Während zuletzt Hunderte junge Menschen und Kulturschaffende gegen das große Club- und Kulturveranstaltungsstätten-Sterben in Innsbruck auf die Straße gegangen sind, ist das Veranstaltungszentrum Komma in der Tiroler Kleinstadt Wörgl seit knapp drei Jahrzehnten eine Konstante. Wesentlichen Anteil daran hat Petra Rodens, die das Booking im Komma verantwortet. Wieso Wörgl Tirols Metal-Metropole ist, weshalb Nachwuchsbands „ihren Arsch hochkriegen müssen“ und warum im Komma für fast alle Platz ist, erklärt sie im Gespräch.
Wie könnt ihr euch seit so vielen Jahren in einer Kleinstadt rund 60 Kilometer östlich von Innsbruck und 100 Kilometer südlich von München behaupten? Und was bedeutet eure Lage fürs Booking?
Petra Rodens: Wir sind Provinz und es ist sehr schwierig, die Provinz zu bespielen. Unser Einzugsgebiet hat einen Radius von rund 50 Kilometern. Das Komma ausschließlich mit Wörgler:innen, das heißt mit den rund 14.000 Menschen, die hier leben, zu befüllen, ist sehr schwierig. Schwierig ist auch die Konkurrenz zu Kufstein (rund 15 km entfernt, Anm.), weil dort kulturell sehr viel passiert und großzügig gefördert wird. Wenn wir internationale Bands veranstalten, achte ich darauf, dass sie entweder in München oder in Wörgl spielen. Mit Innsbruck ist es ähnlich. Wenn Voodoo Jürgens im Frühjahr im Innsbrucker Treibhaus auftritt, schaue ich, dass er erst im Herbst zu uns kommt.
Das Programm im Komma ist breit gefächert, Konzerte, (Kinder-)theater, Kabarett aber auch Esoterik-Vorträge. Wie versteht ihr euren kulturellen Auftrag?
Petra Rodens: Ähnlich wie beim Innsbrucker Treibhaus liegt auch bei uns ein Schwerpunkt auf österreichischen Künstler:innen. Wir haben in den kommenden drei Monaten von September und Dezember 28 österreichische Acts im Komma. Wir programmieren nicht nur selbst, wir vermieten auch die Säle, etwa für Vorträge. Ein großes Anliegen sind uns zudem die lokalen Vereine, wir unterstützen Kulturvereine aus Wörgl, wir machen die Promo für sie und helfen bei Verträgen oder Gagen-Verhandlungen. Theatergruppen können bei uns, wenn es terminlich möglich ist, einen stark ermäßigten Tarif inklusive Probetage erhalten, darum ist unser Haus auch so gut belegt. Die lokale Kulturszene lebt und wir versuchen ein Miteinander zu schaffen.
Bei vielen Konzerten seid ihr restlos ausverkauft. Kann man sagen, das Komma ist so etwas wie eine Art Wacken für Tirol?
Petra Rodens: (lacht) Das ist übertrieben, aber im Metal-Bereich sind wir schon ein Hot Spot. Da kommen die Leute auch 150 Kilometer angereist. Im Rockbereich hat sich auch Telfs sehr gut positioniert!

Dort ist die Kapazität – etwa im Rathaussaal Telfs mit rund1200 Besuchern – auch deutlich höher…
Petra Rodens: Unser großer Saal hat eine Kapazität von 700 Gästen und unser kleiner Saal, der früher die sogenannte Black box für Alternative- und junge Bands war, wurde umgebaut in ein Theatron (urspr. Bezeichnung für einen Teil eines antiken Theaters, Anm.). Unser Hausmeister ist ein Genie, er hat sehr viel aus recycelten Materialien gebaut. Das Theatron ist unsere Kleinkunstbühne, dort herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Die Leute wollen sich vor allem wohlfühlen, nicht nur zu einem Konzert gehen, das war speziell nach Corona wichtig. Unsere dritte Bühne ist die Stage Bar, die im Gastronomiebereich angesiedelt ist, hier haben wir zuletzt etwa Nachwuchsbands einen Auftrittsort geboten.
Wie sieht es denn aus mit dem Tiroler Nachwuchs?
Petra Rodens: Die Szene ist sehr lebendig aber Nachwuchs ist ganz ein schwieriges Thema im Komma. Wir hatten zuletzt ein Projekt namens X-tra GIG. Einmal im Monat sind junge Bands aufgetreten. Wir haben einen Techniker gestellt und die Bands bekamen eine faire Gage. Wir hatten sogar ein Sponsoring. Das Projekt hat uns aber letztlich 6000 Euro gekostet und es sind bei allen 6 Konzerten nicht einmal 100 Gäste insgesamt gekommen. Schlimm!
Ich glaube nicht, dass es an uns liegt, das Programm war sehr vielfältig. Das Problem ist, dass die Bands wenig dafür tun, damit die Veranstaltung erfolgreich wird. Ohne Eigeninitiative und harte Promo-Arbeit kommt niemand weiter, und wir verschwenden Geld, ohne dass irgendjemand etwas davon hat. Deshalb haben wir das Projekt eingestellt.”
Wie können junge Bands jetzt doch noch zu einem Auftritt bei euch kommen?
Petra Rodens: Im Moment lege ich den Fokus darauf, dass sich die Bands direkt an mich wenden. Ich kriege mindestens 40 Mail-Anfragen pro Tag. Die meisten Anfragen werden gelöscht, weil ich das alles gar nicht beantworten kann. Die Bands müssten mir schon ein ausgearbeitetes Konzept vorlegen. Gerade als junge Musikerin oder junger Musiker musst du selbst deinen Arsch hochkriegen. Niemand kommt vorbei, wenn eine junge Band aus Innsbruck im Komma spielt. Es reicht nicht, dass wir die Promo machen, ihre kleine Fangemeinde können nur die Bands selbst erreichen.
Dein Mann ist auch Musiker, hast du Tipps für den Nachwuchs?
Petra Rodens: Neben der Bereitschaft zu wirklich harter Arbeit kann ich den Ambe Artist Development Blog empfehlen. Den macht ein befreundeter Südtiroler Veranstalter von mir, der auch Coachings anbietet.

Wie schafft ihr es als Kulturveranstalter zu überleben?
Rodens: Im Komma gibt es zwar keine ü30 und ü40 Partys, das hat für mich mit kulturellem Auftrag nichts zu tun, aber wir müssen natürlich auch Veranstaltungen machen, bei denen wir Geld verdienen. Im Kabarett-Bereich funktioniert das sehr gut. Da bessern wir immer unser Budget auf, egal ob Luis aus Südtirol auftritt oder Alfred Dorfer. Die Veranstaltungen sind stets voll und wir haben wenig Aufwand. Ein Dorfer hat es aber freilich nicht nötig in einem bestuhlten Saal mit nur 350 Plätzen aufzutreten, aber wir sind gut vernetzt. Der persönliche Kontakt zu den Künstler:innen ist uns sehr wichtig.
Wie ist es mit den Rock- und Metalkonzerten, für die ihr bekannt seid?
Rodens: Gerade die Metalprojekte sind sehr kosten- und arbeitsintensiv, da brauchen wir dreimal so viel Personal und ich habe vom Frühstück bis zum Abendessen an die 40 Leute zu verpflegen. Da sollten wir, wenn schon nicht mit Gewinn zumindest ohne Verlust aussteigen. Aber gerade diese Veranstaltungen sind für den Gastronomiebereich, der bei uns verpachtet ist, eine wichtige Einnahmequelle.
In Innsbruck ist es in den letzten Jahren immer ruhiger geworden. Kulturstätten, Clubs und Konzertvenues wurden geschlossen. Kann und will das Komma da eine Lücke füllen?
Rodens: Ich verstehe nicht, wieso ein Projekt wie das Quartier Bartlmä (ehemaliges Innsbrucker Gewerbegebiet, in dem ein Kultur- und Kreativquartier geplant war, Anm.) abgelehnt wurde. Wir unterstützen junge Veranstalter, die ein gutes Konzept haben. Das Problem ist, dass Veranstalter kaum noch die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren, da es beispielsweise in Innsbruck fast keine kostengünstigen und unkomplizierten Locations mehr gibt. Wenn jedoch junge Veranstalter keine Chance haben, sich zu erproben, fehlt auch den Bands die Möglichkeit, live zu spielen und zu wachsen. Es war früher einfacher für junge Leute. Die Lücke können wir nicht füllen. Wir haben unsere Position seit 30 Jahren, wir sind an 300 Tagen im Jahr ausgelastet. Wir haben viele Dauermieter, wie etwa eine Tanzschule oder Kinderballett. Weil das Komma der Stadt Wörgl gehört, finden bei uns auch die Gemeindeveranstaltungen statt, die Gemeinderatssitzungen werden live übertragen. Wir dürfen niemanden ausschließen aber extremes Gedankengut, egal in welche Richtung, sehen wir kritisch und distanzieren uns davon!

Was hat sich in all den Jahren im Komma verändert?
Rodens: Die Leute überlegen mittlerweile sehr genau wo sie hingehen, das Gesamtkonzept muss stimmen. Corona hat sicher auch dazu beigetragen, dass das Publikum nicht mehr so ausgehfreudig ist. Dazu kommt, dass alles viel teurer geworden ist. Wir haben Stammgäste, die sagen, ich kann es mir nicht mehr leisten, dreimal im Monat ein Konzert zu gehen, ich picke mir nur noch die Rosinen raus.‘
Wohin geht die Reise für euch?
Rodens: Die Reise geht definitiv „Komma goes Green“. Wir sind ein Klimabündnis Betrieb. Wir haben sehr viel umgestellt, sind mittlerweile barrierefrei, Plastik wurde reduziert, alles wird recycelt, wir drucken keine Plakate mehr etc.
Du bist seit beinahe zwanzig Jahren Bookerin. Was braucht es für diesen Job?
Rodens: Man wächst da rein, man muss ein Gefühl dafür entwickeln. Aber es ist genau mein Ding. Ich weiß, was in Wörgl funktioniert. Ich habe ein gutes Bauchgefühl, ein gutes Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick.
Gerade in den ersten Jahren gab es Manager, die dachten, sie könnten eine Frau über den Tisch ziehen. Das Business war eine reine Männerdomäne, ich war eine Exotin. Mittlerweile ist das zum Glück anders.
Mein erstes großes Konzert war Mothers Finest auf der Festung Kufstein. Dieses Erlebnis weckte den Wunsch in mir, die Band kennenzulernen und selbst einmal in dieser traumhaften Location etwas zu veranstalten. Später konnte ich Mothers Finest im Komma präsentieren und Seiler und Speer auf der Festung Kufstein. Mein Traum wurde wahr.
Silvana Resch
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