Es gibt Künstler:innen, die ihr Umfeld prägen – und solche, die es herausfordern. Die Tiroler Rapperin Spilif tut beides. In einer Szene, in der Frauen noch immer unterrepräsentiert sind, setzt die Musikerin nicht nur Akzente, sondern verändert die Tonlage. Ihr Rap ist nicht Attitüde, sondern Haltung. Die Musik der Rapperin, die eigentlich Bettina Filips heißt, ist eine groovige Liebeserklärung, eine warme Umarmung, aus der man sich nur löst, um im Takt zustimmend zu nicken. Vor zwei Jahren ließ sie mit ihrem Debütalbum „irgendetwas das du liebst“, ein Werk, das mit seinem Mix aus Rap, Spoken Word und Jazz bereits ihre musikalische Handschrift erkennen. Im Oktober dieses Jahres erschien nun ihr zweites Album „Elouise“ und zeigt in dreizehn Songs und rund 37 Minuten eine selbstsichere sowie authentische Künstlerin, die bleiben wird.
Was würdest du sagen, rappst du eher für jemanden oder gegen etwas?
Spilif: In erster Linie rappe ich für mich selbst – auch wenn das vielleicht klischeehaft klingt. Auf meinem Song „Elouise“ rappe ich sehr konkret für und über die Frauen in meinem Leben. Ein Liebeslied, wenn man so will. Ich rappe für die Selbst- und Nächstenliebe, für jeden Zuhörenden da draußen, der sich aus meinen Zeilen etwas Positives für sich selbst mitnehmen kann. Ich rappe gegen die Angst vorm Scheitern und dagegen, so hart zu uns selbst zu sein. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich immer für die Liebe rappen.
Wie war es für dich, am zweiten Album „Eloise“ zu arbeiten – im Gegensatz zum Debütalbum?
Spilif: Die Herangehensweise war tatsächlich wieder dieselbe. Wir haben als Band gemeinsam vier Tage im Schall und Wahn Studio verbracht und dort – wie auch beim Debüt – komponiert und aufgenommen. Es war wieder eine richtig schöne, intensive Zeit. Zugegeben: Ich war dieses Mal etwas aufgeregter. Das berühmte „verflixte zweite Album“ eben.
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War dir schon früh bewusst, dass du eines Tages als Musikerin auf der Bühne stehen willst, oder hat sich dieser Wunsch erst im Laufe der Jahre entwickelt?
Spilif: Nein, eigentlich nicht. Ich wollte immer schon Musik machen – musizieren, kreativ sein, Teil eines kunstschaffenden Umfelds sein. Aber die Idee, das wirklich beruflich zu machen, kam erst mit Anfang 30 so richtig. Ein Projekt wie Spilif soll sich langfristig und nachhaltig entwickeln können, und dafür braucht es eben auch Budget und gewisse Investitionen. Noch zahlt Rap die Rechnungen nicht, haha.
Wie entstehen deine Lyrics: Entwickeln sie sich aus deinem eigenen Alltag heraus, aus Gefühlen, die dich beschäftigen, oder lässt du dich auch von Dingen inspirieren, die du bei anderen erlebst?
Spilif: Ich lasse mich stark von meinem Umfeld inspirieren: von Menschen, die mich begleiten, von Natur, Kultur, vom Unterwegssein – und auch von mir selbst. Ich schreibe oft sehr persönliche Texte, manchmal aus einer erzählenden Perspektive und meistens rückblickend.
Welche Rolle spielt Stille in deinem kreativen Schaffensprozess?
Spilif: Fast gar keine – oder die größte überhaupt, je nachdem, wie man es betrachtet. Wenn ich schreibe, herrscht selten Stille. Und auch sonst umgibt sie mich nicht besonders oft, haha. Die „Stille“ der Natur ist natürlich ein wunderschöner Rückzugsort, aber grundsätzlich bin ich eher der Typ Mensch, bei dem irgendwo immer Musik spielt.

Glaubst du, dass Schmerz oder Freude starke kreative Energien sind?
Spilif: Ja, ganz klar. Millionen Songs, Bilder und Bücher zeigen das. Musik war für mich immer ein starkes Werkzeug, um alle Emotionen in jeder Form zu verarbeiten.
Woran merkst du, dass ein Song fertig ist und released werden kann?
Spilif: Ich finde, man sollte nicht zu perfektionistisch an Songs herangehen. Manche Stücke brauchen einfach noch etwas Zeit – man spürt, dass sie noch „backen“ müssen. Und dann gibt es Phasen, in denen man seine eigenen Songs so oft hört, dass man sie regelrecht „totgehört“ hat. Eine kleine Pause kann da Wunder wirken.
Und irgendwann gibt es diesen Moment, in dem man merkt: Mehr braucht’s nicht. Ob ein Song je wirklich fertig ist? Wer weiß das schon. Aber released ist immer besser, als dass Musik auf irgendwelchen Festplatten liegen bleibt.
Was ist das Mutigste, das du je über dich selbst gerappt hast?
Spilif: Der Song „Glaub mir, ich bleib hier“
„Die Krisen, brachten mich dazu, dass ich jetzt an mich glaub‘,
Und niemand, redet mir den Vibe jemals mehr aus,
Applaus, Applaus, Kuck, ich mach es routiniert,
Solang der rote Ball noch aufgeht und die Kugel noch rotiert,
Schreib ich Zeilen auf Papier, die ich auf Bühnen präsentier‘,
Kuck, was is‘ wenn der Scheiß funktioniert
Glaub mir, ich bleib hier
Glaub mir, ich bleib hier
Ganz egal, ob es scheitert oder ob es funktioniert“.
(ich bleib hier aus irgendetwas das du liebst/ 2023)
Welche Bedeutung hat Heimat für dich?
Spilif: Ich bin unglaublich gern auf Tour, aber ich muss zugeben: Die Alpen fehlen mir immer ein bisschen. Ich liebe die Berge Tirols. Meine Familie lebt hier, viele meiner besten Freunde, Menschen, die ich liebe. Ich habe in Tirol ein soziales Netz und eine starke Verbindung zur Kulturszene. Und natürlich stammen die meisten meiner Erinnerungen von hier. All das zusammen ergibt für mich Heimat.
Du bist in der kleinen Gemeinde Pfaffenhofen bei Telfs (Tirol) aufgewachsen. Wie beeinflusst die Tiroler Landschaft deinen Sound?
Spilif: Die Tiroler Musiklandschaft – oder die Berg-und-Tal-Landschaft? Tatsächlich beides. In beiden Bereichen gibt es Wunderschönes, Menschen, die dafür brennen, und Menschen, denen es egal ist. In beiden Bereichen gäbe es Bedarf an Renaturierung. Und in beiden Bereichen wären mehr Fördergelder definitiv hilfreich.
Bis Mitte Dezember warst du mit deiner Band und dem neuen Album „Elouise“ auf Tour in Österreich und Deutschland. Was sind die Pläne für das kommende Jahr 2026?
Spilif: Der Plan ist, nach der Tour im Dezember noch einmal ins Studio zu gehen – mal sehen, ob das zeitlich klappt. 2026 freue ich mich riesig auf den Festivalsommer, und die eine oder andere kleinere Tour wird es sicher auch geben. Ansonsten wird, wie immer, an neuer Musik und allem Drumherum gearbeitet.
Danke für das Gespräch!
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Nina Zacke
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