Bild Gerhard Sammer
Gerhard Sammer (c) Sarah Peischer

„NICHT NACH ZU SCHNELLEN UND EINFACHEN ANTWORTEN SUCHEN.“ – GERHARD SAMMER (TIROLER KAMMERORCHESTER INNSTRUMENTI) IM MICA-INTERVIEW

Das TIROLER KAMMERORCHESTER INNSTRUMENTI, geleitet und gegründet von GERHARD SAMMER, begeistert mit unterschiedlichsten Konzertformaten seit über zwanzig Jahren sein Publikum im In- und Ausland. Der in Innsbruck geborene Dirigent GERHARD SAMMER ist Studiendekan an der Hochschule für Musik Würzburg und seit 2020 Gastprofessor an der Fakultät für Bildungswissenschaften Brixen. Er wirkte mehrere Jahre im Musikbeirat des österreichischen Bundeskanzleramtes und ist aktuell Musikbeirat des Landes Tirol. Michael Franz Woels holte sich Rat zu einem langen und erfüllten Leben, zum Blick über den Tellerrand und wohin man ihn lenken sollte, und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Gestaltungsspielräumen.

Beginnen wir doch gleich einmal mit dem „Urknall“: 2017 feierte das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti das zwanzigjährige Bestehen und ließ sich eine ganz besondere Veröffentlichung einfallen, in der das kollektive Komponieren zelebrierte wurde … 

Gerhard Sammer: Die Idee war, viele jener Komponistinnen und Komponisten einzubinden, die mit uns zwanzig Jahre zusammengearbeitet hatten. Jede und jeder durfte sich ein Kalenderjahr auswählen und dazu in Verbindung mit einer selbstgewählten Thematik von überregionaler Relevanz ein ca. dreiminütiges Stück komponieren – die Themenpalette reicht vom Fund der Himmelsscheibe von Nebra bis zum Unwort des Jahres und den 100. Geburtstag von John Cage. Der Schlusstakt wurde an die Komponistin und den Komponisten des nachfolgenden Jahres weitergereicht. So schließen die zwanzig extrem unterschiedlichen Stücke direkt aneinander an. Als Rahmung entstanden zwei Gemeinschaftskompositionen: das einleitende Stück „Urknall“ entstand in einem monatelangen Kompositionsprozess, bei dem jede Komponistin und jeder Komponist nur eine Stimme der Orchesterpartitur auf der Basis einer Formstruktur und den bereits zuvor komponierten Stimmen kreierte (z. B. 2. Oboe). Das „Finale entstand dann sequenziell, indem von jeder Komponistin und jedem Komponisten nur wenige Sekunden Musik ergänzt wurden, wichtig aber: Im „Finale-Charakter“. Das Konzert und die begleitende CD-Aufnahme haben die Komponistinnen und Komponisten gefordert, sich auf dieses komprimierte Format einzulassen, aber auch die Orchestermusikerinnen und -musiker, aufgrund der breiten Palette der Klangsprachen und der zwangsläufigen Verdichtung. Mit „hörendem Blick“ auf das Ergebnis: Ich bereue nichts. 

Die erste CD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2005 trug den Titel „Transformation – The Seven Circles of Life“. Das Live-Streaming Konzert Anfang März 2021 stand unter dem Motto „Invisible Transformation“. Im Sinne einer lernenden Organisation, was waren denn zentrale Transformationen und Erkenntnisgewinne im Laufe der jahrzehntelangen Entwicklung von InnStrumenti? 

Gerhard Sammer: Das ist eine spannende Frage, wie es denn gelingen kann, dass man sich als „lernendes Orchester“ stetig weiterentwickelt, und diese Qualität einer kontinuierlichen Transformation mit der notwendigen Konsolidierung von Ideen, Konzertformaten, Kooperationen usw. in eine gute Balance bringt. Das Rezept dafür ist wohl zuvorderst viel Energie und eine hohe Arbeitsbereitschaft, ehrliche Begeisterung für die Sache und Interesse an den Menschen, dem „Hier und Jetzt“ sowie die hohe Bereitschaft für Evaluation und Selbstkritik. Das hört sich jetzt vielleicht nicht so musikbezogen an, aber ich denke, das ist auch auf andere Bereiche übertragbar. Zentral erscheint mir, ein gutes Team zu entwickeln, mit dem man gerne und intensiv zusammenarbeitet und – wenn ich an den durchaus zähen Aufbauprozess über die Jahre denke – einen langen Atem zu haben und nicht locker zu lassen. Ein Fokus auf die Arbeit in der Region und ein überregionaler Qualitätsanspruch sind dabei gar kein Widerspruch.

Aktuell hat uns ja alle die „digitale Transformation“ voll im Griff. Ich denke, wir nehmen da viel für die nahe Zukunft mit, denn obwohl wir uns sehr nach Live-Konzerten sehen, ringen wir der „Notwendigkeit“ auch positive Lernperspektiven ab: Angefangen von einem Open-Air-Konzert über das obligate Corona-Video mit passender Musik und Text von Werner Pirchner zum Originaltext „Pause, Pause, will nach Hause!!!“, bis zu einer Reihe von Video-Teasern und zwei professionell mit großem technischen Aufwand gespielten Live-Stream-Konzerten. Zuletzt haben wir im März 2021 ein Konzert mit zwei Uraufführungen von Richard Dünser und Manu Delago sowie dem Klavierkonzert „Böse Zellen“ von Thomas Larcher realisiert, das immer noch online zugänglich ist.

Corona-Video innStrumenti
Corona-Video (c) innStrumenti

„DER HUMOR IST WOHL BEI UNS HEMMUNGSLOSER:“

Angenommen es gäbe noch Menschen im deutschsprachigen Raum, die weder das InnStrumenti-, noch das Wiener Neujahrskonzert kennen: Was ist für die beiden charakteristisch, was unterscheidet die beiden voneinander? 

Gerhard Sammer: Da möchte ich schon respektvoll vor dem Wiener Neujahrskonzert den Hut ziehen. Aber klar, es wäre nicht das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti, wenn wir hier nicht auch eigene Wege suchen würden. Charakteristisch für Neujahrskonzerte ist wohl neben der Tradition eines Konzertbesuchs zum Jahresbeginn die positive Energie, der Blick auf einen neuen Zeitabschnitt, der vor uns liegt und der Blick auf Jahresregentinnen und -regenten (Jubilare, Anm.). Wenngleich auch im Neujahrskonzert von InnStrumenti die Musik von Johann Strauss & Co eine wichtige Rolle spielt, so spannt sich der musikalische Bogen wesentlich weiter, u.a. auch im sogenannten „Jahresregenten-Rätsel“, bei dem wir heuer u.a. kurze Ausschnitte von Astor Piazzolla und Igor Strawinsky gespielt haben, aber auch die Kennmelodie der „Sendung mit der Maus“. Fixpunkt sind Gesangssolistinnen und -solisten, die auch – wie im kommenden Jahr 2022 – aus dem Jazz-Bereich kommen können und ein hoher Wortanteil, der über eine übliche Konzertmoderation hinaus geht und Bezüge zu Jubiläen, Literatur etc. herstellt. Es ist auch immer Tanz dabei. Der Humor ist wohl bei uns hemmungsloser und da kann es schon vorkommen, dass die vielen treuen Konzertbesucherinnen und -besuchern manchmal rückmelden, dass ein bisschen weniger „Geblödel“ auch genügt hätte (lacht). Wer sich davon einen Eindruck verschaffen möchte – und dann vielleicht nächstes Jahr live dabei –, kann hier ganz gemütlich von zu Hause aus einen Blick in den Live-Stream des heurigen Konzerts machen.

 

2017 haben Sie zur finanziellen Situation in einem Interview Folgendes gesagt: „Aufgrund von sehr gut besuchten Konzerten und Engagements in Westösterreich, Süddeutschland und Italien können wir etwa zwei Drittel der Einnahmen selbst erwirtschaften. Ein Drittel kommt aus öffentlicher Förderung. Vor allem bei Privatsponsoring ist die Situation schwierig. Natürlich ist das Geld immer knapp, vor allem im Bereich Organisation und Marketing wird gespart, auch nötigen wir den professionellen Musikerinnen und Musikern viel Idealismus ab …“ Wie sieht denn die Lage nun 2021 aus? 

Gerhard Sammer: Die kontinuierliche Aufbauarbeit hat sich insofern gelohnt, dass wir von Seiten der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol eine Jahresförderung erhalten. Eine mehrjährige Vereinbarung, die das finanzielle Rückgrat unserer Arbeit darstellt. Generell muss man der Kulturpolitik der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol schon ein großes Kompliment im Umgang mit der Corona-Krise machen, denn neben einem engagierten Dialog über die Probleme und Bedürfnisse der Künstlerinnen und Künstler wurde mit Sonderförderungen auch wesentlich rascher und umfassender reagiert als auf Bundesebene. Wenngleich die nun vom Bund neu initiieren Förderungen „Von der Bühne zum Video“ und „Frischluft – Kunst im Freien“ vielversprechende Akzente setzen. Dankbar sind wir auch über die beim Bund neu geschaffene Fördermöglichkeit, dass Ensembles seit 2019 auch Anträge für Kompositionsförderung stellen können, die direkt unseren zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten zugutekommt. Ansonsten ist es aber besonders für Förderungswerberinnen und -werber aus der „Provinz“ beim Bund nach wie vor etwas zäh, u.a. bemühen wir uns seit Jahren mit viel Einsatz um eine Erhöhung der vergleichsweise niedrigen Jahresförderung. Die Hoffnung bleibt bestehen und wir lassen da auch sicher nicht locker, aber es ist aufwändig hier entsprechend wahrgenommen zu werden. Ich kenne die Schwierigkeiten der limitierten Budgets ja auch aus meiner Mitwirkung im Musikbeirat des Bundes. Dennoch: Die Bundes-Kulturförderung und bundesweite Kulturberichterstattung der Medien ist in Österreich – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern – sehr stark auf die Bundeshauptstadt zentriert. Da ist es wichtig, sich in allen Bundesländern durch kontinuierliche Arbeit auf (inter-)nationalem Niveau bemerkbar zu machen und auch Netzwerke zu stärken. Wir haben Kooperationspartner auf Bundesebene wie die ÖGZM (Österreichische Gesellschaft für zeitgenössische Musik), das mica, die ÖSTIG und natürlich auf Landesebene mit zahlreiche Ensembles, Festivals usw., mit denen wir im bereichernden Austausch stehen. Eine besondere Stärke sehen wir auch in der intensiven länderübergreifenden Kooperation mit Südtirol, wo es viele Künstlerinnen und Künstler gibt und wir auch einen Partnerverein gegründet haben.

„DIE KOSTEN EINES PROFESSIONELLEN LIVE-STREAMING-KONZERTES SIND AUFGRUND DES GROSSEN TECHNISCHEN AUFWANDES HÖHER ALS JENE EINES LIVE-KONZERTES.“

Wenngleich wir unserem Publikum sehr dankbar sind für eine hohe Spendenbereitschaft, gibt es natürlich erhebliche Ausfälle aufgrund der Corona-Situation und besonders angespannt ist auch die Lage im Bereich des Sponsorings. Wir versuchen, gegenüber unseren vielfach freischaffend tätigen Musikerinnen und Musikern solidarisch zu sein, können aber Konzertprojekte, die nicht stattfinden, natürlich auch nicht honorieren. Daher bemühen wir uns aber alles zu realisieren, das irgendwie machbar und finanzierbar ist, obwohl die Kosten eines professionellen Live-Streaming-Konzerts aufgrund des großen technischen Aufwands wesentlich höher sind, als jene eines Live-Konzerts. Um die Zuhörerinnen und Zuhörer ein bisschen vor den Bildschirm zu holen, haben wir darum gebeten, uns Fotos von ihrer jeweils individuellen Hörsituation zu senden. Da haben wir viele Zusendungen bekommen, vom Bischof, der die Predigt vorbereitet bis zum Weintrinker – oder vielleicht gibt es manchmal sogar Überschneidungen … 

Bild Tiroler Kammerorchester
Tiroler Kammerorchester (c) Wolfgang Lackner

Wären Sie generell für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Kulturschaffende? 

Gerhard Sammer: Mir erscheint die gesellschaftliche Verantwortung für Kultur und Kulturschaffende sehr wichtig, aber ganz ohne (Qualitäts-)Bedingungen – wie auch immer diese aussehen mögen – wird es wohl nicht sinnvoll sein. 

Durch die Veröffentlichung von CDs werden nicht nur bemerkenswerte Komponisten vor dem Vergessen bewahrt, wie etwa Heimo Wisser, sondern vor allem wird mit der CD-Reihe „Neue Kompositionen für Kammerorchester“ –  in Kooperation mit dem Helbling-Verlag seit 2013  auch ein Teil der beeindruckenden Menge an Auftragswerken – mittlerweile bereits über 170 Uraufführungen von Orchesterwerken – nachhaltig zugänglich gemacht. Wann wurde Ihnen das erste Mal die Wichtigkeit bewusst, Werke auf Tonträger festzuhalten, um damit auch Wiederaufführungen zu ermöglichen? 

Gerhard Sammer: Die Musik am Puls unserer Zeit bzw. zeitgenössische Musik – war vom ersten Konzert an zentraler Fokus und Antrieb unserer Arbeit. Wir hatten CDs schon länger geplant und wurden auch laufend mit Anfragen von Komponistinnen und Komponisten, aber auch von Hörerinnen und Hörern etc. konfrontiert. Allerdings sind solche Produktionen bei hohem Qualitätsanspruch sehr ressourcenaufwändig und wir mussten uns erst Step by Step das notwendige Know-how und die Kooperationspartnerinnen und -partner erarbeiten. Die intensiven Aufnahme-Sessions sind aber gleichzeitig für die Qualität der Konzerte förderlich, weil eine enorme Genauigkeit erforderlich ist. Mit den beiden Labels Helbling-Verlag (mit Naxos) und Musikmuseum sowie mit LyraKustiX haben wir Partner, die mit uns trotz der Krise am Tonträgermarkt ein Projekt nach dem anderen in toller Qualität verwirklichen: zweisprachiges hochwertiges Booklet, usw. 2021 verspricht mit drei weiteren CD-Veröffentlichungen ein besonders aktives Jahr zu werden, nachdem uns die Corona-Krise zeitlichen Spielraum aufgezwungen hat. Wir sind da sehr froh über das österreichische Fördersystem mit Institutionen wie der SKE, AUME, LSG, Österr. Musikfonds, die v.a. auch zeitgenössische Produktionen unterstützen; aber auch über unsere Kooperation mit Südtirol. Da wir unabhängig von den Trends der aktuellen Avantgarde-Szene der Neuen Musik auch den Mut haben, tonal klingende Neue Musik zu produzieren, auch Cross Over u.a. zum Jazz wagen, ergeben sich natürlich auch erhebliche Herausforderungen. Beispielsweise stellte sich bei einer unserer CDs „Ma Le Fiz“ das Problem: weder die E-Musik- noch die U-Musik-Kommission fühlte sich für eine Förderung zuständig. Das war monetär zwar schmerzhaft, zeigt aber andererseits auch, dass der Weg in „die Lücke“ erfolgreich gegangen wurde. 

Auf dieser CD „Ma Le Fiz“ gibt es eine Komposition von Helmut Jasbar mit dem Titel „The Far  Side Symphony“, eine Hommage an den US-amerikanischen Cartoonisten Gary Larson. Haben Sie einen Lieblings-Cartoonisten? Und wie halten Sie es mit der Satire, darf die wirklich alles? 

Gerhard Sammer: Ich selbst schätze gesellschaftskritische Cartoons mit schwarzem Humor, habe aber keinen Favoriten und generell bin ich bei Satire und auch anderen Bereichen, wie z. B. auch im Journalismus, kein Fan einer zu starken Zuspitzung oder „Radikalisierung“ ohne Sichtbarmachung des Kontextes, weil die Gefahr besteht, dass es zu einer unsachlichen Verkürzung auf vereinfachte „Schwarz-Weiß-Positionen“ kommt. Der Weg zu Diskriminierung oder Populismus auf Kosten einer abwägenden, differenzierten Sachperspektive ist dann mitunter nicht mehr weit. Das (kulturelle) Leben in all seinen Vernetzungen und Perspektiven ist eben viel komplizierter, als man sich das vielleicht manchmal wünschen würde, aber dem müssen wir uns einfach stellen und nicht nach zu schnellen, einfachen Antworten suchen.

„WIR WOLLEN JA AUCH SELBST IMMER WIEDER ÜBERRASCHT WERDEN.“

In Kooperation mit dem Helbling Verlag wurden bisher acht CDs in der Reihe „Neue Kompositionen für Kammerorchester“ veröffentlicht: „The Garden od Desires“ (2013), „SMS an Gott“ (2014), „Ma Le Fiz“ (2015), „Gedächtniskristalle“ (2015), „Fluid Boundaries“ (2016), „volXmusik InnStrumented“ (2017), „Urknall“ (2017) und nun zuletzt „Paradies & Hoffnung“ 2020. Wie treffen Sie die Entscheidungen über die Stückauswahl? 

Gerhard Sammer: Die Stückauswahl steht immer in Verbindung mit Konzertprojekten, vor allem die langjährigen Konzertprogramme „KomponistInnen unserer Zeit“ mit 21 Ausgaben und das Pendant im Kirchenraum „Sakrale Musik in unserer Zeit“ mit zehn Ausgaben. Da diese Konzerte durchgängig thematisch konzipiert sind, ergibt sich der rote Faden für Veröffentlichungen vielfach direkt daraus: So wurde etwa aus zwei Einzelprojekten zu den Themen Paradies und Hoffnung dann die entsprechende CD. Der Vorteil einer zeitlich verzögerten Veröffentlichung bringt die Möglichkeit, ergänzend weitere Werke dazu zu nehmen und sinnstiftende Pakete schnüren zu können.

Für den Prozess der Programmplanung betreiben wir ein aufwändiges Teamwork, bei dem wir alle Programme über einen längeren Zeitraum entwickeln, diskutieren und entscheiden. Verschiedenste Kriterien spielen dabei eine Rolle, etwa auch die Vernetzung mit der Region, die Förderung von (jungen) Komponistinnen und Komponisten aber auch die Einbindung interessanter Solistinnen und Solisten und Ensembles. Sehr gerne suchen wir ungewöhnliche Konstellationen mit Orchester, wie Konzerte für Jazz- oder Celloquartett, Alphorn, Hang oder für ein Ensemble mit Naturtrompeten – die Möglichkeiten, die sich aus einer solchen offenen Grundhaltung ergeben, sind geradezu unerschöpflich. Dabei unterstützen wir eine große stilistische Bandbreite der Klangsprachen ohne einem engen Verständnis davon, wie Neue Musik denn „sein sollte“. Bei Konzerten, die vorwiegend aus Uraufführungen bestehen, ist das „Ergebnis“ nur bedingt vorhersehbar, das macht es aber auch spannend und: Wir wollen ja auch selbst immer wieder überrascht werden. [lacht]

Musikvermittlungstechnisch sind die umfangreichen Booklets sehr aufschlussreich, geben sie doch immer auch Einblicke in die Gedanken der Komponistinnen und Komponisten zu ihren Stücken. Eduard Demetz schreibt etwa zu seinem Stück „Paravis“ auf der CD „volXmusik InnStrumented“: „Ich bin vom Gedanken ausgegangen, dass der Himmel dort ist, wo die Reflexion nicht ist. Und Glückseligkeit ‒ nicht im Sinne von Reflexion, sondern von Empirie ‒ ist in der Volksmusik beheimatet.“  Welche prägenden oder beglückenden Erfahrungen haben Sie mit Volksmusik?

Gerhard Sammer: Für mich selbst war die Volksmusik in verschiedenen Ausformungen prägend, ob über das Repertoire als junger Akkordeonist, als jugendlicher Klarinettist und Kapellmeister in Blaskapellen, als Musiker in einer „Tanzlmusig“ oder in der Rolle als Lehrender in der Schule und Hochschule. Generell liegt mir die sogenannte „authentische“ Volksmusik daher sehr am Herzen; da lässt sich sehr viel „musikantische“ Energie und Qualität entdecken. Sowie eine hohe Bedeutung für die musikalische Bildung und das gemeinsame, generationenübergreifende Singen, Musizieren und Tanzen von Menschen, das mir auch viele beglückende Erfahrungen beschert hat.

Viele Profimusikerinnen und -musiker haben starke Wurzeln in der Volksmusik und leben in mehreren musikalischen Welten, die sich voneinander gar nicht so klar abgrenzen lassen. Unterschiedlich erlebe ich das in vielen Regionen in Deutschland, wo dieser Bezug zur Volksmusik leider nicht (mehr) so stark tradiert wird. Es wäre schon ein Riesenverlust, wenn die unzähligen regionalen Musikkulturen nicht weiter gepflegt werden würden. Gleichzeitig würde ich mir erhoffen, dass sich die Volksmusik(en) auch weiter entwickeln dürfen und neue Facetten entstehen.

Bleiben wir in himmlischen Gefilden. Die achte CD in der Reihe Neue Kompositionen für Kammerorchester „Paradies & Hoffnung“ bündelt, wie schon der Vorgänger „SMS an Gott“ aus dem Jahr 2014, neue sakrale (Chor)Werke für den Kirchenraum von Manuel de Roo, Josef Haller, Hannes Kerschbaumer, Sebastian Themessl und Christian Gamper. Drei jenseitige Fragen dazu: Wie kommt es zu diesem Konzertformat? Oder warum Neue Musik im Sakralen Raum? Welche SMS würden Sie im Moment an Gott senden?

Gerhard Sammer: Die Kirchenmusik spielt in der „westlichen Musiktradition“ eine ganz besondere Rolle. Die bedeutendsten Komponistinnen und Komponisten haben „sakrale Musik“ komponiert und das umfassende Repertoire wird in der Atmosphäre von Kirchenräumen auch im 21. Jahrhundert gepflegt, dabei entsteht jedoch zu wenig „Neue Musik“. Dieser Umstand, die Kooperation mit cultura sacra und zahlreiche Impulse von Komponistinnen und Komponisten führten zum Konzertformat „Sakrale Musik in unserer Zeit“, das 2020 trotz Corona in der speziellen Akustik der Wallfahrts-Kirche von Götzens, in der Nähe von Innsbruck, bereits in der zehnten Auflage stattfinden konnte.

Die Texte von Florian Bramböck für seine Gesangsstücke „SMS an Gott“ sind witzig und anregend. Ich würde mich anschließen, etwa was die Nachfrage angeht, ob uns Gott unterstützen könnte bei den vielen menschlichen Krisen dieser Welt durch Hunger und Unterdrückung und der Klima-Rettung unseres Planeten, mit den Worten Bramböcks, der sich auf die Schöpfung bezieht: „[…] da ist es wohl zu viel verlangt, dass du noch mal zwei Tage nähmest und deine Menschheit etwas zähmest“ und „könntest du dafür schnell sorgen, dass ab morgen […] wo Not und Kummer ist, die Nahrung nie versiegt?“ Ein bisschen kleiner gedacht würde ich mich besonders für die Kultur und auch für die musikalische Bildung einsetzen. Wir haben viele tolle Musiklehrende in Österreich, aber wir müssten diese noch mehr wertschätzen und unterstützen!

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Gerhard Sammer (c) Sarah Peischer

Warum wird Dirigenten häufig eine lange Lebenserwartung nachgesagt?

Gerhard Sammer: Es gibt Studien, in denen das behauptet und unterschiedlich begründet wird, etwa mit der hohen Erfüllung im Beruf. Ich bin da nicht auf dem letzten Forschungsstand aber würde vermuten, dass diese Wahrnehmung auch daran liegen könnte, dass viele Dirigentinnen und Dirigenten ihren Beruf länger aktiv auf hohem Level ausüben (können) als etwa Instrumentalistinnen und Instrumentalisten oder Sängerinnen und Sänger, denen da stärkere physische Grenzen gesetzt sind. Bei Dirigentinnen und Dirigenten liegt die entscheidende Qualität wohl vor allem in der Intensität ihrer künstlerischen Vorstellung und Vermittlung; auch ist die Wertschätzung für die reiche Erfahrung von älteren Menschen im Unterschied zu anderen Gesellschaftsbereichen hier erfreulich hoch.

Nahe am Himmel, beinahe 2.000 Meter über dem Meer, in der spektakulären Bergkulisse des Patscherkofels musiziert das Orchester bei „Klassik am Berg“. Warum wollten Sie mit InnStrumenti so hoch hinaus?

Gerhard Sammer: Schon länger hatten wir die Idee, den – wie es die Touristikerinnen und Touristiker bezeichnen würden – alpin-urbanen Lebensraum auch kulturell bis auf 2.000 Meter hinauf zu erweitern und in der spektakulären Atmosphäre auf dem Berg ein Konzert mit großem Orchester zu realisieren. Das große Publikumsecho vor zwei Jahren hat uns ziemlich beeindruckt: Tausende Menschen, junge, ältere, viele Familien usw. sind wandernd oder bahnfahrend auf den Patscherkofel gekommen und haben ein stilistisch sehr breit gefächertes Konzert erlebt, das Brücken gebaut hat, es waren auch zwei Uraufführungen mit dabei. Auch der Wettergott hat es gut mit uns gemeint – ganz ohne SMS an ihn. Es war wirklich ein beglückender Abend. Wir freuen uns auf eine Fortsetzung heuer Ende Juni, etwa mit der jungen Pianistin Viktoria Hirschhuber und der Südtiroler Neuen-Volksmusik-Gruppe Opas Diandl.

Bild Tiroler Kammerorchester
Tiroler Kammerorchester (c) Wolfgang Lackner

„DIE CD-AUFNAHMEN KONZENTRIEREN SICH GANZ AUF DIE NEUE MUSIK.“

Abseits ihres Enthusiasmus für Neue Musik pflegen sie auch Aufführungen von Werken der Klassik und der Romantik im Rahmen der jährlichen „Ma[i]tinée“. Gibt es Überschneidungen des Publikums von Neuer Musik und klassischer Musik? Haben Sie diese beiden Musikrichtungen, bei Konzerten wie auch auf CD-Veröffentlichungen, bewusst nicht gemischt? 

Gerhard Sammer: Angesichts der hohen Zahl an Auftragskompositionen und Uraufführungen, die nur wenige Ensembles einer so großen Orchester-Besetzung von 25 bis 45 Musikerinnen und Musiker in diesem Umfang in Österreich realisieren, mag es verwundern, dass wir uns dennoch dagegen entschieden haben, den Weg eines reinen Spezialensembles für Neue Musik zu gehen. Das breitere Repertoire interessiert uns selbst und bietet aber auch viele Möglichkeiten. Zum einen für sehr fokussierte und stringent konzipierte Konzertformate, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen (wie z. B. auch Kinder und Familien), eine Zielrichtung verfolgen, etwa Kompositionsaufträge zu einem vorgegeben Thema am Puls der Zeit, die interdisziplinäre Vernetzung von Musik und Literatur oder die Förderung von jungen Musikerinnen und Musikern. Zum anderen bauen wir aber zunehmend auch Brücken zwischen unterschiedlichen Formaten und Zuhörerinnen und Zuhörern und versuchen im Sinne von Audience Development auch einen aktiven Beitrag zur Kulturentwicklung zu leisten, die offen ist für eine Vernetzung in alle Richtungen. Die CD-Aufnahmen konzentrieren sich ganz auf die zeitgenössische Musik. 

Es gibt weiters im Juni im ORF Studio Tirol die Veranstaltung „klang_sprachen“. Wie kam diese zustande? Was erwartet dabei die Besucherinnen und Besucher heuer, der Titel lautet ja „Durchgehen“? 

Gerhard Sammer: Es gibt in Innsbruck ein Festival für Lyrik mit dem Titel W:ORTE. In Gesprächen mit dem motivierten Team und dem ORF Tirol, der mit Patrizia Jilg im Bereich Musik und Martin Sailer im Bereich Literatur zwei überaus engagierte Kulturredakteure aufzubieten hat, erwuchs die Idee einer solchen Vernetzung von Lyrik mit vorwiegend zeitgenössischer Musik. Die beiden Kunstformen werden dabei sehr intensiv aufeinander bezogen, jeweils bildet das Schaffen einer Lyrikerin bzw. eines Lyrikers den Mittelpunkt, das von mehreren Komponistinnen und Komponisten musikalisch verarbeitet wird, Kooperationspartner ist auch die ÖGZM. Bisher konnten wir mit den renommierten Lyrikerinnen und Lyrikern Barbara Hundegger, Raoul Schrott, Durs Grünbein und José F.A. Oliver Projekte realisieren, die auch jeweils selbst als Sprecherinnen und Sprecher mit dem Ensemble interagierten. Heuer steht die zahlreich preisgekrönte Lyrikerin Anja Utler im Mittelpunkt, den rote Faden bilden die Metamorphose und Bezüge zur griechischen Mythologie; Utler vermerkt selbst in einem Interview: „Das Einzigartige am Innsbrucker Konzept scheint mir nun, dass die Komponistinnen und Komponisten und das Orchester hier die Dichterin in ihre präzis komponierte Bühnenarbeit einlassen, als eine Art Element aus der nicht-musikalischen Wildnis, das sie nicht komplett kontrollieren können. Vor allem, weil es nicht über dieselbe musikalische Kompetenz verfügt wie sie. Ich habe mich schon gefragt, warum sie bereit sind, Zufall und Abweichung diesen Raum zu geben. Seit ich letztes Jahr José Oliver mit den InnStrumenti auf der Bühne gesehen habe, weiß ich, es muss wegen der ganz eigenen Energie sein, die aus dieser Situation entsteht.“

Bild Jose Oliver bei den Klang_sprachen 2019
Jose Oliver bei den Klang_sprachen 2019 (c) Wolfgang Lackner

Ihr Ensemble engagiert sich auch besonders für die Musikvermittlung bei Kindern und Jugendlichen. Können Sie uns kurz etwas über diese Projekte erzählen? 

Gerhard Sammer: Ich sehe es als ganz wichtige Verantwortung an, dass Ensembles bzw. Kulturinstitutionen insgesamt noch viel mehr kreative Energie und Ressourcen in die pädagogische Arbeit investieren. Eine engagierte musikalische Bildungsarbeit die möglichst alle Kinder und Jugendlichen erreicht, unabhängig von Herkunft und sozialem Status, erscheint mir als sehr zentral. Dabei kann eine hohe Qualität der Musikvermittlung nicht so nebenbei gelingen, sondern nur mit einer hochprofessionellen Konzeption, mit der Einbindung von Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Musikpädagogik und v.a. auch aus dem Berufsfeld. Wir haben mit der Einbindung von (Musik-)Lehrenden der Schulen und der (Musik-)Lehrerbildung sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gibt so viele Lehrende, von deren Expertise man sehr profitieren kann und denen wir als Kulturschaffende und Kulturvermittler auf Augenhöhe begegnen müssen. Wichtige Stichworte erscheinen mir dabei u.a. Altersgemäßheit, qualitativer Anspruch, zeitgemäße Aufmachung, Aktivierung und Partizipation. Ich selbst war in den letzten Jahren als Präsident des Europäischen Verbands für Musik in der Schule in ganz Europa unterwegs und habe viele Projekte erleben dürfen.

Wir realisieren mit dem Tiroler Kammerorchester seit Jahren schon Konzerte für unterschiedliche Altersgruppen unter dem Motto „Ab! InnS’ Konzert“ , etwa auch in Südtirol. Aber gerade in diesem Bereich haben wir auch noch viel vor, etwa ein Familienkonzert oder ein großes Projekt mit den hervorragenden österreichischen Musikvolksschulen. Derzeit arbeiten wir an der Realisierung eines dynamisch gestalteten Online-Schülerinnen-und-Schüler-Konzerts mit dem Titel „der Fall Beethoven“, das dann kostenlos für alle über Youtube zugänglich sein wird und hoffentlich über den Beamer viele Klassenzimmer erreicht und die Schülerinnen und Schüler möglichst aktiv einbindet.

InnStrumenti - AbInnsKonzert
InnStrumenti – AB InnS’ KONZERT (c) Sarah Peischer

„EIN POSITIVER NEBENEFFEKT IST DIE ERWEITERUNG DES ZEITGENÖSSISCHEN REPERTOIRES.“

Das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti betreibt seit einigen Jahren mit dem Projekt „Junge SolistInnen am Podium“ grenzüberschreitende Nachwuchsförderung. Die Kompositionsaufträge sind dabei auf die virtuosen Fähigkeiten der jeweiligen Solistinnen und Solisten abgestimmt. Können Sie uns kurz einen Einblick in die Konzeption des aktuellen Albums „Junge SolistInnen am Podium 2“, veröffentlicht 2020, geben?

Gerhard Sammer: Kernpunkt dieser CD sind Werke, bei denen sich Komponistinnen und Komponisten auf einzelne junge Musikerinnen und Musiker oder junge Ensembles intensiv einlassen und neue Solokonzerte komponieren. Vielfach bekomme ich die Rückmeldung, dass es nicht nur für die jungen Menschen eine wichtige Erfahrung und eine Öffnung in Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Neuer Musik mit sich bringt, sondern auch für die renommierten Komponistinnen und Komponisten neue Schlüsselerfahrungen. Ein positiver Nebeneffekt ist die Erweiterung des zeitgenössischen Repertoires österreichischer Komponistinnen und Komponisten auch für den Instrumentalunterricht, das u. a. durch die Erstellung von Klavierauszügen nachhaltig zugänglich gemacht werden kann. Weiters, dass die jungen Musikerinnen und Musiker zu Botschafterinnen und Botschaftern für Neue Musik werden, die in der Ausbildung vielfach zu geringe Aufmerksamkeit erfährt. Auf dieser neuen CD werden Werke von Manu Delago, Johanna Doderer und Martin Rainer vorgestellt sowie die Neubearbeitung eines amerikanischen Komponisten, ergänzt um ein Orchesterstück der Südtiroler Komponistin Andrea Oberparleiter. Die Palette der präsentierten Talente reicht von jungen Musikschülerinnen und -schüler bis zu Musikstudierenden und Profimusikerinnen und -musiker am Beginn ihrer Karriere. 

Die oberösterreichische Landesausstellung in Steyr verhandelt heuer die Themen: „Arbeit, Wohlstand, Macht“. Wenn Sie diese Themenkomplexe auf ihre musikalische Laufbahn anwenden, welche Entscheidungen waren für Sie diesbezüglich von Bedeutung? 

Gerhard Sammer: Besonders wichtig ist wohl der Blick über den eigenen Tellerrand; da habe ich sicherlich viel von meiner langjährigen universitären Tätigkeit profitiert, u.a. als Professor und Dekan an der Musikhochschule Würzburg, derzeit als Gastprofessor an der Universität Bozen und der aktiven Mitwirkung in vielen Europäischen Verbänden, Netzwerken und EU-Projekten, u. a. EAS, AEC, ECA, ISME, EMC, MusiQuE. Im kulturellen, pädagogischen und wissenschaftliche Bereich sehr eigenständig und initiativ arbeiten zu dürfen, bringt Gestaltungsspielräume, die ich persönlich schon als großes Privileg empfinde, mit dem ich verantwortungsvoll umzugehen versuche. Entscheidend erscheint mir: Kommunikation, Emotion, Ausdauer, Teamwork, Vernetzung, Selbstkritik, hohe Arbeitsbereitschaft, Interesse an Menschen und der „Sache“, Leadership, Initiative und Risikobereitschaft. 

Abschließend noch: Wann denken Sie wird es nicht mehr nur einen „Applaus aus der Vergangenheit“ bei gestreamten Konzerten geben? 

Gerhard Sammer: Ich hoffe, dass wir ab diesem Sommer zunächst im Freien und dann ab Spätsommer/Herbst auch wieder indoor für Publikum musizieren dürfen und wünsche allen noch ein gutes Durchhalten für die hoffentlich letzte Phase der Pandemie! Und dann wird es vor allem wichtig zu sein, für die „Wiederauferstehung“ der Live-Kultur in allen Sparten und Facetten zu kämpfen! 

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Franz Woels

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Link:
Tiroler Kammerorchester InnStrumenti
Gerhard Sammer (music austria Datenbank)