„Wir treiben etwas auf die Spitze, damit es durch diese Übertreibung Witz und etwas Absurdes kriegt“ – MARCUS HEIDER (LOVE GOD CHAOS) im mica-Interview

Im Herbst 2017 hat die steirische Band LOVE GOD CHAOS ihr zweites Album „Die Unmöglichkeit des Nichtscheiterns“ (Engine Records) veröffentlicht. Jürgen Plank sprach mit Sänger und Songschreiber MARCUS HEIDER über die Albumpräsentation in Graz und ergründete, warum die Band ein Faible für DAVID BOWIE, den Mars und den Weltraumhund Laika hat.

Die neue CD beginnt mit dem Lied „Alles Cellophan“, was ist Ihre Idee dahinter? 

Marcus Heider: Die Idee dahinter ist eigentlich eine schräge Fantasie, was es denn bedeuten würde, wenn ausschließlich das Künstliche, das Plastik, das um uns herum ist, da wäre. Bei „Alles Cellophan“ war auch der Charme des Wortes „Cellophan“ dafür verantwortlich, dass wir diesen Titel so auf das Album genommen haben. Es geht um eine Welt der Verpackung.

Wodurch alles unzugänglich und unwirklich wird?

Marcus Heider: Tatsächlich. Man kennt das, man braucht nur in einen Supermarkt zu gehen und sieht plötzlich, dass einzelne Obststücke extra verpackt sind. Das stand dahinter. Was unseren Songs schon eigen ist, ist die Übertreibung. Wir treiben etwas auf die Spitze, damit es durch diese Übertreibung Witz und etwas Absurdes kriegt. Vieles entsteht aus der Beobachtung und aus tatsächlich Erlebtem, aber letztendlich führen die Sachen immer darüber hinaus.

Mir erschien auch speziell, dass Sie in den Texten zum Teil Englisch und Deutsch bzw. Deutsch und Spanisch mischen. Warum machen Sie das? 

Marcus Heider: So etwas entsteht einfach. Auch aus dem Charme heraus, den die Sprache in diesem Moment hat. Ich bin als Autor wie viele andere durch englischsprachige Rockmusik geprägt, ich habe auch in Bands gespielt, in denen wir ausschließlich Englisch gesungen haben. Für mich war der entscheidende Schritt, dass ich einfach die volle Kontrolle über die Sprache wollte. Durch Selig merkte ich, dass Rockmusik auch mit deutschen Texten funktioniert. Manche Dinge entwickeln aber in einer anderen Sprache einen ganz eigenen Zauber.

Andererseits haben Sie am Album eine Coverversion von „Helden“, einer ursprünglich englischsprachigen Nummer, die von David Bowie auch auf Deutsch gesungen wurde. 

Marcus Heider: „Helden“ ist ein Song, zu dem ich einen starken Bezug habe. Als ich zum ersten Mal 1985 in Berlin war, hat mich das sehr beeindruckt. Die Mauer stand noch und das war bizarr und kurios. Als David Bowie 2003 in der Stadthalle gespielt hat, ist meine Begleiterin bei diesem Song kollabiert und ich habe sie hinausgetragen. Zum anderen ist der Song toll und so lag es auf der Hand, das zu machen.

„Helden“ wurde vom Rolling Stone in die Liste der 500 besten Lieder aller Zeiten aufgenommen.

Marcus Heider: Ich kenne die Geschichte zur Übersetzung von „Helden“ ein wenig. Antonia Maaß hat lange dafür gebraucht, weil sie so lange an dem Text herumbiegen musste, bis der deutsche Text einigermaßen mundgerecht für Bowie war. Antonia Maaß war eine Vielgescholtene, man hat ihr vorgeworfen, den Song kaputt gemacht zu haben. Das stimmt aber natürlich nicht, der Text hat eine ganz eigene Poesie, etwas Kurioses und Eigenständiges. Für uns war es schön zu merken, wie das Lied auch entschleunigt wirkt.

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„Wir haben ‚Helden’ am Todestag von David Bowie aufgenommen.“

Gibt es noch eine Verbindung zu Bowie? 

Marcus Heider: Wir haben „Helden“ am Todestag von David Bowie aufgenommen. Das wussten wir allerdings in dem Moment noch nicht. Wir haben das am nächsten Tag erfahren, als wir wieder ins Studio gegangen sind, dass er eben am Vortag verstorben ist, an dem wir „Helden“ aufgenommen haben.

Was kann Sie zu einem Lied inspirieren?

Marcus Heider: „Eskalation, bitte“ ist tatsächlich ein Originalzitat von einem meiner Facebook-Freunde. Der hat das als Statusmeldung geschrieben und das war Grund genug dafür, dass sich im Kopf etwas bewegt. Er weiß gar nicht, was er da angestupst hat. Solche kleinen Dinge reichen oft schon aus, damit dann daraus etwas entsteht. Es gibt Kleinigkeiten, die im richtigen Moment etwas anstoßen.

Ein Lied befasst sich mit der Hündin Laika, die 1957 als erstes Lebewesen im Weltraum war. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Marcus Heider: In meiner Kindheit war der Osten hinter dem Eisernen Vorhang überhaupt kein Thema. Erst durch meine Partnerin bin ich darauf gekommen, dass es den Osten auch gibt. Ich habe dann ihre Urlaubsalben mit Bildern aus Aserbaidschan und Kirgistan gesehen, eine völlig andere Welt. Und dadurch ist die Auseinandersetzung mit dem entstanden, was im Osten liegt, deswegen gibt es auch ein Lied wie „Ostgold“ auf dem Album und deswegen auch der Song „Laika“. Wir haben in der Band eine nette Tradition an Weltraumsongs. Irgendwann bin ich über das Thema Laika gestolpert und habe mir gedacht, dass es kein Song über Laika sein soll, sondern es soll so sein, dass Laika über sich selbst singt.

Der Topos „Weltall“ zieht sich durch das Album, auch David Bowie, den ihr covert, hat in diese Richtung getextet. Was macht die Faszination des Weltalls für Sie aus?

Marcus Heider: Ich glaube, das ist eine kindliche, naive Begeisterung, die noch aus dieser Zeit kommt, in der man das Gefühl hat, man möchte irgendwann Raumfahrer werden möchte. Ich habe einen großen Hang zum Mond, ich mag den Mars. Aber da muss ich dazu sagen, dass das romantisch codierte Leidenschaften sind. Das kommt aus einer unerklärlichen Sehnsucht heraus. Für das Video zum Lied „Ausgerechnet in Cottbus“ haben wir eine Rakete gebaut, das Lied erzählt die Geschichte von zwei Astronauten, die in Cottbus gestrandet sind. 

Love God Chaos (c) una.knipsolina

Schauen wir ein wenig auf die Bandgeschichte. Welche Konzerte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Marcus Heider: Das sind zwei Konzerte aus dem Jahr 2017. Zum einen unsere Albumpräsentation, denn in einem Album steckt auch immer viel Arbeit drinnen. Dementsprechend möchte man es auch angemessen präsentieren. Wir hatten Sorgen, dass wir im Rahmen des Festivals Styrian Sounds im ppc in Graz gegen den Headliner Olympique auf der großen Bühne den Kürzeren ziehen. Letztendlich war der Laden voll und wurde immer voller und die Begeisterung war groß und so haben wir das gut in Erinnerung. Und Anfang des Jahres hatten wir auch ein Konzert, zu dem immer mehr Menschen gekommen sind. Es war eine schöne Erfahrung, den Laden zu füllen. Unsere neuen Lieder haben offensichtlich mehr Dringlichkeit und das kommt live ganz gut.

„Wir schauen einfach, dass wir in Bewegung bleiben. Das heißt, dass wir als Band einmal im Jahr ins Studio gehen und aufnehmen.“

Wie hat sich die Band aus Ihrer Sicht entwickelt?

Marcus Heider: Ich finde es sehr schön, dass wir mit dem zweiten Album einen neuen Rhythmus gefunden haben. Wir schauen einfach, dass wir in Bewegung bleiben. Das heißt, dass wir als Band einmal im Jahr ins Studio gehen und aufnehmen. Wir arbeiten gar nicht mehr von Album zu Album, mit den Pausen, die dann auch notwendig sind, sondern sind in einem dauernden Aufnahmeprozess. Das inkludiert natürlich auch die Vorbereitungen auf die Aufnahmen und dann das Aufnehmen selbst. Im Anschluss daran finden die Overdubs statt. Wir merken, dass uns dieser Prozess einfach guttut, weil wir einfach frisch bleiben. Wir sind mit dem Ergebnis des zweiten Albums extrem glücklich. Wir arbeiten mit Fabio Schurischuster zusammen, der auch Son Of The Velvet Rat und The Base aufnimmt und der mag unsere Sachen und wir mögen einander. Wir haben das Gefühl, dass wir genau den richtigen Partner gefunden haben.

Wenn Sie an die Zukunft denken: Wo würden Sie gerne mit Love God Chaos spielen?

Marcus Heider: Dort, wo es uns hinzieht. Wir würden gerne mehr in Deutschland spielen Wir haben bisher zweimal in Deutschland gespielt, einmal in Thüringen und einmal in Hannover, und das waren schöne Erfahrungen. Das ist natürlich logistisch nicht so einfach, wie zu einem Club in der Umgebung zu fahren, sein Zeug aufzubauen und dort zu spielen.

Vielleicht spielen Sie mal ein Konzert in Cottbus?

Marcus Heider: Das haben wir probiert, bis jetzt aber noch nicht geschafft. Cottbus wird sträflich unterschätzt. Man kann sich dort schon ganz wohlfühlen, das ist diese Spreewald-Gegend, die ist schon ganz nett.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Love God Chaos live
5.1.2018 Glam, Feldbach
2.3.2018 Dachbodentheater, Bruck/Mur
9.3.2018 Explosiv, Graz

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