Auskennen im Musikbusiness – Endless Wellness im MICA-Interview

Karrieren sind so vielfältig wie die Gerüchte darüber. Ein bisschen Glück gehört immer dazu. Aber die meisten Faktoren sind beeinflussbar. Was muss man heute im Musikbusiness wissen? Das klären wir in der Rubrik “Auskennen im Musikbusiness”, einer Kooperation von mica – music austria und der Rockhouse Academy.
ENDLESS WELLNESS ist die Band der Stunde. Erst dieses Jahr erschien ihr Debütalbum und schon ist der Tourkalender prall gefüllt. Genauso wie der große Saal in der Arena-Wien im Dezember prall gefüllt sein wird, denn das Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft. Und auch die Anfragen für die kommende Saison häufen sich.
Warum aber keines dieser Konzerte zugesagt wird, bevor nicht alle wichtigen Voraussetzungen erfüllt sind, warum Streaming ein ausbeuterisches System für Künstler:Innen ist und warum man am besten gleich das Internet zerstören sollte, erzählen die Senkrechtstarter Milena Klien, Hjörtur Hjörleifsson und Philipp Auer von ENDLESS WELLNESS bei ihrem Tourstopp im ROCKHOUSE Salzburg. Ein Teil des Interviews mit Dominik Beyer kann hier nachgelesen werden.

Ihr seid schon seit 13 Jahren befreundet, macht ihr auch schon so lange Musik miteinander? 

Hjörtur: Lustig, dass du bei deiner Vorstellungsrunde gesagt hast, wir wären aus dem Nichts durch die Decke geschossen. Und gerade das muss ich natürlich relativieren. Das ist bei uns, wie auch bei den meisten anderen, gar nicht der Fall. Ich bin seit meiner Teenager-Zeit, in der ich auch Philipp und Milena kennen gelernt habe, als Musiker tätig. Angefangen mit Chili & the Whalekillers in Salzburg. Danach war ich ein Teil von Oehl. Nach verschiedenen kleineren Formationen bin ich mittlerweile bei meinen alten Freund:Innen und jetzigen Bandkolleg:Innen von Endless Wellness gelandet. 

Philipp: Ich habe Schauspiel studiert. Das gefällt mir aber nicht so wie die Musik. 

Milena: Philipp und ich haben aber auch bereits vor 15 Jahren hier im Rockhouse bei Local Heroes teilgenommen. Mit unserer Teenie-Band. Also in unserem Fall auch nicht ganz aus dem Nichts. 

„Klasse spielt im Musikgeschäft natürlich eine große Rolle.“ – Milena

Darf ich euch nach euren Einnahmequellen fragen?

Milena: Mittlerweile kommen wir bereits in die privilegierte Situation, einen Teil unserer Einnahmen mit Endless Wellness finanzieren zu können. Ich für meinen Teil komme aus einem privilegierten, bildungsbürgerlichen Haushalt, und konnte es mir leisten zu studieren, während ich mit Endless Wellness begonnen habe. Ich hatte einen Nebenjob, wurde aber auch von meinen Eltern in dieser Zeit finanziell unterstützt. Das ist ein wichtiger Punkt, den es auch immer wieder anzusprechen gilt. Klasse spielt im Musikgeschäft natürlich eine große Rolle.Startbedingungen und Ressourcen sind ganz maßgeblich mitentscheidend, wie schnell oder ob man überhaupt irgendwo hinkommt. Die Unterstützung meiner Familie hat mir erlaubt, radikale Selbstausbeutung zu betreiben. Denn in der ersten Zeit wird natürlich nichts verdient. 

Hjörtur: Als Musiker: Innen stehen viele Neulinge vor einer großen Herausforderung. Oftmals fehlt es an einem klaren Verständnis darüber, wie lange es dauert, bis man tatsächlich von seiner Musik leben kann. Viele Künstler: Innen arbeiten nebenbei in anderen Jobs, während sie ihre professionelle Musikkarriere verfolgen. Diese Umstände können frustrierend sein, aber sie verdeutlichen auch die Notwendigkeit von Institutionen wie mica – music austria. Die anfängliche Naivität, mit der viele in das Musikgeschäft eintreten, kann sowohl Fluch als auch Segen sein. Wäre ich nicht so naiv gewesen, hätte ich vermutlich schon längst aufgegeben.

Musiker von ihrer Naivität zu befreien, zum Beispiel in einer persönlichen Beratung, ist ein schmaler Grat. Hierbei können solche ehrlichen Gespräche sehr hilfreich sein. So sieht man, dass eigentlich alle an ihrer Karriere hart und lange kämpfen.  Der Schlüssel liegt darin, offen über die Realität zu sprechen und dabei die Balance zwischen künstlerischen Ambitionen und finanzieller Absicherung zu finden.

Milena: Ich denke, es braucht eine Definition von Erfolg. Erfolg ist für mich nicht gleichbedeutend mit finanzieller Sicherheit. Natürlich kann das eine Form sein, aber es gibt viele Menschen, die etwas ganz anderes verfolgen. Vielleicht kommt für sie irgendwann der Punkt, an dem sie sich entscheiden, ihre gesamte Energie in ein bestimmtes Projekt zu stecken oder nicht. Dennoch halte ich es für wichtig zu sagen, dass Erfolg nicht nur bedeutet, ein volles Bankkonto zu haben. Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie Menschen ihre Position zur Musik und im Musikbusiness definieren.

Da hast du absolut recht. Erfolg lässt sich natürlich nicht nur in Geld messen. Aber sobald man sich das Ziel setzt, ausschließlich von der Musik leben zu wollen, braucht es schon eine Art Definition davon, wie viel Einkommen das erfordert. Da ist man als junger Mensch recht schnell zufrieden. Jedenfalls galt ich selbst zu Schulzeiten als verhältnismäßig wohlhabend, nachdem ich mit meinen ersten Bands auf Firmenfeiern und Hochzeiten gespielt hab. Wenn man sich dann später als Berufsmusiker darauf konzentriert, sein Einkommen ausschließlich mit eigener Musik zu generieren, wird es erstmal prekär.

Philipp: Wir haben uns das ausgerechnet und mussten feststellen, dass es dieses Jahr noch nicht ausreicht, um davon leben zu können. Wir hoffen, dass es nächstes Jahr klappt. Doch es kommen immer wieder unvorhergesehene Ausgaben hinzu, bei denen man auf Förderungen hoffen muss. Selbst wenn man wie wir viele Konzerte spielt, dauert es eine Weile, bis sich das finanziell lohnt.

Hjörtur: Ohne sich dabei nicht komplett selbst auszubeuten. 
Natürlich könnten wir 70 Konzerte zusagen – wir sind glücklicherweise in der Lage, so viele Anfragen zu erhalten, aber das würde uns schnell ausbrennen. Daher versuchen wir, solange die Gagen sind, wie sie sind – eher selektiv zu bleiben. So kann ein Nebenjob auch einen professionellen Musiker psychisch entlasten. Das vermeidet Stress, den ein reiner Musikerberuf oft mit sich bringt.

Hattet ihr im Verlauf eurer Karriere einen „Gamechanger“ – ein bestimmtes Ereignis oder eine Person, die euch entscheidend weitergebracht hat?

Hjörtur: Ja, tatsächlich hat uns die Unterstützung von FM4 sehr geholfen. 

Habt ihr die selbst angeschrieben? 

Hjörtur: Nein, das lief über unser Label Ink Music. Wir hatten das Glück, schon vor unserem Signing einige Verbindungen zu Ink Music zu haben, und das war sicherlich ein Vorteil. Die Kontakte entstanden durch mein früheres Bandprojekt mit Oehl. Die wiederum wurden dort gesignt, weil wir mit Marco Kleebauer gearbeitet haben, der auch mit fast allen seinen Projekten dort unter Vertrag ist. Solche Netzwerke entstehen selten aus dem Nichts. Es ist meist ein langsamer Prozess. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meiner ersten Band nach Wien zog und dachte, wir hätten das Zeug für eine große Karriere. Doch ohne dieses Netzwerk ging auch nicht viel weiter. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu Endless Wellness. Hier konnten wir sofort davon profitieren, weil wir etwas vorzuweisen hatten.

„…ohne Verbindungen kann es schwierig sein, in der Masse an Musik gehört zu werden.“ – Hjörtur

Milena: ”Wir“ ist sehr euphemistisch. Hjörtur hatte etwas vorzuweisen. Philipp, Adele und ich waren alle Babys im Musikgeschäft. 

Hjörtur: Es wäre interessant gewesen, eine parallele Realität einer Karriere mitzuerleben, die eben nicht auf dieses Netzwerk zugreifen hätte können. Aber ohne Verbindungen kann es schwierig sein, in der Masse an Musik gehört zu werden. Die möglichen Geschäftspartner sind auch oft sehr abgestumpft. Das ist aber auch verständlich. Die Konkurrenz ist riesig – du brauchst nur die Sticker in den Bars und Lokalen zählen. 

Was kann denn ein Label leisten bzw. was darf man von einem Label erwarten? Den Türöffner bei FM4 hast du ja schon angesprochen.

Hjörtur: Es erleichtert sicher auch den Zugang zu Förderungen. Natürlich gibt es keine Garantie auf Erfolg, selbst mit einem etablierten Label. Man muss am Ball bleiben und kontinuierlich arbeiten, denn das Musikbusiness ist hart umkämpft. Förderungen sind hilfreich, aber sie decken längst nicht alles ab. Auch in Musikvideos, PR-Arbeit und anderen Aspekten fließt oft Geld, das man selbst aufbringen muss. Manchmal hilft es, Freund:Innen zu haben, die bereit sind, für wenig Geld mitzuhelfen.

Auskennen im MuBi Workshop (c) Mike catches light

Um den größten Stolperstein in eurer Karriere zu benennen, könntet ihr also mangelndes Budget unterschreiben? Reichen Förderungen aus, um seine Karriere voranzutreiben?

Philipp: Meist läuft es auf Freundschaftsdienste hinaus, bei denen man sich gegenseitig unterstützt. Diese Unterstützung ist unheimlich wertvoll. Aber es bringt auch den Druck mit sich, anderen etwas zurückzugeben. Irgendwann kann man es kaum noch steuern, weil so viele Menschen geholfen haben. Oft explodiert die Gästeliste mit Namen von freiwilligen Helfer: Innen bei Wien-Konzerten. Doch da hat man auch nicht mehr als 2-3 Namen pro Bandmitglied, denn die Bookingagentur ist meist der Veranstalter. Die müssen ja was verdienen und wir auch.

„Nur etwa 20% des Arbeitsalltages eines Musikers, [ist] Musik machen…“ – Philipp

Milena: Zusammengefasst: Es gibt viele Herausforderungen, die meist mit fehlendem Budget zu tun haben. Eine Möglichkeit, das zu umgehen, ist das soziale Kapital – also Leute zu kennen, die in der Film- und Fernsehwelt oder in der Fotografie tätig sind. In unserem Fall hat uns die Schauspielerfahrung von Philipp sehr geholfen. Auch Institutionen wie mica – music austria sind essenziell. Mit Tipps zu Förderungen und den in Folge erhaltenen 2.000 Euro vom SKE-Fonds konnten wir die Arbeit an unseren ersten beiden Singles finanzieren. Allerdings müssen wir die Kosten oft vorfinanzieren, da Fördergelder erst nach Fertigstellung ausgeschüttet werden. Das hat dazu geführt, dass ich beispielsweise Geld leihen musste, um das Projekt am Laufen zu halten. Diese Dynamik ist widersprüchlich und zeigt, wie stark finanzielle Privilegien den Prozess beeinflussen. Wir vernetzen uns viel und arbeiten mit Menschen zusammen, die nicht nur talentiert, sondern auch unglaublich herzlich sind. Die Personen, mit denen wir Fotos und Musikvideos realisieren, sind wahre Begleiter: Innen auf unserem Weg.

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Wie wichtig ist euch jetzt noch musikwirtschaftliches Know-how? Könnt ihr euch mit eurem etablierten IndieLabel voll und ganz auf das Songwriting und die Produktion konzentrieren?

Milena: Schön wäre es. 

Philipp: Hjörtur hat uns vorgewarnt, dass nur etwa 20% des Arbeitsalltages eines Musikers Musik machen ist. Diese bittere Realität haben wir auf jeden Fall kennen gelernt. Unsere Managerin Lisa Ulrich übernimmt mittlerweile immer mehr Büroarbeit. Und das funktioniert natürlich auch nur deswegen, weil es mittlerweile bei uns funktioniert. Man muss natürlich immer sehr viel selbst machen. 

Hjörtur: Was bei uns funktioniert, basiert auf einer klaren Struktur und viel Disziplin.

Milena: Ja, wir sind eigentlich ziemliche „Streber: Innen“ und lieben Struktur. Das bedeutet auch, dass wir klare Zuständigkeiten haben. Jemand kümmert sich um Social Media, jemand anderes um Finanzen und Steuerfragen. Ich selbst habe lange Zeit die Buchhaltung übernommen. Diese Aufgabenteilung entlastet uns und verhindert unnötige Überschneidungen. Seit wir eine Managerin haben, können wir einige dieser Aufgaben auslagern, was uns ermöglicht, uns mehr auf die kreative Arbeit zu konzentrieren. 

Milena, Hjörtur & Dominik (c) Mike catches light

Trifft sich die Band auch privat, oder verbringt ihr fast nur im Kontext der Band Zeit miteinander?

Hjörtur: Wir versuchen, Band und Privates zu trennen. Vor allem die Chats. Für die Band benutzen wir beispielsweise Slack. Das kennen eher die Leute aus dem Business (lacht). Im Grunde läuft es wie ein Unternehmen ab – auch wenn wir das künstlerische Element natürlich nie ganz verlieren.

Seid ihr auch eine GmbH?

Milena: Nein, wir sind eine GesbR.

Publikumsfrage: Abgesehen von Förderungen, spielen Plattenverkäufe und Liveauftritte keine Rolle?

Philipp: Tatsächlich machen Live-Auftritte und Merchandise einen Großteil unseres Einkommens aus. Allerdings müssen wir Merchandise vorfinanzieren, was enorme Summen verschlingt. Radio-Airplay bringt uns ebenfalls Einnahmen. 

„Es ist eigentlich absurd, wenn man die Streamingzahlen mit der Abrechnung vergleicht.“ – Hjörtur

Hjörtur: Die Tantiemen aus dem Radio sind oft wie ein 13. / 14. Monatsgehalt – eine willkommene Unterstützung, wenn der Monat knapp wird. Streaming ist hingegen kaum rentabel. Es ist eigentlich absurd, wenn man die Streamingzahlen mit der Abrechnung vergleicht. Diese Einnahmen stehen in keinem Verhältnis zur Reichweite.

„Der Streaming-Markt ist ein ausbeuterisches System.“ – Philipp

Philipp: Radio bringt tatsächlich gutes Geld im Vergleich zu allen Streaming-Diensten. Der Streaming-Markt ist ein ausbeuterisches System. Wir sind diesem Dämon namens Algorithmus so untergeordnet. 50% unserer Streams kommen von Spotify Radio. Das heißt, der Algorithmus entscheidet, unseren Song anderen Suchanfragen als Folgesong vorzuschlagen. 

Ich dachte, dafür muss man bezahlen? 

Milena: Mit welchem Geld hätten wir das bezahlen sollen?

„Genau dieses Leben habe ich mir immer erträumt. Es ist fast surreal, dass es tatsächlich Realität geworden ist.“ – Milena

Wie habt ihr euch damals das Musikgeschäft vorgestellt, rückwirkend betrachtet?

Milena: Wenn wir auf die Anfänge zurückblicken, hätten wir uns kaum vorstellen können, dass wir es heute hierher schaffen würden. Genau dieses Leben habe ich mir immer erträumt. Es ist fast surreal, dass es tatsächlich Realität geworden ist. Besonders schön ist es, diesen Weg gemeinsam zu gehen und sich immer wieder bewusst zu machen, was wir erreicht haben. 

Hjörtur: Ich habe es mir schon vorgenommen, von der Musik zu leben. Meine Eltern sind Berufsmusiker:Innen. Wenn auch in anderen Genres. Aber die Vorstellung, dass das also möglich sein kann, lag bei mir deshalb nicht so fern.

Wie geht ihr mit der Unsicherheit um, die das Musikerleben mit sich bringt? Denkt ihr manchmal darüber nach, wie es in drei Jahren aussieht?

Hörtur: Ja, das tun wir. Man weiß, dass es jetzt klappt, aber ob das auch in drei Jahren noch so ist, kann man nicht sagen. Es ist eben eine unsichere Branche. Und obwohl es kaum Kapazitäten gibt, einen großen Plan B zu schmieden, denkt man manchmal darüber nach, wie man langfristig eine stärkere Basis aufbauen könnte.
Beispielsweise könnten Musikprojekte im Theaterbereich eine Rolle spielen, weil man so vielleicht langfristig was Festes hat, worauf man sich stützen kann. Auch eine Professionalisierung als Produzent wäre denkbar. Aber es ist eben nicht einfach, diesen Balanceakt zu schaffen.

Wäre es überhaupt möglich, neben dem Album und der Tour noch andere Projekte anzunehmen, um zusätzlich Geld zu verdienen?

Philipp: Genau das ist jetzt während der Tour und dem Albumrelease fast nicht machbar. Der Fokus liegt voll darauf, und es bleibt wenig Raum für andere Dinge. Ich war kürzlich knapp davor ein Angebot aus dem Theaterbereich anzunehmen. Ich dachte mir, es geht nicht alle Karten auf die Musik zu setzen. Das ist aber nun nicht mehr aktuell.

Hjörtur: Meistens kann man es sich kaum leisten. Man muss sich dafür wirklich Platz schaffen. Ich würde derzeit keine anderen Sachen annehmen. 

Philipp & Milena (c) mike catches light

So entstehen Meinungsverschiedenheiten. Habt ihr einen Bandvertrag?

Milena: Ja, haben wir. Tatsächlich sogar die Mustervorlage von mica – music austria. Natürlich gibt es auch in der Band verschiedene Bedürfnisse und Ziele. Manche sind vielleicht sicherheitsorientierter. Wir haben uns darauf geeinigt, uns gegenseitig zu unterstützen, wenn jemand temporär mehr Zeit für private Verpflichtungen oder berufliche Nebenjobs braucht.

Hjörtur: Ja, es gibt unterschiedliche Bedürfnisse. Wir versuchen auch, dass wir alle unsere individuellen Bedürfnisse und Kapazitäten berücksichtigen. Wir setzen uns regelmäßig zusammen, um über die Situation zu sprechen und zu schauen, ob alle mit dem Weg, den wir gehen, zufrieden sind. Die Kommunikation ist dabei entscheidend.

Milena: 
Man darf nicht vergessen, dass sich Lebensumstände immer ändern. Wir versuchen füreinander da zu sein und einander zu entlasten. Im Grunde basiert alles auf zwei Grundsteinen: Freund:Innenschaft und Gesundheit. Sobald irgendwas davon angekratzt wird, hören wir sofort auf – denn es würde keinen Sinn machen, die Band auf wackligen Grundpfeilern fortzuführen. Mit dieser Einstellung sind sämtliche Gespräche entschärft, weil wir eh wissen,  am Ende des Tages sind wir Freund: Innen.

„Wir schaffen uns ganz radikal feste Zeiträume für Songwriting und Aufnahmen, auch wenn das bedeutet, Anfragen für Konzerte oder Festivals abzulehnen.“ – Hjörtur

Publikumsfrage: Wie wichtig ist Planung für euch, und wie schafft ihr es, gleichzeitig kreativ zu bleiben? 

Hjörtur: Planung ist auf jeden Fall essenziell. Wir schaffen uns ganz radikal feste Zeiträume für Songwriting und Aufnahmen, auch wenn das bedeutet, Anfragen für Konzerte oder Festivals abzulehnen. Natürlich hätten wir gern eine entspannte, spontane Arbeitsweise, aber in der Realität braucht es klare Strukturen, die auch Schutzräume beinhalten, wie Konzertpausen und Urlaubsphasen. Sonst kann es schnell überfordernd werden. Wir haben bereits einige Anfragen für nächstes Jahr, werden aber sicher nichts zusagen, sobald die Songwriting und Produktionsphasen nicht fixiert sind. Es kommt immer eine ganz besonders wichtige Konzertanfrage daher. Das ist natürlich eine Belastung. Es gibt unterschiedliche Interessen. Aus der Booking-Perspektive ist jedes Konzert wichtig. 

„Genauso wie wir Orga-Treffen haben, machen wir auch Emo-Treffen. […] Trotzdem komme ich regelmäßig an den Punkt, wo ich mich Frage, welchen Preis ich dafür eigentlich zahle. – Philipp

Publikumsfrage: Wie achtet ihr dabei auf eure mentale Gesundheit? 

Philipp: Wahrscheinlich noch zu wenig. Aber wir versuchen, regelmäßig innezuhalten und ehrlich zu reflektieren, wie es uns geht. Genauso wie wir Orga-Treffen haben, machen wir auch Emo-Treffen. Das hilft uns, Belastungssituationen früh zu erkennen und gegenzusteuern. Trotzdem komme ich regelmäßig an den Punkt, wo ich mich Frage, welchen Preis ich dafür eigentlich zahle. 

Hjörtur: Gleichzeitig ist es immer wieder eine Herausforderung, Prioritäten zu setzen und auch mal ein wichtiges Festival abzusagen, weil es mit einem geplanten Urlaub kollidiert.

Würdet ihr rückblickend irgendwas anders machen, wenn ihr es nochmal angehen könntet?

Philipp: Wir haben anfangs versucht, alles demokratisch abzustimmen. Das war gut gemeint, hat uns aber manchmal ausgebremst. Heute wissen wir, dass es oft besser ist, Aufgaben klar zu verteilen und Entscheidungen abzugeben – etwa auch an Designer:Innen oder Videograf:Innen, die dann ihre eigene künstlerische Note einbringen können.

Hjörtur: Gut kommunizieren, vertrauen und loszulassen! Das ist ein nie endender Prozess.

Gibt es bestimmtes Know-How, das euch im Berufsalltag fehlt?

Philipp: Kein Know-How. Aber manchmal stell ich mir die Frage: „Wer verdient an unserer Musik?“. Wir spielen oft auf Festivals und bekommen eine verhältnismäßig geringe Gage, obwohl die Tickets teuer verkauft werden. Es ist manchmal frustrierend, wenn man sieht, wie viel Arbeit wir als Band in diese Auftritte stecken und dann wenig davon profitieren. 

Philipp by mike catches light
Philipp (c) mike catches light

Hjörtur: Ein großes Zeit- und kraftraubendes Thema ist Transport. Ich würde generell eine nachhaltigere Kultur begrüßen. Wäre es nicht gut, wenn Veranstalter ein größeres Budget hätten, halbwegs individuelle Backline stellen zu können? Das würde das Touren mit dem Zug für Musiker:Innen ermöglichen. Abgesehen von den nachhaltigen Gründen könnte es viel Zeit, Geld und Kraft sparen, einen Bus zu finden, zu mieten und ihn dann auch selbst zu fahren. 

“Wäre es nicht gut, wenn Veranstalter ein größeres Budget hätten, halbwegs individuelle Backline stellen zu können? Das würde das Touren mit dem Zug für Musiker:Innen ermöglichen.” – Hjörtur

In der Vorstellung einer idealen Welt, an welchen Schrauben würdet ihr drehen, um das kulturelle Leben zu verbessern? 

Hjörtur: Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre spannend. Vor allem für Künster:Innen.

Diese Idee hatten wir bereits in einem anderen Gespräch. In Frankreich gibt es tatsächlich die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen, um wirtschaftlich schwache Jahre auszugleichen.

Hjörtur: In Island auch. Dort gibt es auch temporäre Künstler: Innen Löhne. 

Milena: Zinsfreie Kredite für Künstler:Innen könnten vielleicht Klassismus Differenzen auszugleichen. 

Hjörtur: Zugang zu kostenfreien oder geförderten Proberäumen. Auch Coachings für junge Bands. 

Im Grunde geht das Rockhouse Salzburg bereits mit bestem Beispiel voran 😉
Information zu Nachwuchsförderungen, Supportmöglichkeiten, Proberäumen zum Selbstkostenpreis, Seminare und Workshops findet ihr 
hier!

Milena: Ich würde mir noch Psycholog:Innen wünschen, die früh und niederschwellig bei mentalen Beschwerden zur Verfügung stehen.

Philipp: Das Internet zerstören (lacht).

Vielen herzlichen Dank für eure Zeit und eure Einsichten. Ich wünsche euch ein erfolgreiches Konzert.



Dominik Beyer


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Links:

Endless Wellness (ink music)
Endless Wellness (instagram)
Rockhouse Salzburg

Live:

Endless Wellness (Bands in Town)