Im Release Radar besprechen unsere Autor:innen regelmäßige Neuerscheinungen im Bereich Pop/Rock/Elektronik. Nun stellen wir dieser Serie mit den „Akustischen Artefakten“ auch eine Reihe über aktuelle Veröffentlichungen aus dem Bereich der neuen und experimentellen Musik mit Österreich-Bezug zur Seite. Hier ist Teil 1 mit Veröffentlichungen der letzten Monate, vorgestellt von Theresa Steininger.
Joanna Woźny: like little … sunderings (KAIROS 2025)

Welch umfangreiches Spektrum die Musik von Joanna Woźny bietet, lässt die CD „like little … sunderings“ erkunden. Sie ist im Sommer 2025 erschienen und wurde nun für den International Classical Music Award 2026 nominiert. Die polnische Komponistin deckt eine große Bandbreite ab, von Kammermusik über Ensemble- und Orchesterwerke bis hin zu Vokalem – und alles ist auf dem Tonträger vertreten. Vielfach kann man hören, wie Woźny, wie es für sie typisch ist, in ihren mal filigranen, mal massiveren Klanggebilden die Grenzen des Tonalen auslotet. Außerdem arbeitet sie wiederholt mit instrumentenunspezifischen Klängen, mit leisen und besonders hohen sowie mit akzentuierten, nur kurz angespielten Tönen und mit wellenartiger Dynamik. All ihre Arbeiten sind klanglich sehr differenziert, aber dann auch wieder voll geballter Energie. Auf „like little … sunderings“ hört man unter anderen das Talea Ensemble, das Ensemble Ascolta, das Vokalensemble NOVA mit einer Komposition für sechs Männerstimmen, das Schallfeld Ensemble unter Marie Jacquot und das Tiroler Symphonieorchester unter Peter Rundel.
Tracks:
Joanna Wozny:
Blenden | Tilgungen (2022) for ensemble
Inside-Piece (2019) for piano four hands
brown, fizzled out (2013/2014) for ensemble
from what height fallen (2016) for six male voices
like little … sunderings (2016) for ensemble
any great distance (2018) for orchestra
Mitwirkende:
Talea Ensemble
Susanne Blumenthal
Sylvia Kimiko Krutz
Eriko Muramoto
Ensemble Ascolta
Jonathan Stockhammer
Vokalensemble NOVA
Schallfeld Ensemble
Marie Jacquot
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Peter Rundel
Link:
Joanna Wozny: like little … sunderings (KAIROS)
Georg Nussbaumer: Die Vollendete. 3. Satz – Rotation
Die Nachplatte zu SCHWEIGEN & MUh – eine Oper der Stille und der Finsternis

Gerti, Gusti, Hinkebein, Hoppe, Nudlaug, Unguste und weitere Kühe mehr: Sie sind die „Sängerinnen“ in Georg Nussbaumers „Die Vollendete“. Der Komponist, Regisseur und Installationskünstler hat 2023 auf einem Bauernhof im Gesäuse Pianist Marino Formenti mit den Wolfbauerkühen gemeinsam auftreten lassen. Während der Musiker am Klavier Nussbaumers auf Franz Schuberts „Winterreise“ basierende „Vollendete“ „wiederkäute“, wie Nussbaumer das nennt, kamen die Kühe mit ihren Kälbern in den Stall. Die Bewegungen und Geräusche der Tiere wurden mit den Klängen des Instruments verbunden, ja Formenti reagierte auf die Aktivität der Kühe. Als „Die Vollendete“ gibt es diese Komposition, deren erster Satz im Erlkönighaus in Wien auch als Hommage an Joseph Beuys entstand, und deren dritter Satz auf einer Kuhplatte fabriziert wurde, nun auf Tonträger. Was von „Schweigen &MUh – eine Oper der Stille und der Finsternis“ bleibt, ist der Eindruck des Rätselhaften, aber auch des Archaischen.
Mitwirkende:
Marino Formenti [Klavier] und die Wolfbauerkühe Andrea, Cleopatra, Gerti, Gusti, Hans Knöterich, Hinkebein, Hope, Innsbruckerin, Kniesebein, Lindsey, Meghan, Nudlaug, Pinza Colada, Pinzessin, das Reh, Unguste, Wienerin und 6 Kälber [Stimmen und Geräusche]
Link:
Georg Nussbaumer: Die Vollendete
Wolfgang Kogert & ORF Radio-Symphonieorchester Wien: Bernd Richard Deutsch – Okeanos (Solo Musica 2025)

Erde, Luft, Wasser und Feuer: Es waren diese vier Elemente, die der heimische Komponist Bernd Richard Deutsch, Jahrgang 1977, als Inspiration für die vier Sätze seines Werks „Okeanos“ für Orgel und Orchester heranzog. Vor 10 Jahren wurde es im Musikverein Wien uraufgeführt und seither von namhaften Klangkörpern wie dem Cleveland Orchestra unter Franz Welser Möst, dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra sowie dem Konzerthausorchester Berlin gespielt. Zum 10-jährigen Jubiläum wurde das Konzert nun bei dem Münchner Label Solo Musica als Live-Mitschnitt herausgebracht. Wolfgang Kogert agiert als Solist, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien spielt unter der musikalischen Leitung von Stefan Asbury. Sie alle treten in einen teils filigran, teils wuchtig wirkenden Dialog, der komplexe Rhythmik ebenso bringt wie virtuose, vielschichtige sowie behutsame, flirrende Passagen. Mal hat die Musik etwas sich wild Aufbäumendes, mal ist sie transparent, mal gemahnt sie in ihrer Lockerheit gar an Jazziges, mal in Stellen mit nur wenigen Instrumenten an Kammermusikalisches. Fesselnd und intensiv ist sie jedenfalls.
Mitwirkende:
Wolfgang Kogert (Orgel)
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Stefan Asbury (Leitung)
Aufgenommen live im Musikverein Wien
Link:
Bernd Richard Deutsch: Okeanos (Solo Musica)
Clemens Gadenstätter & Arditti Quartet: Paramyth 1 (col legno 2025)

Ursprünglich waren es drei Streichquartette, die Komponist Clemens Gadenstätter für drei verschiedene Ensembles geschaffen hat: „paramyth 1-3“. Auch waren es Auftragswerke von drei verschiedenen Festivals, Wien Modern sowie dem Schweizer Arcana Festival und den Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Und doch waren sie von Gadenstätter immer als Zyklus gedacht, den er nun gemeinsam mit dem Arditti Quartet als CD herausgebracht hat, nachdem es auch dieses war, das den Gesamtzyklus erstmals zusammenhängend aufgeführt hatte. Der Komponist, Jahrgang 1966 und derzeit Professor an der Grazer Kunstuniversität, hat die einzelnen Teile „häuten“, „schlitzen“ und „reißen“ benannt und sich für die je zwanzigminütigen Stücke von Tizians „Die Schindung des Marsyas“, dem Kreuzigungsbild von Matthias Gründwalds Isenheimer Altar und der Studie nach Velazquez’ Porträt von Papst Innozenz X. von Francis Bacon inspirieren lassen. Herausgekommen sind sehr dichte und für Musikerinnen, Musiker, Hörerinnen und Hörer gleichermaßen herausfordernde Linien, gezeichnet von Einfallsreichtum und Feinheit in der Abstufung. Das Arditti-Quartett erreicht dabei die von Gadenstätter angestrebte Intensität.
Mitwirkende:
Arditti Quartet
Link:
Clemens Gadenstätter: paramyth 1–3 (col legno)
Kammerorchester Innstrumenti: Verheißung (Helbling 2025)

Verheißung – diesem Thema widmen sich auf der neuen CD des Tiroler Kammerorchesters InnStrumenti unter der Leitung von Gerhard Sammer sieben Komponisten und Komponistinnen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Uraufgeführt wurden diese Werke in der Wallfahrtskirche Götzens, nun sind sie auf Tonträger erhältlich. Da spielt etwa der Tiroler Saxofonist Andreas Mader in Gerald Reschs musikalischen Überlegungen zu „nun“ und „dann“, die er „…per speculum…“ nennt, mal lebendig, mal kontemplativ, jedenfalls immer so, dass man beim Hören das Gefühl hat, dass etwas Schönes auf einen zukommt. Feministische Befreiung steht für Anto Sophia Manhartsberger im Zentrum von „Sie stürzt die Mächtigen“, worin gesprochener Text integriert ist und freie Improvisation als mutmachendes Ende verpackt wird. Live Electronics kommen zu Kammerorchester dazu. Sopran Maria Erlacher singt in Franz Baurs „Magnificat“, voll Spannung und Sprüngen, wobei Kontrapunkte und Begleitendes von Harfe, Orgel, Violine und eben Kammerorchester geliefert werden. Gesungen wird auch in „Prophetes“ von dem Tiroler Komponist Elias Praxmarer, nämlich von Mezzosopranistin Eva Schöler. Und es folgen gleich mehrere Stücke, die Bläser in den Fokus nehmen: Da lässt Martin Lichtfuss in „…luceat…“ eine weit ausschwingende Trompetenmelodie sein musikalisches Sinnen über Fluss und Innehalten beginnen, mal ruhig fließend, mal abrupt springend. Da stellt Benedikt Huber in „…and the trumpets fell silent“ fest, dass das Ewige Licht erst erstrahlen kann, wenn die Trompete schweigt. Und zusätzlich lässt Christian Wegscheider in „Was kommt?“ die menschliche Vorstellung vom Leben nach dem Tod zur ermutigenden Melodienfolge werden.
Neue Kompositionen für Kammerorchester von
- Gerald Resch (*1975) … per speculum … Konzert für Saxofon und Kammerorchester
- Anto Sophia Manhartsberger (*1991) Sie stürzt die Mächtigen für Kammerorchester, Tape und Live Electronics
- Franz Baur (*1958) Magnificat für Sopran, Violine, Harfe, Orgel und Kammerorchester
- Elias Praxmarer (*1994) Prophetes für Mezzosopran und Kammerorchester
- Martin Lichtfuss (*1959) … luceat … für Kammerorchester
- Christian Wegscheider (*1965) Was kommt? für Kammerorchester
- Benedikt Huber (*1988) … and the trumpets fell silent … für Kammerorchester
Interpret:innen
Andreas Mader (Saxofon)
Maria Erlacher (Sopran)
Annette Fritz (Violine)
Martha Fritz (Harfe)
Albert Knapp (Orgel)
Eva Schöler (Mezzosopran)
Tiroler Kammerorchester InnStrumenti
Gerhard Sammer (Leitung)
Link:
Tiroler Kammerorchester InnStrumenti: Verheißung
Theresa Steininger
