Wiener Festwochen: „Lulu“ von Alban Berg in der kompletten Fassung von Friedrich Cerha (11., 14., 18. Juni, Theater an der Wien)

Alban Berg hat mit „Lulu“, an der er von 1928 bis zu seinem Tod 1935 gearbeitet hat, die erste dodekaphonische Oper der Musikgeschichte geschaffen. Teilweise nicht zu Ende instrumentiert, wurde die Partitur des 3. Aktes von Friedrich Cerha in den 60-er und 70-er Jahren vollendet. Die Inszenierung von Peter Stein, bereits nach der Premiere in Lyon als kongeniale Umsetzung bejubelt, ist nun als Wiederaufnahme dreimal im Theater an der Wien zu sehen. Cerhas Komplettierung setzte sich in der Zwischenzeit international auf der ganzen Linie durch.   
 
Das komplette Werk gelangte am 24. Februar 1979 in einer Inszenierung des „Jahrhundertring“-Teams Pierre Boulez (Dirigent) & Patrice Chéreau (Regie) in der  Pariser Opéra Garnier zur Uraufführung. Zeitweise wurde aber – auch in Wien ab 2000 – fälschlich auch später wieder ab und zu die zweiaktige Fassung gespielt. Über die Eigenarten und (authentischen) Inszenierungs-Anweisungen der Szenen im Paris-Bild,  in denen viel „durcheinander“ gesungen wird („Rharbaba“), erfahren Sie nicht zuletzt durch die Lektüre des mica-Interviews mit Friedrich und Gertraud Cerha. Cerha selbst hat die geleistete Arbeit übrigens selbst für die Universal Edition akribisch schriftlich dokumentiert.

Nach Bergs Tod war es zuvor (ab 1953) Praxis geworden, dem zweiten Akt eine mit Bergs letzten beiden „Symphonischen Stücken aus Lulu“ unterlegte Pantomime folgen zu lassen. Friedrich Cerha beschäftigte sich seit den 1960er Jahren im Auftrag der Universal Edition, die in den Aufführungen des Torsos stets nur eine Notlösung gesehen hatte, mit der Herstellung des 3. Aktes nach dem im Particell vorhandenem Material Alban Bergs. Zwei Jahre nach dem Tod der Witwe Helene Berg, die eine Vervollständigung von „Lulu“ aus eher privaten Gründen immer verhindern wollte, nachdem sie zunächst Arnold Schönberg, Anton Webern und Alexander von Zemlinsky für eine Vollendung des Werks vergeblich zu gewinnen suchte, wurde Cerhas Arbeit 1977 der Öffentlichkeit präsentiert. Der Komponist Pierre Boulez, der erste Dirigent von „Lulu“, war von Beginn an der Auffassung, dass das von Berg ästhetisch und kompositorisch sorgfältig konzipierte Prinzip des gleichschenkeligen Dreiecks, das Lulus Auf- und Abstieg beschreibt, erst jetzt in der komplettierten Fassung Cerhas gewahrt sei.

Berg griff auf Frank Wedekinds Tragödien „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ zurück. Die Figur der Lulu, das „schöne, wilde Tier“, der alle verfallen und die zur „Allzerstörerin wurde, weil sie von allen zerstört wird“ (Karl Kraus), steht im Mittelpunkt der beiden Tragödien, die Berg zu drei Akten umarbeitete, wobei er den Wortlaut des Autors fast unverändert ließ. „Lulu“ beschreibt den sozialen Aufstieg einer jungen Frau, bis zur Ermordung desjenigen, den sie am meisten geliebt hat, sowie im Anschluss daran ihren Fall, bis sie schließlich als Prostituierte endet und von ihrem letzten Liebhaber ermordet wird.  Die Personenkonstellation in der Oper ist symmetrisch angelegt. Auf die ersten drei Liebhaber und Ehemänner – der Arzt, der Maler und Dr. Schön – folgen drei Kunden – der Professor (≈ Arzt), der Neger (≈ Maler) sowie als letzter Kunde Jack the Ripper (≈ Dr. Schön). Im Umfeld von Lulu leiden und sterben die Männer sowie auch eine lesbische Gräfin, welche ihrem Charme erliegt, sich sogar für sie ins Krankenhaus legt und ihre Krankheit holt und am Schluss von Lulus Mörder ebenfalls ermordet wird.

Einige Pressestimmen über Peter Steins „Lulu“-Umsetzung  

Peter Stein, unter den großen Regisseuren des Theaters seit Jahrzehnten vielleicht der beste, ist heuer der unbestrittene Star der Wiener Festwochen. Seine meisterhafte und durchaus kongeniale italienischsprachige (!) Adaption von Dostojewskis „Die Dämonen“ in einem zwölfstündigen „Theater-Marathon, der 2009 in San Pancrazio (Umbrien) zum ersten Mal aufgeführt wurde, war im Museumsquartier soeben dreimal zu erleben und befindet sich auf einer Welttournee durch 12 Theaterschauplätze. Neben diesem gigantischen Projekt inszeniert Peter Stein im Sommer bei den Salzburger Festspielen „Ödipus auf Kolonos“ mit Klaus Maria Brandauer.

Der 1937 geborene maßgebliche Mitbegründer der Schaubühne Berlin sagte über seine Lulu-Inszenierung kürzlich in einem Interview mit einer Wiener Tageszeitung: „In Lulu geht es um Liebe, Sex und Tod, die viel miteinander zu tun haben … sie ist unglaublich verführerisch … Ich würde ihr auch verfallen.“ Scherz beiseite – das schrieb die FAZ über die Premiere in Lyon: „Steins Lulu-Darstellung besticht durch die Genauigkeit der Personenzeichnungen. Seine Inszenierung akzentuiert den historischen Hintergrund des Stoffes und gewinnt dadurch eine hohe psychologische Plausibilität und Authenzität: ‚Lulu’ als Panorama einer bestimmten Zeit.“

Weitere Pressestimmen über die bisherigen Aufführungen in Lyon: „Statt Lulu als männermordendes Flittchen zu zeigen, zeichnet die Aufführung in Lyon ein komplexes Psychogramm der Titelfigur, das auch die Gesellschaft entlarvt. Frei von verschwitzter Altherrenerotik holt Regisseur Peter Stein die Geschichte ins Hier und Jetzt, ohne die Figuren durch allzu konkrete Vergegenwärtigung kleinzumachen.“ (Deutschlandradio 2009).

Peter Hagmann schrieb im April 2009 nach der Lyoner „Lulu“ in der Neuen Zürcher Zeitung über den Regisseur: „Eines der Kernstücke des musiktheatralischen Aufbruchs in Lyon bildet die regelmäßige Präsenz des Regisseurs Peter Stein. Mit ‚Pelléas et Mélisande’ von Debussy hatte es 2004 angefangen. Es folgten Verdis ‚Falstaff’ im selben Jahr und dann, in jährlichem Abstand ab 2006, die Tschaikowsky-Trilogie mit ‚Mazeppa’, ‚Eugen Onegin’ und ‚Pique Dame’, die durch die Mitwirkung des jungen Dirigenten Kirill Petrenko zusätzliches Profil erhalten hat. Und jetzt also ‚Lulu’ von Alban Berg (…)

Über Steins Lulu-Umsetzung: „Allein schon die Räume und die Gewandungen: Sie nehmen die Sinnlichkeit auf, welche die Partitur Bergs in ihrer geschmeidigen Zwölftönigkeit ausprägt, und setzen die akustischen Eindrücke stimmig ins Optische um. Das Maleratelier mit seinem wandhohen, schrägen Fenster, der Salon von Doktor Schön mit seiner Freitreppe und dem Mobiliar im Stil der emphatischen Moderne, der ganz in Rot gehaltene Festsaal für das Pariser Bild des dritten Aktes – lauter Theaterträume. Wie etwa auch die weiße Robe der Lulu, auf der gierige Hände in Schwarz nach ihrem Körper greifen, oder der blendend geschnittene, in einer Art Lachsrosa gehaltene Anzug des Bankiers, der zu Beginn des dritten Akts mit seinen Jungfrau-Aktien handelt.
 
Ein dezenter Schuss Überzeichnung sorgt für Würze – und das durchaus zu Recht, das Stück ist ja, wie der Prolog zu erkennen gibt, als Revue im Zirkus angelegt. Der Medizinalrat, der zu Beginn in einem der kürzesten Auftritte der Operngeschichte einem polternden Herzschlag erliegt, ist ein Schrank von Mann, und später gibt derselbe Darsteller, nämlich Robert Wörle, den grotesk aufgeplusterten Mädchenhändler, der mit seinem kahlen weißen Schädel und dem verzerrten roten Mund geradewegs dem Gruselkabinett von George Grosz entstammen könnte. Auch der alte Schigolch mit seinem Schlapphut und dem pfeifenden Atem trägt Züge der Karikatur, aber Franz Mazura, der schon 1979 bei der von Pierre Boulez geleiteten Pariser Uraufführung der vervollständigten ‚Lulu’ mit von der Partie war, ist noch erstaunlich bei Stimme.
 
Gehören solche Figuren zu der freilich mit aller Liebe ausgestalteten Staffage, so leben die zentralen Gestalten von der handwerklichen Meisterschaft des Regisseurs. Ganz unaufgeregt erzählt Peter Stein die fatale, immer wieder letale Geschichte, die Frank Wedekind erfunden und Alban Berg kongenial verdichtet hat. Laura Aikin ist eine unglaublich verführerische Lulu, weitaus gefährlicher als in der Zürcher Produktion von Jens-Daniel Herzog, und sie singt mit kernigen wie mit samtenen Farben. Zum Opfer fallen ihr ein Maler (Roman Sadnik), ein Zeitungsbesitzer (Stephen West als Doktor Schön), mittelbar auch ein Sohn (Thomas Piffka als Alwa Schön) – und alle, auch die Geschwitz von Hedwig Fassbender, sind außerordentlich charakteristisch gezeichnete, von Leben pulsierende Erscheinungen.“

Und Wilhelm Sinkovics („Die Presse“) schrieb: „Voran die Titelheldin der Laura Aikin brilliert als Femme fatale wider Willen. Akustische wie optische Koketterien serviert sie mit Unschuldsmiene und hat weder mit den Koloraturen noch mit der tiefen Lage entscheidender Passagen Mühe. Ihr Sopran scheint für die Partie ideal entwickelt. Hedwig Fassbender als Geschwitz, Stephen West als Dr. Schön, Paul Gay als Dompteur/Athlet und Robert Wörle in etlichen kurzen, doch dramaturgisch entscheidenden Kleinstrollen agieren und singen untadelig. Franz Mazuras Schigolch wandert als geradezu mythische Figur durch die Zeiten – beeindruckend, nicht nur, weil der Sänger jüngst auf der Bühne seinen Fünfundachtziger feierte. Die beiden Tenöre jedoch, Roman Sadnik als Maler und vor allem Thomas Piffka als Alwa, beweisen auf in diesem Zusammenhang ungewohnt virtuose und sichere Weise, wie konsequent Bergs Musik aus der musikalischen Romantik herauswächst: Da werden Kantilenen, weite melodische Bögen gesungen, nicht einzelne Töne.“

Man darf sich also freuen, das hier jetzt sehen und hören zu können. Unten noch die gleich gebliebene Wiener Besetzung. Und noch eine Lulu-Meldung zum „Drüberstreuen“: Der italienische Stardirigent Claudio Abbado wagt sich wieder an eine Oper. Im Interview mit dem Musikmagazin “Classical Voice” kündigte Abbado an, dass er Alban Bergs Oper “Lulu” dirigieren werde. Er hoffe, für das Projekt den österreichischen Regisseur Michael Haneke zu gewinnen, sagte Abbado. Das wurde im Jänner 2010 gemeldet (hr).

Lulu:
Musikalische Leitung / Daniele Gatti
Inszenierung / Peter Stein
WIEDERAUFNAHME / Jean-Romain Vesperini
Bühne / Ferdinand Wögerbauer
Kostüme / Moidele Bickel
Licht / Duane Schuler
Mit Laura Aikin, Claudia Nicole Bandera, Pervin Chakar, Magdalena Anna Hofmann, Valdis Jansons, Bertram Klamp, Franz Mazura, Natascha Petrinsky, Thomas Piffka, Johann-Werner Prein, Rudolf Rosen, Roman Sadnik, Romina Tomasoni, Stephen West, Robert Wörle
Bühnenorchester der Wiener Staatsoper
Orchester / Mahler Chamber Orchestra
11., 14., 18. Juni, 19 Uhr / Einführung (jeweils 18 Uhr)

http://www.festwochen.at/index.php?id=77