Ansa Sauermann – „Ich komme aus einem Land, das es nicht mehr gibt.“

„Du kriegst, was du brauchst” heißt das dritte Album von ANSA SAUERMANN, das am 23.06.23 auf dem LOTTERLABEL erscheint. Bei einer Melange im Café Rüdigerhof spricht der Liedermacher mit Dominik Beyer über die Zusammenarbeit mit Produzenten, warum dieses Album nicht provoziert und über den kleinen Tod. Weiter wird darüber spekuliert, ob die Zukunft retro oder modern sein wird?

Wie wichtig ist für deine Musik die Wahl des Produzenten?

Ansa Sauermann: Das spielt natürlich eine große Rolle. Mal abgesehen vom Sound und den Ideen, die der Produzent miteinfließen lassen kann, geht es erstmal um das Miteinander. Wie arbeitet man zusammen? Zum Beispiel, um welche Uhrzeit fängt man an? Darf geraucht werden, oder nicht? [lacht] Die Produzenten, mit denen ich gearbeitet habe, haben sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Die sind aber beide sehr schön. Um den Sound geht’s natürlich auch. Der eine ist sehr affin, was die Mikrofonierung oder die Programmierung von Synthesizern betrifft. Der andere lässt dir vielleicht mehr Zeit, Sachen auszuprobieren. So kann man sich entfalten. Man selbst erlebt auch Phasen. So hat natürlich alles seine Zeit und sein Für und Wider.

Habt ihr euch im Vornherein schon für einen bestimmten Sound entschieden?

Ansa Sauermann: Ich wusste, dass ich im Vergleich zu den ersten Alben immer reduzierter werden wollte. Wir stehen zu fünft auf der Bühne. Und der Song soll in der Aufnahme nicht mehr Spuren haben, als wir live auch spielen könnten. Kurzum keine Overdubs. Das wäre natürlich zu radikal. Aber das war in etwa die Richtung, die ich in dieser Produktion einschlagen wollte. Ich wollte nicht jede Lücke mit irgendeinem Instrument zuballern. Ähnlich wie in alten Stones Produktionen. Da gabs viel Luft zu atmen. Das erfordert aber auch Mut. Der innerste Antrieb möchte immer noch mehr reinpacken. Irgendwann muss man sich da sehr bewusst zurückhalten, um das wirken zu lassen, was bereits vorhanden ist. Sowas muss man natürlich beim Schreiben schon im Kopf haben. 

Dann würdest du den Sound des Albums eher als reduziert als „retro“ bezeichnen?

Ansa Sauermann: Doch, das ist schon retro. Vor allem auch die Abmischung. Es ist ja mehr Mono gemischt. Dadurch ist es sehr warm und nahbar. Das ist dann schon eine Entscheidung, die man mit dem Produzenten Herwig Zamernik [Fuzzman; Anm.] trifft. Das Studio ist ja auch gefüllt von alten Instrumenten. Hammond Orgel zum Beispiel. Wir sind für dieses Album bei einer Auswahl an Instrumenten geblieben. Bei dem vorigen Album „Trümmerlotte“ haben wir aus einer riesigen Palette von Instrumenten gewählt. Beim aktuellen Album „Du kriegst, was du brauchst“ kehren die gewählten Instrumente immer wieder. Das gibt einen roten Faden oder auch signature sound. 

Die typischen Themen unserer Generation werden gar nicht so thematisiert.  Inspiriert dich die Vergangenheit mehr als die Gegenwart?

Ansa Sauermann: Schon die Gegenwart. In „B-Seiten“ bin ich beispielsweise schon der Westeuropäer, der aus seiner privilegierten Situation sich selbst feiert. Aber es stimmt schon, dass es jetzt kein besonders gesellschaftskritisches Werk ist. 

„Ich will nicht der privilegierte Westeuropäer sein, den einfach nur die konsumorientierte Leistungsgesellschaft ankotzt.”

Eine bewusste Entscheidung?

Ansa Sauermann: Ganz automatisch. Das nächste Album wird sicherlich wieder kritischer und politischer werden. Aber das muss noch reifen. Ich will nicht der privilegierte Westeuropäer sein, den einfach nur die konsumorientierte Leistungsgesellschaft ankotzt. Im Moment bin ich einfach nicht wütend genug. Bei diesem Album kam mir die Liebe in die Quere. Eben, weil ich verliebt war und bin.

In die „Eine aus Zürich“?

Ansa Sauermann: Genau [lacht]. Ich bin glücklich gerade. Das hört man dem Album schon an. Aber es war keine bewusste Entscheidung, kein kritisches Album zu schreiben.

„Das war einfach eine Liebeserklärung.”

Das wäre ja heutzutage auch gar nicht so abwegig?

Ansa Sauermann: Ich weiß, was du meinst. Ich kenne das aus meiner Familie. Da werden Themen um des Friedens willen ausgeklammert. So war es bei dem Album aber nicht. Das war einfach eine Liebeserklärung. Das nächste Album wird dafür dann kein einziges Liebeslied enthalten. 
Im „Schlaflied“ geht es um einen guten Freund und den Alkohol. Der hat ja ohnehin während der Lockdowns eine größere Rolle eingenommen. Einmal hat mich der Kassierer vom Supermarkt um die Ecke gefragt: „Heute keinen Pernod?“

Kleines Alarmglöckchen im Alltag. Was ist mit „kleiner Tod“ gemeint?

Ansa Sauermann: Der kleine Tod ist der Orgasmus.

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„B-Seiten“ ist auch eher subtil. Ist dir die Gesellschaft zu spießig?

Ansa Sauermann: Zu spießig nicht unbedingt. Eher zu selbstgefällig. Man möchte was erleben und hat konstant Angst, etwas zu verpassen, obwohl man schon eine sehr satte Gesellschaft ist. Hinzukommt vermeintliche moralische Überlegenheit. Das mein ich mit „wir feiern den Scheiß von hier oben, aus der schönsten Perspektive.” Wir maßen uns an, über die Welt zu richten und zu urteilen. Wir halten große Reden und sind die großen Kriegsgegner im Ukrainekrieg – zu Recht – beliefern aber auch unzählige Regionen der Welt mit Waffen und verdienen uns dumm und dämlich. Sobald ein Thema dann uns betrifft und in gewisser Weise „woke“ wird, haben wir die eine wahre Meinung. Ich heiße in keiner Weise irgendeine Form von Gewalt gut, aber die Antipathie dem arroganten Westen gegenüber kann ich schon sehr verstehen.
Warum du aber vielleicht verwirrt bist bei dem Lied, ist das der Text in Zusammenarbeit mit Adrian – meinem Gitarristen – entstanden ist. Hätte ich das von Anfang bis Ende allein geschrieben, wäre das vielleicht klarer rausgekommen. Am Ende wars aber dann ein Konglomerat an Ideen von uns.

Was möchte die Zeile mit dem „Tanz der verkannten Genies, Halunken und Diebe“ ausdrücken?

Ansa Sauermann: Mich hat vor kurzem Marco von Wanda auch gefragt, wer die Halunken und Diebe sind. Das sind wir alle. Die Frage würde ich aber vielleicht doch besser an Adrian Röbisch weiterleiten. Ich habe mich jedenfalls mit der Zeile identifiziert.

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Wie dynamisch kann eine Whiskey Bar sein?

Ansa Sauermann: Es kann ein ganzes Leben neu entstehen oder beendet werden darin. Gespräche, Sympathien, Überzeugungen oder sexuelle Spannungen können ganz schnell kommen und gehen. Das empfinde ich schon als einen dynamischen Ort.
Außerdem wollte ich das Album anfangs „Jung, dynamisch und erfolglos“ nennen und drei passende Songs dazu schreiben. Den Spruch hat mal ein Handwerker in unserer WG gebracht. Der wollte nur den Zähler ablesen, hat aber noch eine mit uns geraucht und dann unsere Instrumente gesehen. Besagtes Statement war über seine eigene Zeit als Musiker in jüngeren Jahren. Ich fand das mega, habe mich schlussendlich aber der Mehrheit derer gebeugt, die diesen Titel nicht sehr passend fanden und einen anderen gesucht. Die drei Songs „Jung”, „Dynamisch” und „Erfolglos” sind dennoch auf dem Album. 

„Ich glaube, dass der nächste große Export modern klingen wird.”

Eine spekulative Frage zum Schluss. Wie klingt der nächste große Musikexport aus Österreich. Wird das ein retro Sound oder modern?

Ansa Sauermann: Ich glaube, dass der nächste große Export modern klingen wird. Ich habe dafür drei Kandidaten.
RAHEL trau ich vieles zu. Da wird sicher noch einiges passieren. Anda Morts aus Linz gilt als absolute Hörempfehlung. „Filter“ ist ein geiler Song. Und Bibiza wird sicher noch einen großen Sprung schaffen.

Gerade in unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht nach der konservativen guten alten Zeit nicht zu überhören. Sowas könnte sich ja auch in der Musik abbilden?

„Früher war alles besser?“ – Das ist doch der schlimmste Spruch. Ich bin noch knapp in der DDR geboren – diesen Spruch hört man aus dem Mund besorgter Bürger aber noch immer. Ich kann ihn nicht mehr hören.

Wie alt bist du?

Ansa Sauermann: Jahrgang 1989. Ich bin fünf Monate vor der Wende geboren. Ich hatte noch einen DDR Kinderausweis. Ich darf Retro Musik machen [lacht]. Ich komme aus einem Land, das es nicht mehr gibt.

Vielen Dank für das Gespräch

Dominik Beyer

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Live:
09.08.23 – AT – Feldkirch, Poolbar Festival (solo)
10.08.23 – CH – Bern, Buskers Bern Festival (solo)          
25.08.23 – DE – Berlin, Zitadelle (Support für Element of Crime)
09.09.23 – CH – Dallenwill, Hofair Festival
10.09.23 – DE – Hamburg, Knust
11.09.23 – DE – Hannover, LUX Club
12.09.23 – DE – Halle, Objekt 5
14.09.23 – DE – Leipzig, Neues Schauspiel
15.09.23 – DE – Dresden, Tante Ju
16.09.23 – DE – Erfurt, Museumskeller
28.09.23 – DE – Berlin, Maschinenhaus (Kulturbrauerei)
29.09.23 – DE – Stuttgart, clubCANN
30.09.23 – DE – Freiburg im Breisgau, Vorderhaus
05.10.23 – AT – Graz, PPC
06.10.23 – AT – Wien, Flex (Halle)
07.10.23 – AT – Linz, Stadtwerkstatt
03.11.23 – CH – Zürich, Dynamo (Steiner & Madlaina Support)
04.11.23 – CH – Bern, Dachstock (Steiner & Madlaina Support)
14.11.23 – DE – Bremen, Tower (Steiner & Madlaina Support)
15.11.23 – DE – Hamburg, Knust (Steiner & Madlaina Support)
16.11.23 – DE – Berlin, Columbia Theater (Trio – Steiner & Madlaina Support)
17.11.23 – DE – Leipzig, Täubchenthal (Trio – Steiner & Madlaina Support)

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Links:
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Ansa Sauermann (Instagram)