Average (c) Philipp Kottlorz

„Aber immer wenn Menschen nicht wissen, wo sie hingehören, kann eine Brücke geschlagen werden“ – AVERAGE (MARKUS EBNER) im mica-Interview

Spätestens seit seinem letzten Track „Schui“ ist der Linzer Rapper AVERAGE aka MARKUS EBNER nun auch im nicht enden wollenden Dialekt-Hype angekommen, zumindest temporär. Am 29. März 2019 erscheint die neue EP „PONT“ (Tonträger Records), die bereits durch den Titel die künstlerische Identität reflektiert und einen konkreten Impetus setzt, egal ob man den Titel auf Französisch oder auf Österreichisch ausspricht. Im Gespräch mit Ada Karlbauer sprach AVERAGE über das Brückenschlagen als wiederkehrende Praxis, die spezielle Affinität zu Rap und gereimter Literatur aus Frankreich und den altbekannten und immer noch praktizierten Städtevergleich, diesmal natürlich zwischen Wien und Linz.

Der letzte Track „Schui“ ist Ihr erster Track in Mundart. Warum?

Markus Ebner: Ich habe beim Großteil der Tonträger-Records-Platte auch schon in Mundart gerappt, habe das dann allerdings in einem Interview im Zuge dessen als einen „Urlaub“ bezeichnet, einen Urlaub in die Mundart-Gefilde. Als mir Concept den Beat zu „Schui“ geliefert hat, war für mich gleich klar, dass ich da Mundart drüberrappen werde. Mir fällt es tatsächlich in Mundart leichter, Texte zu schreiben, habe ich gemerkt. Hochdeutsch flasht mich aber trotzdem immer mehr. Es macht Spaß und ich schließe es nicht aus, dass es vereinzelt weiterhin solche Songs geben wird. Ich überlege mir sogar, mit zwei Synonymen zu spielen, mit einem für Mundart und mit Average, der hochdeutsch bleibt.

„In meinen Texten geht es immer um Zwischenmenschliches, um Höhen und Tiefen […]“

Die aktuelle EP „PONT“ erscheint am 29. März. Was ist die Story dazu?

Markus Ebner: Ich habe nach der letzten Soloplatte 2014 gesagt: „Okay, ich schmeiß mich jetzt ans Album.“ Ich habe damit aber sehr gehadert, weil ich mir die Messlatte selbst sehr hoch gesetzt habe, mittlerweile ist alles anders. In den letzten fünf Jahren ist sehr viel passiert, der ganze Musikmarkt hat sich komplett umgekrempelt von MP3s auf Streams, von einer Zeit, in der Leute noch Alben gediggt haben, bis zum permanenten Skippen auf den nächsten Spotify-Track. Es hat sich irgendwie alles verändert. Ich hatte sehr viel Material in meinem Studio liegen und hab mir nach der „Tonträger“-Platte gedacht: „Ich muss jetzt einfach nachwerfen.“ Ich habe einige ältere Songs, aber auch neuere genommen und gesagt: „Die packe ich da drauf und bringe jetzt einfach meine EP raus.“ Es wird wahrscheinlich sehr bald im Anschluss die nächste EP folgen.

Mein Album plane ich für 2019, Material gibt es genug, es ist ein bisschen was Altes zu verwerten. Ich habe in den letzten Monaten versucht, die alten Sachen auf den Stand von 2019 zu bringen, ich glaube, das ist mir nicht schlecht gelungen. In meinen Texten geht es immer um Zwischenmenschliches, um Höhen und Tiefen und Dinge, die mich selbst betreffen. Um was anderes geht es eigentlich nie. Selbstreflexion ist der rote Faden, wenn die Tracks sich musikalisch sehr unterscheiden, was bei der EP der Fall ist. Ich bin einfach draufgekommen, dass ich keine anderen Texte schreiben kann, keine Sachen, die für mich nicht greifbar sind. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich LGoony, der ein extrem guter Entertainer ist, bei dem ich aber nie das Gefühl habe, dass er von sich selbst spricht. Aber das ist auch okay, er hat das perfektioniert. Ich könnte solche Songs nie schreiben, da fehlt es mir an Fantasie.

Sie haben eine starke Affinität zu französischem Hip-Hop. Was catcht Sie daran besonders?

Markus Ebner: Grundsätzlich fängt es schon bei der Sprache an. Ich glaube ja, dass das Französische die beste Sprache für poetische Texte und gereimte Literatur ist. Das beweist auch die weit zurückliegende Vergangenheit. Ich finde, dass es im Rap genauso ist, auch wenn sie es nicht erfunden haben. Hinzukommen die visuelle Ästhetik und auch die Soundästhetik. Mich begeistert seit zehn Jahren, wie es die Französinnen und Franzosen schaffen, dass sie Refrains schreiben, und wie sie mit der Sprache und den Flows spielen. Ich finde es einfach sehr viel musikalischer als das, was in Deutschland passiert. Selbst wenn ich in Zukunft mehr auf Trap-Beats rappen werde, habe ich es mir in der Linzer Schule so angeeignet, dass es im Großteil der Songs einen Inhalt und eine Message geben sollte. Im Französischen ist der Conscious Rap mit Trap-Beats definitiv im Mainstream angekommen, das sehe ich in Deutschland im Vergleich als eine sehr große Lücke.

Ich finde, die Französinnen und Franzosen haben einen ganz argen Zugang zur Sprache, diese Diskrepanz zwischen Hochsprache, Dialekt und Jugendsprache. Es gibt beispielsweise „Verlan“, eine Jugendsprache. Da werden die Silben ausgetauscht, beispielsweise „Stromae“ ist Verlan, also eine Umkehrung von Silben, des Wortes „Maestro“. Ich würde es witzig finden, so etwas auch einmal im Deutschen auszuprobieren. Auch wenn es um Alliterationen oder Ähnliches geht, finde ich das sehr spannend. So ein Zugang zu Musik interessiert heute niemanden mehr, kommt mir vor. Es ist schade, aber ich glaube, man kann es auch wieder cool machen, indem man es einfach ein bisschen zeitgemäßer macht.

Average (c) Archiv Average

„Solange man ein Abo hat, hat man auch Musik zur Verfügung.“

Wie stehen Sie zur zeitgemäßen Musikrezeption und zu Streamingplattformen wie Spotify?

Markus Ebner: Ich muss festhalten: Es ist schön, dass sich Dinge weiterentwickeln. Ich glaube, man schießt sich selbst ins Knie, wenn man das ablehnt. Ich habe von Künstlerinnen und Künstlern schon gehört: „Auf Spotify lade ich aus Prinzip nichts hoch.“ Das ist schon okay, aber wenn du auf Spotify 2019 nicht existierst, existierst du de facto nicht im musikalischen Geschehen. Man muss es nehmen, wie es kommt, und ich glaube, man muss auch mit der Zeit gehen, obwohl es natürlich sehr schade ist, dass andere Dinge aussterben. Es gibt ja immer wieder das Gerücht, dass iTunes den Betrieb einstellen und Apple Music bleiben wird. Die logische Konsequenz dessen ist, das die Hörerinnen und Hörer keine Musik mehr besitzen können. Da rede ich nicht einmal von einer CD mit einem Booklet oder von Vinyl, sondern man kann nicht einmal mehr ein MP3 besitzen. Solange man ein Abo hat, hat man auch Musik zur Verfügung. Das finde ich nicht cool, aber was ich besonders schade finde, ist, dass sich die Menschen weniger mit Musik auseinandersetzen. Wenn es dir in den ersten 15 Sekunden nicht zusagt, dann braucht man es gar nicht mehr weiterverfolgen. Gott sei Dank gibt es Vinyl noch, für Vinyl gibt es überall einen Markt.

Der Städtevergleich ist gerade im Hip-Hop immer ein Thema. Was ist Ihr Statement zu Wien versus Linz?

Markus Ebner: [lacht] Der Städtevergleich ist immer schon da gewesen: NY gegen LA, Paris gegen Marseille, Berlin gegen Hamburg und Linz gegen Wien. Ich würde sagen, vor 2010 war das Match eindeutig, einfach weil Texta sehr viel geleistet hat, und zwar dass es Hip-Hop und Rap in Österreich überhaupt in einer gewissen Form gegeben hat. Das hat Linz natürlich in die Karten gespielt und es hat sich viel verändert. Wien wurde dann immer präsenter und jetzt gerade ist es einige Nasenlängen voraus. Ich selbst tue mir ein bisschen schwer, ich sehe mich zwar als Linzer und werde immer die Linz-Fahne hochhalten, wohne aber auch in Wien. Mir ist das eigentlich egal. Ich finde aber, Linz sollte sich wieder mehr auf die Karte bringen. Es gibt jetzt nach irrsinnig langer Zeit wieder junge Linzer Künstlerinnen und Künstler. Es hat wirklich seit 2007, als wir noch als „Nachwuchshoffnungen“ bezeichnet worden sind, eine lange Phase gegeben, wo wirklich nichts Junges nachgekommen ist. Das ist wirklich unglaublich! Jetzt passiert wieder was und vielleicht können wir wieder aufholen.

„Ich finde Akzente grauenhaft.“

Haben Sie je daran gedacht, im Sinne eines beschleunigten internationalen Erfolgs auf Englisch zu rappen?

Markus Ebner: Ich will möglichst viele Menschen erreichen. Auf Englisch zu rappen oder auf Englisch Musik zu machen war aber nie eine Option. Die Vorstellung, dass ich einen Song mit meinem Englisch mit österreichischen Akzent höre, finde ich grauenhaft. Ich will nicht einmal, dass es irgendeine Aufnahme von mir gibt, wo ich einen englischen Satz spreche. Ich finde Akzente grauenhaft. Ich habe einen gewissen textlichen Anspruch und den kann ich nur dann verwirklichen, wenn ich eine Sprache zu 100 Prozent beherrsche.

Die kommende EP heißt „PONT“, ein weiteres Sprachspiel.

Markus Ebner: Es heißt entweder „pont“ auf Französisch oder „Pont“ auf Deutsch ausgesprochen. Ich habe echt lange überlegt, das Ganze nicht echt auf Deutsch ausgesprochen zu nennen, weil ich es einfach ein geiles Wort finde. Es existiert eigentlich gar nicht im Deutschen, aber es ist einfach ein geiles Wort. Man kann es sich dann aussuchen: Ist man real und nennt es „pont“ und weiß, dass es sich um das französische Wort für Brücke handelt, oder ist man noch realer und sagt einfach auf Deutsch „Pont“, weil man Teil des movement ist. Man kann es nennen, wie man will [lacht].

Die Übersetzung von „pont“, also das Wort „Brücke“, ist auch sehr exemplarisch für die Soundidentität von Average.

Markus Ebner: Es steht auf jeden Fall für die Brücke in mir selbst. Die Brücke zwischen Old- und New-School-Sound, zwischen eher souligen und trappigen Beats, zwischen Stimme verwenden und Autotune-Passagen, zwischen Rap und Gesang, zwischen Hochdeutsch und Dialekt. Es steht dafür, inhaltliche Verbindungen zu schaffen, also das Conscious-Ding auf Beats zu packen die kein Conscious-Rapper nehmen würde. Es steht für mich für das Verbinden von Linz und Wien, Linz und Marseille. Für mich war es die perfekte Brücke. Als Außenstehender mag man deshalb vielleicht glauben, dass ich nicht so recht weiß, wo ich hingehöre, und das stimmt auch zu einem gewissen Teil. Aber immer wenn Menschen nicht wissen, wo sie hingehören, kann eine Brücke geschlagen werden. Auf der kann man sitzen und in beide Richtungen schauen. Brücken zu schlagen ist in der heutigen Zeit eine gute Idee.

Average “Pont” Cover

An welchen Stellen sollten keine Brücken geschlagen werden?

Markus Ebner: Ich glaube, Brücken haben immer etwas mit Toleranz zu tun, aber ich denke auch, dass Toleranz ihre Grenzen hat. Ich glaube, da sollte man aufhören, Brücken zu schlagen. Es gibt aktuell die Diskussion über den Kroco-Jack-/Kid-Pex-Track, wo eine Zeile in etwa so lautet, dass man Andreas Gabalier nicht an die Wand stellen würde, aber er trotzdem erschossen gehört. Das flammt gerade mit der Anzeige von Gabalier voll auf. Ich habe mir ein paar YouTube-Kommentare durchgelesen und viele kritisieren, dass die beiden Hetze thematisieren und dabei den ganzen Track lange selbst hetzen. Das stimmt zu einem gewissen Grad, aber ich glaube, es gibt dennoch einen Unterschied, wie man zu Ideologien steht. Die Formulierungen „links“ und „rechts“ haben sehr viel mit Offenheit zu tun. Wenn es sehr rechte Menschen gibt, die gegenüber gar nichts offen sind, dann finde ich nicht, dass man zu denen unbedingt eine Brücke schlagen muss. Ich glaube, dass Kroko Jack und Kid Pex sehr wohl offen sind für vieles, aber dass sie einfach keine Brücke zum Rechtsextremen schlagen wollen. Es ist aber doch immer schlau, Menschen die Hand zu reichen und ihnen die Chance zu geben, sich Dinge zu überlegen. Viele wissen es einfach nicht besser, weil sie von schlechten Medien und von denjenigen Leuten, die am lautesten schreien, geblendet sind.

Stichwort Andreas Gabalier. Im Zuge der diesjährigen Amadeus-Awards-Verleihung gab es einen ähnlichen Clash: Soap & Skin wollte auch keine Brücken zu Gabalier schlagen und sagte „No thanks“ zur Nominierung. Was sind Ihre Gedanken dazu?

Markus Ebner: Meine Meinung über Gabalier ist nicht viel anders als diejenige der Leute, die im gleichen Genre sind oder die gleiche Gesinnung haben, sage ich mal. Natürlich ist er ein Rassist, er ist natürlich einer, der die Frau am Herd sehen will. Er verkörpert dieses sehr arge konservative, rechte Denken, egal wie er sich im Nachhinein erklärt oder relativiert. Ich kann mit seiner Musik nichts anfangen und auch nichts mit seinem Gedankengut. Wenn es um die Frage geht, ob solche Leute zum Amadeus eingeladen werden sollten … Der Amadeus ist der größte Musikpreis in Österreich und wenn der erfolgreichste Musiker Österreichs in keiner Sparte nominiert werden würde, wäre es irgendwo auch komisch, finde ich. Ich finde die Aktion von Soap & Skin cool, vor allem wenn man in der gleichen Kategorie nominiert ist. Wir sind heuer auch zum ersten Mal nominiert, ich gehe aber davon aus, dass wir trotzdem hingehen werden, weil Gabalier zum Glück noch nicht in der Sparte Hip-Hop nominiert ist [lacht]. Das wäre eine bisserl weird. Ich finde, das ist jeder und jedem selbst überlassen. Es ist schwierig, aber ich denke, es ist auch immer eine Gratwanderung der Veranstalterinnen und Veranstalter. Es gehört auch zur Demokratie, dass man sich alle Seiten anhört. Ich werde jedenfalls keine Brücke zu ihm schlagen, aber ich glaube, er will auch keine zu mir schlagen [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ada Karlbauer

Termine:
10. Mai 2019 – Stadtwerkstatt, Linz
30. Mai 2019 – Chelsea, Wien

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