Bild Da Staummtisch
Da Staummtisch (c) Niko Havranek

„Wir wollen nicht die Austropopper sein, die in diesem Zirkus mitspielen.“ – DA STAUMMTISCH im mica-Interview

Vier Jahre nachdem die Linzer Rap-Partie DA STAUMMTISCH ihr sehr persönliches Album „El Dorado“ veröffentlichten, kommt mit „Zucker“ nun die Antithese dazu. Es wird dem Hedonismus, dem Müßiggang und der Völlerei Tribut gezollt und das über teils klassische BoomBap-Beats, wie man sie aus dem Linzer Tonträger-Records-Umfeld kennt, aber auch Experimentierfreudigeres bekommt man auf der neuen Platte zu hören. Welche Ereignisse in ihrem Leben dazu führten, ein so lebensbejahendes Album zu produzieren, wie sie die derzeitige Situation der Mundartmusik in Österreich sehen und warum das Thema Old- vs. New-School ein problematisches Thema ist , besprechen ROLEEE SOLO, FREISTIL, ANTRUE und DJ CONCEPT mit Benji Agostini im Interview.

Ihr lasst euch zwischen euren Alben immer recht viel Zeit, hat das pragmatische Gründe oder ist es wirklich, wie ihr auf einem eurer neuen Tracks sagt, dass ihr „auf den Cashflow scheißt”?

Antrue: 2016 kam „El Dorado“ raus, danach haben wir eigentlich gleich weitergemacht, dann kam das TTR Allstars-Album. So viel Zeit lag da also gar nicht dazwischen, weil wir 2018 etwas releast haben, nur unter einem anderen Namen. Außerdem haben wir einige Tracks verworfen, wir also neue Songs konzipiert haben. Wir sind auch keine Profi-Musiker und machen das rein als Hobby, das aber so professionell wie möglich gestalten wollen.

Roleee Solo: Im Prinzip ist es so, dass wir 40 Stunden arbeiten und trotzdem jeden Tag an Rap, Texte und Beats denken und versuchen, das Maximale aus unserer kurzen Freizeit herauszuholen. Und wie es Freistil schon sagt, steht für uns die Musik im Vordergrund und wir wollen uns nicht dafür verkaufen, größer oder poppiger zu werden, sondern wir wollen das machen, was uns gefällt.

Freistil: Sonst würde man sich so ein Projekt auch gar nicht antun. Außenstehende bekommen ja oft gar nicht mit, wie viel Aufwand hinter so etwas steht, wenn man keine Agenturen hat, die für einen die Promo-Arbeit machen.

„Ich glaube, es gibt wenige Bands, die so wenig Erfolg haben wie wir und so einen langen Bestand.“

Antrue: Wir haben schon Leute, die für uns arbeiten und unsere Musik wertschätzen, aber es sind nicht dieselben Dimensionen wie bei einem Majorlabel zum Beispiel. Es ist schon eine Menge an Idealismus dabei. Ich glaube, es gibt wenige Bands, die so wenig Erfolg haben wie wir und so einen langen Bestand. Uns gibt es seit über 15 Jahren und dafür braucht es Leidenschaft.

DJ Concept: Es ist trotzdem auch eine Verantwortung.

Wem gegenüber?

DJ Concept: Einem selber. Man tut sich ja selber auch nichts Gutes, wenn man etwas liefert, das für einen selber schwammig ist und natürlich für den Hörer auch. Wir wollen natürlich, dass die Hörerschaft auch zufrieden ist.

Antrue: Es ist ein Ansporn diese Geschichte am Leben zu halten. Es ist ein Ausgleich zur alltäglichen Welt. Ich finde nichts langweiliger als einen Typen, der 40 Stunden in die Arbeit geht und danach Netflix schaut und nichts zu sagen hat. Wir stellen die Antithese zum 0815-Bürger dar.

Bild Da Staummtisch
Da Staummtisch (c) Robert Maybach

Also ist es euch auch wichtig, eine Message zu verbreiten?

Antrue: Ja klar. Nicht jeder bei uns ist zwar mega politisch, aber was für uns immer wichtig ist, ist anti-rechts zu sein. Unser Studio heißt Karl-Marx-Studio.

DJ Concept: Das sagt eigentlich alles.

Antrue: Die Richtung stimmt.

Freistil: Man muss schon auch dazu sagen, dass wir mit unseren Themen nicht jemanden großartig beeinflussen wollen. Weil wir denen meistens Dinge erzählen, die er selber schon weiß. Aber vielleicht können wir einen anderen Blickwinkel geben. Zum Beispiel haben wir mit „Villa Vesuv” einen Lokalaugenschein im Rotlichtmilieu gegeben, in dem wir uns selber genau gar nicht auskennen, aber das ist vielleicht genau das Spannende.

Das Überthema zu eurem Album „Zucker” versteht sich im Sinne von Müßiggang, Völlerei und Genuss, ist das für euch ein Gegenpol zur Leistungsgesellschaft oder spiegelt das mehr eure derzeitige Lebenssituation wider?

DJ Concept: Es ist eine Balance zwischen Selbstironie und Realität. Manchmal formulieren wir das übertrieben, manchmal ist es persönlicher und manchmal wissen wir selber nicht von welcher Seite wir kommen.

„Was für die heutige Generation Gucci und Versace ist, ist für uns Trüffelpasta oder ein gutes Steak.“

Freistil: Rap orientiert sich derzeit inhaltlich sehr stark am Konsumwahn und da wir die absolute Antithese dazu sind, war es spannend für uns, das Thema Genuss und Lebensqualität in den Vordergrund zu stellen.

Antrue: Was für die heutige Generation Gucci und Versace ist, ist für uns Trüffelpasta oder ein gutes Steak. Es gibt ein Youtube-Kommentar zu „Bella Vita” in dem steht, dass das ja auch Luxusartikel seien. Und das stimmt auch, aber was ist wichtiger: Was du dir über deinen Körper umstülpst oder was du in deinen Körper reinfrisst?

DJ Concept: Ich glaube es ist auch Sarkasmus mit einem gewissen Augenzwinkern dabei. Wir ziehen uns auch selber durch den Kakao.

Freistil: Und „Zucker” ist auch die logische Weiterführung unserer Bandgeschichte. Wenn man sich unsere Albentitel ansieht, beschreibt das sehr gut, wie wir zu dem jeweiligen Zeitpunkt drauf waren. Irgendwann sind wir aus dem Battlerap rausgewachsen, weil andere Themen wichtiger wurden und auf „Rien Ne Va Plus” oder „Respekt” kamen bereits die ersten kritischen Nummern, in denen nicht nur die HipHop-Welt abgedeckt wurde, bis hin zu „El Dorado”, auf dem die eigene persönliche und musikalische Entwicklung von uns verarbeitet wurde. Diese anstrengende Reise ist jetzt für uns beendet, weil jeder bei uns im Leben angekommen ist und „Zucker” – wie man es im Dialekt oft verwendet – heißt in dem Sinn, dass es nicht viel besser werden kann.

Habt ihr euch beim Schreiben der Songs auch dementsprechend freier gefühlt?

Freistil: Absolut. Das Thema „Zucker” ist seit dem Anfang des Schreibprozesses im Raum gestanden und deswegen war klar, dass man den direkteren Drive heraushören soll. Es soll einen Session-Charakter haben, wie man es von Old-School-Sachen kennt.

In euren Texten geht es oft um Old-School gegen die Neue Schule. Warum ist euch wichtig, das zu betonen?

Freistil: Ich glaube, dass die Auslegung von alt gegen neu grundsätzlich ein riesiges Problem ist. Wenn man nach Amerika schaut, dann koexistieren die beiden Welten dort. Bei uns ja auch und ich glaube auch, dass es koexistieren kann. Im deutschen HipHop bildet sich fast schon ein Anti-Cloud-Rap-Trend und die Bands machen wieder Boom-Bap, weil der Markt irgendwann übersättigt ist. Aber was uns – und die ganze Tonträger-Crew – stört, ist die Attitude mancher Künstler, die massiv daneben ist. Es geht nicht um das Genre.

„Wenn ich jetzt Jugendlicher wäre, würde ich nicht HipHop machen.“

Antrue: Ich kann da nur Fatoni zitieren, der in einem Message-Interview gesagt hat, wäre er 15 Jahre alt, würde er sich alles andere als HipHop aussuchen. Sie verkörpere nicht, was er als Jugendlicher transportieren wollte. Wir haben damals HipHop aufgesaugt, weil wir Punks waren im weitesten Sinne. Wir wollten rebellieren, eine politische Message abliefern und für ein Understatement stehen. Das war damals Dendemann oder Blumentopf mit ihrer Anti-Hero-Haltung und mit der konnten wir uns identifizieren. Heute findest du das nicht mehr. Wenn ich jetzt Jugendlicher wäre, würde ich nicht HipHop machen. Ich würde zum Beispiel Voodoo Jürgens hören, der geile Bilder zeichnet und Dinge aufbringt, die interessant sind.

DJ Concept: Man muss aber auch aufpassen, wie man an dieses Thema herangeht. Es gibt auch Musik, die nichts aussagen muss, um gut zu sein. Für meine Begriffe muss Musik auf einer gewissen Struktur aufbauen und einen Wert vertreten. Es geht auch um das Alleinstellungsmerkmal, über das sehr wenige Künstler verfügen, auf dem sie aufbauen können.

Roleee Solo: Concept produziert ja zum Beispiel alles für den Average, der auch aus Linz kommt und der zum Beispiel mehr auf die Trap-Schiene gehen will. Das heißt, wir könnten auch so etwas produzieren, aber das heißt nicht, dass so etwas zum Staummtisch passen würde. Also nur weil ich etwas kann, muss ich es nicht unbedingt herzeigen.

DJ Concept: Es geht um eine Grundoffenheit. Wenn ich nur einen Weg gehe, dann wird es ja auch langweilig. Man will sich ja entwickeln und eine Challenge haben. Rapper probieren ja auch andere Flowtechniken aus oder konzentrieren sich auf verschiedene Ästhetiken in der Reimbildung. Und genau so gehe ich verschiedene Wege beim Produzieren.

„Als wir den “DFN”-Beat zum ersten Mal gehört haben, wussten wir, dass der am ehesten die Wut und Energie, die wir in unseren Texten unterbringen wollen, unterstützen kann.“

Auf „DFN”, der von Sepalot produziert wurde, klingt ihr zum Beispiel ganz untypisch für euch. Habt ihr beim Schreiben mehr mit solchen für euch untypischen Beats experimentiert?

Freistil: Bei uns gibt es eine Klassik-Fraktion und eine etwas experimentierfreudigere, aber genau das ist eine geile Mischung. Als wir den „DFN”-Beat zum ersten Mal gehört haben, wussten wir, dass der am ehesten die Wut und Energie, die wir in unseren Texten unterbringen wollen, unterstützen kann. Also hat der Beat perfekt auf ein Thema gepasst, das wir sowieso angehen wollten.

DJ Concept: Wir machen nicht absichtlich keinen neuen Sound, sondern wenn wir einen coolen Beat kriegen und der den Leuten gefällt, dann machen wir den Track. Wir hatten zum Beispiel eine Nummer, die nicht so in die „Zucker”-Richtung ging und deswegen auch liegen gelassen haben.

Roleee Solo: Ich denke, dass DJ Concept unter den Top-Drei Produzenten in Österreich ist und jede Richtung im HipHop produzieren kann. Wir müssen nur schauen, auf was wir gerade Lust haben.

Freistil: Wir sind da sehr demokratisch und schauen, dass es für alle vertretbar ist.

Stand zum Beispiel auch zur Debatte, einen Trap-Beat zu verwenden?

Roleee Solo: „Sta am Schädl” geht zum Beispiel in die Richtung. Anfangs hatte ich 808’s eingebaut, aber ich habe gemerkt, dass es mir einfach nicht gefiel. Ich habe daraufhin einen Freund angerufen, um den Bass einzuspielen, damit es eben nicht mehr nach Trap klingt. Uns ist wichtig, dass wir wissen, dass wir es können, wir aber unseren eigenen Flavor machen, der zu uns passt.

Auf „Zucker” habt ihr wieder mehr samplebasiert gearbeitet, nachdem „El Dorado” mehr auf Live-Instrumente aufbaute. Gab es dafür einen ausschlaggebenden Grund?

DJ Concept: Das „El Dorado”-Thema wollte ich mit vielen Instrumenten verbinden, aber es ist trotzdem immer die Samplebasis da. Auf „Zucker” war der Vorgang wieder etwas klassischer. Die Samples brauchten nur noch unterstützende Elemente wie den Bass.

Bild Da Staummtisch
Da Staummtisch (c) Niko Havranek

Freistil: Es ist reduzierter und das ist dem geschuldet, dass „El Dorado” in Wahrheit die Vertonung eines Kurzfilmes war. Alles war viel konzeptioneller und dabei ging es darum mit den Instrumenten eine gewisse Atmosphäre zu erzeugen. Ich meine damit nicht unbedingt die Melodien, sondern mehr Hintergrundatmosphäre. Auf Zucker wurden Instrumente mehr verwendet um die Beats zu pointieren.

DJ Concept: Mit „El Dorado” wollten wir uns selbst beweisen, in welche Richtung wir noch gehen können und was wir uns trauen können.

Roleee Solo: „Zucker” war für uns auch der Startpunkt um zu sagen, es ist uns scheißegal, was wir machen, so lange es fett ist und wir es feiern.

Antrue: Es waren auch persönliche Gründe ausschlaggebend. Vor „El Dorado” haben wir sechs Jahre lang keinen Tonträger releast. Roleee hatte eine massive, persönliche Krise, Freistil brachte auch nicht viele Kilo auf die Waage. Das war für uns eine persönliche Aufarbeitung. Und jetzt läuft es und darum ist das Thema von „Zucker” die Leichtigkeit.

DJ Concept: „El Dorado” war eine Selbstfindungsphase, in der wir in der Luft hingen.

Roleee Solo: Und die ist abgeschlossen!

„Wir versuchen Wörter, die durch den Wiener-Bobo-Einheitsbrei total in Vergessenheit geraten sind, wieder hervorzubringen.“

Wie seht ihr derzeit den Status von Dialektmusik in Österreich?

Antrue: Wir sind alles andere als Traditionalisten, aber was ich schon sehr interessant finde, ist eine Sprache aufrecht zu erhalten. Voodoo Jürgens kramt zum Beispiel alte Wörter hervor, die ich zum letzten Mal 1993 gehört habe. Und wir versuchen Wörter, die durch den Wiener-Bobo-Einheitsbrei total in Vergessenheit geraten sind, wieder hervorzubringen.

Freistil: Das Wichtige an dem Ganzen ist, dass die Sprache dann leiwand transportiert wird, wenn sie als Werkzeug verwendet wird und nicht künstlich der Dialekt als Stilmittel einen großen Stellenwert einnimmt. Als Markante Handlungen ihr Album „Vollendete Tatsachen“ herausgebracht haben, gab es natürlich einen großen Hype darum und der hat uns mitgenommen. Aber wir hatten immer schon humorvolle Texte und der Schmäh hat dafür im Dialekt besser für uns gepasst. Texte auf Hochdeutsch zu schreiben, hat sich für uns unnatürlich angefühlt. Und wenn man den Dialekt als Werkzeug verwendet, tut man der Sprache auch einen Gefallen. Ab dem Zeitpunkt, an dem man ihn überinszeniert, wird es dann meistens peinlich. Und wenn jetzt Pizzera und Jaus oder Seiler und Speer Hallen füllen, dann gab es da eine Lücke an Austropop, die gefüllt werden will. Mittlerweile ist es egal, welches Genre man damit bedient. Sobald man Mundarttexte verwendet, ist man Austropop. Und wenn wir einen größeren Bekanntheitsgrad hätten, wären wir die, die aus der HipHop-Ecke kommen. Nur fahren wir trotzdem die Ellbogen aus und wollen nicht die Austropopper sein, die in diesem Zirkus mitspielen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Benji Agostini

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Da Staummtisch live
25.01. Chelsea Wien
07.03. Musik Kulturclub, Lembach
25.04. Noppen Air, Neußerling

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Links:
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