„Es geht um diese vielen Untertöne, die existieren“ – SOPHIA GOIDINGER-KOCH und BARBARA RICCABONA (strings&noise) im mica-Interview

SOPHIA GOIDINGER-KOCH und BARBARA RICCABONA stehen auf Violine und Violoncello abseits süßlicher Vorurteile und geben dieser Leidenschaft mit zeitgenössischem Repertoire Ausdruck und Feuer. Dabei denkt das Duo Konzerte als Ganzes, schafft Übergänge zwischen den einzelnen Programmteilen und vermittelt Gegenwartsmusik an die Zuhörerschaft. So entstehen Gespräche zwischen sehr vielen Elementen eines Konzerts. So wird es auch bei einem Konzert des Duos beim impuls Festival im Juli in Graz zu erleben sein, wie Sylvia Wendrock im Interview erfuhr.

Als Instrumentalistin performativ zu arbeiten, ist einerseits zwar selbstredend, weil allein das Spielen eine Performance ist, aber es ist ja mehr gemeint: Liegt den Inszenierungen der Werke der Versuch zugrunde, eine Gesamtheit dessen, was stattfindet, abzubilden, das Instrument zum Beispiel unabhängig von seiner Klangfunktion auf seinen Gehalt, seine Gestalt hin abzuklopfen?

Barbara Riccabona: Die Entwicklung geht dahin, über die sowieso stattfindende Performance einer Werkpräsentation sich selbst weiter mit hineinzunehmen. Wir addieren gern schauspielerische Szenen, um in den Grenzbereichen von Schauspiel und Instrumentalkunst umherzuspüren. Bei der Verbindung von beidem entsteht ein neuer Charakter von Konzerten, es lassen sich wunderschöne Bögen bauen und proaktivierende Geschichten erzählen.

Sind diese performativen Elemente in den Partituren vorgegeben?

Barbara Riccabona: Bei François Sarhan ist es ganz klar definiert und auch musikalisch komplett ausnotiert. Man liest es also wie ein Musikstück, das er möchte, geht allerdings weit darüber hinaus, dass man sich frei mit dem Material bewegen kann und einen spontanen Eindruck erzeugt. Das macht es sowohl zu einer schauspielerischen als auch zu einer musikalischen Herausforderung.

„Es ist sehr spannend, Erwartungshaltungen aufzubrechen.“

Findet euch das Repertoire oder sucht ihr ganz gezielt nach Werken, die dieser Vorstellung entsprechen? Wie finden die Vereinbarungen statt, was zum Repertoire gehören soll?

Sophia Goidinger-Koch: strings&noise gibt es ja bereits seit sieben Jahren, Barbara spielt seit zwei Jahren mit mir. Es gibt bei mir seit jeher diesen Gedanken, dass jedes neue Werk ein extramusikalisches Element oder einen performativen Anteil haben soll. Diese Erweiterung des herkömmlichen Spielens ist mir ein Anliegen und soll auch die Identität dieses Duos sein. Wir wollen zeigen, dass Streichinstrumente eben nicht nur schön sind und sein wollen. Und was wir als Streicherin auf einer Bühne machen können. Es ist sehr spannend, Erwartungshaltungen aufzubrechen.

War das die Gründungsidee von strings&noise?

Sophia Goidinger-Koch: Der Titel bezieht sich bewusst auf ein 30-Sekunden-Stück von Peter Ablinger für Geige und Cello: „Two Strings and Noise“. Im Bild eines Kreuzes spielen die Streichinstrumente einen Ton als Waagrechte, den irgendwann ein Knacks mit allen Frequenzen in der Senkrechten durchkreuzt. Ursprünglich mit Maiken Beer als Gründsungskollegin gaben wir 2015 diesem Titel Gestalt und fanden uns als Duo, das mit zwei Streichern gegen gewisse Störkomponenten spielt.

Ihr seid dieses Jahr auch zum impuls Festival nach Graz eingeladen. Was werdet ihr da spielen?

Barbara Riccabona: Neben den schon genannten kleinen Performance-Clips „situations“ von François Sarhan werden wir ein Stück von Bernhard Lang geben, das wir durch die Corona-Pandemie bislang nur sehr selten spielen konnten. Außerdem wird es eine Uraufführung von Mauro Hertigs Stück geben, das für das Duo umgeschrieben wurde.

Sophia Goidinger-Koch: Er hat sein Duo für zwei Saxofone für uns umgeschrieben, als er uns in Salzburg gehört hatte und wir in einem Pausengespräch feststellten, dass wir zusammen beim impuls Festival in Graz sein würden.

Barbara Riccabona: So ergeben sich die Sachen. Zusätzlich geben wir jeweils ein Solostück: ich „Zeitenverwesung“ von Judith Unterpertinger und Sophia „Doppelbelichtung“ von Carola Bauckholt.

Das Repertoire für strings&noise entwickelt sich also relativ spezifisch zum Alleinstellungsmerkmal für das Duo.

Barbara Riccabona: Es kommen wirklich viele Menschen mit sehr viel kreativer Energie auf uns zu. Das mag ich am meisten daran. Die Ideen für das Crossroads Festival zum Beispiel waren wirklich spitze. Es gab 32 Bewerbungen, bei denen erklärt werden musste, warum spezifisch für welches Ensemble komponiert wurde. Da lässt sich schon genau erspüren, wer mit welchen Energien daherkommt. So sind originelle, maßgeschneiderte Stücke entstanden.

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„Der Zugang funktioniert tatsächlich über die außermusikalischen Elemente.“

strings&noise wollen das Interesse für Neue Musik steigern und für ungeübte Ohren erfahrbar machen. Beide arbeitet ihr auch als Lehrende. Gibt es da einen besonderen Zugang?

Barbara Riccabona: Der Zugang funktioniert tatsächlich über die außermusikalischen Elemente. Über dieses Plus gelingt es uns, etwas einzufangen, was dann auch mit Humor oder Geschichte oder mit Bild spielt. Ein unmittelbarer Zugang ist einfach irre schwer. Aber wir haben so oft völlig neues Publikum und danken einander dann, neue akustische Felder erkunden zu können. Allein unsere Personen sind da oft schon die Brücke und wir akquirieren dazu noch etwas mehr als das musikalische Material.

Ihr wurdet 2020 für das Programm NASOM – The New Austrian Sound of Music ausgewählt.

Sophia Goidinger-Koch: Nach der Aufnahme in den Katalog der weltweit verteilten Kulturforen Österreichs, werden Künstlerinnen und Künstler für zwei Jahre hinsichtlich Auftritten außerhalb Österreichs unterstützt. Dafür müssen sich die Ensembles auch tatkräftig einsetzen. Es war wahnsinnig schade, dass für uns diese Unterstützung in die Pandemie-Zeit fiel. Leider ist es ziemlich schwierig, an die Zeit vor der Pandemie anzuknüpfen, da viele Veranstalter nicht mehr existieren oder viel weniger Geld zur Verfügung steht …

Barbara Riccabona: … oder die Schlangen sind lang, in denen die Musikerinnen und Musiker vor den Veranstalterinnen und Veranstaltern stehen.

Ihr steht auf eure Instrumente und ihr steht auf euren Instrumenten. Wie kam es überhaupt zu Geige und Cello?

Sophia Goidinger-Koch: Meine zehn Jahre ältere Tante war ein sehr großes Vorbild für mich. Dann gab es keinen größeren Wunsch als eine Geige für mich und als ich sie an meinem 6. Geburtstag auspackte, ergriff mich trotzdem ein bisschen die Schwere, jetzt dieses Instrument in Angriff nehmen zu müssen. Mein Studienwunsch dahin entschied sich dann auch erst mit 18, weil meine Zeit davor im Musikgymnasium in Innsbruck von einem sehr schwierigen Lehrer begleitet war. Mit knapp 21 bin ich dann nach Wien übersiedelt, habe die Aufnahmeprüfung bestanden und von da an beste Begleitung genossen. Mir war relativ schnell klar, dass ich in die Neue Musik gehen will, das kam über die Chormusik, in Innsbruck hatte ich einen überzeugend progressiven Chorleiter erlebt, was mir total taugte. Im Studium in Wien belegte ich dann auch Improvisation bei Gunter Schneider und Burkhard Stangl, was augenöffnend und horizonterweiternd für mich war. Und nach dem Bachelorstudium schloss ich dann ein Masterstudium der Zeitgenössischen Musik an, was mich sehr zufrieden macht.

Barbara Riccabona: Mein Weg war superklassisch, samt Orchesterprobespiel und großem Jugendorchester, meinen Bachelor habe ich am Mozarteum in Salzburg abgeschlossen. Danach habe ich in Deutschland noch ein zweijähriges Masterstudium bei Conradin Brotbek angeschlossen und begegnete da der Neuen Musik. Als Persönlichkeit konnte ich mich beim Ausdruck in der Neuen Musik besser finden. Die große Masse beim Orchester kann sehr einschüchternd wirken, das extreme Vergleichen im klassischen Musikbereich ist grauenhaft. In dieser Situation zu einer Originalität im Ausdruck zu finden, erschien mir fast unmöglich. Ich bin sehr froh, jetzt nicht im Tutti im Orchester zu sitzen. In den Ensembles der Neuen Musik denkt jeder aufrecht und ist mit allem dabei. Es kommt so viel näher an das heran, was Musik überhaupt sein soll. Inzwischen genieße ich es auch total, auch in meinen Kammermusikprojekten Programme viel lebendiger werden zu lassen, viele Konventionen aufzubrechen und Ballast loszuwerden.

strings&noise
strings&noise (c) Maria Frodl

Du baust in anderen Kontexten ja auch eine Brücke zwischen Alter und Neuer Musik. Was macht es mit einem Menschen, sich täglich im kompetitiven Sinne mit einem vorgegebenen Kanon auseinanderzusetzen – im Gegensatz zur Suche nach einem Ausdruck für Gegenwart?

Barbara Riccabona: Das eine bedingt das andere. Der klassische Background ist sehr hilfreich für das Spielen von Neuer Musik. Man kann sich vor allem gegenseitig sehr beeinflussen. Trotzdem braucht man bei der Neuen Musik viel mehr Präsenz und geistige Wachheit.

Sophia Goidinger-Koch: Was immer hilft, ist ein visuelles Medium, eine Geschichte. Mit meiner Oma war ich in Mailand auf der Expo und hatte ein Soloprogramm mit Franco Donatoni und Luciano Berio vor Laufpublikum im Österreich-Pavillon gespielt. Das war superschwierig, meine Oma schaute nur verständnislos. Anschließend standen wir in einem Museum vor einem ganz abstrakten Bild eines zeitgenössischen Malers und meine Oma war als passionierte Aquarellmalerin begeistert. Ich erklärte ihr, dass dieses Bild das Gleiche ist wie meine Musik. Ich realisierte in dem Moment, dass der Mensch die Augen, aber nicht die Ohren schließen kann. Weghören ist kaum möglich, das Hören geht viel tiefer als das Schauen und ist unmittelbarer, man kann sich nicht erwehren und entscheiden. Deswegen finde ich es so wichtig, dass man Publikum abholt und Empathie und Verständnis dafür hat, dass nicht jeder Mensch täglich die Zeit und das Interesse dafür aufbringt. Ich habe als Künstlerin auch die Aufgabe, mein Anliegen vollumfänglich anzubringen.

Barbara Riccabona: Eine Freundin, die das Konzert letztens bei Alexander J. Eberhard besuchte, sagte zu mir: „Wow, was war das für ein Schritt aus der Komfortzone.“ Wir machen diesen Schritt und genießen es.  

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sylvia Wendrock (Sprechgold)


Termine:

Samstag, 8. Juli 2023
Kultursommer Wien
Kongreßpark
Werke vo Malin Bång, Alexander Kaiser, Kaija Saariaho, François Sarhan, Chatori Shimizu, Caitlin Smith

Dienstag, 25. Juli 2023, 17 Uhr
impuls festival, Graz
KUG . TIP . Theater im Palais
Leonhardstraße 15, 8010 Graz
Werke von Carola Bauckholt, Mauro Hertig, Bernhard Lang, François Sarhan und Judith Unterpertinger

Links:
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impuls 2023