Bild Irradiation
Irradiation (c) Christian Irr König

IRRADIATION – „Xeelee“

Die Wiener Künstlerin und temp~ Records-Head IRRADIATION bewegt sich bereits seit vielen Jahren in den Verzweigungen zwischen abstrakter und repetitiver Elektronik, stets mit einem Auge auf den Dancefloor gerichtet. Das letzte Album »Quantum Oscillations« hat bereits sechs Jahre verschluckt. Nun hat IRRADIATION mit dem aktuellen Release „Xeelee“ den Blick vom Clubraum abgewendet und entwirft darauf spekulative Imaginationen eines bald vergessenen Morgen.

Cover "Xeelee"
Cover “Xeelee”

Es ist dunkel. Man hört eine dichte Masse, die bebt und sich windet, die anschwillt und sich zusammenzieht. Die Raumzeit-Konstanten sind lose geworden und bewegen sich hier im freien Fall. An diesem Ort gibt es weder Morgen noch Gestern. Irradiation formuliert mit „Xeelee“ einen wortlosen Klagegesang einer verlorenen Zukunft, die beklemmenden Weiten sind zur endlosen Gegenwart verkommen. Die technoiden Beats haben sich zurückgezogen, man hört nurmehr wenige Andeutungen die kaum mehr vorstellbare Club-Nächte für einen kurzen Moment zurückbringen, sie aber genauso schnell wieder verschwinden lassen.

Ausgehend von der Science-Fiction-Reihe „Xeelee Sequence“ des britischen Autors Stephen Baxter werden hier bestehende Figuren und Ideen weitergesponnen. Auch die Album-Titel wie „Silver Ghosts“, „Photino Birds“ oder „Lakes of Light“ spinnen das „Xeelee“-Universum konkret weiter. Auch wenn der zugrunde liegende Science-Fiction-Plot die Geschichten im Morgen entwirft, erinnert das musikalische Gebilde in seiner fast klaustrophobischen Nähe vielmehr an das Heute das draußen.

Silver Ghosts from Thomas Wagensommerer on Vimeo.

Irradiation entwickelt akustische Räume der entschleunigten Transformation, den Gegenwartsklang einer Zukunft, die sukzessive seine Vorstellungskraft verliert. Ein schwarzes Loch, das sich selbst auflöst in Landschaften ohne Grundrisse. Man kann kaum wegschauen. Die Zeitpfeile sind geknickt und neigen ihre Hälse nach unten, die verlorene Zeit gerinnt zu Punkten die sich an manchen Stellen verdeutlichen, dabei einen assoziativen Anhaltspunkt bieten.

Irradiation schafft musikalische Bilder ohne Farben, Räume ohne Kanten und richtet sich auch an jene die diesen Raum mit eigenen Imaginationen befüllen möchten. Nach Ende des letzten Tracks „The Cold Sink“ dann ein Blick nach Draußen, alles beim Alten. Also alles von vorne „Xeelee“ on repeat.

Ada Karlbauer

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