The Weight (c) Simon Anhorn
The Weight (c) Simon Anhorn

Corona Notizen #5: The Weight

Covid-19 lässt den Festivalsommer 2020 versiegen. Der Großteil der Clubs und Konzerträume hat trotz voranschreitenden Lockerungen geschlossen. Konzerte sind derzeit vorwiegend – wenn überhaupt – im digitalen Raum zu finden. Neben den großen Pop- und Jazz-Festivals, wurden zahlreiche internationale Touren und Gigs abgesagt, Release-Termine verschoben. Wie Österreichs Musikschaffende mit der Situation umgehen, was sie beschäftigt und wie sie ihre Zeit verbringen, erfragen wir in der Serie Corona Notizen”.

Wo seid ihr gerade?

The Weight: Wir verbringen unsere Zeit in Wien. So gesehen hat sich nicht allzu viel geändert.

Wo wärt ihr gern?

The Weight: Wenigstens zeitweise gerne auf der Bühne, aber da hat uns Corona einen sehr dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie stark seid ihr von Konzertausfällen betroffen?

The Weight: Uns hat die Krise wirklich voll erwischt. Unsere gesamte Tour zum neuen Album „In Control“ ist ausgefallen. Das waren allein im Frühjahr ca. 25 Shows in Österreich, vor allem aber in Deutschland. Im Sommer sind die Festivals natürlich auch dahin, darunter etwa das Nova Rock oder das Burg Herzberg Festival.

Wie geht ihr mit der Situation um?

The Weight: Wie die meisten anderen auch, versuchen wir das Beste aus der Situation herauszuholen. Über Internet und Home Recording haben wir schon gutes neues Songmaterial gesammelt. Seit der Lockerung der Bestimmungen haben wir auch begonnen, die neuen Ideen wieder im Team auszuarbeiten.

Wie geht ihr mit der Probensituation um?

The Weight: Zuerst war hier tatsächlich gar nichts möglich. Mit den neuen Bestimmungen ist es in einem größeren Raum aber kein großes Problem, den geforderten Mindestabstand einzuhalten. Die erste gemeinsame Probe nach zwei Monaten war schon eine tolle Sache.

Hattet ihr einen Release geplant, der entweder in den letzten Monaten erschienen wäre oder in den nächsten Monaten erscheinen wird? Falls ja, wie geht ihr damit um?

The Weight: Die Veröffentlichung unseres neuen Albums „In Control“ ist zur absoluten Unzeit passiert. Wir haben am 6. März veröffentlicht – also eine Woche vor dem Lockdown. Damit ist unsere gesamte Tour entfallen, somit auch der Hauptteil unserer geplanten Einnahmen und die damit verbundenen Synergie-Effekte. Was uns bleibt, sind die Einkünfte aus dem Tonträgerverkauf, aber da kann unser Vertriebspartner Cargo trotz toller Arbeit natürlich keine Wunder vollbringen. Letztendlich mussten wir auch privat Geld zuschießen, um den Laden am Laufen zu halten.

Wie bewertet ihr Live-Streams?

The Weight: Das Ganze ist ja ganz nett, aber erstens ist das meiste des Gezeigten ohnehin nicht live und zweitens kann die Atmosphäre eines echten Konzerts bzw. die Unmittelbarkeit zwischen Mensch und Musik nicht durch das Internet ersetzt werden. Finanziell reißt einen Streaming ohnehin nicht heraus

Habt ihr Lust ein Online-Konzert zu spielen? Unter welchen Voraussetzungen?

The Weight: Auf jeden Fall gemeinsam in einem Raum zu sein. Alles andere fühlt sich für uns nicht richtig an.

Welche Musik hört ihr zurzeit?  

The Weight: Das variiert eigentlich von Tag zu Tag. Mike ist aber gerade wieder mal in die Kinks-Falle getappt.

Wie ist eure Perspektive für die Zukunft? 

The Weight: Die Hoffnung wäre, dass die Menschen die Krise dafür nützen, neue Lebensentwürfe und Möglichkeiten zu entdecken, um sich besser, erfüllender und schonender in unsere Welt einzufügen. Nur hat da leider die liebe Ökonomie etwas dagegen. Wieder ist nur davon die Rede, wie wir den Konsum steigern können, um Wachstum zu schaffen. Uns ist natürlich klar, dass jeder und jede ein Einkommen benötigt, um sein oder ihr Leben zu finanzieren, aber uns bleibt daneben zu wenig Zeit, uns selbst und die Situation für unseren Planeten zu verbessern. Die alten Griechen hatten da eine klarere Vorstellung: erst ohne die Last anstrengender, körperlicher Arbeit war der Mensch in der Lage, sich politisch zu betätigen. Und das ist eigentlich die Grundvoraussetzung für eine wahrhaftige und funktionierende Demokratie. Stattdessen werden wir aber auch in unserer Freizeit von allen Seiten von Werbung und digitalen Angeboten abgelenkt, für die es ohnehin keinen wirklichen Bedarf gibt.

Was wird sich verändern?

The Weight: Im Idealfall wir uns.

Ist es euch wichtig, mit euren „Fans“ verbunden zu bleiben in dieser Zeit?

The Weight: Natürlich. Und hier muss man sagen, dass die digitale Welt Möglichkeiten bietet, die so früher nicht existiert haben. Manchmal ist die Realität aber auch ernüchternd. Facebook und Co sind ja keine offenen Räume. Kommunikation wird gelenkt und die Kanäle dafür, je nach Bedarf des Anbieters, vergrößert oder verkleinert. Auch hier gilt: wer den größten Geldbeutel hat, der erreicht die meisten Menschen – unabhängig von der Qualität des Inhalts. Da können wir mit unseren „wenig emotionalisierenden“ Inhalten und unserem Budget nicht mithalten. Prinzipiell gilt dasselbe auch für die klassischen Medien: Ohne Moos nix los. Da hier aber noch wirkliche Menschen agieren, lassen sich über persönliche Arbeit und Engagement noch Ergebnisse erzielen. Ein Mensch ist ein begeisterungsfähiges Wesen, ein Algorithmus wohl eher nicht.

Was bräuchte es jetzt? Welche konkreten Hilfestellungen wären nötig?

The Weight: Eine Perspektive. Und diese brauchen wir auf zwei Ebenen: Einerseits gibt es dringende wirtschaftliche Probleme. Die Kulturbranche trocknet finanziell gerade aus wie der Aral See. Damit wird es zu einem Schwund an Infrastruktur und Know-How kommen, weil viele notgedrungen aus der Szene ausscheiden. Das wiederum hat Auswirkungen auf Künstler*innen, die von unten nachdrängen, und beispielsweise keine niederschwelligen Auftrittsmöglichkeiten mehr bekommen, um sich erstmals in Szene zu setzen. Meine Befürchtung ist, dass die Großen hier einen längeren Atem haben werden, während die Kleinen verhungern. Ich denke, dieses Phänomen ist aber nicht auf den Kulturbereich beschränkt.

Die zweite Ebene bezieht sich darauf, was uns wirklich am Herzen liegt: Wir möchten Musik machen und diese mit den Menschen teilen. Es gibt da von privater Seite aus ja schon einige Ideen, wie z.B. das Comeback der Autokinos. Aber es braucht natürlich auch von öffentlicher Seite Konzepte in größerem Rahmen.

 

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