Porträt: Christian Mühlbacher

Eklektizismus wie er im Buche steht. Christian Mühlbacher, von Beruf Komponist und Schlagzeuger, agiert vornehmlich zwischen den sprichwörtlichen Stühlen unterschiedlicher Genre und versteht es wie wenige andere aus den in sich abgeschlossen wirkenden Musikstilen ein neues Ganzes zu schaffen. Diese Herangehensweise wird auch konsequent in seinem kompositorischen Schaffungsprozess verfolgt, wo Komposition und Improvisation in gegenseitiger Symbiose fusionieren.

Christian Mühlbacher wurde am 1. Februar 1960 in Wien geboren. Durch den Einfluss seines Vaters – er war Solo-Hornist bei den Wiener Symphonikern – war Mühlbachers frühe Kindheit durch klassisches Klavier- und Violinespielen geprägt. Daneben sammelte er erste Dirigiererfahrung bewaffnet mit einer Stricknadel vor dem elterlichen Plattenspieler. Mit 15 Jahren war es dann aber an der Zeit, neue musikalische Wege zu bestreiten. „Ich merkte irgendwie, dass ich eigentlich was anderes machen wollte, das war quasi der Bruch mit der eigenen Tradition.“ Im Mittelpunkt des Begehrens sowie der aufkeimenden Sturm und Drang Attitüde stand von nun an Musik, die sich mehr oder minder im Rockumfeld bewegte, wobei Frank Zappa als Sinnbild des anzustrebenden Ideals auserkoren wurde. Dazu passend musste natürlich auch ein neues Instrument erlernt werden, das seither zu Mühlbachers Hauptinstrument zählt, das Schlagzeug. Es folgten zahlreiche Kollaborationen mit diversen Rock-, Pop- und Jazzformationen sowie intensive Übungsphasen am Konservatorium in Wien. In dieser Zeit lernte er auch seinen langjährigen Wegbegleiter Christoph Cech kennen, mit dem in weiterer Zukunft wesentliche Projekte umgesetzt werden sollten. Dazu aber erst in Kürze.

Bevor sich Mühlbacher endgültig der Musik zuwandte, machte er nach erfolgreichem Abschluss der Matura noch einen kurzen Abstecher an die medizinische Universität, der aber bereits nach eineinhalb Semestern zugunsten eines Studiums an der Musikuniversität Wien in den Fächern Jazz-Schlagzeug, Jazztheorie, Arrangement und Komposition abgebrochen wurde. Seither ist Mühlbacher als Musiker und Arrangeur bei unterschiedlichen Projekten im Bereich Rock, Jazz und Neuer Musik und als Komponist für namhafte Orchester sowie Film- und Theatermusik tätig. Konstanten in seinem umtriebigen Schaffungsprozess gibt es nur wenige bzw. lassen sich diese in der Fülle seiner Projekte nur schwer erfassen. Auffallend ist jedoch sein stetiger Drang im Zuge eines genreübergreifenden Austauschprozesses etwas Neues und Unerhörtes zu schaffen, seine allen Betätigungsfeldern immanente Arbeit an der Schnittstelle zwischen Improvisation und notierter Musik und sein Faible für große Besetzungen mit damit einhergehenden größeren kompositorischen und musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Zu seinem musikalischen Konzept meinte Mühlbacher: „Von der Komposition will ich den Plan, das Thema, die Form, die Melodie, den Rhythmus, von der Improvisation will ich Bewegung, die auszuschreiben sinnlos wäre. Man kann alles notieren, aber es wirkt dann oft gequält, weil jeder Stress hat, all die Zeichen nachzuvollziehen. Wenn einer ein Stück verstanden und die Möglichkeiten hat, etwas selbst dazuzugeben – wunderbar!”

Als durchaus ungewöhnlich zu bezeichnen ist Mühlbachers Formation, die von 1996 bis 2006 jeweils exakt einmal pro Jahr am 5. April im Porgy & Bess in Erscheinung trat und sich anstatt wie üblich mit einem Bandnamen mit einer Aneinanderreihung der gerade auftretenden Musiker – diverse Umbesetzungen sind ja wie man weiß systemimmanent – schmückte. Im Gründungsjahr etwa Mühlbacher/Hautzinger/Molinari/Dafeldecker/Kövesdi/Jäger/Schrenk/Kugi/Balasch/Kero/Maass. Wie man sich vorstellen kann, waren die zweistündigen, ohne Unterbrechung dargebotenen und jeweils unter einem Motto stehenden gewaltigen Klanglandschaften sowohl für das Publikum als auch die Musiker ein eindrucksvolles Erlebnis, das ab 2002 zusätzlich durch eine visuelle Ebene – wobei teilweise auch die Musiker selbst als Projektionsfläche missbraucht wurden – ergänzt wurde. Das letztjährige Programm wurde dabei auf CD unter dem Titel 5.4. und der jeweiligen Jahreszahl, also zum Beispiel 5.4.97, beim darauffolgenden Konzert der Öffentlichkeit präsentiert. Diese geballte Ladung an alles zerschmetternder musikalischer und visueller Energie konnte augenscheinlich nicht allzu lange fortgeführt werden, wonach 2007 der zehnte und letzte Tonträger veröffentlich wurde. Seither nennt sich die Formation leseschonend „Mühlbacher usw,…“ und gibt in unregelmäßigen Abständen Konzerte im In- und Ausland.

Vor mehr als 25 Jahren begann Mühlbacher außerdem bei der Formation „Pro Brass“ als Schlagzeuger tätig zu werden. Dieser äußerst spannende Klangkörper ist neben der Rhythmusgruppe bestehend aus Schlagzeug, Bass und Klavier mit einem durchaus üppig zu bezeichnenden Blechbläsersatz bestückt, der dem/r ZuhörerIn imposant-mächtige Hörerlebnisse und dem Komponisten bisher ungeahnte Möglichkeiten sich zu entfalten bietet. Diese Gelegenheit wollte sich Mühlbacher natürlich nicht entgehen lassen, weshalb er – jedoch erst nach einer gewissen Zeit – auch  kompositorisch für das Ensemble zu arbeiten begann. Mühlbacher zu seinem anfänglichen Zögern: „Ich wollte eigentlich schon länger etwas schreiben, habe mich aber zunächst nicht drüber getraut. Zum anderen habe ich relativ lange gebraucht, um den immensen Klangkörper und die mitwirkenden Musiker zu begreifen.“ Sein übliches Denken im Stile einer Big Band musste komplett revidiert und der eigenwilligen Besetzung angepasst werden. „In punkto Rhythmus und Tonlänge muss  man bei einem Ensemble wie Pro Brass ganz anders denken und danach komponieren.“ Sein Kompositionsdebüt unternahm er schlussendlich mit „5 Abenteuer für Pro Bass“ dem bis heute zahlreiche Stücke gefolgt sind. Für Mühlbacher, mittlerweile für 50% der Kompositionen verantwortlich und weniger Schlagzeuger, ist Pro Brass mit der Zeit ein bisschen „sein Ding“ geworden in das er sein kreatives Potenzial voll einbringen kann. „Bei Pro Brass kannst du ganz einfach vielfältig, ungewöhnlich und verrückt sein.“

Verrückt im wahrsten Sinne des Wortes, ist auch Mühlbachers weiteres Projekt das er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Christoph Cech seit nunmehr fast dreißig Jahren leitet und als Percussionist in Erscheinung tritt. Die Rede ist natürlich von „Nouvelle Cuisine“. Obwohl als Big Band getarnt, suggeriert bereits der Name ein nicht alltägliches Ensemble. Das aus mittlerweile 18 Mitgliedern bestehende Musikerkonglomerat hat sich der ungewöhnlichen und vollkommen individuellen Erarbeitung von Musik jeglicher Art verschrieben. Expressive Wildheit, kraftvolle, rockbetonte Phrasen, polyrhythmisch überlagerte Flächen, schwer fassbare Metren, spannungsgeladene Melodienbögen, fein gesponnene Klangflächen, Geräusche, und von Genregrenzen keine Spur, das sind nur ein paar wenige Begriffe mit denen man die Musik von „Nouvelle Cuisine“ beschreiben könnte.

Daneben ist Mühlbacher bei zahlreichen weiteren Projekten wie zum Beispiel „Go 4 It“, „Trio Mondautos“ – gemeinsam mit Christoph Cech am Piano und Tibor Kövesdi am Schlagzeug – oder  „mücemü“ als Initiator und Musiker tätig. Kompositorisch hingegen kann sich Mühlbacher mit Auftragsarbeiten für eine Reihe namhafter Ensembles wie dem „Janus Ensemble“, „ABC Brass“, „Klangforum Wien“, „Wiener Singakademie“, „Reihe Wien“, „Gradus ad Parnassum“, „MundArt“, „Bösze Salonorchester“, „Mozarteum Orchester“ oder “Solokonzert für Hans Gansch & das Orchester Spirit of Europe” sowie im Film und Theatermusikbereich für das Volkstheater, stART Festival oder Zeittonfestival austoben. Seit 1998 ist Mühlbacher außerdem als Gastprofessor für Jazztheorie und Arrangement an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien tätig und vermittelt sein Schlagzeugwissen am JAM-Musiclab (ehemals Gustav Mahler Konservatorium) sowie an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz.

Christian Mühlbacher ist und bleibt mit Sicherheit einer der wesentlichen kreativen Köpfe der österreichischen Musikszene, nicht nur wenn es darum geht, die musikalischen Grenzen auszuloten und neu zu definieren. All jene, die bisher noch keine Gelegenheit gefunden haben, eines von seinen – man muss schon sagen – musikalischen Spektakel live zu erleben, kann ich den Besuch eines seiner nächsten Konzerte nur wärmstens empfehlen. Sie werden sicherlich mit zahlreichen neuen, wenn nicht sogar bis dato ungeahnten Höreindrücken belohnt.
Georg Demcisin

 

http://www.christianmuehlbacher.com/