mica-Interview mit Doris Mitterbacher

Doris Mitterbacher – in der HipHop-Szene besser bekannt als Mieze Medusa – ist kein unbeschriebenes Blatt: 1.Platz des FM4 Wortlaut-Literaturwettbewerbs 2002, Gewinnerin zahlreicher Poetry Slams und kürzlich hat sie auch beim Protestieren ihre Mitstreiter hinter sich gelassen und mit ihrem Lied “Das ist nicht meine Revolution” den Protestsongcontest gewonnen. Je lauter sie wird, desto lauter wird es um sie. Das weiße Blatt hat sie längst hinter sich gelassen und wenn man mit ihr redet, hat man das Gefühl von einem Sog aus Wörtern mitgeschliffen zu werden. Einen Sog über Schreibhemmungen, HipHop und Sexismus.

Du hast erst mit 25 Jahren zum Schreiben begonnen. Warum hattest du so lange eine Schreibhemmung?

Es gibt Trillionen von Wörtern und die kannst du in jeder Kombination verwenden. Es ist ja nicht einmal wahr, dass du einen Satz machen musst. Es ist gar nichts wahr. Du kannst alle Regeln brechen. Das hat mich total überfordert und deshalb konnte ich lange Zeit nicht schreiben.

Was war der Auslöser, dass die Angst vor der weißen Seite verschwunden ist?

HipHop. Das starre Schema hat mir Halt gegeben und ich dachte mir, dass ich das auch können würde. Ich hab mir dann irgendwoher einen Beat geklaut und meine Texte dazu geschrieben. In Innsbruck, wo ich studiert hab, begann ich aufzutreten, weil ich immer schon gerne auf der Bühne gestanden bin. Als ich 2002 nach Wien kam, völlig pleite war und beim Schwarzfahren erwischt worden bin, hab ich beim Poetry Slam im Schikaneder mitgemacht und gewonnen. Das Preisgeld war genauso hoch wie meine Strafe. Und da dachte ich mir: Das hat Zukunft. (lacht)

Bei den Poetry Slams machen vor allem Burschen mit. Du warst ja auch damals beim Poetry Slam im Schikaneder das einzige Mädchen. Woran könnte es liegen, dass Mädchen nicht so gerne mitmachen?

Es hat zwei Gründe: Erstens: Mädels wollen perfekter sein als Jungs- das ist jetzt natürlich eine Verallgemeinerung – aber Mädels haben weniger das Problem sich zum Trottel zu machen. Mädels wollen immer erst rauf auf die Bühne, wenn alles passt. Die Wahrheit ist jedoch, dass du nur besser wirst, wenn du Feedback bekommst. Ich glaube nicht, dass es ein Talent gibt, das ohne Einfluss von außen vor sich hinreift. Und zweitens: Mädels haben oft verdichtete Prosa, wenn sie mit dem Schreiben anfangen, während Jungs sich eher über Genres lustig machen. Beim Poetry Slam hat man es jedoch anfangs leichter, wenn man irgendetwas verarscht.

Wie hast du dir das Selbstvertrauen antrainiert?

Hart war das, aber im HipHop merkt man eigentlich relativ schnell, mit welchem Feedback man was anfangen kann und wenn dann irgendjemand in dein Gästebuch schreibt: “Deine Muschi stinkt”, dann geht man davon aus, dass es wohl kaum etwas mit den Texten zu tun hat. (lacht) Ich hab das was ich mache, ja immer schon wollen, bin immer extrem gerne aufgetreten und da bekommt man natürlich auch gutes Feedback.

Und wie gehst du mit negativem Feedback um?

Ich bin durch den HipHop ziemlich viel gewöhnt: In der Szene ist es so, dass die Leute, die anfangen, systematisch niedergemacht werden. Und sobald du ein bisschen Erfolg hast, gibt es viele, die es dir nicht gönnen. Aber wenn man wirklich schreiben will, dann muss man lernen, damit umzugehen und sich nicht von jeder Kritik beeinflussen zu lassen.

Zurück zum HipHop: Was gefällt dir so gut an dem Genre?

Ich mag die Kombination von viel Sprache und Musik. Außerdem hat der HipHop extrem starre Vorgaben, die man gut brechen kann. Aber das was mir außer mächtigen Beats und smarten Texten noch gefällt, ist die Aggression. Ja, die gefällt mir richtig gut.

Siehst du die Sprache im HipHop eher als eine Waffe, oder ein Ausdruck von Gefühlen?

Beides. Wenn ich HipHop schreibe ist es immer ein Ausdruck von Gefühlen, weil ich keine Battle-Raps mache. Ich hab nämlich nicht das Gefühl, dass ich irgendjemanden anpissen müsste in meinen Texten. Es geht mir mehr um Sprache, um Ausdruck von Sachen, die mir gerade wichtig sind. Eigentlich geht es mir um Lyrik.

 

 

Hast du noch einen anderen Anspruch an deine Texte? Können deine Texte etwas verändern?

Ich schreibe gerne politische Texte, aber ich glaube nicht, dass sie etwas verändern. Wenn ich mich ausdrücke, dann muss ich früher oder später über Politik reden, weil mir sonst der Kragen platzt. Ich schreibe meine Texte jedoch bewusst so kompliziert – sie sind ja völlig verdichtet und überladen – weil ich eigentlich nicht will, dass sie so leicht zu knacken sind und dass sich jeder seine Zeile herausklauben kann. Ich hab jetzt kürzlich wieder eine PJ Harvey Platte angehört und bin draufgekommen, dass ich den Text, der mir zehn Jahre lang extrem wichtig war, völlig falsch verstanden habe. Und das ist der Punkt: als Künstler hat man keine Macht darüber, wie die Texte beim Publikum ankommen und wie sie verstanden werden. Und ich will die Macht auch nicht! Ich will, dass die Leute völlig frei sind, das aus meinen Texten herauszunehmen, was sie wollen.

Wie versuchst du aus den starren Vorgaben des HipHops auszubrechen?

Es sind zwei Sachen: Ich hab im Tenderboy jemanden gefunden, der eine sehr originelle Interpretation von HipHop hat, dessen Beats vielleicht mehr mit der Elektronik-, als mit der HipHop-Szene zu tun haben und ich versuche es mir sprachlich und thematisch nicht leicht zu machen. Wenn ich schreibe, mag ich lieber unreine Reime – was mir in der HipHop-Szene das eine oder andere Mal schon als sprachliche Unbedarftheit angekreidet worden ist. Wenn man nur Reim als richtige Textstruktur wahrnimmt, dann sind meine Texte auch simpel aufgebaut, aber ich hab mich ein bisschen mit moderner Lyrik beschäftigt.sie sind nicht simpel. (lacht)

Mir kommt es so vor, als ob viele HipHoper nur über Sex schreiben würden. Auch die Videos voller nackter, tanzender Frauen sprechen für sich. Meiner Meinung nach ist das zum Teil schon sehr sexistisch. Wie gehst du damit um?

Indem ich diese Art von HipHop gar nicht höre – mein HipHop-Bild ist sehr heil, weil ich die Sachen, die richtig dumm sind, gar nicht wahrnehme. Und wenn doch, ist es einfach leichter darauf zu reagieren, wenn es so richtig offensiv blöd ist. In anderen Bereichen des Lebens ist es zwar politisch korrekter, aber schwieriger zu formulieren. Wenn du zum Beispiel in deinem Job das Gefühl hast, dass du nie befördert wirst und weniger verdienst als die Männer und dir sagt niemand warum, dann kann man sich schwer wehren. Im HipHop hingegen ist es extrem einfach sich zu wehren, weil die Standpunkte so klar sind. Der HipHop ist meiner Meinung nach um nichts sexistischer als der Rest der Welt, nur sagt er es offener.

Hast du dich als Frau in der HipHop-Szene schon einmal diskriminiert gefühlt?

Ja, es haben mir einmal bei einem Auftritt, wo so ziemlich alles schief gelaufen ist, zwei MCs das Mikro aus der Hand genommen. Ich denke, dass sie das bei einem Burschen nicht gemacht hätten.

Du hast vorher erwähnt, dass du ein sehr politischer Mensch bist. Für was lohnt es sich in Österreich zu kämpfen?

Es ist mir bewusst, dass es ein Privileg ist, in Österreich zu leben. Etwas das mich extrem stört ist zum Beispiel, dass die Leute, die eigentlich zur Rechenschaft gezogen werden sollten, es sich immer so richten, dass nichts passiert. Und das ist meiner Meinung nach in Österreich öfters der Fall als in Deutschland. Was mir sonst noch ein totales Anliegen wäre: Ich möchte den katholischen Schuldkomplex zurückzudrängen. Man sollte auch für mehr Kinderbetreuungsplätze kämpfen, anstatt für ein Kindergeld, dass die Frauen an ihren Wiedereinstieg in die Arbeit hindert. Ich sehe weder ein, warum Frauen bei den Kindern daheim bleiben müssen, noch warum Männer nicht bei den Kindern daheim bleiben dürfen. Mein feministischer Ansatz ist der, dass ich individuelle Lösungskonzepte suche.

Das Interview führte Marion Bacher.

Doris Mitterbacher ist in Oberösterreich geboren und hat in Innsbruck Germanistik und Anglistik studiert. Seit 2002 lebt sie in Wien und arbeitet als freischaffende Autorin und ist im Marketing eines Kultur-Internetportals tätig. Kürzlich ist ihr 1.Album “Antarktis” erschienen. Die Beats dazu lieferte Tenderboy.