„ICH MÖCHTE IN DIE TEXTE IMMER EINE ART METAEBENE EINZIEHEN“ – MICA-INTERVIEW MIT DER SCHWIMMER

Seit 20 Jahren betreibt KLAUS TSCHABITZER das Bandprojekt DER SCHWIMMER. Davor war er in Bands wie TANGOBOYS, SCHEFFENBICHLER und SALON LOISITSCHEK aktiv. In den letzten Jahren hat sich der umtriebige Musiker vorrangig dem mit NORBERT TRUMMER betriebenen Duo HIRSCH FISCH gewidmet. Zum Jubiläum erscheint nun das Album „A Heaz“, Jürgen Plank hat mit dem SCHWIMMER über sein Musikmachen, Bluegrass und Rock’n’Roll als urbane Volksmusik gesprochen.

Wie hat sich denn das Projekt Der Schwimmer aus deiner eigenen Sicht in den ersten 20 Jahren entwickelt?

Klaus Tschabitzer: Da gibt es verschiedene Ebenen: Ich habe ja alleine begonnen und dann mit der Zeit mit verschiedenen Leuten zusammengearbeitet. Zu meiner Überraschung hat sich jetzt ein Quartett gebildet, welches diese Band einfach trägt. Die andere Entwicklung ist natürlich in meinem Kopf passiert. Man kriegt immer wieder eine andere Sicht auf Dinge. Eine Platte von vor zehn Jahre sieht anders aus als eine Platte heute. Wobei wir aufnahmetechnisch immer mehr in die 1950er Jahre zurückgegangen sind. Die Platte „Schwoazzes Meer“ haben wir wirklich live aufgenommen. Bei der neuen Platte haben wir einen Großteil auch live aufgenommen, aber wir haben auch Corona mitdenken müssen und mehr als drei Leute waren daher nie gleichzeitig im Studio. Alles, was darüber hinausgegangen ist, haben wir mit Overdubs aufgenommen.

Musikalisch würde ich noch diese Entwicklung sehen, dass du von der Elektronik immer mehr zu richtigen Instrumenten gekommen bist. Wie würdest du diesen Weg beschreiben?

Klaus Tschabitzer: Genau, die Elektronik ist genau in der Zeit passiert, in der das Equipment gerade verfügbar und leistbar war. Mich hat das technisch interessiert, es war aber auch eine Hilfskonstruktion, weil ich extrem gerne in Bands spiele. Nach dem Ende der Tangoboys habe ich erst Mal solo weiter gemacht.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Ich habe zur neuen Platte „A Heaz“ die Schwimmer-Scheibe „Perfect Sunday“ aus dem Jahr 2004 quer gehört und mir ist aufgefallen, dass bei einem Lied von damals und bei einem der neuen Songs die Chöre im Hintergrund genau gleich sind. Ist das Zufall oder wolltest du da ein Zeichen setzen?

Klaus Tschabitzer: Es ist kein Zeichen, die Nummer „Drah di um“ ist aber auch schon damals entstanden. Es gab eine Aufnahme dazu mit Salon Loisitschek, aber die ist nie veröffentlicht worden. Ich fand die Nummer immer gut und wollte sie noch mal aufnehmen. Ich habe mich kulturhistorisch mit alten Rock’n’Roll-Aufnahmen auseinandergesetzt und das ist eher eine Referenz in diese Richtung.

„Ich finde die Romantik total inspirierend, auch Schubert zum Beispiel.“

Siehst du dich auch Poet?

Klaus Tschabitzer: Ich sehe mich nicht wirklich als Lyriker, aber in diesem Arbeitsprozess hat sich über die Jahre etwas entwickelt, das der Ästhetik des Austropop gegenübersteht. Der Austropop hat unmittelbar über Dinge gesprochen, die man erlebt hat. Das war für mich nicht brauchbar. Ich möchte in die Texte immer eine Art Metaebene einziehen, sodass es einen Bilderfluss gibt. Ich finde es cool, dass du Hölderlin erwähnst, denn: ich finde die Romantik total inspirierend, auch Schubert zum Beispiel.

Der Schwimmer (c) Florian Rainer

Von Scheffenbichler gab es ein CD-Cover mit einem Boot und einem Kapitän und Flugzeuge sind ein Motiv, das in deinen Liedern immer wieder vorkommt, auch Expeditionen. Am neuen Album heißt das Lied dazu „Der Ballon“. Was hat es mit diesen Sujets für dich auf sich?

Klaus Tschabitzer: Ich finde Expeditionen grundsätzlich interessant. Es gibt einen Kalauer von unserem Labelmann Hannes Surtmann,er meinte: „Der Ballon“ ist die Schwimmer-Version von „Major Tom“. Für mich verweisen diese Motive ins 19. Jahrhundert. Ich habe mich auch viel mit österreichischer Kulturgeschichte auseinandergesetzt, auch mit jemandem wie dem Autor Joseph Roth, der gesagt hat, Österreich wäre nie eine Nation, nie ein Vaterland und nie Heimat, sondern der erste übernationale Staat gewesen, der funktioniert hat. Angesichts von Flüchtlingen und Menschen, die sich hinter ihren Thujen-Hecken vor lauter Angst verstecken, ist es schon ein Wahnsinn, welche Wurzeln Österreich hat. Die Leute wissen aber kaum, was Österreich sein könnte, das ist ein Begriff, an dem man sich wie Thomas Bernhard abarbeiten kann und muss.

„Ein wichtiger Strang, an dem ich herum grabe, ist die Arbeiterkultur“

An Roths Befund könnte etwas dran sein, Benedict Anderson hat diese Zusammenhänge in seinem Buch „Die Erfindung der Nation“ ähnlich beschrieben. Aber zurück zu deiner Musik: es gab eine Phase, in der dich Bluegrass interessiert hat. Warum?

Klaus Tschabitzer: Ein wichtiger Strang, an dem ich herum grabe, ist die Arbeiterkultur. In meiner Traumwelt wäre der Rock’n’Roll rotzig und aufmüpfig gegen die so genannte Hochkultur. Davor habe ich mich auch mit Countrymusic beschäftigt und mit Bluegrass. Das war meine größtmögliche Annäherung an Volksmusik. Ich bin zwar in einer Industriestadt in der Steiermark aufgewachsen, aber österreichische Volksmusik hat mich nicht erreicht. Ob die Berge schön sind und die Mädchen fesch, ist mir eigentlich egal. Bluegrass trifft mich dagegen mitten ins Herz, das ist für mich nachvollziehbar.

Du hast aber auf dem neuen Album trotzdem eine lokale Verortung und erwähnst die Mur, Weiz und die Drau.

Klaus Tschabitzer: Auf unbewusste Weise versuche ich, eine europäische und österreichische Zugangsweise zur Arbeiterkultur miteinander zu verbinden. Peter Weibel hat mal gesagt, Rock’n’Roll wäre die urbane Volksmusik des 20. Jahrhunderts, genau so sehe ich das auch. Das Lied „Kumberg“ hat für mich schon Anklänge zu Bluegrass, aber diese Richtung setze ich mehr mit meiner anderen Band Hirsch Fisch um. Da verwenden wir alleine von den Instrumenten her näher am Bluegrass dran.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Wenn Weibel Recht hat, ist dann nicht Hip-Hop die urbane Volksmusik des 21. Jahrhunderts?

Klaus Tschabitzer: Das stimmt natürlich total. Ich habe rund um den Tod von Charlie Watts einige Dokumentationen über die Rolling Stones gesehen. Komischerweise haben die dieses machohafte Posing mitgeprägt. Das steckt auch im Hip-Hop. Den Grundzugang von Rap finde ich aber lässig, eine Art von Selbstermächtigung, für die es keine Ausbildung braucht: man macht einfach aus der eigenen Imagination eine Kunstform. Das finde ich großartig. Aber den Teil, bei dem es um große Autos, viel Geld und Frauen geht, verstehe ich nicht.

Dein wievieltes Album ist „A Heaz“ eigentlich?

Klaus Tschabitzer: Ich muss gestehen, ich weiß es nicht mehr. Wir haben ja mit den Tangoboys 1 CD, 1 EP und auch 1 oder 2 Kassetten gemacht. Kürzlich haben wir darüber gesprochen und offenbar gibt es von Der Schwimmer 7 Alben. Von Scheffenbichler gab es 1 CD und 2 oder 3 Kassetten.

Also ungefähr 20 Veröffentlichungen.

Klaus Tschabitzer: Ungefähr, ja.

Wie siehst du als recording artist die Entwicklung, dass Musik immer mehr gestreamt wird und weniger Tonträger gekauft werden?

Klaus Tschabitzer: Privat kaufe ich Tonträger, ich will einfach einen Tonträger haben. Wir haben unsere Musik aber inzwischen auch auf diversen Streaming-Plattformen und auf bandcamp. Selbst nur digital zu veröffentlichen, finde ich fad. Ich schaue mir gerne eine Platte an. Digital finde ich okay, aber ich selbst mag gerne Tonträger.

Wann wird es denn ein Revival von Scheffenbichler geben?

Klaus Tschabitzer: Das wird es nicht geben, zum einen, weil Dieter Preisl nicht mehr lebt. Wir haben zum Teil alte Nummern im Hirsch Fisch-Programm, die gut funktionieren. Wir haben mal versucht, Scheffenbichler-Nummern in neuen Arrangements aufzunehmen, aber das haben wir wieder gelassen. Diesen anarchistischen Wahnsinn, der in den alten Aufnahmen steckt, kann man nicht nachmachen. Dieses Gefühl kriegt man nicht mehr hin und deswegen muss man das so lassen. Von großen Bands aus den 1970er-Jahren gibt es ja Coverbands, super wäre eine Scheffenbichler-Coverband! (lacht)

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

++++

Der Schwimmer live
04.11.21 Wien – Rave Up, InStore Konzert
05.11.21 Wien – Kunsttankstelle Ottakring, Releasekonzert
27.11.21 Graz – Pierre Cafe Bar, Werk02

++++

Links:
der schwimmer
der schwimmer (bandcamp)
Early Morning Melody