„Ich bin extrem perfektionistisch veranlagt.“ – GREYSHADOW im mica-Interview

Dem Wiener Musiker GREGOR WESSELY alias GREYSHADOW ist es schon nach kurzer Zeit das seltene Kunststück gelungen, mit seinen ersten Songs im Radio zu landen. Seine von Synthies stark geprägten Indie-Popsongs kommen an, auch weil der Songwriter immer auch eine sehr persönliche Note in seine Musik einfließen lässt. Mit „Fast“ erscheint nun seine nächste Single. Im Interview mit Michael Ternai spricht GREGOR WESSELY über seine große Liebe zur Musik, seinen Perfektionismus und den ständigen Prozess, in dem er sich musiklaisch wie auch persönlich befindet.  

Vielleicht zu Beginn, wie hast du diese unglaubliche Liebe zur Musik entwickelt? Du bist ja ständig am Werkeln und Veröffentlichen.

Gregor Wessely: Es hat damit begonnen, dass mir mein Vater mit acht Jahren eine Beatles-Schallplatte vorgespielt hat. Die war für mich wie eine Offenbarung. Ab diesem Zeitpunkt habe ich begonnen, intensiv Musik zu machen. In Laufe der Jahre ist das Interesse dann wieder etwas weniger geworden bis es eben wieder aus mir herausgebrochen ist. Da war ich etwa 18 Jahre alt und habe meine erste Band gegründet.
In der Schule war ich, glaube ich, eigentlich ein sehr missverstandener Typ, Ich war sehr introvertiert und still. Ich würde sagen, dass ich nicht wirklich so viele Freunde hatte. Umso mehr waren dann alle erstaunt, als ich mit meiner Band in der Schule auftrat. Davor sind wir eher belächelt worden. Viele fragten sich: „Was? Der Typ, der immer ruhig da hinten in der letzten Reihe sitzt, singt in einer Band?“
Ich habe damals für mich entdeckt, dass Musik für mich eine Ausdrucksweise ist, die für mich besser funktioniert als Worte. Darum glaube ich auch, dass mich die Leute über die Musik mehr verstanden haben. Ab diesem Zeitpunkt hat sich dann in meinem Leben sehr viel verändert. Ich habe andere Bands gegründet und mit diesen sehr viele Konzerte gespielt. Dadurch habe ich sehr viel gelernt. Was zum Beispiel Teamwork bedeutet oder was es wirklich heißt, in einer Band zu spielen. Es waren verschiedene Gründe, warum sich die Bands dann immer wieder im Laufe der Zeit aufgelöst haben. Einer war, dass meine damaligen Bandkollegen nicht so sehr für die Sache gebrannt haben und so viel Zeit in die Sache investieren wollten, wie ich es tat. Außerdem dürfte ich ein ziemliches Ego haben. Ich wollte die Dinge immer so durchsetzen, wie ich es wollte. Dadurch hatten meine Bandkollegen nur wenig Raum, ihre eigenen Ideen einzubringen. 2020 habe ich mir dann in den Kopf gesetzt, solo ein Projekt zu machen und zu schauen, wie es läuft.

„Ich wollte eine klarere Linie in den Liedern, einen bestimmten Stil, den ich konsequent durchziehen kann.“

War für dich immer klar, in welche musikalische Richtung du gehen willst?

Gregor Wessely: Nein. Ich habe mich natürlich auch ausprobieren müssen und viel experimentiert. Die ersten Sachen, wie etwa die ersten zwei Singles, waren noch sehr psychedelisch angehaucht. Dann habe ich etwas anderes ausprobiert usw. Nach ein paar Singles habe ich festgestellt, dass meine Songs letztlich doch immer so ein Mischmasch aus allem waren, was mir dann doch nicht mehr so gefallen hat. Ich wollte eine klarere Linie in den Liedern, einen bestimmten Stil, den ich konsequent durchziehen kann. Es war dann so, dass ich irgendwann irgendwie auf den Synthesizer und damit auf Synth-Pop gestoßen bin und mir gedacht habe, das ist cool, damit kann ich etwas anfangen. Ja, und in diesem Stil sind in Folge recht viele Songs entstanden. Wobei ich schon auch sagen will, dass es in Zukunft bei einem Song nicht auch einmal in eine andere Richtung gehen kann.

Bild Greyshadow
Greyshadow (c) Ario Omidvar

Das Besondere an deinem Synth-Pop ist, dass er zeitlos klingt und nicht an einen aktuell super hippen Sound angelehnt ist.

Gregor Wessely: Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass bei mir schon auch stark meine Singer/Songwriter-Vergangenheit eine Rolle spielt. Beziehungsweise entstehen meine Songs ja auch vorwiegend an der Gitarre. Das ist mein Ansatz. Die Synths kommen erst später hinzu. Das ist auch irgendwie die Brücke, die ich zu schlagen versuche.

Welche Rolle spielt bei dir Perfektionismus? Wie sehr wirst du von einem solchen angetrieben? 

Gregor Wessely: Sehr. Ich bin extrem perfektionistisch veranlagt. Wenn du Produzenten fragst, die schon mit mir zusammengearbeitet haben, können sie bestätigen, dass ich eine echte Nervensäge sein kann. Ich habe einfach sehr genaue Vorstellungen von dem, wie ein Song von mir klingen soll. Produzenten und Mixer haben, wenn sie den Song gehört haben, zumeist zunächst eine andere. Da bedarf es sehr vieler Gespräche, den Leuten meine genauen Vorstellungen näherzubringen. Ich gehe da sicher etwas zu verkopft an die Sache ran. Und ich bin mir auch sicher, dass mich das auch in gewisser Weise einschränkt. Die Songs so hinzubekommen, wie man es sich vorstellt, ist sicher gut und zufriedenstellend, aber ich denke, dass Kreativität auch darin besteht, dass man sich nicht immer etwas genau vornimmt und sich auch schon einmal leiten lässt. Wenn ein Produzent eine Idee hat, kann man schon auch einmal darauf eingehen. Da muss ich sicher noch an mir arbeiten.

„Ich kämpfe oft mit mir selbst, da ich mein schärfster Kritiker bin.“

Deine neue Single heißt „Fast“. Was gibt es über diesen Song zu erzählen?

Gregor Wessely: „Fast“ ist ein sehr persönlicher Song. Vielleicht der persönlichste. In dem Song geht es um Themen wie Verfremdung, Entfremdung, Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit. Eines Tages blickt man in den Spiegel und muss schockiert feststellen, dass man sich selbst nicht mehr wiedererkennt. Man ist ein anderer Mensch geworden. Manchmal können Personen von außen das eigene Verhalten stark beeinflussen, manchmal ist man auch selbst der Auslöser für die eigene gravierende Veränderung. Ich kämpfe oft mit mir selbst, da ich mein schärfster Kritiker bin. Ich setze mir zu hohe Ziele und mache mir sehr großen Druck möglichst schnell alles zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe. Ebenso belaste ich mich selbst oft damit, möglichst viel und alles vom Leben zu genießen. Ich bemerke dabei oft nicht, dass ich zu krampfhaft an viele Dinge herangehe und mir dadurch selbst im Weg stehe. Durch das Schreiben dieses Songs habe ich gelernt, dieses Problem zu erkennen und daran zu arbeiten. Ich bin draufgekommen, dass ich mich ständig verändern und entwickeln möchte. Ich bin auf der Suche nach etwas, was ich oft gar nicht genau definieren kann. Durch diesen Song habe ich gelernt, dass Veränderung etwas Positives und Schönes in meinem Leben sein kann, solang sich das alles in einem vernünftigen Ausmaß bewegt und ich mich nicht selbst dadurch belaste. Dass ich oft durch eine schwere und melancholische Lebensphase durch muss, um so ein Erkenntnis zu haben, überrascht mittlerweile auch nicht mehr.

Du hast dich erst 2020 musikalisch auf die eigenen Beine gestellt. Ein Jahr später werden deine Songs schon im Radio gespielt. Das ist ungewöhnlich schnell gegangen. 

Gregor Wessely: Vor allem das, was mit der vor ein paar Wochen erschienenen Single „The Weight“ passiert ist, hat mich erstaunt. Sie wurde auf FM4, auf Radio Soundportal, auf 88,6 und auf Life Radio gespielt, also auf doch recht großen österreichischen Sendern. Dass ich jetzt aber groß überrascht war, kann ich gar nicht sagen. Es war schon immer mein Ziel, in der Szene Fuss zu fassen. Ich hatte jetzt nicht vor, speziell Musik fürs Radio zu schreiben, aber ich konnte mir schon vorstellen, dass meine Lieder auch gespielt werden könnten. Sie sind alle eigentlich recht eingängig und die Melodien catchy. Aber das ist natürlich auch ein Ergebnis eines Prozesses. Es hat schon eine Zeit lang gedauert, bis da was in Bewegung geraten ist.

„Ein Album ist derzeit noch nicht geplant. Ich denke, dafür ist für mich noch zu früh.“

Du bringst jetzt in regelmäßigen Abständen Singles raus. Steht am Ende dann ein ganzes Album?  

Gregor Wessely: Alben waren für mich immer sehr wichtig. Ich habe – bevor alle diese Streamingdienste bekannt wurden – ja selber immer CDs und Platten gekauft. Und mein Wunsch war auch immer, selber irgendetwas auf einem physischen Tonträger zu veröffentlichen, etwas, dass auch in sich stimmig ist. Aber ich denke, heutzutage ist es wichtig, online Singles zu veröffentlichen.
Ein Album ist derzeit noch nicht geplant. Ich denke, dafür ist für mich noch zu früh. Ich befinde mich einfach in vielen Dingen, wie etwa mit der Stilfindung aber auch mit meiner Persönlichkeit – in einem Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Was es aber geben wird, ist eine EP. Hoffentlich noch in diesem Jahr.

Du hast vorher erwähnt, dass du sehr viel live gespielt hast. Das war ja jetzt lange nicht möglich. Wann wird man dich wieder auf der Bühne sehen?

Gregor Wessely: Letztes Jahr war diesbezüglich wirklich etwas durchwachsen. Wir hatten für letzten Sommerschon einige Gigs geplant gehabt, nur sind diese aus bekannten Gründen ins Wasser gefallen. Es wären gleichzeitig auch die ersten Gigs mit Greyshadow gewesen. Insofern war das Ganze schon bitterer. Auf der anderen Seite denke ich mir aber, dass ich mich vor allem im letzten Jahr – vor allem im Songwriting – sehr entwickelt habe, und dass diese Entwicklung nur passieren konnte, weil ich viel Zeit zum Songschreiben hatte. Mit vielen Konzerten dazwischen wäre das nicht möglich gewesen. Zudem boten mir diese Monate auch die Möglichkeit, mich mit Sachen wie Online-Promotion intensiv auseinanderzusetzen. Insofern empfand ich das letzte Jahr nicht als einen allzu derben Rückschlag, weil ich die Zeit für andere wichtige Dinge nutzen konnte. Aber jetzt freue ich mich schon sehr darauf, wieder auf der Bühne zu stehen. Im Herbst wird es auf jeden Fall ein paar Konzerte geben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

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Links:
Greyshadow (Facebook)
Noise Appeal Records