„Das Foyer hat sein Eigenleben.“ – Lissie Rettenwander im mica-Interview

Die Komponistin und Sängerin LISSIE RETTENWANDER wurde lange, bevor sie sich der Musik professionell zuwandte, durch die Klangkulisse ihrer Heimat Kitzbühel und die rhythmischen Arbeiten, die sie als Kind auf dem elterlichen Bauernhof verrichtete, akustisch sensibilisiert. Die Natur und ihre verschiedenen Landschaften, das genaue Hinhören und die Bewegung spielen für Rettenwander, die früher auch als Wildwasser-Rafting-Guide arbeitete und durch das Rauschen und Plätschern des Wassers navigierte, eine große Rolle. Die Reduktion und die Pausen sind ihr wichtig und dass die Dinge einfach so sein dürfen, wie sie sind. Berührungspunkte zum Tanz ergaben sich durch eine Zusammenarbeit mit den Choreografinnen Anna Müller und Eva Müller. Auch das Zitherspiel ist für Rettenwander, deren Hauptinstrument eigentlich die Zither ist, eine Art Mini-Choreografie der Finger.

Rettenwander möchte der klischeehaften Vorstellung vom Landleben, die an bürgerlichen Orten vorherrscht, etwas entgegensetzen. „Jetzt sind sie da, die Bauernkinder“, äußert sich Rettenwander schmunzelnd im Gespräch mit Ruth Ranacher, das direkt nach einem Probeneinblick am Campus der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattfand. Dass sie ihr künstlerisches Schaffen reflektiert, merkt man daran, dass Rettenwander, die über zehn Jahre als Mitarbeiterin des Kunstraums Innsbruck von zeitgenössischer Kunst umgeben war, die Bedeutung der Worte genau hinterfragt, bevor sie sich festlegt. Dann aber passen sie haargenau. Ihre Stücke geben Einblick in eine intensive Auseinandersetzung mit Alltagsgeräuschen, verschiedensten Klangkörpern – von Found Footage über Metronome und Stimmgabeln bis zur Zither und der eigenen unverfälschten Innerlichkeit.

Bei Wien Modern 2021 ist Rettenwander mit einem Solo vertreten, das sie eigens für einen vermeintlich unscheinbaren Raum mit großartigem Hall konzipierte – das Foyer des neuen Future Art Labs auf dem Campus der mdw. Darüber hinaus wird Lissie Rettenwander mit ihrem Gesang den Anstoß für Winfried Ritschs Klanginstallation „Der Gesang der Orgel“ geben und im Rahmen von „Instrument Modern“ ihr Meisselphon präsentieren.

Du bespielst in deinem Solo das Foyer des Klangtheaters des mdw Future Art Lab und zwar bevor eine Stunde später und ebenfalls im Rahmen von Wien Modern ein großer Konzertabend mit Studierenden des ELAK stattfinden wird. Wie kommt es dazu?

Lissie Rettenwander: Ich interessiere mich für vermeintlich unbedeutende Räume oder auch „unsichtbare“ Personen. Hier muss man durch das Foyer durch, um in das Klangtheater zu kommen. Mir macht es großen Spaß, einen solchen Durchgangsraum in den Mittelpunkt zu rücken.

Der Begriff Foyer kommt ursprünglich aus dem Französischen und bedeutet „Feuerstelle“. Dort konnten sich in der kühlen Jahreszeit die Schauspielerinnen und Schauspieler sowie das Publikum aufwärmen, weil die anderen Räume unbeheizt waren. Man kam dort zusammen. Irgendwann wurde das Foyer wichtiger als die Bühne, weil viele Theaterbesucher dort ihre Geschäfte aushandelten. Also so eine ähnliche Funktion erfüllte, wie früher der Kirchgang bei uns, als die Bauern nach dem Gottesdienst die Deals unter sich ausgemacht haben.

Der Hall dieses Foyers ist unglaublich. Ich frage mich, wie bei so viel Hall Deals angebahnt werden können [schmunzelt]. Für meine Arbeit ist er aber ideal. Ursprünglich begann ich, mit Text zu singen, und merkte dann schnell, dass das für den Raum zu viel ist. So habe ich immer weiter reduziert. Ich begann, die Wände und Geländer zu bespielen und mich im Raum zu bewegen, zu atmen.

Du erzeugst die gesamte Klangkulisse bei „Foyer“ nur mit deiner Stimme und deinem Körper.

Lissie Rettenwander: Ja, mit Stimme und Körper. Ich hatte auch überlegt, ob ich dem Stück den Untertitel „Für Körper und Raum“ geben sollte, aber das war mir dann zu akademisch. Man merkt das ohnehin, wenn man das Stück besucht, und erfährt als Besucherin bzw. Besucher dadurch vielleicht selbst eine andere Körperlichkeit. Oder wie ist es dir in der Probe gegangen?

Es finden sich viele Nuancen darin, die du aus dem Raum holst. Man überlegt als Zuhörende kurz, ob da etwas dabei ist, das verfremdet oder verstärkt.

Lissie Rettenwander: Nein, da ist nichts verfremdet oder verstärkt und das ist mir auch wichtig. In vielen meiner Arbeiten geht es um Reduktion. Selbst wenn ich verstärke, möchte ich davon meistens so wenig wie möglich. Oft arbeite ich mit einer tragbaren VOX-Box. Für mich ist es immer reizvoll, mit den Vorgaben, den vorhandenen Ressourcen und den Konventionen zu spielen, mit der Bühne, mit dem Publikum. Musik findet ja immer in einem sozialen Kontext statt, sei es bei Zeltfesten, Hochzeiten oder bei Begräbnissen oder eben im Konzerthaus. Mir ist wichtig, dass dieser Raum so sein darf, wie er ist. Das Foyer hat sein Eigenleben, nur wird es eben nicht bemerkt.

Wie du dich in dem Raum bewegst und auch von deiner Gestik her lässt sich darauf schließen, dass es auch darum geht, den Raum sinnlich wahrzunehmen, zu spüren. Ich fragte mich, ob sich eine Choreografin, ein Choreograf, einem Raum auch so nähern würde. Was meinst du?

Lissie Rettenwander: Meine Erfahrung mit Klang rührt ganz stark von der Arbeit auf dem Bauernhof her. Wir halfen schon als Kinder zu Hause, das Heu zusammenzurechen, auszumisten, die Kühe zu rufen. All diese Tätigkeiten erzeugen Geräusche.

Der Wald hinter dem Bauernhof war gleichzeitig eine weitläufige Gemeinschaftsweide der Gundhabinger Bauern. Auch wir ließen unser Jungvieh dort weiden. Die Aufgabe von uns Kindern war es, das Vieh am Abend wieder heimzuholen. Aber wie findet man ein paar Kälber in einem hanglagigen Wald, der von Bächen und ihren Schluchten durchzogen ist, wo sich Jungwald, Altbestand und Waldlichtungen abwechseln? Es war wichtig, dass wir gut hinhören und erahnen können, wo sich die Tiere im Wald aufhalten.

Meine erste Erfahrung war nicht, Musik zu machen, sondern auf dem Bauernhof zu arbeiten und verschiedene rhythmische und zyklische Tätigkeiten auszuüben, wie eine Herde zu betreuen und durch Hören und Rufen in direkte Kommunikation mit den Tieren zu treten. Auf diese Weise ist man in vielen verschiedenen Räumen der Natur, wie Wald, Wiesen und Schluchten, zu Hause – und alles hat seinen eigenen Klang. Ich habe gelernt, unterschiedliche Räume zu spüren und in mich aufzunehmen. Und so mache ich das auch mit dem Foyer des Future Art Lab. Dieser Raum ist besonders schön, weil er verschiedene Nischen hat.

Ob sich eine Choreografin oder ein Choreograf einem Raum auch so nähern würde? Es gibt sicherlich Choreografen, die stark ortspezifisch arbeiten, aber wahrscheinlich benutzen sie nicht ihre eigene Stimme. Ich kann und mache halt beides.

„Genau genommen ist dieses Foyer ein Instrument.“

Du hast in einem früheren mica-Interview gesagt, dass du in Personalunion auftrittst.

Lissie Rettenwander: Habe ich das? [lacht] Bei mir ist es unkompliziert, da ich vieles selber machen kann. Ich bin gleichzeitig Komponistin, Sängerin, Zitherspielerin. Performerin. Unkompliziert ist, wenn man niemanden braucht, der etwas für einen aufführt. Ich weiß auch nicht, ob ich es wollen würde, dass jemand anderes das macht, was ich will. Es gibt sicherlich Zusammenarbeiten, bei denen sich die Komponistin und die Interpretin bzw. der Interpret das gut ausverhandeln. Aber wenn es um eine Aufführung geht, ist zumeist schon eine Hierarchie da. Das löst sich hoffentlich mal auf.

Ich kenne junge Komponierende oder Studierende, die Stücke für Orchester schreiben, die aber niemals aufgeführt werden. Das ist ja eine Ressourcen- und Kostenfrage. Da denke ich mir immer: Ich kann machen, was ich will! Kann es selber aufführen und mir die Instrumente aussuchen. Genau genommen ist dieses Foyer ein Instrument.

Das Motto von Wien Modern ist heuer „Mach doch einfach, was du willst“. Hast du das Stück als Antwort darauf entwickelt?

Lissie Rettenwander: Nein, ich war unabhängig davon seit der Festivalausgabe 2019 mit Bernhard Günther in Kontakt. Als ich bemerkte, was für einen großartigen Hall dieses Foyer hat, begann ich, ein Stück dafür zu entwickeln. Und schlug es für Wien Modern vor.

Notierst du dir die Sachen?

Lissie Rettenwander: Oft fertige ich Grafiken an, ich zeichne auch. Ich bin so oft wie möglich hier, bei jeder Probe entdecke ich etwas Neues. Bei der Aufführung wird es aber ganz klar sein, was ich mache – außer es steht mir jemand im Weg. Mir ist ja auch die Improvisation sehr geläufig. Das Stück ist komponiert. Ich setze mich nun schon so lange damit auseinander und kenne die kleinsten Details. Und ich merke mir die Abläufe. Natürlich kann ich dafür keine Noten schreiben, soviel ist klar. Daher ist der Vergleich zur Choreografie interessant, denn Choreografinnen bzw. Choreografen fertigen auch Zeichnungen an. Vielleicht sollte ich mehr Memos aufzeichnen, aber ich merke mir einfach ganz viel.

Das Foyer hat beispielsweise eine Stelle, die ich als Höhle bezeichne. Je nachdem, wie und in welche Ecke ich hineinrufe, kommt der Hall zurück. Da gibt es sicher zehn verschiedene Weisen. Pausen sind mir übrigens ganz wichtig – damit der Raum wieder sein darf, wie er ist, nicht dass man ihn zubetoniert oder drüberfährt. Mir wird es oft zu viel, wenn für den Saal, die Musikerinnen und Musiker und das Publikum kein Platz mehr ist. Ich hoffe, es gelingt mir, dass in meinem Solo für alle Raum ist und sie in ihrer Präsenz sein können. Eine Person gab mir auf eines meine Konzerte folgendes Feedback: „Da war ich ganz bei mir.“ So eine Aussage freut mich.

Du arbeitest in „Foyer“ nur mit deiner Singstimme. Fließen Zitate aus anderen Stücken ein?

Lissie Rettenwander: Bei „360° – skinned“, einem multimedialen Tanzstück von Anna Müller und Eva Müller, das beim Osterfestival Tirol aufgeführt wurde und in dem es um das Thema Wildheit ging, arbeitete ich mit Tierlauten. Es war großartig zu sehen, wie sich die Tänzer und Tänzerinnen zu dem Thema bewegt haben. Von den Tierlauten und der Wildheit findet sich jetzt sicherlich auch etwas in meinem aktuellen Solo. Meistens erarbeite ich etwas Neues, aber die Erfahrungen aus früheren Stücken fließen mit ein. Jede Komposition, jede Produktion verändert einen ja auch selber.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ruth Ranacher

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Termine:

Mittwoch, 10. November & Sonntag, 14. November 2021: Wien Modern
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel. Werk für robotische Raumorgeln und Sängerin (2020–2021 UA) 

Freitag, 12. November 2021: Wien Modern
Lissie Rettenwander: Foyer (2021 UA) – 30′

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Links:
Lissie Rettenwander (Facebook)
Lissie Rettenwander (music austria Datenbank)