Bild Hubert von Goisern
Hubert von Goisern (c) Konrad Fersterer

„Alpiner Grunge“ oder doch „Volks-Rock-‘n‘-Roll“? HUBERT VON GOISERN im mica-Porträt

Was hat man diesem Mann nicht schon alles vorgeworfen: dass er die Volksmusik verunglimpfe, dass er Kulturimperialist und überhaupt unbequem sei. Aber sind wir mal ehrlich: All diese Vorwürfe prallten an HUBERT VON GOISERN stets ab wie die Gummibälle an der Squash-Wand. Und während sich die meisten dieser Anschuldigungen heute noch lächerlicher als damals anhören, ist dieser Mann nach wie vor einer der erfolgreichsten österreichischen Pop-Künstler, ohne dass er das je gewollt hätte.

Seine erste Karriere erlebte Hubert von Goisern mit der Band Alpinkatzen, deren Durchbruch wohl das Album „Aufgeigen stått niederschiassen“ (1992) war. Mit „Heast as nit“, „Weit, weit weg“ und nicht zuletzt dem unvermeidlichen „Koa Hiatamadl“ gelangen ihm Hits, die auch heute noch Gültigkeit haben: von Ö3 bis Austropop, von Radio Wien bis Bierzelt. Die Mischung aus erdigem Rock und Volksmusik nannte damals jemand in einer Kurzdokumentation doch tatsächlich „Alpine Grunge“ – ja, es war die Zeit, als Bands wie Pearl Jam und Nirvana ihren Siegeszug antraten und man auch die Musik eines Hubert von Goiserns, die damit erst einmal wenig zu tun hatte, in diesem Fahrwasser vermarkten wollte.
Geläufiger wurde später der Begriff „Alpenrock“. Aber egal wie man die Musik von Hubert von Goisern und den Alpinkatzen auch bezeichnen mag – Hubert von Goisern selbst waren diese Genre-Bezeichnungen immer herzlich egal –, Tatsache ist, dass damit ein völlig neuer Musikstil erfunden war. Im Nachhinein lässt sich sagen, dass mit diesem Album auch die Tür für so unterschiedliche Acts und Künstler wie Broadlahn und Bluatschink aufgestoßen wurde.
Heute ist Hubert von Goisern längst zu einer Marke geworden, die Strahlkraft weit über die Grenzen des austro-dialektalen Sprachraums hinaus besitzt. Er füllt Säle in Deutschland, und aufgrund seiner zahlreichen Tourneen und Reisen ist er auch in vielen anderen Ländern dieser Welt ein Begriff. Unter anderem tritt Hubert von Goisern heuer (Samstag, 19. März 2016) beim renommierten texanischen Musikfestival South by Southwest auf, was allein schon zeigt, welch große Wertschätzung diesem Künstler international entgegengebracht wird. Es folgen Termine in Österreich und eine ausgedehnte Deutschlandtour.

Im Laufe seiner Karriere hat Hubert von Goisern mehr als 20 Alben veröffentlicht, zuletzt das im Mai 2015 erschienene „Federn“, mit dem in etwa zeitgleich der biografische Dokumentarfilm „Brenna tuat’s schon lang“ von Filmemacher Marcus H. Rosenmüller Premiere feierte. In diesem erklärt Goisern unter anderem, dass sein Künstlername von Anfang an als Racheakt angedacht war, weil er sich dort, wo er herkam, nie akzeptiert fühlte, und dass er Musik seit jeher nur aus einem einzigen Zweck heraus macht: um eine Brücke zwischen den Menschen zu schlagen.

Das Fernweh als lebenslanger Begleiter

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Hubert von Goisern (c) Konrad Festerer

Kaum ein Bühnenfoto gibt es heute, auf dem Goisern ohne seine Steirische Harmonika zu sehen ist. Es scheint fast, als seien die beiden zu einem einzigen Instrument verschmolzen. Dabei lernte er die Steirische Harmonika eigentlich erst relativ spät zu spielen, nämlich mit dreißig. Das erste Instrument, mit dem er vertraut wurde, war die Trompete. In der örtlichen Blasmusikkapelle spielte Hubert Achleitner sie, und schon damals zeigte sich der Eigensinn dieses Künstlers: Nach Streitereien um Repertoire und Länge des Haupthaares nämlich schied Goisern aus der Blaskapelle aus und brachte sich andere Instrumente (Gitarre und Klarinette) bei. Die Harmonika, die er sich im Selbststudium beibrachte, sollte erst viel später dazustoßen. In seinen Zwanzigern zog es Goisern erst einmal ins Ausland. So lebte er in Südafrika und studierte in Toronto, Kanada. Das Fernweh, es sollte ihm zum lebenslangen Begleiter werden. Man denke nur an sein Engagement für die Jane Goodall Stiftung und für ein freies Tibet, die ihn nach Tansania bzw. den Sitz des Dalai-Lama in Dharamsala/Indien führten und Publikum und Fans immer auch spezielle Bandprojekte und/oder Tondokumente von diesen Reisen schenkten. Kaum eine Reise also gab es im Leben Goiserns, die ihn und in weiterer Folge auch uns musikalisch bereichert hätte.

Keine Frage: Hubert von Goisern ist ein Weltbürger. Und er nimmt fast jede Gelegenheit wahr, das unter Beweis zu stellen. Viele werden sich noch an die „Linz Europa Tour“ erinnern, eine für zwei Jahre anberaumte Tournee durch viele Länder Europas zur Bewerbung des Projekts „Linz 2009 – Kulturhauptstadt Europas“: Mit einem zur Bühne umgebauten Lastschiff samt Schubschiff und Wohnschiff, Band und Crew schipperte er von Linz aus die Donau stromabwärts bis zum Schwarzen Meer und danach Richtung Westen bis zur Nordsee. Auf dieser Reise wurde vielerorts angelegt, um mit lokal bekannten Künstlerinnen und Künstlern Konzerte an Bord zu spielen – Konzerte bei freiem Eintritt für ein begeistertes Publikum an Land. Ihren Abschluss fand die Tour dann im Juli 2009 beim „Linz Europa Hafenfest“.

Passend dazu hat Hubert von Goisern einmal gesagt, Heimat sei für ihn überall, wo er Leute kenne. Am stärksten sei das Gefühl aber natürlich im Salzkammergut, wo er nicht nur herkomme, sondern wo er auch immer noch regelmäßig Konzerte spiele.

Trotz aller Gigantomanie ist Goisern nämlich immer dem kleinen Format, dem mehr oder weniger spontanen Konzert in überschaubarem Rahmen – sprich dem „Wirtshauskonzert“ – treu geblieben, wovon übrigens auch ein wunderbarer Film erzählt: „Mit Hubert von Goisern auf Wirtshaustour“. Mit kleiner Band tingelte er vom Großarltal über den Pass Gschütt ins Salzkammergut, von Frankenreith bis Leopoldsschlag an der tschechischen Grenze, von Ottenheim bis Wenig. Mit dabei war ein kleines Kamerateam, das ihn und seine Mitmusiker beim intimen Dialog mit dem Publikum in der österreichischen Provinz einfing. Herausgekommen ist eine sehr gelungene Dokumentation, die den Künstler in einem besonderen Licht zeigt: Als nahbaren Künstler, als Menschen und Naturliebhaber. Dort fühle er sich, hat er einmal gesagt, der göttlichen Schöpfung näher als in jeder Kirche. Um zu musizieren allerdings brauche er die Stadt. In der Natur sei ja alles perfekt, das Rauschen, das Zirpen. Musik als Ausgleich für die Imperfektion, die uns in der Stadt umfängt? Vielleicht. Ein Versuch, die Natur und ihre Transzendenz in das städtische Umfeld, das dem weitaus überwiegenden Anteil der österreichischen Bevölkerung Heimat ist, hinüberzuretten.

Die Dokumentation „Mit Hubert von Goisern auf Wirtshaustour“ zeigt aber noch eine Facette Goiserns, die den Vorwurf, dass er die Volksmusik verunglimpfe und sie modernisiere, wo sie doch gar keiner Modernisierung bedürfe, dem sich der Künstler seit seinen ersten Tagen ausgesetzt sieht, direkt widerlegt: Sein unbedingtes Wollen, eine bestimmte Empfindsamkeit in der Volksmusik zu bewahren. So ist auch sein Projekt „Steilklänge“ zu verstehen, für das er sich sprichwörtlich durch etliche Musikarchive grub und einen äußerst informativen Querschnitt durch unverfälschte alpenländische Volksmusik zusammenstellte, und zwar aus allen Alpenregionen (Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Slowenien und Bayern).

Im Mai 2001 wurde Hubert von Goisern als bester „Künstler Pop/Rock national“ erstmals mit dem Amadeus Austrian Music Award ausgezeichnet. In seiner Dankesrede kritisierte er damals die österreichische Musikbranche und vor allem die heimischen Radiosender, sie ließen nationalen Künstlern nicht genug Unterstützung angedeihen – eine Kritik, die angesichts der Quotendiskussion der letzten Jahre aktueller denn je ist.

Hubert von Goisern war und ist ein intensiver Mensch, der sich Themen entweder mit Haut und Haar widmet, oder es einfach sein lässt. Eines der vielen Geheimnisse, warum er auch nahezu ein Vierteljahrhundert nach seinen ersten großen Erfolgen immer noch so erfolgreich ist, ist seine Wandlungsfähigkeit. Er hat es bislang geschafft, sich mehrere Male neu zu erfinden, und er wird das auch – jede Wette – weiterhin tun.

Und Hubert von Goisern war immer auch ein Künstler, der mit seiner politischen Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Dass ihm das nicht nur einmal als „unbequemer“ Wesenszug ausgelegt wurde, spricht nicht unbedingt für den Umgang, den man hierzulande mit der Meinung und ihrer Freiheit pflegt.

Fakt ist: In einer Welt, in der sich Volksmusik und Niveau nicht gegenseitig ausschließen, in einer Welt, in der auch die Töchter besungen werden, ist Hubert von Goisern der wahre und echte „Volks-Rock-‘n‘-Roller“.

Markus Deisenberger

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