Als Ende 2023 das Jazzorchester Vorarlberg (JOV) das Gemeinschaftswerk „Sonus Variegata“ von Martin Eberle und Benny Omerzell am Dornbirner Spielboden präsentierte, zeigte sich auch Sebastian Hazod, der damalige Geschäftsführer des Symphonieorchesters Vorarlberg (SOV), begeistert. Bereits im Jahr 2017 hatten das SOV und das JOV erfolgreich zusammengearbeitet und eine Komposition von Hermann Ortler zur Aufführung gebracht. Nun erhielten der Trompeter Martin Eberle und der Pianist Benny Omerzell den Auftrag, einen Schritt weiterzugehen. Für beide Orchester schaffen sie das speziell zugeschnittene, abendfüllende Werk „Insomniac Dreams“.

Ein gemeinsames Fest zum 20-Jahr-Jubiläum
Für ihn sei es eine besondere Ehre und Freude, betont Martin Eberle. Während seiner Studienzeit am Vorarlberger Landeskonservatorium und viele Jahre darüber hinaus habe er selbst im SOV als Trompeter mitgewirkt. „Das JOV wiederum habe ich vor 20 Jahren gegründet. Jetzt die Möglichkeit zu bekommen, für beide Klangkörper zu schreiben, ist für mich etwas ganz Besonderes. Nicht zuletzt ist es auch ein wunderschöner Rahmen, das 20-Jahr-Jubiläum des JOV so zu feiern.“
Zwischen den Zeiten
Der Titel „Insomniac Dreams“ (Schlaflose Träume) bezieht sich nicht auf die gleichnamigen Traumtagebücher des Schriftstellers Vladimir Nabokov und dessen Reflexionen über die Zeitwahrnehmung. Vielmehr kam die Idee durch eigene Erfahrungen. Oft habe er die stillen Stunden der Nacht genutzt, um Skizzen und musikalische Motive festzuhalten und sich auf Konzertreisen vom schlaflosen Zustand im Nightliner inspirieren lassen, erzählt Martin Eberle. „Ich kenne diesen Zustand gut. Es ist fantastisch, absurd, schön, erschreckend und irritierend, was in Träumen passiert – da sprudeln die Ideen.“ Dieser Ansatz fügte sich auch bestens in Benny Omerzells musikalische Fantasie, „weil die Welt der Träume, aber auch der Zustand der Schlaflosigkeit, hervorragend zu meinen damaligen Ideen und Klangvorstellungen gepasst haben.“
Zahlreiche kompositorische Erfahrungen gesammelt
Beide Musiker waren in den vergangenen Jahren verstärkt kompositorisch tätig. Ein neues Werk für Jugendorchester mit integrierter Big Band sowie weitere Arrangements, unter anderem für Soap&Skin schuf Martin Eberle. Seit 2020 widmet sich Benny Omerzell vermehrt dem Komponieren. Seither sind mehrere Soundtracks für Ton- und Theaterperformances sowie ein Werk für das Ensemble Plus entstanden. Dabei sammelte er auch wertvolle Erfahrungen mit Streicherklängen. Anleihen findet Benny Omerzell auch bei der Band Radiohead, die ihn in seiner eigenen Arbeit inspiriert. „Die dunkle, oft melancholische, aber dennoch hoffnungsvolle Grundstimmung, die ihre Musik erzeugt, suche ich auch in meiner eigenen“, erklärt er.
Gemeinsame Sache
Im klassischen Kontext ist es eher unüblich, dass zwei Komponierende ein gemeinschaftliches Werk schreiben. Im Jazz hingegen ist dies gängige Praxis. Eine gemeinsame musikalische Sprache verbindet Martin Eberle und Benny Omerzell seit vielen Jahren, denn sie wirken seit langem in Bands und Projekten wie Kompost 3, 5K HD und natürlich im Jazzorchester Vorarlberg zusammen.
Gemeinsam haben sie bereits das Werk „Sonus Variegata“ geschaffen und das Werk kürzlich auf dem gleichnamigen Album präsentiert. Für beide sei es das erste Mal, ihre eigene Musik in einen so großen Rahmen mit vielen Klangmöglichkeiten zu setzen, freut sich Martin Eberle. „Das ist eine Herausforderung, aber auch eine wunderschöne Aufgabe und Chance.“


Große Klanglandschaften durch instrumentale Vielfalt
„Insomniac Dreams“ wird auch Improvisationen beinhalten. Sowohl Martin Eberle als auch Benny Omerzell und weitere JOV-Musiker treten mit eigenen Soli in den Klangvordergrund. „Grundsätzlich soll es aber ein großer, homogener Klangkörper sein“, betont Martin Eberle. Auch die Aufstellung der beiden Orchester wird entsprechend gestaltet, sodass beide Klangkörper verschmelzen und als Einheit agieren.
Die Streicher:innen, Holzblasinstrumente sowie drei Schlagwerke mit Stabspielen, Perkussion und Pauke des Symphonieorchesters werden mit der Besetzung des Jazzorchesters vereint. Selbstverständlich nimmt die Rhythmussektion mit Keys, E-Gitarre und E-Bass eine bedeutende Rolle ein. Abgerundet wird der Sound durch Elektronik, die maßgeblich Benny Omerzell vom Synthesizer aus beisteuert. „Aber auch der Rest der Rhythmusgruppe wird mit E-Gitarre, E-Bass und diversen Effekten, sowie teils elektronischem Schlagzeug zum Gesamtklang beitragen“, erklärt Benny Omerzell. „Meine Skizzen für die Kompositionen sind großteils mit Synthesizersounds und elektronischen Klangflächen entstanden. Sie dienten mir als Blaupause und Inspiration, um für die akustischen Instrumente des Orchesters zu schreiben und damit die elektronischen Klänge zu imitieren.“
Musikalische Freiheit und Eigenverantwortung
Für die am klassischen Repertoire geschulten SOV-Musiker:innen werden die aleatorischen Abschnitte besonders spannend. Sie verleihen ihnen viel Eigenverantwortung und öffnen individuelle Spielräume. Dafür erhalten die Orchestermitglieder definiertes Tonmaterial und spieltechnische Anweisungen, mit denen sie im Kollektiv frei agieren können. „Hier möchte ich mir auch die Freiheit nehmen, einzelne Klangfarben ein- und auszublenden und durchzumischen, um den Klangteppich im Moment gestalten und je nach Situation verändern zu können“, erläutert Benny Omerzell.
„Insomniac Dreams“ ist kein herkömmliches klassisch-sinfonisches Werk. Vieles wird von der Rhythmusgruppe und den Solist:innen und Bandleadern geführt. Zahlreiche Passagen des durchgehenden Werkes sind ausgeschrieben und orchestriert, dennoch wird vieles während den Proben entstehen. Da sie auf einen Dirigenten verzichten, sind Martin Eberle und Benny Omerzell in mehreren Rollen zugleich präsent.
Silvia Thurner
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Dezember 2025 erschienen.
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Samstag, 31. Jänner 2026, 19:30 Uhr
Montforthaus Feldkirch
Sonntag, 1. Februar 2026, 17 Uhr
Festspielhaus Bregenz
Benny Omerzell & Martin Eberle, „Insomniac Dreams“, UA
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