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Waves Vienna Conference 2019: Agent of Change

Wo neue Häuser gebaut werden, ziehen neue Nachbarn ein. Wenn alte Konzerthallen nebenan stehen, sind Konflikte vorprogrammiert. Das müsste so nicht sein.

Wien hinkt. Beim Wohnungsbau sieht die halbe Welt zwar neidisch nach Wien. Wenn Wohnungen entstehen, wird in einigen Metropolen der Welt schon auf ein Prinzip gebaut, das neue Nachbarinnen und Nachbarn daran hindert, alte Kulturangebote zu verdrängen. London kannte das Problem nur zu gut. Dort schlossen reihenweise Locations, in denen lokale Musikszenen gewachsen waren. Eine Eingreiftruppe untersuchte, warum das so war. Sie kamen zum Schluss, dass hohe Mietpreise, hohe Grundsteuern, hohe Auflagen und nicht zuletzt eine mangelhafte Stadtplanung daran schuld waren. Also änderte Bürgermeister Sadiq Khan, was er ändern konnte, nämlich erst einmal die Stadtplanung. Wann immer nahe kleiner Musik-Locations gebaut wurde, mussten die Bauträger einen strengen Schallschutz einhalten. Das leise Sterben hat seither aufgehört. London mache das so, New York, San Francisco, Manchester, Mumbai oder auch das australische Victoria, erzählte Alan Miller von der Londoner Night Time Industries Association. Das Prinzip heißt „Agent of Change“. Wien hinkt. Österreich hinkt sowieso. Und fairerweise muss man sagen, dass sich die Idee im deutschen Sprachraum erst herumspricht.

Waves Vienna Conference, Panel “Agent of Change”, Peter Dobcak, Alan D Miller (c) Manuel Fronhofer

Martina Brunner redet sehr oft davon. Sie setzt sich mit dem Verein „N8BM“ lautstark dafür ein, dass die Clubkultur in der Bundeshauptstadt mehr Beachtung findet. Ihre Bachelorarbeit hat sie darüber verfasst, sie hat kürzlich eine Petition eingebracht und fordert mit zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützern eine Service- und Anlaufstelle für Wien. Dafür trifft sie Verantwortliche aus Parteien, Kammern und Agenturen, sie organisiert Panels und bringt Expertinnen und Experten nach Wien. So auch am ersten Tag des Festivals Waves Vienna. Im Wiener WUK saßen besagter Alan Miller, Peter Dobcak (Wirtschaftskammer), Lucas Knoflach (Sound Diplomacy) und Astrid Exner vom WUK vor vollem Haus. „850.000 Euro haben allein die neue Notbeleuchtung und die Sanierung der elektrischen Anlagen gekostet“, erzählte sie von den täglichen Sorgen eines Werkstätten- und Kulturhauses, das mehr als hundertsechzig Jahre alt ist. „Wir haben einen sehr guten Schallschutz. Die Leute im Hof sind üblicherweise kein Problem. Aber manchmal doch. Deshalb haben alle Nachbarinnen und Nachbarn unsere Kontaktdaten. Viele sind eigentlich stolz, hier in der Nähe zu wohnen.” Kürzlich aber sei in der Nähe ein Dachgeschoss ausgebaut worden, seither würden Beschwerden eintrudeln.

Das Problem innerstädtischer Verdrängung war in Wien sehr lange keines. Schließlich schrumpfte Wien, seit die Donaumonarchie auseinandergebrochen war. In den Siebzigern konnten Arena, WUK und Amerlinghaus relativ leicht besetzt werden, die Mieten waren im Keller, es gab reichlich Platz. Das hat sich geändert. Wien wächst nach oben und jenseits der Donau, auch in der Nähe der Arena wird gebaut, alte Brachen werden geräumt, zuletzt das Areal um die Nordbahnhalle. Diese wurde zwischengenutzt, nachher riefen einige SOS, man müsse dieses Projekt doch erhalten. In solche Rufe mischen sich häufig Beschwerden von Anrainerinnen und Anrainern. Solche Konflikte können auch etablierte Orte treffen, sie beschäftigen dann nicht nur die Locations, sondern Politik, Verwaltung und natürlich die Nachbarinnen und Nachbarn. Entgegenkommen gibt es üblicherweise umso mehr, je unverzichtbarer sich eine Location gemacht hat. „Agent of Change“ bietet hingegen eine langfristige Lösung unabhängig von Vitamin B.

Waves Vienna Conference, Panel “Agent of Change”, Astrid Exner, Peter Dobcak, Alan D Miller, Lucas Knoflach (c) Manuel Fronhofer

„Selbst wenn man nicht im selben Gebäude wohnt, ist ‚Agent of Change‘ eine großartige Neuigkeit“, erzählt Alan Miller. „Wo es gilt, gehen die Beschwerden zurück.” Miller räumt dabei ein, dass es zusätzliche Maßnahmen braucht, man müsse alle zusammenbringen, Polizei, Öffis, Politik und natürlich auch Nachbarinnen und Nachbarn, man müsse auf alle zugehen, sie einbinden, positive Storys zum Nachtleben liefern, um die Haltung zu diesen Orten zu ändern. „Ich liebe das Konzept von ‚Agent of Change‘“, meinte Peter Dobcak von der Wirtschaftskammer gleich zu Beginn der Diskussion. Er sieht mit dem Rauchverbot viele Anrufe auf die Stadt zukommen, manche Lokale würden wohl schließen müssen, glaubt er. Ihm würden deshalb begrenzte Gebiete in der Stadt vorschweben, in denen Lärm akzeptiert werde, während in anderen die übliche Nachtruhe gelten solle. Selbst 24-Stunden-Lizenzen kann er sich vorstellen.

„Agent of Change“ ist sicher kein Allheilmittel. In Wien hätte es bei Problemen nur teilweise gegriffen. Als etwa eine Rooftop-Bar im Hochhaus in der Wiener Herrengasse heuer vorzeitig schließen musste, hätte man dort für eine Betriebsanlagengenehmigung mit entsprechendem Schallschutz sorgen müssen. Immerhin war die Bar neu im Haus. Das Sub in der Storkgasse feierte Partys in bestehender Substanz und musste dementsprechend schnell wieder schließen. Auch am Donaukanal sind die Wege von Bässen unergründlich. Adria, Grelle Forelle und Strandbar Herrmann mussten das leidvoll erfahren und ihre Freiluftbereiche befrieden. Das Argument, dass täglich Tausende Autos über die Donaulände donnern, griff bisher nicht. Und dann gibt es auf der anderen Seite Orte wie den Volksgarten Pavillon. Seit unzähligen Sommern wird dort aufgelegt. Heuer im Herbst beschränkte das Magistrat dann die Lautstärke aufs Niveau einer Fahrradklingel. Ein einziger Nachbar war schuld, die Zukunft ist ungewiss.

„Ihr müsst mit dem Argument überzeugen, dass es in einer Stadt Gegenden braucht, in denen eine 24-Stunden-Ökonomie arbeitet“, gab Alan Miller den Anwesenden mit. „Ihr müsst kämpfen und Leute überzeugen.” Und im Raum war eine Stimmung, man wollte fast glauben, dass dies gemeinsam möglich ist.

Stefan Niederwieser

Links:
Waves Vienna
N8BM – Nachbürgermeister Wien
Agent of Change