„ICH HABE EHRLICHERWEISE NIE SO WIRKLICH ÜBER MEINE ZUKUNFT NACHGEDACHT UND EINFACH IMMER DAS GEMACHT, WAS ICH GERN MACHE“ – APOLLO SISSI IM MICA-INTERVIEW

Sprache ist Kunst – zumindest im Fall von APOLLO SISSI. Neun Songs hat der junge Musiker in den letzten zehn Monaten veröffentlicht: Er ist als APOLLO SISSI dennoch noch nie live vor großem Publikum gestanden. Langweilig scheint ihm bisher trotzdem nicht geworden zu sein: Für die Suche nach der perfekten Video-Location geht er tagelang wandern, nutzt mit Leidenschaft die Wiener Fahrradwege und arbeitet aktuell ausgiebig an der Veröffentlichung seines Debütalbums, das im Mai erscheinen wird. Katharina Reiffenstuhl hat sich mit dem gebürtigen Linzer in seinem Studio in Wien getroffen und einen Blick hinter die Kulissen von APOLLO SISSI und seiner Musik geworfen.

Du bist ja ursprünglich aus Oberösterreich. Wie ist die Musikszene dort, wie weit kommt man da als Musiker?

Apollo Sissi: Soweit man will, glaube ich. Aber Linz hat schon einen ziemlichen Drive. Es gibt eine coole Kulturszene. Irgendwie hat man das Gefühl, dass jeder dort viel weiter weg und viel größer rauskommen will. Aber alle sind sehr unterstützend. Als ich angefangen habe, habe ich mitbekommen, dass jeder, den man da kennenlernt und der auch Hip Hop macht, immer helfen will und einen direkt aufnimmt. Selbst, wenn du noch ganz am Anfang stehst und auf irgendeiner Freestyle-Cypher mitmachst, dann sagen die trotzdem “Nice, you did it!”. [lacht] Das ist einfach richtig cool.

Aber warum bist du denn dann nach Wien gezogen?

Apollo Sissi: Es war einfach an der Zeit. Ich hatte das Gefühl, Linz ist jetzt für mich ein fertiger Abschnitt und ich muss jetzt weiter.

Und was gefällt dir an Wien?

Apollo Sissi: Wien ist heftig. Man kann viel mehr fortgehen. Oder man kann überhaupt fortgehen, das geht in Linz ja nicht wirklich. Dort gibt es so wenig Techno. In Linz kennst du auch direkt überall jemanden, das ist hier nicht so. Dass überall Fahrradwege sind, ist auch eine der besten Sachen an Wien. [lacht] Es ist hier in der Großstadt einfach eine ganz andere Stimmung als in einer Kleinstadt.

„DIESE ANFÄNGE WAREN WICHTIG FÜR MICH, DAMIT ICH LERNE UND HERAUSFINDE, WAS ICH ALS KÜNSTLER WILL UND WAS MEINE RICHTUNG IST“

Bild Mala Brandstötter
Apollo Sissi (c) Mala Brandstötter

Du hast vor circa einem Jahr ein Comeback gestartet und mit „Partner in Crime“ nach langer Zeit wieder mal was veröffentlicht. Wieso war da so lange Pause?

Apollo Sissi: Ich bin draufgekommen, dass alles was ich gemacht hab, als ich noch jünger und am Start von meiner musikalischen Karriere war, eher persönliches Lernen war und nicht unbedingt wichtig für die Welt. Diese Anfänge waren wichtig für mich, damit ich lerne und herausfinde, was ich als Künstler will und was meine Richtung ist. Als ich das gemerkt habe, habe ich die damaligen Sachen gelöscht und meinen Künstlernamen geändert und habe die Musik gemacht, die ich wirklich machen wollte, wo mein Herz drinnen steckt. Das war früher natürlich auch so, aber es war noch nicht so weit, dass das für die Welt relevant war.

War Musiker eigentlich immer schon dein Berufswunsch Nr. 1?

Apollo Sissi: Nein, das war als Kind immer Forscher, so mit fünf, sechs Jahren. Das finde ich auch immer noch wahnsinnig toll, weil dieses stetige und lebenslange Lernen echt ein cooles Grundprinzip ist. Das hat die Forschung ja irgendwo an sich. Dann habe ich mich eine Zeit lang für Klettern sehr interessiert, aber Leistungssport ist nochmal ganz was anderes. Ich habe ehrlicherweise nie so wirklich über meine Zukunft nachgedacht und einfach immer das gemacht, was ich gern mache. Dann ist eben die Musik gekommen. Mit 17 oder 18 habe ich dann beschlossen, dass das mein Beruf werden muss. Da habe ich dann auch alles dafür getan, viel Energie und Zeit hinein investiert und vor allem angefangen mit Freunden zu arbeiten, die auch künstlerisch tätig waren, zum Beispiel Videografen oder Mixing Engineers.

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Dein Debütalbum heißt “Shady & Schön”. Auf was bezieht sich das?

Apollo Sissi: Dass Sachen nur in gegenseitigen Wechselbeziehungen existieren können. Schatten gibt es nur, weil es Sonne gibt. Wenn du nicht weißt, was schön ist, dann weißt du auch nicht, was schirch ist. Es bedingt sich einfach immer gegenseitig. Ich habe auch zwei Skits am Album, die das sehr übertrieben verdeutlichen. Da habe ich mir voll einen Spaß draus gemacht. Der erste Part ist quasi süß und schön und “good life”, dann kommt dieser harte Beat-Switch, wo dann genau das Gegenteil der Fall ist und diese shady Seite dargestellt wird. Es ist auch viel Ekstase in dem Album, auf die müssen auch wieder Zeiten von Ruhe folgen. 

Wie lange beschäftigst du dich schon mit Lyrik? Du schüttelst da in deinen Songtexten ja ehrlicherweise wirkliche Meisterwerke aus dem Ärmel.

Apollo Sissi: Früher habe ich angefangen mit Gedichten, das war so mein erster Zugang zu Texten. Es ist aber voll unterschiedlich, es gibt Songs, die schüttelt man wirklich so aus dem Ärmel und die sind in einer halben Stunde fertig. Dann gibt es aber auch Songs, an denen man tagelang schreibt und den ganzen Tag nur noch damit beschäftigt ist, dass wirklich jede Line passt. 

„DAMIT ICH DAS AUSDRÜCKEN KANN, WAS ICH IN MIR SPÜRE, MUSS ICH DIESEN HANG ZUR DRAMATIK AUSLEBEN“

Was in deinen Texten sehr auffällt, ist dieser Hang zum Drama, zur Melancholie. Woher kommt das?

Apollo Sissi: 
Wenn man sich vorstellt, die Emotion kommt aus mir raus. Dann geht sie ins Mikrofon hinein, in den Laptop, dann wird sie mit dem ganzen vermischt und geht über die Speaker wieder raus zum Hörer. Auf diesem Weg durch die Welt muss ja irgendwie was verloren gehen. Damit ich das ausdrücken kann, was ich in mir spüre, muss ich diesen Hang zur Dramatik ausleben, damit der Hörer erkennen kann, was ich fühle. Ergibt das Sinn? Sonst könnte ich noch ein Diagramm aufzeichnen. [lacht]

Essenziell für den Vibe deiner Songs ist ja auch irgendwo die Ästhetik deiner Musikvideos. Hast du da schon beim Schreiben der Lyrics Vorstellungen für die visuelle Umsetzung?

Apollo Sissi: Das Video zu “Engelserscheinung” zum Beispiel, da habe ich vorher die Videoidee gehabt und ein Skript dazu geschrieben. Dann habe ich mir gedacht “Hey, es wäre eigentlich cool, wenn da ein Song auch dabei wäre” und dann habe ich einen dazu geschrieben, wo genau beschrieben wird, was im Video passiert. Sonst entstehen meistens die Songs vorher. Die geben normalerweise eh sehr viel vor, in welche Richtung sich das Visuelle entwickeln muss.

“Engelserscheinung” hebt sich ja doch sehr ab von deinen anderen Songs. Das ist vom Sound und von der Stimme her etwas ganz anderes.

Apollo Sissi: Stimmt. Von denen, die ich veröffentlicht habe, auf jeden Fall.

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Du hast gesagt, du hast das Video dazu als erstes gemacht. Wie ist dieser Song dann entstanden?

Apollo Sissi: Ich habe damals vielen Freunden auf WhatsApp geschrieben, welche Fragen sie am meisten beschäftigen. Die ganzen Antworten, die dann zurückgekommen sind, sind dann zu diesen Hook-Parts geworden, wie “Warum lebe ich?” oder “Liebst du mich?”. Für das Video bin ich tatsächlich ein paar Tage wandern gegangen. Ich habe nach einer dystopischen Landschaft gesucht, die völlig zerstört ist. Irgendwas, was nach Apokalypse aussieht. Das war echt gar nicht so leicht. Ich habe Bergsteiger-Freunde um Hilfe gefragt und bin dann einfach ein paar Tage auf die Suche gegangen. Nach vier Tagen, glaube ich, habe ich dann endlich was gefunden. Also sind wir da dann raufgewandert, haben das gedreht und haben dort voll laut Techno am Berg aufgedreht. Das war richtig besonders, die Stimmung war so gut. War ein unglaublich schöner Videodreh.

Gibt es eigentlich hinter dem Namen APOLLO SISSI eine spannende Geschichte?

Apollo Sissi: Also Sissi war eigentlich davor auch schon mein Spitzname. Dann habe ich nach Worten gesucht, mit denen ich mich sonst noch definieren kann. Da Apollo für Raumfahrt und Lyrik steht, dachte ich mir das passt super. Außerdem haben beide Wörter diese Doppelkonsonanten, was das Schriftbild insgesamt so schön macht.

In Songs wie “Kylie’s Skit” nimmt man dich als sehr selbstsicher wahr, andere Lieder zeigen teilweise eher verletzlichere Seiten von dir. Wie sehr hängen deine Persönlichkeit und die von APOLLO SISSI als Künstlerfigur zusammen?

Apollo Sissi: Die sind ident, würde ich sagen. Es ist sonst auch schwierig, glaube ich. Du lebst und erlebst Sachen, die gibst du in deinen Songs wieder. Natürlich sind da jetzt Sätze, die völlig überzogen sind und vielleicht nur verstanden werden können, wenn man humoristisch denkt. Aber das bin auf jeden Fall ich.

„FILME ERINNERN MICH DARAN, WIE GROß MAN EIGENTLICH DENKEN KANN“

Wo nimmst du deine Inspirationen her?

Apollo Sissi: Ich habe so viele Inspirationen. Bücher sind ein riesiges Thema. Natürlich die Instrumentals und die Musik, die meine Produzenten machen. Wenn ich mit Flipper [Anm.: Alex The Flipper, Produzent] zusammenarbeite, dann reden wir meistens ewig. Er ist so empathisch und versteht mich komplett. Manchmal ist es fast schon telepathisch. Wir sehen uns manchmal ein paar Monate nicht und er schickt mir dann genau diese Beats, die ich gerade in meinem Leben brauche. Die sind perfekt abgestimmt auf das, was im Moment bei mir passiert. Andere Musik ist natürlich auch inspirierend, genauso wie Filme. Filme erinnern mich daran, wie groß man eigentlich denken kann und wie groß Projekte sein können. Dass man einfach unendlich weit gehen kann. Die machen sich so viel Aufwand und denken an Details, die kaum jemand sieht, aber unterschwellig und tiefgreifend dann doch irgendwie auffallen. Zeichnen ist auch eine Inspiration, das erinnert mich immer daran, dass man keine Fehler machen kann und einfach irgendwie drauf los machen soll. 

Danke dir für das Interview!

Katharina Reiffenstuhl

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Links:
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