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Bild Regolith (c) Regolith

REGOLITH – „I“

Mit „I“ (Rock Is Hell Records) loten REGOLITH aus, welche Klangflächen man mit modularen Synthesizern, einer Vielzahl an Effekten und der Zeit für Liebhaberei erzeugen kann. Songstrukturen sucht man vergebens, was nicht unbedingt bedeutet, dass ein roter Faden fehlt. Alles, nur nicht angepasst.

Von den ersten Geräuschen auf dem Debüt von Regolith an wird klar: Man hat es hier mit einem unkonventionellen Blickwinkel auf Musik als Kunstform zu tun. Und es wird eindeutig versucht, die Musik eben als Kunst zu positionieren und nicht etwa als Produkt für die Massen. Um zu diesem Verständnis von Musik zu kommen, bedarf es tief gehender Liebhaberei und Fachkenntnis. Beides darf bei Regolith wohl vorausgesetzt werden, handelt es sich doch um eine bereits länger bestehende Kollaboration zwischen Richie Herbst von Interstellar Records (Graz) und Christian Zollner von Koma Elektronik (Berlin). Man sitzt also gewissermaßen an den notwendigen Quellen. Nach mehreren Veröffentlichungen seit 2008 mit und im Dunstkreis anderer experimenteller Künstlerinnen und Künstler des Noise-Sektors folgt nun mit „I“ das offizielle Debüt in LP-Länge auf Double-Vinyl.
Über eine Länge von beinahe eineinhalb Stunden ergießen Regolith ihre Klangflüsse und Soundflächen über die Zuhörerinnen und Zuhörer, ob verstörend oder anregend liegt dabei wohl im Auge der BetrachterInnen, wobei das eine das andere natürlich nicht zwingend ausschließt. Mit modularen Synthesizern und einem feinen Gespür für Geräusche und Klänge legen Herbst und Zollner Schicht für Schicht übereinander, rücken Krach an Nichts und lassen Frequenzen durch Soundmassive pulsieren. Der Begriff „Regolith“ bezeichnet übrigens durch Verwitterung entstandene Ablagerungsschichten, die sich im Sonnensystem auf Gesteinsplaneten gebildet haben.

Schicht für Schicht

Bei Musik, die man sich am besten als Untermalung eines experimentellen Kurzfilms oder im Rahmen von audiovisuellen Subkulturfestivals vorstellen kann, liegt das Bemühen von Metaphern eben durchaus nahe.
„Platinum“ ist der Opener einer Ansammlung von vier Songs, die ebenso als eine Gesamtkomposition funktionieren würden. Die durch den Sound dargebotene dunkle Materie entpuppt sich nach und nach als Klang gewordenes Hornissennest. Die Folgetracks „Comet Trails“ und „Star Trails“ verdichten per Titel und Klangbild die Vermutung, dass die Songs auch gar nicht für sich funktionieren sollen. Aus einem verhältnismäßig rhythmischen und greifbaren Geräusch-Beat erwächst mittels einer Armada an Noise-Effekten schleppend ein wahres Sounddickicht, welches den Beginn des Liedes einfach so verschluckt. Als man sich gerade dabei ertappt, sich den Rhythmus zurückzuwünschen, fallen stimmhafte Zerbröselungen des Dickichts über einen herein, deren Ursprung man nur in diabolischen Zungen suchen kann. Alarmbereitschaft war ohnehin vorher schon durch einen nimmermüden, niederfrequenten Alarmton im Hintergrund gegeben. Wer Gefahr läuft, von den doch eher als pessimistisch einzuordnenden Klängen Regoliths erdrückt zu werden, hat im finalen „Gescom“ tatsächlich die Chance, in all das Wischen, Zischen und Rauschen eine Meeresbrise hineinzuinterpretieren. Wer vom Schwarzmalen jedoch noch nicht genug hat, kann sich erhobenen Hauptes dem Tsunami stellen und sich von der in Sound gegossenen Zerstörung euphorisiert mitreißen lassen.

Sucht man in seinem Hörerlebnis eher die Herausforderung und die Vieldeutigkeit als die Möglichkeit zu permanenter Berieselung, ist man bei Regolith womöglich richtig.

Sebastian J. Götzendorfer

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