„Es gibt immer viel Platz zum Atmen!“ – mica-Interview mit TAMARA FRIEBEL

Alltagsgegenstände, selbst gebaute Instrumente, Komposition, Elektronik: Die Vielfalt der Mittel, die TAMARA FRIEBEL in ihrer Musik einsetzt, kam auch im Rahmen eines Porträtkonzerts am 27. April 2015 im WIENER RADIOKULTURHAUS zum Einsatz. Christian Heindl im Interview mit der in Australien geborenen Komponistin.

Eine Einstiegsfrage, die sich mir in Ihrem Fall zur Standortbestimmung aufdrängt: Känguru oder Lipizzaner? Oder seriöser: Australien oder Austria – wo sehen Sie als seit zwölf Jahren in Österreich lebende Australierin Ihr Zuhause?

Tamara Friebel: Das ist immer meine Frage und ein wichtiges Thema meiner Arbeit. Heimat ist „where love is“ – wo man Liebe hat. Ich fühle mich nicht „un-daheim“ hier. Bei der Musik fühle ich mich hier sehr zu Hause, bei Stränden fühle ich mich in Australien zu Hause, bei Seen fühle ich mich hier zu Hause, weil wir die in Australien nicht haben. Ich möchte aber nicht nostalgisch sein.

Der Geruch von Eukalyptusbäumen

Australien spielt jedenfalls nach wie vor eine große Rolle?

Tamara Friebel: Schon. Aber schon als Kind habe ich drei Sommer in Europa verbracht und mich dabei sehr wohlgefühlt. Im tiefsten Gefühl denke ich, dass ich schon einmal da war.

Hört man da die studierte Theologin heraus?

Tamara Friebel: Die offene Theologin, die spirituelle Frau. Ich lese sehr viel, habe mich viel mit Buddhismus, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Islam etc. beschäftigt und die Frage des nach dem Zuhause findet sich auch in diesen Themen. Wenn wir in einer Religion wirklich zu Hause sind, ist uns die andere nur ein wenig fremder.

Bleiben wir noch kurz bei diesem Thema. Was vermissen Sie an Australien?

Tamara Friebel: Den Geruch von Eukalyptusbäumen. Und die Luft ist anders – leichter, offener. Man sieht mehr vom Himmel.

Etwas finden, was berührt

Warum haben Sie sich zur Übersiedlung nach Europa bzw. Österreich entschlossen?

Tamara Friebel: Ich hatte eine Sehnsucht nach Europa. Vor allem wegen des Komponierens, um ein Studium hier zu absolvieren. Es war aber auch eine Sehnsucht, die deutsche Sprache zu erlernen. Meine Großtante stammte aus einer Einwandererfamilie und hat noch Deutsch gesprochen. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg in Australien unerwünscht.

Am 27. April fand im Wiener RadioKulturhaus ein Porträtkonzert mit dem Ensemble PHACE statt. Der von Ihnen gewählte Titel wirkt ungewöhnlich poetisch für Neue Musik: „Falling into Beauty“.

Tamara Friebel: Das ist ein kleiner Einblick in meine Arbeit der letzten Zeit – von gestern und vorgestern also. Dazu kommt mit „Canto Morph, An Opera of the Self“ das Werk, das 2012 meine Abschlussarbeit für das philosophische Doktorat (PhD) war. In New York habe ich 2013 meine Video-/Elektronik-Komposition „This rusted paradise is ours too“ uraufgeführt, die Filmmaterial von rostendem Stahl auf einem Schrottplatz in Hetzendorf verwendet. Die Kurzoper „Wärme“ mit der Sopranistin Kaoko Amano beschäftigt sich mit dem Thema „Wo ist zuhause …“ und nun wurde ein neuer zweiter Teil uraufgeführt: „Exquisite Loneliness, Breathe“. Meine Begriffe kommen immer daher, dass ich etwas Schönes finden möchte.

Hat der Schönheitsbegriff einen Platz in der Neuen Musik?

Tamara Friebel: Ich mag es. Es ist in der Natur beantwortet. Eine Welt im Sinn von „unschön“, aleatorisch – das geht bei mir nicht mehr. Jeder kann sagen: „Dieses Werk ist schön“, oder? Ich möchte, dass man etwas findet, was berührt.

Gefühle teilen

Das heißt in jedem Fall, dass sich die Hörerinnen und Hörer emotional darauf einlassen müssen.

Tamara Friebel: Man darf Gefühle mitbringen! Ich habe so viel studiert, damit das möglich ist.

Ihr Hintergrund ist eindrucksvoll. Sie haben außer Musik auch Soziologie, Theologie und Architektur studiert.

Tamara Friebel: Mein Weg in der Musik wäre ohne all das ganz anders. Die Architektur hat mich zum Beispiel gelehrt, in der Vorstellung tief in die Dinge hineinzugehen. Ich sehe dann überall Neuigkeiten. Einfach hineinzublasen, zu streichen, zu tropfen – das ist alles, was es braucht, um Musik zu machen.

Man kann die Dinge kritisch sehen, aber ich möchte das vermeiden für die Sache, die meine Lieblingssache ist: die Musik. – „We never want to say that we don’t fall in love.“ – Wir haben schon so viel gemacht, da können wir letztlich mit der Musik „in love“ fallen. Ich möchte vermeiden, dass die Leute sagen: „Ich mag es“, oder: „Ich mag es nicht.“ Ich möchte, dass wir Gefühle teilen und dem Atmen Raum geben. Das ist unabhängig davon, ob es sich um eine komplizierte Partitur oder eine bestimmte Technik handelt.

Mittel aus dem Moment heraus begreifen

In Ihrer Musik haben elektroakustische Möglichkeiten ein starkes Gewicht. Sind das zwei Wege – hier akustisch, da elektronisch – oder ist es für Sie eine Straße?

Tamara Friebel: Das ist eine Straße. Für mich ist es sehr wichtig, in jedem Bereich, in dem ich arbeite, fähig zu sein. Deshalb muss ich die Mittel oft aus dem Moment heraus begreifen – eine Sologeige auf der Bühne oder Elektronik oder eine neu aufgenommene Schellackplatte auf einem Grammophon.

Sie leben schon viele Jahre in Wien. Fühlen Sie sich in der österreichischen Musikszene integriert?

Tamara Friebel: Es gibt hierzulande so viele verschiedene Nationalitäten in unserer Generation. Ich glaube jedenfalls, dass ich dazugehöre. Das heißt nicht, dass ich mit meiner Arbeit Bestandteil von jedem Konzert sein könnte. Aber es gibt immer viel Platz zum Atmen!

Das gilt im Bereich der Neuen Musik vor allem für die mittleren und kleineren Spielstätten. Großer Musikvereinssaal und Staatsoper bleiben da weitgehend versperrt. Wäre das etwas für Sie?

Tamara Friebel: Das wäre auch superschön, warum nicht (lacht)!

Das Publikum und die Neue Musik im Austausch

Gelegentlich wird sehr emotional über Genderfragen diskutiert. Fühlen Sie sich als Komponistin gleichberechtigt?

Tamara Friebel: Für mich persönlich: Ja, alles in Ordnung. Es gibt viel Platz für jede und jeden!

Ihre Arbeiten entstehen sehr oft ohne Auftrag.

Tamara Friebel: Das stimmt. Für mich ist es immer wichtig, weiterzukommen. Manchmal kommt aber ein Auftrag und es passt alles zusammen.

Noch einmal eine Frage an die gebürtige Australierin: Wie sehen Sie die internationale Rezeption der österreichischen Musikszene? Ist Österreich ein Land, das auf gleichem Niveau mitspielt?

Tamara Friebel: Ich glaube, die Ausbildungssituation hier hat sehr geholfen, die Situation zu öffnen. Ich bin übrigens sehr dankbar, dass ich so viele gute Lehrerinnen und Lehrer in Wien hatte.

Wenn wir von der internationalen Szene sprechen: Der wichtigste Punkt ist, dass wir in der Musik oft vom Publikum getrennt sind. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten, aber es ist so wichtig, dass das Publikum mitkommen kann! Daher vielleicht auch der Titel des Konzerts. Es wäre sehr schön, wenn das Publikum und die Neue Musik miteinander in einem Austausch wären.

Christian Heindl

 

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