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„Über die Synthese von Technologie und Körper kann nicht genug geforscht werden […]“ – MONSTERFRAU im mica-Interview

Das eigene Selbst vollständig als digitales Ich in eine Cloud hochladen? Sich bei Bedarf mittels 3-D-Drucker einen neuen Körper ausdrucken? Das ewige Leben im digitalen Paradies? Die Performance-Künstlerin LENA WICKE-AENGENHEYSTER alias MONSTERFRAU und der englische Techno-Musiker SIMON CARTER alias CRYSTAL DISTORTION erzählen die Geschichte des Technologieunternehmens „Cloud9“ und der gesellschaftlichen Folgen seiner neuesten Entwicklung „SoulScan“. „TEK MATER (Season 1)“ ist eine Science-Fiction-Techno-Oper, die am 17. November 2017 in Kooperation mit dem Wiener BRUT in der GRELLEN FORELLE uraufgeführt wird. „TEK MATER“ spielt in unserer unmittelbaren Zukunft und basiert auf den Recherchen des amerikanischen Wissenschaftlers RAY KURZWEIL und dem Prinzip der technischen Singularität. Die an Blockbuster erinnernde Figurenkonstellation wird mithilfe musikalischer Motive verkörpert, das Sounddesign sorgt mithilfe eines Sensorenkostüms für besondere Effekte und die visuelle Ebene hat THOMAS AUBIN als Assoziationsraum der virtuellen Welt gestaltet. Wie ein solches Sensorenkostüm funktioniert, warum das Projekt in einem Club-Kontext stattfindet und die Oper doch noch nicht tot ist, erläuterte LENA WICKE-AENGENHEYSTER im Gespräch mit Julia Philomena. 

Wie kam es zur Kooperation mit Simon Carter und in weiterer Folge zur Projekt-Idee?

Lena Wicke-Aengenheyster: Im Februar 2014 haben Simon und ich gemeinsam auf Einladung von Margita Weiler in der Embobineuse Marseille gespielt. Das war ein großes EU-Projekt, eine große Jamsession, bei der wir einander zum ersten Mal begegnet sind. Wir hatten im Zuge unserer Performance auf Anhieb fulminante Momente der Kommunikation. Am nächsten Tag hat mich Simon am Arm gepackt und gesagt: „Du kommst jetzt mit mir mit!“ Wir sind mit kleinen Synthesizern auf den Felsen gesessen, haben aufs Meer geschaut und den ganzen Tag Musik gespielt. Danach war klar, dass wir etwas zusammen machen wollten, weil wir einander gefunden hatten.

Wie sah die Zusammenarbeit in weiterer Folge aus?

Lena Wicke-Aengenheyster: Wir haben uns immer wieder in unterschiedlichsten Kontexten getroffen, gemeinsam gespielt und begonnen, eigene Sets für die Auftritte zu bauen. Meistens waren das fünf intensive Tage am Stück, in denen wir bis zum Auftritt durchgehend gearbeitet haben. Ende 2015 war für mich klar, dass ich mit Simon eine große Show aufziehen möchte. Ich habe mich damals von meinem Synthesizer-Suit verabschiedet und mich mit Bewegungssensoren auseinandergesetzt. Uns wurde in Marseille die tolle Theaterbühne des Espace Julien zur Verfügung gestellt, wo wir unsere neuen Tracks ausprobiert und erweitert haben. Im Zuge dessen sind die ersten Ideen zu „TEK MATER“ entstanden. Wir haben ausufernde Diskussionen geführt, viele Filme geschaut – wie zum Beispiel „Blade Runner“ –, Dokumentationen zum Thema künstliche Intelligenz oder den Animationsfilm „Robots“. Die Geschichte hat sich über ein bis zwei Jahre durch unsere Gespräche, durch unsere Konfrontation herauskristallisiert.

Simon lebte bis vor Kurzem mit dem Kollektiv SP23 in Marseille, mittlerweile wohnt er in Berlin. Welche Vorteile, aber auch welche Schwierigkeiten bringt die geografische Distanz in der künstlerischen Verwirklichung mit sich?

Lena Wicke-Aengenheyster: Als ich in Marseille war, haben wir so fokussiert und enthusiastisch gearbeitet, dass ich von der Stadt gar nichts gesehen habe. Wenn es sich zeitlich ausgegangen ist, zumindest einmal kurz an die Küste zu fahren, dann war ich schon happy. Wir haben jede Sekunde damit verbracht, das Projekt inhaltlich weiterzubringen, beim Abwaschen, Wäscheaufhängen etc., weil wir uns dann im Studio auf Sound, Mastering etc. konzentrieren mussten.

Inhaltlich stehen die Recherchen des amerikanischen Wissenschaftlers Ray Kurzweil gemeinsam mit dem Prinzip der technischen Singularität im Vordergrund.

Lena Wicke-Aengenheyster: Mich hat die Frage beschäftigt, wie man geistige Inhalte digitalisieren und hochladen kann. Dazu gibt es einige Ansätze, Forschungsgruppen und Bücher, durch die ich mich in der letzten Zeit fast manisch gelesen habe. Theorien von Ray Kurzweil sind mir immer nur en passant untergekommen, haben mich aber nicht primär gefesselt. Simon hingegen beschäftigt sich schon ewig mit diesem Feld. Kurzweil ist ein starker Input geworden, weil er für Simon immer ein wichtiger Ausgangspunkt gewesen ist – und somit auch für unsere Storyline.

„Die ursprüngliche Überlegung zu ‚TEK MATER‘ war, die Erde Erde sein zu lassen, sie als Mensch zu verlassen, um ihre Regeneration zu ermöglichen.“

Inwiefern hat sich durch die Arbeit Ihre Haltung gegenüber modernen Technologien verändert?

Lena Wicke-Aengenheyster: Meine affektive und sehr technologieaffine Haltung ist immer „Geil, geil, geil“ gewesen. Über die Synthese von Technologie und Körper kann nicht genug geforscht werden, das ist mein größtes Interesse in der Kunst. Wie oft ist die Welt in Gefahr, weil der Mensch Maschinen baut, über die er die Kontrolle verliert? Mich haben diese Haltung, dieser Diskurs so genervt. Ich finde die Aspekte der Grenzen spannender: An welchem Punkt setzt bei einem Wesen das Bewusstsein ein?

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Die ursprüngliche Überlegung zu „TEK MATER“ war, die Erde Erde sein zu lassen, sie als Mensch zu verlassen, um ihre Regeneration zu ermöglichen. In der Zwischenzeit laden sich die Menschen in das digitale Paradies hoch. Und wenn es dem Planeten wieder gut geht, kommen sie zurück. Zu diesem Plot ist der Gedanke von bösen Machteinflüssen hinzugekommen. Was passiert, wenn die befreite, „saubere“ Erde für große Mächte zu einer Möglichkeit wird, ein eigenes Reich aufzubauen, in dem nervige Punks, Demonstrantinnen und Demonstranten, Intellektuelle etc. nicht vorkommen? Der wesentliche Shift war für uns, den interessanten Zeitpunkt zu finden, an dem sich diese Gruppen trotz aller Schwierigkeiten ihren Weg zurück zur Erde bahnen. Im Rahmen des diesjährigen Arena-Festivals haben wir dieses Gedankenkonstrukt weitergesponnen und sind zur Erkenntnis gekommen, dass es natürlich auch wahnsinnig verantwortungslos ist, als Mensch die Erde zu verlassen, die sich dem Schicksal beugen muss. Ich bin dahin, mir geht’s gut in der Cloud und das, was mit der Erde passiert, tangiert mich nicht mehr.

Wie wurden dann in weiterer Folge die Figuren kreiert?

Lena Wicke-Aengenheyster: Wichtig sind jene Figuren, die – beeinflusst von Macht und Geld – die Technologien der „Cloud9“ missbrauchen, die vereinzelte, auf der Erde zurückbleibende Menschen versklaven. Auf der anderen Seite gibt es die Charaktere, die das Paradies aus moralischen Gründen verlassen, um ihre Liebsten auf der Erde nicht im Stich zu lassen. Uns war wichtig, Themen wie Migration und Emigration abstrahiert einfließen zu lassen. Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer haben sich in ihrer körperlichen Funktion verändert, finden sich auf der Erde nicht mehr zurecht, werden nicht wiedererkannt, sind zu fremden Wesen geworden, vor denen die eigene Familie Angst hat.

Ist neben den vielen anderen Ängsten unserer Zeit die Angst vor dem Kontrollverlust zur größten Sorge geworden?

Lena Wicke-Aengenheyster: Mein Synthesizer-Suit, mit dem ich jahrelang auf der Bühne gestanden bin, war analog. Vor ein, zwei Jahren habe ich in Tschechien mit Simon eine dreistündige Performance gespielt, danach war mein Suit im Prinzip kaputt. Ich wollte mir das nicht eingestehen, habe noch zwei Konzerte damit gespielt, davor versucht, alles zu flicken, was möglich war. Ich hatte einen wahnsinnigen Stress, habe vor den Auftritten hundertmal nervös kontrolliert, ob alles funktioniert. Beim ersten Auftritt gab es minimale Schwierigkeiten, beim zweiten Auftritt in Lyon ist dann allerdings bereits nach der zweiten Nummer der gesamte Suit ausgefallen. Wenn man sich mit so einem Anzug auf die Bühne wagt, dann kann man davon ausgehen, dass das Publikum sehen möchte, dass er funktioniert [lacht]. Ich habe das damals versucht zu retten, indem ich alle Sounds mit meiner Stimme produziert habe. Das sind Momente, in denen man zwar die komplette Kontrolle verliert, gleichzeitig aber die Möglichkeit bekommt, etwas Neues zu erschaffen und ein Abenteuer einzugehen. Man verlässt seine Komfortzone, lässt sich ein auf das Unbekannte, schwebt in absoluter Unsicherheit, kann anderseits aber nur so auf neue Ebenen stoßen.

„Die Gesellschaft ist ein Testgelände und die Annahme, es gäbe einen Ort der absoluten Sicherheit, ist Utopie.“

Welche Sicherheit kann das digitale Zeitalter bieten?

Lena Wicke-Aengenheyster: Unsere Protagonistinnen und Protagonisten, die unsere Erde verlassen, sich in die „Cloud9“ befördern, sich auf „SoulScan“ etc. einlassen, suchen keine Sicherheit. Sie suchen vielleicht das ewige Leben, aber in erster Linie das Risiko. Das sind die Mutigen, die Liebhaberinnen und Liebhaber der Gefahr. Wir wissen alle, wie das ist. Wenn Samsung ein neues Handy auf den Markt bringt, das laut PR-Agentur das beste, sicherste, innovativste Gerät der Geschichte sein soll, geht es am nächsten Tag in Flammen auf und bringt den ersten Käufer um. Was passiert da eigentlich? Die Gesellschaft ist ein Testgelände und die Annahme, es gäbe einen Ort der absoluten Sicherheit, ist Utopie. Das Problem sind dabei nicht die technischen Entwicklungen selbst, sondern die Menschen mit ihren Instrumentalisierungen. Es gibt keine Zeit für Sicherheit. Produkte sind erhältlich, noch bevor sie entwickelt wurden.

Wie kann man sich die szenische Umsetzung ihres Großprojekts vorstellen, das laut Eigendefinition eine Blockbusterstruktur hat?

Lena Wicke-Aengenheyster: Unser großartiger Undercover-Regisseur hatte die Idee der Untertitel, wie sie zum Beispiel auch in der Staatsoper verwendet werden. Die gesamte Geschichte vermittelt sich also zum einen durch eine schriftliche Erzählinstanz, zum anderen stark durch das Sounddesign. Ähnlich wie beim Hörspiel oder am Grünen Hügel von Richard Wagner trägt jede Figur ein musikalisches Motiv, das am Anfang der Show vorgestellt wird.

Zusätzlich gibt es das Sensorenkostüm. Wie funktioniert das?

Lena Wicke-Aengenheyster: Mein Sensorenkostüm liest die x-, y- und z-Achse aus. Es hat also die gleiche Art von Sensorensystem wie ein Handy. Ich habe auf meinem Anzug insgesamt fünf Sensoren: einen Sensor am Kopf, einen auf der Brust, einen am Becken, einen auf der linken Hand und einen auf der rechten. Auf meinem Rücken ist eine Hauptplatine, auf der sich ein Programm befindet, das meine Bewegungen ausliest und die Daten an meinen Computer sendet. Auf meinem Computer befindet sich eine Software, die ich vorweg programmiert habe und die die Daten dementsprechend akustisch verarbeitet. Ich kenne meinen Körper sehr gut, weiß also ganz genau, welche künstlerischen Konsequenzen meine Bewegungen haben. Die Musik selbst ist vorpräpariert. Meine Handlung beeinflusst ihre Effekte, ihren Klang.

Bild (c) © Min@nie 2017

Wie viel Improvisationsraum gibt es?

Lena Wicke-Aengenheyster: Es gibt einige Teile, die sind gründlich durchgetaktet, beispielsweise die Dialogszenen. Da stehen außerdem Text und Stimme im Vordergrund. Bei der Partyszene dagegen wird das Sensorenkostüm aktiviert. Wäre es die ganze Zeit aufgedreht, wäre die Situation unkontrollierbar [lacht].

Gab es bei „TEK MATER“ ein generelles musikalisches Leitmotiv? Und verbindet Sie mit Simon Carter ein grundlegender musikalischer Background?

Lena Wicke-Aengenheyster: Simon und mich vereint das Interesse für Distorsion. Eine verzerrte Sinusquelle zum Beispiel. Ich bin gelernte Geigerin und Simon ist ein toller Pianist. Der klassische Bezug ist für uns beide wichtig, kommt uns hinsichtlich der Perfektion auch sicher zugute. „TEK MATER“ war für Simon, der sich in erster Linie dem harten Techno widmet, eine gute Möglichkeit, mehrere Klangwelten zu vereinen. Natürlich klingen unsere beiden Genres immer wieder durch, aber das Ziel war, musikalische Szenen zu bauen, vielseitige Stimmungen zu kreieren, die nicht durchgehend Kickdrums oder Streicher brauchen.

Welches Erlebnis wollen Sie dem Publikum ermöglichen?

Lena Wicke-Aengenheyster: Das Erleben einer zeitgemäßen Oper, die Raum für zeitgemäße Reaktionen wie ausgelassenes Tanzen bietet, gleichzeitig aber einer Konzentration bedarf, um der Geschichte überhaupt folgen zu können. Wir wussten lange nicht, wo wir das aufführen sollen. An der Oper gibt es das technische Equipment nicht, am Theater ist nur klassisches Rezipieren im Sitzen möglich. Das brut lässt seine Spielstätte ja gerade umbauen und hat uns gefragt, welchen Ort wir für geeignet halten. Ich denke, die Grelle Forelle ist das.

Wurde im Vorfeld schon in einem Club-Kontext geprobt?

Lena Wicke-Aengenheyster: Im Rahmen der moe-Himmelfahrt wurden Simon und ich eingeladen, ein 30-minütiges Preview von „TEK MATER“ vorzustellen. Das war kein klassischer Club-Kontext, aber ein schöner, offener Rahmen, in dem jahrelang ineinanderfließende Kunstformen möglich waren. Die Performance war zwar sehr chaotisch, wir konnten die Texte noch nicht auswendig und es gab wenig Zeit für einen Soundcheck, weil an dem Abend zwölf Acts gespielt haben. Aber Simon und ich haben gemerkt, dass „TEK MATER“ als Konzept super funktioniert und unsere Technik absolute Genauigkeit erfordert. Wir sind beide so verknallt in die Technologie, dass unsere Faszination gepaart mit verantwortungsvollem Umgang im Vordergrund steht. Abgesehen davon: Nichts ist ungefährlich.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

Monsterfrau & Crystal Distortion: Tek Mater
17.11.2017, 22 Uhr
Grelle Forelle
Spittelauer Lände 12
1090 Wien

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