2011 ist er Mitglied des Haydn Piano Trios. Mit dem Haydn Trio Eisenstadt entstanden u. a. die Gesamteinspielungen aller Trios von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Er gab Meisterkurse an diversen Universitäten, internationale Konzerte und Konzerte im Rahmen der Haydn Festspiele (CD bei Gramola).

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