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Testkonzerte machen Hoffnung

Jüngste Berichte von Testkonzerten in Europa geben einen neuen Hoffnungsschimmer für den Sommer 2021 und die Zeit danach. Vielleicht können doch vereinzelte Konzerte und Raves unter freiem Himmel stattfinden, vielleicht darf dieses Jahr doch noch mit Freunden und Unbekannten gemeinsam getanzt werden. Allerdings liegt die Betonung auf “vielleicht”.

Ausschlaggebend sind für diesen Hoffnungsschimmer vorwiegend die Testkonzerte in Barcelona, den Niederlanden und Liverpool. Während Barcelona schon im vergangenen Jahr mit einem ersten Testkonzert vorwiegend positive Ergebnisse, nämlich keine einzige Ansteckung nach einem Indoor Konzert, präsentieren konnte, legten die Niederlande und Liverpool dieses Jahr nach. Und auch in Barcelona fand erneut ein Testkonzert – dieses Mal in einem weit größeren Rahmen – statt.

Barcelona – zwei Testkonzerte, keine Übertragung

Spanien war von den Zahlen im vergangenen Jahr her eines des am schwersten von Corona betroffenen Länder. Es herrschte ein mehrmonatiger harter Lockdown, der das öffentliche Leben sehr stark einschränkte. An Konzerte oder ähnliche Veranstaltungen war nicht zu denken. Dennoch wagte man sich in Barcelona im Dezember des vergangenen Jahres an ein erstes Testkonzert heran, das quasi unter Aufsicht Aufschluss darüber geben sollte, ob es mit einem geeigneten Sicherheits- und Testkonzept möglich ist, eine Weitergabe des Virus bzw. eine Clusterbildung zu vermeiden. Zugelassen waren zu diesem Konzert um die 1000 Besucherinnen und Besucher. Das Ergebnis war erfreulich. Es gab keine positiven Corona-Testergebnisse.

Am 27. März 2021 folgte ein weiteres Testkonzert (es spielte die Indierock-Band Love of Lesbian). Dieses Mal in einem weitaus größeren Umfang und klarerweise unter strengen Auflagen. Der in normalen Zeiten für 24.000 Besucherinnen und Besucher ausgelegte Palau Sant Jordi durfte für rund 5.000 Gäste geöffnet werden. Die Besucherinnen und Besucher hatten zudem einen negativen Corona-Antigen-Test vorzuweisen und mussten FFP2-Masken tragen. Darüber hinaus wurde von den Veranstaltern in der Halle eine leistungsfähige Lüftungsanlage eingebaut.

Das Ergebnis auch dieses Testkonzerts darf als Erfolg gewertet werden, denn laut spanischen Gesundheitsbehörden gab es auch zwei Wochen nach dem Event nachweislich keine Anhaltpunkte, dass es zu einer Übertragung des Coronavirus während dieses gekommen ist. Es sind in den darauffolgenden zwei Wochen zwar sechs Menschen positiv auf das Virus getestet worden, nur ist man sich sicher, dass die Übertragung nicht während des Konzerts geschehen ist. Es muss auch dazu gesagt werden, dass nicht nachverfolgt wurde, wie viele Besucherinnen und Besucher sich in den zwei Wochen nach dem Konzert testen ließen.

Niederlande – 80 Testkonzerte in neun Tagen

Die Niederlande sind bekannt als das Land mit den meisten Dance Events pro Jahr. Dementsprechend hoch sind die kulturellen sowie wirtschaftlichen Verluste durch Covid-19 und Lockdowns. Umso dringender wird in den Niederlanden auch nach Lösungen gesucht. Ein wichtiger und notwendiger Ansatz bestand im Veranstalten von 80 Testkonzerten innerhalb von 9 Tagen, die im gesamten Land stattgefunden haben. Diese umfassten im Schnitt zwischen 50 – 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vereinzelt gab es aber auch welche mit bis zu über 1.500 gleichzeitig teilnehmenden Besucherinnen und Besucher. Die Konzerte werden von der Initiative Fieldlab – Events durchgeführt. Während die Gesamtergebnisse bei Redaktionsschluss sich in der Auswertung befinden, gab es bereits im Vorfeld zwei Pilotprojekte in den Niederlanden, auf welche wir etwas genauer eingehen wollen.

Testkonzert am 5. März im Ziggo Dome in Amsterdam

Beim ersten sogenannten Testkonzert in den Niederlanden nahmen rund 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teil. Diese wurde in mehrere “Bubbles” unterteilt, welche jeweils 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer umfasste, die unterschiedliche Maßnahme berücksichtigen mussten. Während die eine Bubble mit zwei Meter Abstand und MNS tanzen durften, durfte die nächste bereits mit drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer pro Quadratmeter und MNS tanzen. Eine andere Bubble wiederum hatte gar kein Mindestabstand, bei der nächsten musste nur MNS getragen werden, sobald der Platz verlassen durfte. Zu guter Letzt gab es eine kleine Bubble von 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die gar keine Maßnahmen einhalten mussten.

Alle Bubbles hatten aber auch gemeinsame Vorgaben, wie unter anderem elektronische Sensoren, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer um den Hals tragen mussten. Dieser zeichnete die Bewegungsabläufe und die Kontaktpersonen auf. Außerdem mussten negative PCR Corona – Tests, die nicht älter als 48 Stunden waren, am Eingang präsentiert werden. Fünf Tage nach dem Konzert musste alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich einem weiteren Corona – Test unterziehen, damit festgestellt werden konnte, ob es zu einer Ansteckung oder, schlimmer noch, zu einer Clusterbildung kam. Vulnerable Gruppen waren und sind auch weiterhin von diesen Testkonzerten ausgeschlossen.

Die Inzidenz lag zu dem Zeitpunkt des Konzerts im Ziggo Dome um 190 bei 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Während auch hier die finalen Ergebnisse noch präsentiert werden sollten, schienen erste Ergebnisse vielversprechend zu sein, denn immerhin kam es Ende März mit jeweils 1.500 gleichzeitigen Gästen über zwei Tage zu einem Testfestival, diesmal allerdings unter freiem Himmel.

In Biddinghuizen durften am Lowland Festivalgelände Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter ähnlichen Konditionen tanzen, wie schon zuvor im Ziggo Dome. Diesmal allerdings ohne Bubbles, ohne Mindestabstand und ohne Masken. Negative Testergebnisse sowie die Sensoren um den Hals und eine Zustimmung zum erneuten Testen fünf Tage nach dem Event waren wieder Voraussetzungen für die Teilnahme am Festival.

Wenn auch die Ergebnisse noch nicht endgültig präsentiert wurden, können dennoch einige Erkenntnisse festgehalten werden. Fünf Tage nach den Events wurden nur sechs positive Corona Tests verzeichnet werden, wovon vier sich angeblich erst nach den Testkonzerten infiziert hatten und bei zwei die Ansteckungsursache noch unklar ist. Diese Zahlen machen Mut.

Dennoch und wenig verwunderlich, für Menschen die im Nachtleben, auf Konzerten oder in der Clubkultur arbeiten, die Eigenverantwortung reicht immer nur bis zu einem gewissen Moment. Wenn sie anfängt zu kippen, dann kippt sie schnell. Bereits im Ziggo Dome standen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwar noch brav mit Maske in der Schlange, einmal drinnen war die Maske laut Augenzeugenberichten dann aber, unabhängig der Bubble, schnell vergessen. Eigenverantwortung und die Mischung von Exzess und Rausch gehen halt nicht gut zusammen.

Testrave in Liverpool

Daher wurde in Liverpool bei einem Testrave von Vorneherein auf das Tragen von MNS verzichtet. Nachdem in den Niederlanden eher Konzerte stattfanden kam es in Liverpool Anfang Mai zu zwei echten Raves mit jeweils 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ohne MNS, ohne Mindestabstand. Der Fokus bei den Testraves lag auf der Altersgruppe der 18 – 20jährigen. Ein schönes Zeichen, da viele junge Menschen seit dem Erreichen der Volljährigkeit noch nicht einmal die Möglichkeit hatten legal zu feiern. Diesmal durfte das Testergebnis vor der Teilnahme nicht älter als 24 Stunden sein und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten sich fünf Tage nach dem Pilotprojekt erneut testen lassen. Bisher gibt es auch hier noch keine endgültigen Ergebnisse, allerdings auch keine Meldungen von Ansteckungen oder Clusterbildungen.

Es sollte aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass in Großbritannien eine deutliche höhere Impfrate als in den EU-Ländern zu verzeichnen und somit auch die Inzidenz seit Wochen am Fallen ist. Aktuell liegt diese bei 23,5 Neuinfektionen pro 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Im Vergleich, Österreich liegt mit Stand 12.05 bei einer Inzidenz von 86, welche mit Abstand die niedrigste seit Sommer 2020 ist.

Ein kurzes Gespräch mit Ramon de Lima, Nachtbürgermeister in Amsterdam, zeigt im Umkehrschluss auch die Schwächen dieser Test Events, besonders wenn es um das Nachtleben geht. Laut seinen Aussagen werden die Testkonzerte nämlich wenig Einfluss auf das Nachtleben haben und drehen sich eher um Veranstaltungen tagsüber sowie Sportveranstaltungen. Das Nachtleben wird hier wenig berücksichtigt, da bisher nur ein einziger Testrave im Club „The Shelter“ in Nordamsterdam am Wochenende vom 22. Mai geplant ist. Auch die diesbezüglichen internationalen Ergebnisse aus Liverpool und Barcelona würden von der Regierung ignoriert werden.

Kritisch sieht er auch die Ergebnisse, da diese wenig zu Clusterbildungen aussagen und bezeichnet die Testevents als „smoke curtains“ der Regierung, der die eigentlichen Probleme rund um das Impfprogramm verschleiern soll. Auch bei der Finanzierung dieser Testevents mit einem Gesamtvolumen von einer Milliarde Euro gibt es seiner Ansicht nach Probleme. Diese wurde an nur ein einziges Unternehmen ausgezahlt, welches bei den Ausgaben intransparent arbeitet. Das Geld hätte die Regierung eher für eine Beschleunigung des Impfprogramms ausgeben sollen, damit es schneller zu einer wirklichen Öffnung des gesellschaftlichen Lebens kommt, anstatt nur verschiedene Teilbereiche zu priorisieren.

Abschließend kann auch ohne endgültige Ergebnisse festgehalten werden, dass mit verpflichtenden Eintrittstests Konzerte, Raves und Festivals möglich sein können, auch ohne überzogene Sicherheitsmaßnahmen. Allerdings haben die Pilotprojekte auch bewiesen, dass die Eigenverantwortung der Gäste kein Garant für sicheres Feiern in Zeiten von Pandemien ist.

Dieser Faktor ist auch nicht zu ignorieren. Festivalgelände mussten in den letzten Jahren verstärkte Sicherheitsmaßnahmen treffen, da sonst zu viele Menschen ohne gültige Eintrittskarte versucht haben, auf das Gelände zu gelangen. Das Fusion Festival musste zum Beispiel erst vor ein paar Jahren einen doppelten Natozaun einziehen, um den “kostenlosen” Zutritt zu erschweren, nachdem im Jahr davor mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher ohne zu zahlen auf das Gelände gelangten. Auch bei Clubs müssen Türsteherinnen und Türsteher oft viel Geduld und Verhandlungsgeschick beweisen, wenn sie potentiellen Besucherinnen und Besucher den Eintritt verweigern oder erklären müssen, wieso sie trotz Selbstüberschätzung nicht auf der Gästeliste stehen.

Daher ist auch die Frage legitim, wie lange es dauert bis Besucherinnen und Besucher Möglichkeiten finden, Testergebnisse zu fälschen oder sich gleich ohne Testergebnis Eintritt zum Gelände zu verschaffen. Es gilt also ein vorsichtiges Abwägen zwischen aktueller Inzidenz, Impfrate, Eigenverantwortung und dem legitimen Bedürfnis nach kulturellen und sozialen Ereignissen. Die Testkonzerte sind ein richtiger und wichtiger Weg, allerdings werden sie auch erst dann wirklich aussagekräftig, wenn es zu einer mehrfachen Ansteckung oder eine Clusterbildung kommen sollte. Erst dann wird klar, ob Contact Tracing und anschließende Maßnahmen auch wirklich greifen und wie sicher solche Großveranstaltungen in Zeiten von Covid-19 wirklich sind.

Laurent Koepp, Michael Ternai