mica-Interview mit Germán Toro Pérez

Mit einem der profiliertesten Komponisten sowohl der Elektroakustik als auch der Instrumentalmusik beim Mittersiller KOFOMI zu sprechen, ist natürlich ein besonderes Vergnügen. Gérman Toro-Pérez wurde und wird manchmal immer noch unterschätzt und ist ein durchaus bescheidener, überaus belesener und für Kultur im Allgemeinen interessierter  Mensch, auch für sein Herkunftsland – Kolumbien. Er unterrichtet heute an der Zürcher Hochschule der Künste, lebt aber nach wie vor mit seiner Familie in Wien. Im vergangenen Jahr gab es von ihm allein drei Uraufführungen, jetzt in Mittersill natürlich auch, eine der besten des Forums (für Kontrabass, Streichtrio und Live-Elektronik). Heinz Rögl führte auf der (noch) sonnigen Terrasse im Schachernhof mit ihm das folgende Interview.

Zunächst noch zu seiner Bio wie das ICST Zürich (Institute for Computer Music and Sound Technology) sie präsentiert, und wo auch das beste Werkverzeichnis von ihm zu finden ist: Geboren 1964 in Bogotá. Kompositionsstudium in Bogotá bei Luis Torres Zuleta und in Wien bei Erich Urbanner und Karl Heinz Füssl. Danach ergänzende Studien in Dirigieren bei Karl Österreicher und Peter Eötvos sowie in Elektroakustik an der Musikuniversität in Wien und am IRCAM in Paris. Seine bisherige Arbeit besteht aus über 40 Werken, darunter Kompositionen für Orchester, Instrumentalensemble, Kammermusik mit und ohne Elektronik, elektroakustische Musik sowie Arbeiten in Zusammenhang mit grafischem Design, Video und bildender Kunst. Arbeitsstipendien des Kolumbianischen Kulturinstitutes, der Republik Österreich, des IMEB Bourges und des Experimentalstudios der Heinrich-Strobel-Stiftung, Freiburg. Preise u. a.: Bogotá 1997, Anerkennungspreis Bourges 1998, Erste Bank Österreich 2001. Zahlreiche Aufträge u. a. Klangforum Wien, Wien Modern, Klangspuren Schwaz, ORF. Aufführungen in Europa, Korea, Nord- und Südamerika. Festivals u. a.: Wien Modern, Klangspuren Schwaz, Synthè Synthèse Bourges, Sonorities Belfast, Borealis Norway, Humor y Aliento, Mexico, New Media Art, Daegu und WNMD Stuttgart. Zusammenarbeit mit Ensembles wie die Reihe Wien, On-Line Wien, Mondrian Basel, New Century Players L.A., Mosaik Berlin und Klangforum Wien. 2001

Mitbegründer des NewTonEnsembles. 2001 war er Preisträger des Erste Bank Kompositionsauftrags, im November (knapp nach 09/11 2001 – aber in keinem Zusammenhang damit stehend (!)] erklang bei Wien Modern erstmals sein Auftragswerk: „Stadtplan von New York. Musik nach Adolf Wölfli“ für 15 Instrumente.

Von 2002 bis 2006 war er Leiter des Lehrgangs für Computermusik und elektronische Medien, 2006/07 Gastprofessor für Elektroakustische Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien. Ab Herbst 2007 Leiter des ICST an der Zürcher Hochschule der Künste

Heinz Rögl: Lieber Germán, du bist heuer Gastkomponist in Mittersill und hast eben dein „Abschlussstück“ geprobt. Vielleicht steigen wir mittendrin ein in deine derzeitige Arbeit. Erklär mir bitte, was dieses Stück ist (und wird)?

Germán Toro Pérez: Das ist ein Stück für Kontrabass und Streichtrio, also Violine, Viola und Violoncello. Der Kontrabass spielt eine solistische Rolle. Das Stück ist verwandt mit einem Stück, das du vielleicht schon in der Ruprechtskirche gehört hast[Anm.: Rulfo / voces / ecos; Werkzyklus für Streichtrio und Live-Elektronik, 2004/06)  das waren Stücke für Streichtrio und Live-Elektronik. Und darunter eines für Violoncello und Live-Elektronik, das  ich damals mit Naturtönen und Flageoletts in sehr hohen, extremen Lagen und Möglichkeiten im Violoncello komponiert habe. Das war am Anfang sehr schwierig für die Spieler, aber mit der Zeit hat das wunderbar funktioniert. Ich spiele als Laie Kontrabass und wollte schon lange etwas für dieses Instrument machen. Ich habe mich mit den Möglichkeiten, Obertöne zu erzeugen auseinandergesetzt und gehe hier natürlich auch wieder an die Grenze – also bis zum 17. Oberton auf der G-Saite (!). Das ist natürlich ein Spiel, wo man ständig „auf Eiern“ geht. Eine kleine Bewegung, und es verändert sich alles. Weil die Kontaktstelle erfordert unglaubliche Präzision. Das Spiel hat so etwas wie Überraschungscharakter, birgt Unsicherheiten, denn selbst nach ein paar Aufführungen und nach der Einstudierung „passieren“ trotzdem immer wieder Sachen. Durch diese Unsicherheit kommt aber etwas sehr Spezielles dazu – Energie.

Es erinnert mich an ein Stück von Luigi Nono für Tuba und Live-Elektronik, mit extremen Obertönen. Wo Nono einmal bei einer Aufführung einem Tubisten, der das perfekt gespielt hat, gesagt hat: „Das Stück verliert  so ein bisschen seinen Reiz…“. Den Moment des Suchens …

… des „Geht’s noch oder geht es doch nicht”…

Jedenfalls: Der Klang ist wunderbar und die Spektren werden mit Hilfe von Elektronik dann klanglich festgehalten. Der Kontrabassist spielt einen Ton, der bleibt in der Elektronik „hängen“ und dann den nächsten. Und so baut sich…

… ein spektraler oder Obertonklang auf…

… wobei das immer von oben nach unten geht. Und die Spektren haben im Verlauf des Stückes unterschiedliche Zusammensetzung, am Anfang sind sie mehr harmonisch, aber nach und nach werden sie disharmonisch. Ich hoffe, dass es mir gelingt – ich muss es noch fertig schreiben –, dass ich zu einem Übergang von sehr hellen Farben bis zu einer tiefen Dunkelheit des Kontrabasses komme. Das Stück soll eine Klangfarbenstudie sein, wenn man will. Und dabei spielt auch der jeweilige Raum eine Rolle.

Und du wirst derjenige sein, der die Live-Elektronik bedient. Du arbeitest jetzt in Zürich und lebst in Wien und bist einer der Komponisten, die sozusagen gleichzeitig, gleichschenkelig sowohl für Instrumente wie auch Orchester, wenn es sich ergibt, schreiben, mit und ohne Elektronik, als auch mit oder überhaupt elektronisch.

Sobald man elektronisch arbeitet oder Elektronik verwendet wird man sehr schnell in eine Ecke gestellt. Man ist dann eben quasi ein elektronischer Komponist. Eigentlich ist mir aufgefallen – nach wie vor heute ein bisschen- dass die reine elektroakustische
Musik sich in einem bestimmten Bereich abspielt und die zeitgenössische Instrumentalmusik in einem anderen. Bestimmte Festivals für elektraoakustische oder akusmatische Musik beinhalten Konferenzen, die sich ausschließlich damit beschäftigen. Und es ist auch so, dass zum Beispiel Komponisten wie Francis Dhomont, Bernard Parmegiani, Denis Smalley und andere, die ich sehr schätze, nur in bestimmten Festivals gespielt werden.

Ich weiß, dass die Arbeit im Studio ein bestimmtes Hören, reagieren, arbeiten, entwickeln erfordert. Im Studio ist alles was da ist da, es gibt keine Ausflüchte oder Hilfen. Wiederum die Abstraktion,  wenn man mit Instrumenten arbeitet, wo die klanglichen Ergebnisse erst entstehen, wenn es wirklich  gespielt wird. Aber andererseits ist die Arbeit  mit Menschen, Instrumentalisten auch spannend. Zu  sehen, wie Leute auf etwas reagieren, ob etwas noch gespielt werden kann usw. Dieser Aspekt ist  wieder eine andere Erfahrung, auf die ich genauso wenig verzichten möchte

Du bist also in beiden Welten zu Hause. Und eigentlich weniger einer, der sich mit Vokalmusik oder Musiktheater beschäftigt, trotz deinem Interesse für Literatur oder Philosophie? Ein „Tüftler“ … im Klanglichen, Spektralen, auch Formalen – wie auch immer. Im KOFOMI-Lab hast du zwei Werke aus letzter Zeit präsentiert, die vielleicht auch charakteristisch für dein Denken sind. Einmal die langjährige Auseinandersetzung und Beschäftigung mit einem berühmten abstrakten Maler, nämlich Mark Rothko Und die Idee, wie man diese Dreidimensionalität, Räumlichkeit und Abstraktion musikalisch ausdrücken oder umsetzen kann.

Ja, was ist Abstraktion? … Man stößt jedenfalls auf Grenzen, wenn man ein Medium in ein anderes übertragen oder „umsetzen“, übersetzen möchte – darum geht es nicht. Aber schon um gewisse Aspekte, soweit zu verstehen – zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Rothko – was ist hinter der Räumlichkeit? Was stellt sich bei einem genauen Betrachter ein, was wird an Wahrnehmung evoziert? Man muss das auch in der richtigen Proportion sehen – also im Museum. Da ist vielleicht das Wichtigste, das zu erfahren, was man nicht sieht. Die Bilder von Rothko haben immer Flächen, die etwas Anderes verdecken. Und dieses Verdecken hat zwei Aspekte: den rein formalen, dass dadurch ein Hintergrund und Vordergrund entsteht, aber auch der zweite: dass durch die Abstraktion gewisse Gedanken versteckt werden, die aber sehr konkret sind. Rothko ist nicht nur ein Spiel mit Farben, sondern Rothko ist auch ein Spiel mit Schichtungen, die mit Bewusstseinschichten zu tun haben, mit Schichten der Struktur der Psyche, mit der Frage, was archetypische Elemente sind, die in uns wirken. Das wird im frühen Werk sehr deutlich. Nachher verschwindet das – aber nur scheinbar. Abstraktion ist – so meine ich – nicht Mangel an Konkretem, an Inhalten, Bedeutungen, an quasi Anekdotischem. Es geht immer um Substanz. Seine Bilder, die nicht formalistisch missverstanden werden sollten, kann man eigentlich nur verstehen, wenn man in gewisser Weise die Gesamtheit seiner Bilder vor Augen hat. Wenn ich ihn sehe, sehe ich nicht nur eines oder mehrere Bilder, sondern vierzig Jahre Arbeit. Was ist Farbe, was ist Material, Form … Eine Symphonie, an der er 40 Jahre lang geschrieben hat. Alles ist miteinander verbunden.

Dein erstes Stück über oder inspiriert an Rothko hast du geschrieben… noch an der Hochschule, 1990 oder 91?

Das war ein Stück für Streichorchester. Ich habe bald bemerkt, dass das gar nicht  gelungen ist. Zehn Jahre – nach anderen Erfahrungen – war noch einmal die Idee da.  Warum nicht an einer Sache längere Zeit arbeiten? Wenn ich denke, Joseph Haydn  hat bestimmte Kadenztypen hunderte Male geschrieben – das sind auch Verinnerlichungen,  die über so ein Neuheitsdenken hinausführen. Es gibt manchmal wertvolle Ideen wo ich  das Gefühl habe, ja das war’s noch nicht. Es zahlt sich aus, es wieder zu versuchen.

Im zweiten Beispiel der Präsentation hast du dich mit einem Stück von dir auf den kolumbianischen Schrifsteller Arguedas bezogen, mit dem du dich auch schon lange  auseinandersetzt. Und den man hierzulande kaum, besser gesagt nicht kennt.

Den man nicht oder sehr schwer übersetzen, weil seine Sprache aus kolumbianisch- peruanischem Spanisch und Quechua ist, die sehr eigen ist. Jemand den ich sehr schätze, ein Schriftsteller namens Roberto Burgos Cantor ging der Frage nach, warum gewisse lateinamerikanische Schriftsteller nicht bekannt sind. Und der meinte, die besten sind alle unbekannt. Arguedas ist einer davon. Auch musikalisch hochinteressant, er war Ethnologe und hat die Musik der Quechuas studiert. Er konnte Quechua als Muttersprache genauso wie Spanisch, ist in beiden Welten aufgewachsen. Ein unglaublicher Konflikt zwischen zwei Welten, die irgendwie nicht zueinander gefunden haben. Das ist auch auf sprachlicher Ebene in seiner Literatur vorhanden. In der lateinamerikanischen Literatur geht es um die Frage der Identität – zum Teil ein Klischee geworden – aber eine gültige Frage, die ich mir genauso stelle. Nach fast einem halben Leben in Österreich bin ich doch irgendwie noch immer ein Lateinamerikaner. Diese Zerrissenheit. Wo gehör’ ich eigentlich hin? Meine Kinder sind in Österreich geboren, ich lebe hier, habe hier studiert und dennoch gibt es dieses zweite Leben in Kolumbien, das ist immer noch da. Und dadurch spüre ich eine Verwandtschaft zu diesem Schriftsteller. Die Bezüge Rothko, Arguedas oder Pessoa sind Bezugspunkte für mich, in diesen Dingen ist etwas von der eigenen Geschichte drinnen.

Der letzte Roman von Arguedas ist, wie du beschriebst, eine Auseinandersetzung mit Selbstmord, den Arguedas vor Vollendung des Buches tatsächlich beging. Zum Selbstmord fühlst du dich aber nicht hingezogen?

Nein in keiner Weise. Aber es geht in dem Fall darum, dass es die Kunst es doch nicht schafft; dass es nicht reicht. Dass er daran scheiterte, über das Schreiben über den Berg zu kommen, es zu schaffen. Und er schafft es trotzdem nicht. Der Roman ist natürlich deshalb sehr ergreifend, denn der Tag kommt näher und näher. Das Buch bleibt auch unvollendet, er schreibt es nicht fertig. Es bleibt ein mit der peruanischen und lateinamerikanischen Kultur verbundenes Werk. Mich beeindruckt seine vielleicht exzessive Unbedingtheit der Literatur und der Verpflichtung der Kunst und der Kultur gegenüber. Er wollte nicht tolle Romane schreiben, weißt du, er wollte etwas über die lateinamerikanische Kultur sagen, etwas zeigen. Einen Ausweg. Es ist über die Kunst hinausgehende Notwendigkeit – wer sind wir eigentlich, wo ist unsere Zukunft, wo können wir hingehen? Es beeindruckt mich an ihm am meisten, dass er jenseits von jeder Eitelkeit als Künstler ist, er verspürt eine Verpflichtung seinem Land und den Menschen gegenüber, auch den ärmsten, ohne ein „Gutmensch“ sein zu wollen. Mein Stück „Hommage auf Arguedas“ ist für mich eigentlich ein Verweis: Pass auf, das ist wichtig.

Wir müssen jetzt aufpassen, dass unser Gespräch nicht zu kopflastig wird. Daher frage ich hier nicht genauer über dein Verhältnis zu Adolf Wölfli, der auch für andere Komponisten – Georg Friedrich Haas etwa – wichtig ist. Beim Überfliegen deiner Biographie las ich, dass du doch einige Male in den letzten Jahren sehr wohl auch wieder in Kolumbien warst?

Es gab schon einige Kontakte – das mit dem Stipendium ist ja schon lange her – mit Universitäten und gelegentlich einzelnen Künstlern. Aber ich hatte noch nicht die Gelegenheit, in Kolumbien auch wirklich meine Musik vorzustellen. Aus verschiedenen Gründen.

Jorge [Sánchez-Chiong] erzählte, er war in Venezuela und hätte dort viel in Clubs und so weiter gespielt und viele Kontakte gemacht …

Jaja, es funktioniert ganz anders. Es funktioniert vor allem dann, wenn man dort ist, dann hat man Kontakte und Möglichkeit vor Ort sehr schnell. Die Projekte haben keine langen Vorlaufzeiten. Für mich das Aktuellste war ein Video über die Stadt Bogotá, das haben wir mit einer Gruppe von Künstlern aus Bogota gemacht und da hatte ich irgendwie die Möglichkeit nach langer Zeit wieder zurückzukommen und die Stadt mit anderen Augen und Ohren wahrzunehmen. Das war sehr interessant, auch durch die Zusammenarbeit mit den Leuten, die dort arbeiten und leben und die natürlich anders denken. [Anm.: El nudo – Experimentalvideo über die Stadt Bogotá, Bogotá / Wien 2004, 45’ ca, U.A. Konzerthaus Wien, 25. April 2004].

Nur kurz über deine Biographie. Wie hat’s dich nach Wien verschlagen?

Das war entweder Zufall oder Schicksal. Es war eigentlich gar nicht geplant. Ich wollte ursprünglich nach Frankreich, nur hatte ich kein Geld in Frankreich zu überleben. Und ich hatte dann die Möglichkeit in Frankfurt zu leben weil ich Freunde hatte, die mich dort aufgenommen haben. Ich begann Deutsch zu lernen. War in Frankfurt ein Jahr, habe mich orientiert musikalisch und habe begonnen, auch ein bisschen zu schauen, wo ich studieren könnte. Ich war unter anderem in Wien zu Besuch, ich hatte dort Bekannte, auch eine Komponistin aus Kolumbien, Catalina Peralta, die damals studiert hat. Ich habe mich dann zur Aufnahmsprüfung gemeldet und es hat geklappt und ich bin in Wien gelandet.

Du musstest wahrscheinlich auch schauen, wie du über die Runden kommst, auch materiell?

Ja. Das war am Anfang…

… arbeiten gehen?

Klar, viel. Und wie. In Frankfurt habe ich ein Jahr davon gelebt, Schuhe zu verkaufen, die ich selber gemacht habe. In Wien hat das überhaupt nicht geklappt, aber dann habe ich einen Job als Musiklehrer in einem Kindgarten gekriegt…Das waren unglaubliche Zeiten.

… na immerhin . Du hattest auch keine Stipendien oder sonstige Unterstützungen?

Nein.

Und österreichischer Staatsbürger zu werden, hat ja wahrscheinlich auch zehn Jahre gedauert?

Mehr. Daran habe ich zuerst gar nicht gedacht. Aber Wien war eine sehr freundliche Stadt.

Du hast Komposition studiert, und warst an der ELAK bei Dieter Kaufmann.

In den letzten Jahren meines Kompositionsstudiums war ich dann auch noch bei Österreicher in der Dirigierklasse. Das habe ich aber abgebrochen und die ELAK gemacht, aber Dieter war nicht mehr im Lehrgang, er hatte schon die Kompositionsklasse. Ich habe noch ein Ergänzungsstudium absolviert und eine Magisterarbeit geschrieben.

Arbeitsmöglichkeiten, Kompositionsaufträge, Aufträge kamen?

Das hat sich durch verschiedene Initiativen ergeben, es gab eine Komponistengruppe.

… das NEWTON-Ensemble …

… ja, das war gut und die die Konzerte in der Stöbergasse [VHS] auch. Das war eine hochinteressante Zeit. Ich hab sogar ein Laienorchester dirigiert. Das NewTon- Ensemble, da waren Jorge Sánchez-Chiong, Johannes Kretz, Richard Pfadenhauer und andere  dabei, wir haben am Anfang Konzerte organisiert und Stücke dafür geschrieben, das waren  erste Gelegenheiten, mit auch guten Musikern zu arbeiten. Das und die ganze Vernetzung mit der Szene in Wien – das war wesentlich. Die Bekanntschaft mit verschiedenen Musikern, die auch Freunde geworden sind. Und ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig zu Uraufführungen von Kollegen zu gehen, auch heute noch. Ich gehe oft auch lieber in den Echoraum oder in die Alte Schmiede als in die großen Konzerthäuser, etwa wenn ich weiß, Simeon [Pironkoff] präsentiert ein neues Stück. Ich habe mit Hannes Raffaseder studiert, wir waren im selben Jahrgang … Katharina Klement, Wolfgang Musil und die ganze Szene. Ich habe ja auch an der ELAK unterrichtet.

Ich will das nicht breittreten, aber schon auch schreiben. Du warst vor drei Jahren der Erstgereihte als Nachfolger für Dieter Kaufmann (und der wollte dich auch), zweiter war Karlheinz Essl, dritter Johannes Kretz und du wurdest es aber irgendwie nicht, sondern Essl.

Ja, das ist einer der dunklen Flecken meiner Österreich-Erfahrung, muss ich sagen. Da hat sich Österreich von einer Seite gezeigt, die es leider auch gibt. Ich habe das hinter mir gelassen, aber es beschäftigt mich nach wie vor. Man erlebt mit der eigenen Haut …

… was es an Lobbying, Intrigen, Freunderlwirtschaft gibt 

… ja, ja. Es gibt wenig Transparenz. Die Institution, die Universität für Musik und darstellende Kunst, meine ‚Alma mater’ sozusagen, an der ich hänge, der ich vieles verdanke, so zu erfahren. Wie solche Institutionen geführt werden… In Zürich, wo ich jetzt arbeite, ist es anders.

Du bist jetzt an der  …

… Zürcher Hochschule der Künste, eine Zusammensetzung aus früherer Musikhochschule und Kunsthochschule, auch mit darstellender Kunst, Theater. In Zürich laufen Dinge transparent, es ist eine waagerechte Struktur mit Mitbestimmung, es dauert alles nicht so lang.

Was sind die wichtigsten Projekte für dich als Komponist in nächster Zeit?

Du hast vorhin einen ‚wunden Punkt’ berührt bei mir: Vokalmusik. Das stimmt, es gibt dazu wenig(er) von mir. Es wäre ein falsches Bild, mich als Klangfarbentüftler hinzustellen, wobei das ist ein Aspekt. Aber die Streichtrios entstanden als Vorstudien zu einem Vokalwerk. Und das ist eine Idee, die ich noch nicht realisieren konnte. Aber das ist meine derzeitige Priorität: Ein Vokalwerk mit Stimmen und Elektronik – ich bin schon durch verschiedene Phasen der Konzeption hindurchgegangen, habe auch schon ein Libretto geschrieben, mit einem Kollegen, Teile davon auch mit einem kleinen Stipendium und habe das jetzt noch einmal in Arbeit. Die Frage der Vokalmusik beschäftigt mich sehr stark. Ich habe mich auch wieder mit Nono auseinandergesetzt, jetzt wieder ganz intensiv in Zürich. Dort ist ein neues Umfeld, es gibt dort Möglichkeiten in der Forschung, und in der Hochschule ist auch Theater und bildende Kunst, da gibt es ganz tolle Leute. [Anm.: Aus der Werkliste: Pedro Páramo Musiktheater nach Juan Rulfo Für, 6 Schauspieler, Sopran, Alt gemischten Chor, großes Ensemble und Elektronik und Videoprojektionen Libretto von Alejandro Burgos und Germán Toro-Pérez nach Juan Rulfo Abendfüllend 2004 – (In Vorbereitung)]

Kümmerst du dich um Aufträge und Aufführungen in Österreich? Du bist hierzulande als wichtiger Komponist – das sage ich jetzt – eigentlich ein wenig unterschätzt. Und du bist sehr (vielleicht  zu) bescheiden.

Ich rufe von mir aus vielleicht zu wenig wo an. Aber ich hatte ja eigentlich allein im letzten Jahr in Österreich drei Aufführungen (mit dem Klangforum, ÖENM und mit dem Ensemble phace, damals noch On-Line  …). Derzeit arbeite an einem neuen Stück für Petra Ackermann und Philipp Meier.

Lieber Gérman, vielen Dank für das Gespräch!

http://www.icst.net/de/ueber-das-icst/personen/german-toro-perez/
http://www.newtonensemble.info/
http://www.wienmodern.at/Portals/0/Galerie/Toro-Perez_German/Daniel%20Ender,%20German%20Toro-Perez%20Erste%20Bank%20%28c%29%20Wien%20Modern.pdf