Trianima spielen innovative genreübergreifende Kammermusik in ungewöhnlicher Besetzung: Johanna Gossner steuert die Klarinette bei, Marilies Guschlbauer das Cello und Isabel Goller die Harfe. Letztere verriet Markus Deisenberger, wie es zum Konzept ihres Albums „re:colored“ kam undwas „Fusion Chamber Music“ für die drei bedeutet. Ein Gespräch über Harfen im Kofferraum und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Zwergdackel auch Jagdhunde sind.
Wie habt ihr drei Musiker:innen euch gefunden?
Isabel Goller: Die Johanna hatte schon das Duo Minerva. Sie ist sehr gut darin, ihre eigenen Musik-Projekte aufzubauen. Und dann hat sie einfach gedacht, sie würde gerne was Neues machen und wollte unbedingt Harfe dabeihaben. Die Marilies, unsere Cellistin, und sie kannten sich schon. Und dann gab es am Anfang eine andere Harfenistin, die irgendwann nicht mehr konnte. Und da hat Johanna mich im Orchestergraben der Wiener Staatsoper gesehen und mich einfach gefragt. Ich bin auch freischaffende Musikerin wie die anderen beiden. Das verbindet uns. Wir wollen uns nirgendwo binden und brennen für eigene Sachen. Aus diesem Trio ist dann sehr, sehr schnell etwas geworden. Wir haben das erste Mal geprobt, und vierzehn Monate später hatten wir schon die erste CD im Kasten.
War es immer euer Ziel, auch Alben zu machen, oder hat sich das ergeben?
Isabel Goller: Wir haben schon gesagt: Wenn, dann machen wir es richtig. Und es gibt ja fast keine Original-Literatur für unsere Besetzung. Deshalb haben wir schnell zu einem spannenden Programm gefunden, weil wir uns ein bisschen frischer präsentieren wollten, mit Musik, die zugänglich ist und aus verschiedenen Genres kommt. Diesen Untertitel „Fusion Chamber Music“ haben wir uns selbst gegeben. In einem Stück können bei uns vier verschiedene Stilrichtungen drin sein. Hanna arrangiert alles, was wir spielen, selber, und das macht es, glaube ich, ein bisschen frischer. Zumindest kriegen wir die Reaktion von Veranstaltern. Aber es kann in beide Richtungen gehen. Klassischen Veranstalter sind wir oft auch zu modern. Aber es gibt viele andere, die einfach sagen: Cool. Genau sowas brauchen wir!
Heißt das, dass sich euer Mission-Statement, über das ich gestolpert bin und wonach ihr für ein modernes, offenes Musikverständnis steht, teilweise auch als kontraproduktiv erweist?
Isabel Goller: Ich würde sagen, im größeren Teil erweist sich das schon als produktiv. Vor allem, wenn die Leute dann bei uns im Konzert sind, weil auch das Konzerterlebnis bei uns sehr zugänglich gestaltet ist. Wir gehen mit dem Publikum in Kontakt und erzählen Geschichten, sind einfach nahbar. In dem Moment, wo die Leute bei uns sind, ist es auf jeden Fall ein positives Ding. Und die Veranstalter, die das nicht sehen, sind halt nicht unsere Veranstalter.
Die Komponisten, die ihr bearbeitet, sind sehr unterschiedlich. Wie kommt ihr zu diesen Quellen?
Isabel Goller: Wir haben einen WhatsApp-Gruppenchat. Da kommen regelmäßig Vorschläge, indem eine von uns dreien sagt: Hey, das wäre doch was. Oder: Wie wäre es, wenn…?
Als sich Johanna den Finger gebrochen hat, haben wir danach auch sofort angefangen zu brainstormen, was wir bei der nächsten CD machen würden. Dann kommen jede Menge Ideen. Wir hören ja alle ständig Musik und tragen das dann in den Chat rein. Und dann hat die Johanna ein sehr gutes Gespür dafür, was man womit mixen kann. Bei der ersten CD war es uns wichtig, möglichst verschiedene Farben aufzunehmen, möglichst viele Facetten zu zeigen. Das längste Stück ist tatsächlich eine Originalkomposition, die sehr modern ist im Vergleich zu den anderen Sachen, die drauf sind. Wir haben eine Auftragskomposition an Fabio Devigli vergeben. Da haben wir uns gefragt, welche Farbe uns noch fehlt. Da sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es cool wäre, noch ein Minimal-Music-Stück drauf zu haben.
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Ihr spielt auch Beethoven, aber ganz anders als man das gewohnt ist. Wie kommt man auf sowas?
Isabel Goller: Das wäre jetzt eine Frage für die Johanna. Das war tatsächlich ihre Idee. Die sammelt auch immer schon lange und dann hat sie plötzlich eine Idee: Wir machen Beethoven, aber ganz anders! Schade, es war geplant, dass sie heute dabei sein würde, aber sie hatte leider eine OP, weil sie sich vier Stunden vor unserem letzten Konzert einen Finger gebrochen hat.
Wie ist das passiert?
Isabel Goller: Sie hat einen Zwergdackel und ist mit ihm Gassi gegangen. Irgendwann wollte er irgendwo hinrennen und sie hatte die Leine um den Finger gewickelt. Da ist es passiert. Man denkt sich: Wie geht das, es ist doch ein Zwergdackel? Aber Zwergdackel sind halt auch Jagdhunde.
Zurück zur Repertoiresuche. Das ist also ein ständiger Prozess des Austauschs?
Isabel Goller: Ja. Wenn man so ein Projekt hat, ist man ständig am Denken: Wie könnte man es noch spannender machen? Wie kann es noch irgendwie besonderer werden? Auch das Konzept mit den Farben: Dass wir das nicht nur musikalisch ein Konzept, sondern auch mit unseren Outfits durchziehen. Wir wollten einfach, dass es eine runde Sache wird.
Genau darauf wollte ich jetzt zu sprechen kommen. Dass das ein Gesamtkonzept ist, sieht man ja spätestens, wenn man sich eines eurer bunten Videos anschaut. Wieso ist euch das so wichtig?
Isabel Goller: Ich glaube, jeder nimmt Kunst immer mit allen Sinnen wahr, nicht nur mit den Ohren, sondern man ist ja auch im Konzert und sieht, riecht und fühlt. Ich bin auch sehr modeinteressiert, da lag es nahe, dass wir auch unsere Outfits dem Konzept anpassen. Wir haben eine extra WhatsApp-Gruppe für die Outfits, wo ich dann immer wieder alles reinstelle und sage, das wäre doch was für dich, oder?
Also du bist die Styling-Beauftragte?
Isabel Goller: (lacht) Ich bin die Styling-Beauftragte, genau. Aber ich muss auch dazu sagen: 90 Prozent unserer Outfits sind Secondhand. Also wir shoppen auf Vinted, einer Secondhand-App.
Der Name eures Trios, „Trianima“ spiegelt auch die Essenz eurer Musik wider. Jetzt sollte man meinen, dass Musik Selle hat, sei selbstverständlich. Ist es das oder muss man das „Seelenvolle“ extra betonen?
Isabel Goller: Der Name kam eigentlich daher, dass wir in der Namenssuche ein Wort finden wollten. Wir wollten nicht Trio bla bla bla heißen, weil uns das zu klassisch war. Dann haben wir einfach nach einem Wort als Bandnamen gesucht. Irgendwie sind wir dann auf dieses Wort gestoßen. Aber natürlich ist es wünschenswert, dass jeder mit Seele spielt. Wir geben dem halt auch den Namen.
Wo spielt ihr hauptsächlich? Im kameramusikalischen Kontext oder ist das sehr unterschiedlich?
Isabel Goller: Wir versuchen das gerade ein bisschen auszubauen. Wir haben neuerdings einen Booker an unserer Seite, der auch im Jazzbereich Kontakte hat. Bis jetzt waren wir doch eher im klassischen Bereich beheimatet, wobei wir das Projekt auch in ganz anderen Umfeldern sehen würden, weil wir doch sehr flexibel sind. Da arbeiten wir gerade dran, dass wir überall sichtbar werden.
Aus welchen Bereichen kommt ihr?
Isabel Goller: Wir kommen aus der Klassik, haben alle studiert, und deshalb haben wir alle drei dort auch unsere Kontakte zu Veranstaltern. Aber wir würden das wie gesagt gerne ein bisschen öffnen. Wir haben neulich auch in Luxemburg zum Beispiel für ein Musiktheater Musik gemacht. Ich glaube, dass wir eine Musik spielen, die auch zu anderen, nicht nur klassischen Veranstaltern, passt. Aber da müssen wir uns jetzt erst ein bisschen vorarbeiten, weil halt die Instrumente doch sehr klassisch sind.

Wie bist du zu deinem ungewöhnlichen Instrument gekommen?
Isabel Goller: Ich bin auf einem Bauernhof in Südtirol aufgewachsen. Da kamen einmal Gäste an, die eine Harfe im Kofferraum hatten. Die habe ich gesehen, mich verliebt und nicht mehr aufgehört davon zu reden, bis ich auch eine hatte.
Auf einem Bauernhof mit Harfe aufkreuzen? Wie kam es dazu?
Isabel Goller: Sie haben einfach die Harfe vom Sohn im Auto mitgenommen. Der musste anscheinend üben im Urlaub. Das war’s, ja. Und zum Glück war das dann in der örtlichen Musikschule im Angebot. So habe ich angefangen, ja. Ein guter Zufall. Meine Eltern haben überhaupt nichts mit Musik zu tun, deshalb bin ich die totale Exotin. Die wissen immer noch nicht, was ich eigentlich den ganzen Tag so mache.
Wo bist du in Südtirol aufgewachsen?
Isabel Goller: In Brixen.
Ihr habt ja überhaupt einen gewissen Tiroler Einschlag, oder?
Isabel Goller: Ja, Johanna kommt aus Westendorf in der Nähe von Kitzbühel und auch ich bin aus Tirol. Marilies hingegen ist Niederösterreicherin.
Dem Tiroler Einschlag verdankt sich auch die lustige Vermarktungsgeschichte mit dem „Knödelpackerl“, einem speziellen CD-Knödel-Package, nehme ich an?
Isabel Goller: Ja, genau. Ursprünglich wollten wir für die CD ein Crowdfunding machen, aber dann haben wir den Musikfonds bekommen. Wenn man sich überlegt, dass Klassik dort wahrscheinlich einen verhältnismäßig geringen Anteil ausmacht im Vergleich zu Pop, Rock und Jazz, dann ist die Wahrscheinlichkeit einmal nicht so groß, dass du das kriegst. Ein großes Glück also. Und da haben wir eben angefangen, Ideen zu sammeln, wie wir noch zusätzlich verkaufen könnten. Und das mit den Knödeln, das hatten wir schon bei einem Konzert, da war das echt der Running Gag. Knödel wurden verkauft ohne Ende.
Wie kam´s zur ursprünglichen Idee?
Isabel Goller: Die Johanna ist ein Wirtshauskind. Ihre Eltern haben auf dem Berg oben ein Gasthaus, und ihre Mama verpackt die Knödel luftsicher und versendet sie. Mittlerweile haben wir auch Ohrringe, die ich selber herstelle
Und wie gehen diese Produkte?
Isabel Goller: Super. Derzeit verkaufen wir fast so viele Ohrringe und Knödelpackerl wie Musik. Den Leuten taugt das. Sie können nach dem Konzert die CD kaufen und dann halt noch was zusätzlich mitnehmen, wenn sie wollen.
So wie Merch, T-Shirts etc.
Isabel Goller: Genau, ich frage mich ja sowieso, wieso das in der Klassik noch nicht so angekommen ist. Das ist in anderen Genres eine wirklich gute Einnahmequelle.
Du hast eingangs von der Selbstständigkeit im Musik-Business geredet. Wie empfindet ihr die? Schwierig? Leicht?
Isabel Goller: Das kann ich jetzt nur für mich persönlich beantworten, weil ich glaube, da hat jeder als Selbstständiger einen eigenen Weg. Ich baue mir mein künstlerisches Leben einfach auf sehr vielen verschiedenen Bausteinen zusammen.
Also beides wahrscheinlich, schwierig und leicht

Isabel Goller: Ja, beides wahrscheinlich. Ab und zu gibt es Baustellen, die man dann halt lösen muss. Für mich persönlich ist es einfach die Vielfalt der Tätigkeit, die mir Sicherheit und Ruhe gibt. Wenn eins gerade ein bisschen schwach ist, dann ist das andere lauter und so weiter. Aber da muss einfach jeder seinen eigenen Weg finden. Ich bin jetzt mittlerweile seit sechs Jahren auch im Management tätig: Ich habe ein Orchester gegründet, Südtirol Filarmonica heißt das. Da holen wir die ganzen Südtiroler Profimusiker einmal im Jahr nach Hause. Das ist auch ein Teil meiner künstlerischen Arbeit geworden. Für mich ist es, wie gesagt, einfach die Vielfalt an Sachen, die mir im Freischaffenden Ruhe gibt.
Lustig. Oft ist es doch genau umgekehrt: Dass einem die vielen Hochzeiten, auf denen man tanzt, irgendwann zu viel werden.
Isabel Goller: Das ist Typsache. Bei mir ist es so: Je mehr zu tun ist, desto besser, desto produktiver bin ich.
Das heißt, du bleibst voll entspannt, obwohl du so viele Baustellen hast?
Isabel Goller: Ja, je mehr desto lieber ist es mir.
Eine dieser Baustellen sind die bereits erwähnte Südtirol Filarmonica, für die ihr einmal im Jahr Südtiroler Musiker:innen nach Hause holt?
Isabel Goller: Genau, Südtirol ist ja so eine ländliche Region, die man, wenn man professionell klassische Musik machen will, irgendwann verlassen muss. Deshalb hatten wir die Idee, einfach weil es sehr, sehr viele und gute Musiker in den besten Orchestern von Berliner bis Wiener Philharmonikern gibt, daraus etwas zu machen. Wir fragten uns, wie es wäre, wenn wir ein Orchester aus Südtiroler:innen gründen und fingen an Leute zu suchen. Mittlerweile haben wir 380 Leute auf der Liste, die auf der ganzen Welt klassische Musik machen, von Florida bis Australien, alle Südtiroler:innen. Das ist wirklich beeindruckend gewesen. Und die holen wir jetzt eben schon zum sechsten Mal dieses Jahr nach Südtirol.
Wo genau ist das?
Isabel Goller: Wir proben in Toblach, da gibt es so ein schönes Kulturzentrum und dann gibt es drei Konzerte in Südtirol, in Toblach, Bozen und Meran und jetzt arbeiten wir gerade an einem Vierjahresprojekt. Wir waren letztes Jahr in Wien, vorletztes Jahr in München als viertes Konzert. Dieses Jahr sind wir in Mailand und nächstes Jahr in Zürich.
Vielleicht noch einmal zu den unterschiedlichen Komponisten, deren Werke ihr spielt. Brahms, Shostakovich und Beethoven liegen eher auf der Hand als Devigli. Wie kam es zu der Kooperation?
Isabel Goller: Johanna und Fabio kennen sich, glaube ich, auch aus dem Studium, und er hat schon mal für sie was gemacht. Und als ich meinte, uns fehlt noch irgendwie so ein bisschen Minimal Music, hat sie ihn ins Spiel gebracht und gemeint er könnte uns da was Cooles schreiben. Und das ist dann eben das Titelstück des Albums geworden. Cool war, dass er uns involviert hat. Er war sehr offen. Er ist selber ja Saxophonist, deswegen fiel es ihm sehr leicht, für Klarinette zu schreiben. Aber bei der Harfe wird es schwierig. Wir spielen ja nur mit acht, nicht mit zehn Fingern. Da muss man da die Stimme auch dementsprechend irgendwie anpassen. Gerade so bei Minimal Music, ist es so, dass, wenn du seitenlang das gleiche Ding spielst, das irgendwie gut liegen muss, sonst wird es unendlich mühsam.
Und jetzt habt ihr also eine Zwangspause. Das ist natürlich blöd, weil ihr das Album eigentlich promoten wolltet, nehme ich an.
Isabel Goller: Ja, aber nicht mehr lange. Für die nahen Konzerte haben wir Alternativdaten gefunden, und ab Juli versuchen wir wieder unterwegs zu sein, unter anderem in Salzburg bei den Festspielen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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