Das menschliche Gehirn, aus dem Lehrbuch "Comparative Zoology" von James Orton, 1883. Das Werk ist gemeinfrei, Quelle: https://commons.wikimedia.org/

Von Mozart und Staubsaugern Transfereffekte in der Musik

Wenn Musik und Musikunterreicht einer Nützlichkeitsüberprüfung unterzogen werden, werden sie immer wieder ins Spiel gebracht: Die sogenannten Transfereffekte. Macht Musik intelligenter, effizienter, sozialer oder emotionaler? Die Musikvermittlerin Veronika Grossberger nimmt für unseren mica focus “Musik und Bildung” die Wirkung von Musik unter die Lupe und kommt zum Schluss, dass die “Umwegrentabilität der musischen Fächer […] eben zu viel Umweg bedeutet”.

“Gesualdo war ein Doppelmörder. Robert Schumann endete in der Irrenanstalt. Vladimir Horowitz kam, ermattet vom Klaviervirtuosenleben, zwölf Jahre kaum von seinem Sofa hoch”, konstatiert der Journalist Claus Spahn polemisch in seinem Artikel über Musik und Gesundheit in der deutschen Zeitung “Die Zeit”, der sich auf eine Studie des Musikpädagogen Hans-Günther Bastian aus dem Jahr 2004 bezieht: In dieser Forschungsarbeit untersuchte Bastian die Wirkung des Singens (in diesem Falle: das Mozart-Requiem) auf das Immunsystem. Macht Musik wirklich gescheiter, gesünder, gemeinnützig denkender? Seit knapp drei Jahrzehnten geistern plakative Schlagzeilen wie “Musik steigert den IQ” oder “Musik macht klug, gesund, sozial” durch die Medien und meist uneindeutige oder nur einen Teilaspekt abdeckende Studien aus verschiedensten Disziplinen werden mit solch pauschalisierenden Titeln ins Rampenlicht gestellt.

Musik wirkt – aber wie?

Wer hat nicht schon einmal erlebt, dass ein Musikstück Gänsehaut verursachte, eine Chorprobe Gefühle des Glücks und der Gemeinschaft erzeugen konnte oder ein Tanz im Technoschuppen tranceartige Zustände hervorrief.

Musik zeigt Wirkung, darüber sind sich Musikpädagogen, Neurowissenschafter und Psychologen inzwischen einig.

Es gibt kein Musikzentrum im Gehirn, aber Musik triggert – sowohl aktiv als auch passiv – weite Bereiche des Gehirns, vom limbischen System, das den Emotionen zugeordnet ist, bis hin zum motorischen Cortex und dem Sehzentrum. Bei der Verarbeitung von Musik sind beide Gehirnhälften gefordert, die rechte eher grob strukturell, in der linken geht es zur Detailanalyse. Bei Pianisten ist der motorische Cortex stärker ausgebildet als bei Nicht-Musikern. Musiker allgemein weisen eine höhere “Konnektivität” auf, was bedeutet, dass verschiedene Bereiche im Gehirn miteinander besser verknüpft sind.

“Das sag ich mit voller Überzeugung: Es gibt kein zweites Fach, das diese Kombination von kontinuierlicher Achtsamkeit und Planung, von ständig sich verändernder geistiger und physischer und psychischer Beanspruchung so fordert wie die Musik”, so der Musikpädagoge Hans-Günther Bastian.

Umso einleuchtender ist, dass zu den Transfereffekten von Musik weitaus mehr Studien vorhanden sind als zu anderen künstlerischen Fächern. Die von der OECD herausgegebene Zusammenfassung sämtlicher Studien zur Transferwirkung von künstlerischen Gegenständen wurde 2013 veröffentlicht und zeigt einen eindeutigen musikalischen Schwerpunkt (“Arts for arts sake?”).

Doch scheint es, dass die Studien zu diesem Thema mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, so wie die Kunst an sich auch.

Euphorie und Ernüchterung

Begonnen hat der medienwirksame Rummel um die Effekte von Musik Anfang der 1990er Jahre, als der Psychologe Frances Rauscher eine Studie veröffentlichte, in der er durch das 10-minütige Hören der Sonate für 2 Klaviere in D-Dur (KV 448) von Mozart Auswirkungen auf das räumliche Denken zu beweisen glaubte. Die vermeintlichen Erkenntnisse gipfelten in einer politischen Aktion des Gouverneurs von Georgia im Jahr 1998, der Mozart-CDs an schwangere Frauen verteilen ließ und mit diesem “Erziehungsprogramm” den ganzen Bundesstaat überzog. Die Studie ist inzwischen mehrfach widerlegt, nicht zuletzt durch ein österreichisches Forscherteam, das 2010 Rauschers Theorie mit 3000 ProbandInnen und 39 Studien demontierte. Schließlich habe das Vorlesen einer Kurzgeschichte von Stephen King eine ähnliche Wirkung, so die Forscher rund um Jakob Pietschnig.

Die Euphorie um die Transferwirkungen von Musik ließ sich in den 1990er Jahren dennoch nicht stoppen. Eine weitere – diesmal Langzeitstudie – von dem bereits erwähnten Musikpädagogen Hans-Günther Bastian (2000), lange Zeit Professor für Musikpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt, sorgte neuerlich für Aufsehen. 170 Kinder wurden über sechs Jahre beobachtet: 123 mit 2 Stunden Musik in der Woche (inkl. Instrumentalunterricht), die restlichen Kinder ohne Musikunterricht. Als herausragendstes Ergebnis der Studie streicht Bastian die gesteigerte soziale Kompetenz zu hervor: “Es gibt nicht die Wirkung der Musik auf den Menschen. Aber wir haben festgestellt, dass bei den Kindern mit musikbetontem Unterricht die soziale Kompetenz viel ausgeprägter ist.” Dennoch wird der Buchdeckel dieser Publikation medienwirksam mit Aussagen geschmückt wie Musik stehe für “eine signifikante Verbesserung der sozialen Kompetenz” oder “eine Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation” oder “einen bedeutsamen IQ-Zugewinn” etc.

Fachkritische Stimmen lenkten ein, dass die Kontrollgruppe zu klein gewesen sei. Außerdem sei die Musikgruppe nicht mit einer anderen Gruppe verglichen worden, die ebenso intensiv ein anderes Fach belegt habe. Eckhart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover fasst dies folgendermaßen zusammen: „Methodisch unbefriedigend bleibt, dass unklar ist, ob nicht allein unspezifische Faktoren, z. B. vermehrte Zuwendung für die Effekte verantwortlich sind. Da eine echte Kontrollgruppe, die z. B. in einem anderen Fach, etwa Werken oder Malen eine entsprechende Mehrzuwendung erfuhr, fehlt, kann streng genommen keine kausale Beziehung zwischen intensiviertem Musikunterricht und den beobachteten Effekten hergestellt werden. Vielleicht hätte intensiviertes Basketballspiel die gleichen Auswirkungen. Trotz dieser wenig beeindruckenden Ergebnisse der Schulversuche mit intensiviertem Musikunterricht bleibt unbestreitbar, dass Musizieren Wirkungen auf die funktionelle Organisation der Großhirnrinde hat.”

In den 2000er Jahren stellt sich endgültig eine Relativierung der bisher erforschten Ergebnisse ein. Glenn Schellenberg, kanadischer Psychologe und Wissenschafter im Bereich des kognitiven Denkens spricht vorsichtig davon, dass sich ein langfristiges musikalisches Training positiv auf nicht musikalische Fertigkeiten auswirken könne, allerdings wird auf die widersprüchlichen Befunde hingewiesen. “Um den Schluss zu ziehen, dass Musikunterricht einen kausalen Bezug zum IQ hat, der auf die Musik zurückgeht, muss man alle möglichen Faktoren wie den vorangegangenen IQ, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Bildungsgrad miteinbeziehen und man muss beweisen, dass der nicht-musikalische Unterricht wie Sport, Theater etc. nicht ähnliche Effekte hat.”

Tatsächlich gibt es bis heute keine Studien, die auf einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen Musik und Intelligenz hindeuten. Außerdem sind die Ergebnisse der bisherigen Forschungen deswegen so schlecht argumentierbar, weil es an Langzeitstudien mangelt.

Schließlich tut sich ein weiteres Feld auf: Auffallend in den Studien ist die Schwerpunktlegung auf klassische Musik und somit die insgeheime Verteidigung der “hehren Kunst”. Bleiben da die individuellen Vorlieben des Menschen nicht auf der Strecke? Wird hier eine Wertung vorgenommen? Wie steht es mit der Erforschung von zeitgenössischer Musik rund um Cage, Cardew und Co? Würden die Ergebnisse ähnlich ausfallen? Schülerinnen lernen übrigens unter anderem zu der Musik am besten, die sie lieben.

Wie gesagt: Die Beschäftigung mit den Transferwirkungen von Musik werfen mehr Fragen auf als sie eindeutige Antworten aufzeigen.

Das neuronale Labyrinth

Wenden wir uns dem unendlichen Labyrinth neuronaler Verbindungen zu: Neurowissenschafter betrachten die Thematik aus einer musik-neutralen Perspektive und zäumen das Pferd von der anderen Seite herum auf. Nicht verwunderlich, geht es den Gehirnforschern in erster Linie darum, Erkenntnisse über die neuronalen Vorgänge im Gehirn zu gewinnen und nicht darum Musik als Unterrichtsfach zu legitimieren. Sie betrachten den Menschen von Natur aus als höchst musikalisch. Keine andere Spezies sei in der Lage musikalische Strukturen zu erfassen, nicht einmal die Schimpansen. “Solange nicht jemand sagt: Für mich besteht kein Unterschied zwischen einer Mozart-Symphonie und dem Rauschen eines Staubsaugers ist ganz klar, dass dieser Mensch ein musikalisches Gehirn hat,” betont der Neurowissenschafter Stefan Kölsch. Musik ist für ihn ein willkommenes, einzigartiges Medium, um verschiedenste Bereiche im Gehirn unter die Lupe zu nehmen: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, die Verarbeitung syntaktischer Strukturen, die Verarbeitung von Bedeutung, Emotionen und Handlungsabläufen. All diese Felder liessen sich mit Musik abtasten, so Kölsch.

Die amerikanische Neurobiologin Nina Kraus hat den eindeutigen Zusammenhang zwischen Musik und Sprachmelodie erforscht.

Musizierende Menschen nehmen offenbar eine Sprachmelodie differenzierter wahr und können somit besser Emotionen erkennen. Das sollte Vorteile im sozialen Umgang mit sich bringen, folgert die US-Wissenschafterin.

Der Trend in Richtung Neurowissenschaften, der im letzten Jahrzehnt eindeutig ablesbar ist, kann für die Musikpädagogik nur von Nutzen sein: Komplexere Forschungsmethoden gepaart mit fundiertem Wissen über das “Universum” Gehirn stellen eine gute Basis für neue Erkenntnisse zur Transferwirkung von Musik dar. Die verstärkte wissenschaftliche Verknüpfung von Musikpädagogen und Neurowissenschaftern wäre durchaus wünschenswert und sinnvoll.

Differenzierung als Stichwort

Vielleicht gilt es auch ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass Transferwirkung nicht eine 1:1-Übertragung von bestimmten Fähigkeiten bedeutet, dass es sich wahrscheinlich überhaupt um keine Übertragung handelt, sondern um das Triggern von Gehirnregionen, die eigentlich für einen “musikfremden” Bereich wie die Motorik, zuständig sind. Es ist ja nicht nur die Musik selbst, die etwas auslöst, sondern die vielen Teilaspekte vom Musikmachen: Der Grad an notwendiger Konzentration, die nicht synchronen Bewegungsabläufe, das detailierte haptische Wahrnehmen (Anschlagtechnik, Aufsetzten der Finger auf der Geige) etc. In der Musikpädagogik ist defintiv ein differenzierterer Umgang mit der Thematik nötig. Vielschichtige Fragestellungen wie “Worin besteht die jeweilige musikalische Tätigkeit genau? Welche kreativen Ansätze, welche Qualitätsmerkmale weist der Unterricht auf?” sollten im Vordergrund stehen. (Die schon erwähnte OECD-Studie zeigt im übrigen, dass Kreativität in jedem Fach getriggert werden kann, wenn es originell gestaltet ist.)

Außerdem braucht die Forschungsarbeit ein bewußteres Eingehen auf die musikalische wie die soziale Biografie des Menschen, die Individualisierung der Gesellschaft müsste da ebenso bedacht werden. Die sei eine Begriffsklärung der ästhetischen Erfahrung notwendig, so der Erziehungswissenschafter Christian Rittelmeyer. Immerhin seien es unterschiedliche ästhetische Erfahrungen, wenn jemand dazu angeregt werde vorgefertigte Umrisse auszumalen oder eigenständig ein Landschaftsaquarell anzufertigen. Geeignete Evaluationsmethoden müssten dafür entwickelt werden, um zu ernstzunehmenden Ergebnissen zu kommen.

Recht auf Musik

Dass Musik – sei es derzeit in der Grundschulausbildung oder in der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftsberufe – stark gekürzt oder in manchen Lehrplänen gar nicht mehr aufscheint, wird zurecht von Musikern, Pädagogen und Wissenschaftern beklagt. Die Selbstverständlichkeit einer allumfassenden Bildung, die auf humanstischen Säulen ruht und nicht jedes Fach auf seine Nützlichkeit hinterfragt, ist der Welt abhanden gekommen. Und die politischen Verantwortlichen glauben sich aufgrund der neuesten Pisa-Ergebnisse im Recht und kürzen munter und fröhlich die “sinnlosen” Fächer weiter. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Umwegrentabilität der musischen Fächer bedeutet eben zu viel Umweg. “Kinder haben ein Recht darauf, Lesen, Schreiben, Rechnen zu lernen, um im Leben bestehen zu können. Aber zur Persönlichkeitsentwicklung gehört unbedingt die Kunst. Dass das in den letzten beiden Generationen leichtfertig weggeworfen wurde, halte ich für unverzeihlich. (…) Das Ziel der Bildung ist ja heute nicht ein reifer Mensch, sondern einer, der so schnell wie möglich funktioniert und seine Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen kann.” bedauerte der 2016 verstorbene Dirigent Nikolaus Harnoncourt.

Daher lassen sich die Rechtfertigungsversuche durch Studien, welche die “Nützlichkeit” von Musik vermeintlich eindeutig demonstrieren, nachvollziehen. Vielleicht geht es darum, dass die Lobby der Pädagogen sowie die Lehrerinnen selbst Musik als Kulturgut, weit über den klassischen Tellerrand hinaus noch selbstbewußter leben und den Mut haben die Qualität des Unterrichts permanent hinterfragen?

Als der Seiltänzer Philippe Petit in einem Interview gefragt wurde, warum er sich vier Jahre lang darauf vorbereitet hätte, illegaler Weise auf einem Seil zwischen den New Yorker Twintowers (1974) zu balancieren, antwortete er mit leidenschaftlichen Augen: “Es geht nicht um den Sinn …”. Die Menschen, die ihn von den Straßen Manhattans aus 417 Metern über dem Boden schweben sahen, weinten vor Ergriffenheit.

Veronika Grossberger

Danke

Dieser Beitrag wurde von der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) gefördert.