„Der Live-Situation möglichst nahe kommen“ – WALTER PUCHER im mica-Interview

WALTER PUCHER ist dezidierter Solo-Künstler: Er will alleine auf der Bühne stehen und wird auch in Zukunft nicht Teil einer Band sein. Ursprünglich stammt Pucher aus Kärnten, längst ist er in Wien ansässig. Vor kurzem hat er seine zweite CD „Regn ohne Wossa“ vorgelegt. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt WALTER PUCHER wie er seine Musik produziert und warum ihm insbesondere die Live-Umsetzung wichtig ist.

Seit wann machen Sie Musik?

Walter Pucher: Ich habe in meinem Leben immer musiziert, aber erst seit fünf bis sechs Jahren schreibe ich selbst Lieder und spiele sie live. Davor war ich im literarischen Bereich tätig, ich habe alle möglichen Textsorten bedient und vor allem Lyrik und Theaterstücke produziert. Im Laufe der Zeit hat sich meine Tätigkeit in Richtung Singer-Songwriting im weitesten Sinne entwickelt.

Haben Sie irgendwann einfach begonnen, Ihre eigenen Gedichte zu vertonen?

Walter Pucher: Nein, gar nicht, aber das ist eine interessante Frage und über diese Herangehensweise habe ich schon nachgedacht. Ich glaube die Gedichte hätten sich nicht dafür geeignet, weil eine ganz andere Geste dahinter war. Gerade die Lyrik ging eher in eine experimentelle Richtung. So wie aktuell die Lieder entstehen, kommt vorher die Musik und ich fange an einen Groove zu entwickeln und dann kommt erst der Text.

„Es gibt tatsächlich nur eine Gesangsspur und eine Gitarrenspur und gar keine Produktion dahinter“

Damit ganz konkret zur neuen CD „Regn ohne Wossa“, wie wurde die CD produziert?

Walter Pucher: Aufgenommen habe ich in einem kleinen Studio, das habe ich alleine gemacht und sehr genossen. Ich habe versucht, dem was ich live mache möglichst nahe zu kommen, das heißt: es gibt tatsächlich nur eine Gesangsspur und eine Gitarrenspur und gar keine Produktion dahinter. Mir passiert es immer wieder, dass ich mir Videos von Studio-Live-Aufnahmen ansehe, die ich sehr stark finde. Und dann höre ich mir die ausproduzierte CD an und dann fehlt mir irgendwo eine Energie. Ich habe versucht, dem nachzugehen, was mich daran stört. Daher habe ich so reduziert aufgenommen, gemischt und produziert.

Nahe liegend wäre eine Mundharmonika oder eine zweite Gitarrenspur gewesen.

Walter Pucher: Ich würde das für die Zukunft nicht ausschließen und bei der ersten CD habe ich noch weitere Spuren eingespielt. Dieses Mal wollte ich der Live-Situation möglichst nahe zu kommen. Für mich ist das Konzert der Kern meines Tuns: Ich will auf der Bühne stehen und für Leute spielen.

Bei den ersten beiden Stücken ist mir aufgefallen, dass jeweils der Garten als Topos vorkommt. Natur zieht sich überhaupt als Thema durch die CD. Warum ist das so?

Walter Pucher: Das ist eine gute Frage, wenn ich dazu bloß eine Antwort wüsste. Mir ist das selbst auch aufgefallen und es wurde mir schon mehrfach gesagt.

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Geht es um eine Idylle?

Walter Pucher: Das ist durchaus ein guter Hinweis: es ist die Idylle, die gebrochen wird. Die Texte sind ja durchweg nicht lieblich und auch die Lieder, die Balladen sind, sind sehr dunkel gemalt. Es ist kein Lied in ungebrochener Fröhlichkeit darunter. Vielleicht ist es also der Garten als Plateau, das man dann bricht und vielleicht sogar umkippt.

Oder es geht um einen Rückzug vom Rest der Welt in die Natur?

Walter Pucher: Das ist immer eine grundsätzliche Frage: ist es vernünftig, sich zu involvieren? Oder ist es vernünftig, sich zurück zu ziehen? Das ist eine alte Fragestellung und die treibt einen schon um, gerade in der Situation, in der wir die Welt momentan vorfinden. Ja, da wird es wohl eine Sehnsucht nach dem Rückzug geben, aber ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage wäre. Weil ich unter den Leuten sein will und ich will nicht, das Ende der Reflexionskette sein.

„Die Verletzlichkeit ist, glaube ich, ein wichtiger Aspekt in der Live-Situation“

Das passt wiederum zu Ihrem Drang, live spielen zu wollen.

Walter Pucher: Genau, denn ich bin nicht jemand, der in der Ecke sitzt und für sich spielt. Ich stehe auf der Bühne und ich will unterhalten, ich will auch entertainen und dafür muss man zwischen den Leuten sein. Das erscheint mir richtig, weil man dadurch auch verletzlich wird. Die Verletzlichkeit ist, glaube ich, ein wichtiger Aspekt in der Live-Situation.

Apropos Verletzlichkeit: Verletzlichkeit zu Ende gedacht, bedeutet den Tod. Im Lied „Sintflut“ gibt es die folgende Zeile: „Lieber schön sterben als beschissen leben“. Was steht dahinter?

Cover (c) “Regn ohne Wossa”

Walter Pucher: Der Tod ist tatsächlich omnipräsent, nicht weil ich ihn mag. Ich mag den Tod gar nicht, ich halte ihn für eine Zumutung, aber er ist da. Ich halte es für mich für einen Fehler, dieses Thema auszusparen. Ich glaube, dass das eine Triebfeder dafür ist, tatsächlich zu leben. Sich bewusst zu sein, dass man sterblich ist. Das hat dann auch etwas damit zu tun, wie man mit anderen Menschen umgeht und was welche Wichtigkeit bekommt. Wenn man einfach weiß: Das geht nicht ewig so weiter.

Das Stück „Sintflut“ geht stark in Richtung Blues und erscheint mir beinahe eine Mörderballade zu sein. Wie sehen Sie das und wie ist das Stück entstanden?

Walter Pucher: Es ist in der Tat so, dass ich immer wieder Mörderballade schreibe, weil ich diese Form schätze. Mörderballaden kommen durchaus auch aus in der Wiener Dialektliteratur ins Spiel, wenn man etwa H.C. Artmanns „med ana schwoazzn dintn“ bemühen mag. Bei diesem konkreten Song ging es mir allerdings um die Frage: wie geht es jemandem, der auf der Flucht ist und alles verloren hat.

„Was mich in meiner künstlerischen Entwicklung sehr geprägt hat, sind Internet-Videos. Das sind Mitteilungen von MusikerInnen verschiedenen Alters, auf der ganzen Welt“

Was sind für Sie musikalische Anknüpfungspunkte für Ihr künstlerisches Tun?

Walter Pucher: Das ist schwer zu beantworten. Wenn ich da jetzt einzelne MusikerInnen herausgreife, würde ich der Vielzahl Unrecht tun. Was mich in meiner künstlerischen Entwicklung sehr geprägt hat, sind Internet-Videos. Das sind Mitteilungen von MusikerInnen verschiedenen Alters, auf der ganzen Welt. Diese Videos schaue ich mir an und da finde ich immer wieder Dinge, die mich ansprechen und inspirieren. Das sind oft MusikerInnen, die man gar nicht kennt. Wenn ich von der musikalischen Seite ausgehe, spielt Folk, besonders irischer Folk eine Rolle. Und auch groovige, funkige Musik.

Wie muss eines Ihrer Lieder sein, damit es gelungen ist?

Walter Pucher: Die Lieder, die ich schreibe, sind stilistisch und textlich sehr unterschiedlich. Die haben die Gemeinsamkeit, dass sie auf der Gitarre gespielt werden und dass ich dazu singe. Zur Frage, wann ein Lied funktioniert, gibt es mehrere Stufen: Man schreibt ein Lied und spielt es für sich und hat das Gefühl, es funktioniert. Funktionieren bedeutet: ich glaube mir selbst. Der zweite Schritt ist das Lied für andere zu spielen und dann stellt sich die Frage: glaube ich mir selbst und glauben mir die anderen? Wenn beides gegeben ist, ist das live sehr direkt zu spüren und dann ist der Song gelungen.

Gitarre, Text und Gesang

Wie sind die Reaktionen auf die ersten beiden CDs bzw. bei Konzerten?

Walter Pucher: Die Reaktionen sind interessanterweise zweigespalten. Die eine Personengruppe kommentiert eher das gitarristische Element. Ich lege schon Wert auf ein interessantes Gitarrespiel. Die andere Personengruppe kommentiert die Texte und spricht mich darauf an. Auch in Rezensionen gibt es die Aspekte Gitarre, Text und Gesang.

Was sagen die Leute dann?

Walter Pucher: Gitarristisch geht es um die Anerkennung einer Virtuosität, ich tu mir sehr schwer, damit umzugehen. Weil Virtuosität bei der Gitarre eine sehr, sehr relative Angelegenheit ist. Die Gitarre ist ein wahnsinnig komplexes Instrument. Ich schätze die Qualitäten anderer Gitarristen und sehe mich persönlich immer sehr am Anfang. Das hat auch etwas Schönes: Man entwickelt sich immer weiter. Man kann Kilometer machen, so viel man will, irgendwie ist man trotzdem immer am Anfang. Wenn die Texte berühren, freut mich das sehr.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

Walter Pucher live

  • 30.04. Schlosskeller, Ligist
  • 14.05. Mary`s Coffeepub, Wr. Neustadt
  • 20.05. Café Zuckereck, Kötschach
  • 08.06. Black Horse Inn, Wels
  • 20.10. Dezentral, Wien

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