mica-Interview mit Stefan Parnreiter-Mathys, Autor von „16 Zwanzixtl + 1 – 20 Jahre Open Air Ottensheim“

Ottensheim ist ja ein besonders lebendiger und musikalischer Ort. Mit 1. Juli 2013 finden sich alleine hier, auf www.musicaustria.at, 27 Suchergebnisse zum sehr kleinen Ort im unteren Mühlviertel. Mit Bernhard Breuer (Elektro Guzzi), Gigi Gratt (Braaz, Ni), die im Duo als Tumido seit einem Jahrzehnt aktiv und bekannt sind, Gary Danner (Station Rose) oder der Schauspielerin Sophie Rois kommen einige auch international etablierte Künstler aus dem Ort, in dem zum Beispiel auch das Festival der Regionen seinen Sitz hat, der Teil von des Kulturhauptstadtjahres Linz 09 war und in dem nicht zuletzt seit 20 Jahren das Open Air Ottensheim stattfindet. Anlässlich dessen Geburtstages hat Stefan Parnreiter-Mathys dem Festival ein Buch gewidmet. Darüber und über die soziokulturelle Wirkung des Festivals in Ottensheim sprach Eva Falb mit ihm.

Es erscheinen ja immer mehr Bücher zur Popgeschichte des Landes – ich denke nur an Wien Pop, Im Puls der Nacht oder Es muss was geben. Warum noch ein Buch und warum gerade über ein so kleines, regionales Thema wie ein Open Air im Mühlviertel?
Du hast recht, die Dichte an gerade erscheinenden Büchern ist erstaunlich, aber wohl reiner Zufall. Oder eine Altersfrage? Viele meiner Autorenkollegen sind fast gleich halt wie ich – also Mitte der 70er geboren und in den späten 80ern, frühen 90ern musikalisch sozialisiert. Wahrscheinlich auch ein Zufall, aber interessant, weil meine Generation wohl die letzte ist, die noch mit DIY, Hardcore – um nicht zusagen Punk – auf jeden Fall aber mit einer Musikkultur abseits des ökonomischen Imperativs, aufgewachsen ist. Wir werden jetzt wohl gerade melancholisch und schreiben über die gute alte Zeit. Nein, im Ernst, ich denke, es ist immanent wichtig, Zeitdokumente zu schaffen, umso mehr, wenn diese, wie 16 Zwanzixtl + 1, von Selbstermächtigung, Emanzipation, Selbstorganisation und kontinuierlicher Kulturarbeit über eine so lange Zeit wie im Falle Ottensheims erzählen. Und da in Ottensheim einfach so unglaublich viel passiert, über so viele Generationen hinweg, ist das meiner Meinung nach auch kein regionales Thema, sondern eine Geschichte, die zwar in einem kleinen Ort spielt, aber für jeden, der sich mit Kultur- oder Jugendarbeit beschäftigt, interessant sein sollte und im besten Falle auch als Motivation oder Vorbild für Kulturarbeit andernorts dienen kann.

Wie bist du selbst dazu gekommen, als Wiener ein Buch über Ottensheim zu schreiben?
Ich lebe zwar schon seit 1995 in Wien, bin aber Ottensheimer, also dort sozialisiert worden und dem Ort wie dem Festival immer noch sehr verbunden. Aber ich muss sagen, das Buch war auch gar nicht meine eigene Idee, sondern eine Auftragsarbeit für die VeranstalterInnen, dem Verein Open Air Ottensheim. Von mir stammen das inhaltliche Konzept und selbstverständlich die ganze Arbeit, die drinnen steckt.

Wie hast du die Geschichte aufgebaut? Was erwartet die LeserInnen?
Das erste Open Air fand 1993 statt – aber die Anfänge der selbst organisierten, freien Kulturarbeit im Ort reichen bis in die späten 70er, frühen 80er zurück. Und dort beginnt auch das Buch – in der „Höhle“, dem ersten Jugendzentrum, das die ganzen 80er hindurch als offener Raum für junge Menschen den Ort bereicherte. Weiter geht es mit „Rock in Ottensheim“, dem ersten Open Air in Ottensheim, das 1982 statt fand. Übrigens erklärt das auch den Titel des Buches – Rock in Ottensheim ist das „plus 1“. Und die 16 Zwanzixtl sind 16 Open Airs in 20 Jahren – denn vier mal fand es nicht statt. Und der Weg zum Open Air 1993 führt natürlich auch über das JO, das zweite Jugendzentrum in Ottensheim, in dem auch die späteren Open Air Gründer rund um Wodo Gratt federführend aktiv waren. Das zur Timeline, entlang der das Buch aufgebaut ist. Den Inhalt habe ich den Menschen des Open Airs und einigen GastautorInnen zu verdanken. Sprich, ich habe mich der Technik der Oral Hisotry bedient, mit über 70 Personen Interviews geführt und diese dann zu einer Erzählung montiert. Dazwischen sind einige Texte von GastautorInnen eingebaut, die eine Außenperspektive auf die Kulturarbeit im Ort und das Open Air einbringen. Das alles ist mit mehreren hundert Bildern illustriert und somit auch sehr anschaulich.

Im Pressetext ist von „lernen“ die Rede – was kann man bei einem Musikfestival lernen?
Von der Höhle über das JO zum Open Air ist Kulturarbeit in Ottensheim immer autonome, weitgehend autarke und selbstorganisierte Arbeit junger, zum Teil sehr junger Menschen. Auch ich selbst habe ja im JO meine ersten Konzerte organisiert, learning by doing, einfach was tun und dabei immer besser werden. So wird über Jahrzehnte Wissen akkumuliert und von einer Generation auf die nächste weiter gegeben, wobei natürlich jede Generation auch sich selbst und ihre jeweiligen Ideen einbringt. Aber es ist nicht nur das Lernen, wie man eine Veranstaltung organisiert gemeint, vor allem meine ich damit Learnings soziokultureller Natur, sozialer Natur und auch das Lernen von Management. Also: Was heißt es für mich selbst und mein Umfeld, wenn ich mich aktiv in das Gemeindeleben einbringe? Wie funktioniert Teamarbeit, was ist Projektmanagement, Kulturmanagement. Was nehme ich selber für mein weiteres Leben mit und wie entwickelt sich eine Gemeinschaft, wenn man in der Gruppe so große Dinge wie ein Open Air organisiert. Das passiert ja dort alles ehrenamtlich, aus reinem Idealismus. Interessant mag in diesem Zusammenhang sein, dass es im Umfeld des Open Airs sehr viele SozialarbeiterInnen gibt, einige UnternehmerInnen und ManagerInnen, aber auch viele MusikerInnen und professionelle KulturarbeiterInnen, die aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht haben. Übrigens bin ich der Meinung das diese Learnings auch in der Kulturpolitik und der Kulturförderung stärker Beachtung finden sollten – denn würde sich mal jemand die Mühe einer volkswirtschaftlichen Erfolgsrechnung machen, dann wäre der errechnete Social Return on Investment ganz sicher beachtlich!

Im Buch handelt das letzte Kapitel vom Hochwasser im Juni des heurigen Jahres. Was hat das mit einem Musikfestival zu tun?
Wie gerade gesagt – es geht um die Learnings der freien Kulturarbeit und die daraus für ein Gemeinwesen entstehenden Externalitäten. Das Hochwasser war ein massives Ereignis, das viele Menschen betroffen hat und bei vielen weiteren Hilfsbereitschaft geweckt hat. Diese private Hilfe zu koordinieren haben die offiziellen Stellen, Feuerwehr, Bundesheer, Gemeinde, nicht leisten können, daher hat sich spontan die private Initiative „Hochwasserhilfe Ottensheim“ gegründet. Die Menschen dahinter haben fast alle mit dem Open Air zu tun – wo sie gelernt haben, wie man Dinge anpackt, organisiert und vor allem wie wichtig es für jeden selbst als auch die Gemeinschaft ist, dass es hohes Engagement gibt. Ich sehe das als aus eher traurigem Anlass heraus geführten Beweis der praktischen Relevanz von Kulturarbeit für die ganze Gesellschaft. Ein kleines Beispiel nur, aber ich bin mir sicher, in seiner Wirkung repräsentativ für die positiven Effekte der geleisteten Arbeit.

Musik hingegen scheint im Buch, obwohl es um ein Musikfestival geht, eher weniger Thema zu sein?
Ja, das stimmt und hat einige gute Gründe. Zuvorderst meine eigenen Interessen. Denn auch wenn ich den Text nicht geschrieben, sondern nur collagiert habe, auch als Interviewer steuert man natürlich, über die Fragen die man stellt, sogar bei ganz offenen Leitfadeninterviews tut man das. Und da interessieren mich einfach Strukturen und Systeme im Moment viel mehr als die reine Musik. Und Ziel des Projektes war es, ein Zeitdokument zu schaffen, das das Festival in seiner Stellung und Wirkung im Ort zeigt, das geht ja nur über die Musik gar nicht, das wäre ein viel zu enger Blick. Es sei aber angemerkt, das auch die Musik etwas so besonders ist, wie die interne Organisation des Open Airs: Der Anteil lokaler und regionaler Bands ist enorm hoch, es ging und geht immer klar darum, eine Bühne für junge Bands aus dem eigenen Umfeld zu bieten. Headliner im klassischen Sinne des zugkräftigen Namens werden entweder ganz als verzichtbar erachtet oder sind sehr oft österreichische Bands. Kreisky, Attwenger, Sofa Surfers, heuer Station Rose und viele viele mehr. Der Anteil der internationalen Gäste hingegen ist sehr gering. Was neben dem bewusst gesetzten Akt der Unterstützung österreichischer Künstler auch mit dem Charakter des autonomen und selbstorganisierten Festivals zu tun hat. Denn die Veranstalter wollen einfach nicht mit großen Agenturen zusammenarbeiten, die für wenig Arbeit hohe Provisionen kassieren, sondern lieber die ganze Gage den Bands direkt zukommen lassen.

Sehr bewusst ist das Festival auch hinsichtlich Umweltschutz, es gibt im Buch ein Kapitel zum so genannten Green Project. Was hat es damit auf sich?
Ein weiteres Puzzlestück, das perfekt ins Gesamtbild passt, es geht ja um viel mehr als ein Festl, wie schon gesagt. Und so wird auch überlegt, was man dem Ort, dem Festivalgelände, der Natur allgemein, Gutes tun kann. Seit schon fast fünf Jahren gibt es ein enorm elaboriertes Öko-Konzept, das einige Leute aus Freude und Interesse erarbeitet haben. Die VeranstalterInnen haben dafür auch schon zwei Preise erhalten und hier wirklich großartiges Know-How aufgebaut. Weil es aber auch dabei um den Selbstzweck ging und nicht um die Vermarktung, steht halt jetzt im Wirtschaftsblatt, wie toll das Frequency diesbezüglich ist oder sagt Global 2000 auf diesem Feld mit dem Tomorrow Festival federführend zu sein. Stimmt nicht, aber ich hoffe, dass auch die Bescheidenheit, die der Arbeit in Ottensheim zu eigen ist, im Buch ersichtlich wird.

Letzte Frage, zum Festival selbst: Was erwartet die BesucherInnen am heurigen Open Air Ottensheim?
Gute Frage, denn das ist auch jetzt, zwei Wochen vorher, aufgrund des Hochwassers in Ottenshein noch etwas unklar. Ganz sicher aber, wie es vor ein paar Jahren in einem Medienbericht hieß, ein nettes kleines Festival an der Donau mit bemerkenswert gutem Sound, das sei garantiert. Ganz sicher auch viele spannende Bands, von der jungen HipHoperin Esrap über die etwas älteren HipHoperinnen Poetic Pilgrimage, Tumido, dem Nino aus Wien und dem Dub Trio bis zu Station Rose. Sicher werden auch wieder viele KooperationspartnerInnen Angebote wie Nähküche, Bikekitchen, Ausstellungen, Infostände, das Gender-Reflexions-Projekt Beauty Salon und andere mehr das Programm auflockern und in Richtung Kunstevent brechen. Wo das aber sein wird, ist noch nicht ganz klar – denn das Open Air Gelände ist nach dem Hochwasser noch immer stark verschlammt und die Ausweichlocation, die schon genehmigt war, ist nun leider doch nicht bespielbar. Es bleibt somit spannend, ich kann es aber trotzdem – oder gerade deswegen – absolut empfehlen, am 12. und 13. Juli einen Abstecher nach Ottensheim zu machen! Und nicht zuletzt wird auch 16 Zwanzixtl + 1 im Rahmen des Open Airs vorgestellt werden.


Präsentationstermine:

16 Zwanzixtl + 1 wird am Open Air Ottensheim, am 12. und 13. Juli 2013, vorgestellt.
Die Präsentation in Wien wird am 20. September im Mikro, Zieglergasse 68, stattfinden.

Informationen zum Buch:
16 Zwanzixtl + 1, Eigenverlag, 202 Seiten
ISBN 978-3-200-03159-3
Erhältlich ab 15. Juli 2013 im Buch- und Plattenhandel sowie direkt beim Open Air: http://www.openair.ottensheim.at/buch 

Dieses Buch steht auch in der Bibliothek von mica – music austria!

 

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http://www.openair.ottensheim.at