
= Das große Ganze =
Wie kam das Projekt „Rotterdam“ zustande?
M: Susanne und ich kannten uns vorher schon eine ganze Weile, gingen gemeinsam aus und irgendwann kam uns dann die Idee gemeinsam Musik zu machen, so gegen 1999/2000. Ist schon eine Weile her. Da fingen wir erst einmal mit zeitgenössischer E-Musik an – Susanne mit Flöte und ich mit Gitarre – kamen dabei aber nicht weit, weil es uns zu anstrengend war, und entschieden uns recht bald, dass wir gerne auch die Musik spielen wollen, die wir selber gerne hören, wenn wir ausgehen.
Und welche Musik war das damals?
M: Tanzmusik. Techno, House. Irgendetwas in diese Richtung sollte es werden. Und dann kam das Cello ins Spiel.
S: Nein, das Cello war von Anfang an im Spiel.
M: (überlegt) Stimmt. Die Elektronik kam erst später. Das Cello war von Anfang an dabei. Ja, so entstand das und machte uns dann auch gleich viel mehr Spaß.
Und war es von Anfang an geplant, eure Musik auch aufzunehmen?
S: Nein, wir wollten einfach nur Musik machen und Spaß haben. So haben wir Sounds gebastelt und herumprobiert.
Das war vor nunmehr elf Jahren. Wie ging es weiter?
S: (lacht) Das ging immer so weiter.
M: Erst einmal war es ein Experimentier-Prozess, in dem wir unsere eigene Musikrichtung, das, was uns am besten gefällt, kreierten, indem wir die Richtung, die wir gerne hatten, allmählich mit unseren Instrumenten in Einklang brachten. Das war erst einmal ein wichtiger Prozess, der einige Zeit in Anspruch nahm – rhythmisch, ästhetisch und klanglich, damit es ein Ganzes ergibt.
S: Wir haben einfach so lange gespielt, bis es passte und wir merkten, dass wir so oder so ähnlich ewig weiterspielen hätten können, ohne dass uns dabei langweilig geworden wäre. Das war der Moment, als wir wussten: Jetzt passt es.
Ihr habt also die Tracks eures Albums in Endlosschleife gespielt?
M: Ja, genau. Da wurde nichts gesampelt. Es gibt zwar Elektronik-Zuspielungen, aber wir spielen unsere eigenen Loops dazu.
S: Aber in einem Stück. Es ist also nichts zusammen gestückelt, das sind alles wir.
M: In vielen Rezensionen dachten die Journalisten nämlich, das wären zusammengestückelte Samples, aber wir spielen das schon alles in Handarbeit durch.
S: Das ist ja auch genau das, was uns so unheimlichen Spaß macht: Das minimalistische Spiel der Veränderungen.
M: Der Ansatz war am Anfang auch, mit den uns gegebenen Instrumenten einen Computer nachzuahmen. Und daraus ist dann etwas Neues entstanden, weil es einfach anders klang.
Rotterdam – Cool Bum Bum by mica
Und wann kam es von diesem „Wir tun einfach“ zum Fassen des Plans, ein Album zu machen?
S: Irgendwann hatten wir einfach den Wunsch, einmal was in Händen zu halten, aber von diesem Gedanken bis zur tatsächlichen Aufnahme eines Albums sind noch einmal ein paar Jahre ins Land gezogen.
M: Nach acht Jahren war die Idee da, nach zehn Jahren lag das Album da. Ich glaube so kann man es sagen.
Und wieso dauerte der Prozess so lange?
S: Weil wir uns einfach keinen Stress machten. Wir arbeiten beide. Und nebenbei geht es nur so. Musik war immer nur als Hobby gedacht, mehr wollten wir nie. Und in unserem Fall hat es eben zehn Jahre lang gedauert.
Und wenn es sich verselbständigt? Wenn ihr auf Festivals in New York und Barcelona eingeladen werdet?
S: Dann müssen wir schauen und Urlaub nehmen. Darauf sind wir eigentlich nicht wirklich vorbereitet.
M: Eine CD zu machen war auch toll, derzeit aber machen wir schon wieder neue Lieder. Selbst Musik und neue Lieder zu machen, ist immer noch das Schönste am Ganzen.
Wie kann man sich eure Musik live vorstellen? Ist es nicht unheimlich schwer, diese Musik live umzusetzen?
S: Das kommt ganz auf die Location an, weil es Feinheiten in unserer Musik gibt, die man nicht unbedingt überall hört. Deshalb gibt es mit der Live-Umsetzung immer wieder Probleme, aber wir arbeiten daran.
M: Das Problem ist, dass man oft so laut verstärken muss, dass die feinen Klänge, Räumlichkeit, Reibungen und Dissonanzen verloren gehen und man die dynamischen Unterschiede einfach nicht mehr hört.
S: Wir würden gerne einmal in einem Konzertsaal, in dem man jede Feinheit und jedes Geräusch hört, spielen.
M: Andererseits hat es bei entsprechender Lautstärke dann eine andere Qualität in punkto Wucht. Als wir beim Temp Festival in Greifenstein spielten, hat das auch sehr gut funktioniert.
S: Es braucht dann einen wirklich guten Mischer, sonst würde es nicht funktionieren. Wenn sich der Mischer nichts antut, sind wir verloren. Dann kann es wirklich kippen und schlecht werden.
Wo habt ihr schon gespielt?
S: In den üblichen Klubs. Im alten, im neuen Fluc, im rhiz, beim Temp Festival etc.
War das eher das Ö1- oder das fm4-Publikum, wenn man es schon so auseinander dividiert?
M: Eher das fm4-Publikum, würde ich sagen. Aber wir hatten schon auch zwei, drei Auftritte vor sitzendem Publikum, die eher konzentrierter waren von der Atmosphäre her. Im Amann Studio zum Beispiel.
Und fühlt ihr euch musikalisch genau zwischen diesen beiden Stühlen oder verstehen die Leute genau, worum es euch geht?
S: Es funktioniert, weil das Publikum – zumindest haben wir den Eindruck – genauso offen ist wie wir selbst. Die gehen auch gerne einmal ins Konzerthaus, um sich dort ein zeitgenössisch ernstes Konzert anzuhören.
M: Und selbst wenn sie es nicht machen, verstehen sie unsere Musik, denke ich.
Euer Sound ist zunächst sehr eigenständig: Die übliche Mischung aus Cello und Elektronik oder Gitarre und Elektronik hört sich meist anders, kontrollierter und gleichförmiger an. Euer Klangbild hingegen ist sehr homogen. Wenn mir jemand erzählen würde, es wäre alles Elektronik, würde ich es auch glauben. Auf CD lässt sich nur schwer eruieren, was von Computer kommt und was von akustischem Instrument sozusagen von Hand gespielt ist.
S: … was auch durchaus so gewollt ist.
Und wie kann man sich das live vorstellen? Verschwimmt es da immer noch oder lassen sich die Konturen zwischen Elektronik und Akustik live besser nachvollziehen?
S: Es ist Deine Aufgabe als Journalist, das zuzuordnen. Wir machen uns da wenig bis keine Gedanken darüber.
M: Ich bekomme schon oft das Feedback von Leuten, dass sie es als eher problematisch empfinden nicht zu wissen, was woher kommt. Aber uns hat eben genau das immer so viel Spaß gemacht: Wenn sich die unterschiedlichen Einflüsse zu einem großen ganzen verweben…
S: Beim Proben sind jene Momente die schönsten, in denen man oft selbst nicht mehr weiß, von wem ein spezieller Sound kommt – ob von mir oder von Michael.
Das heißt, das Sich Verlieren ist auch ein Ziel und Prinzip eurer Musik?
S: Ja, auf jeden Fall. Sich in der Musik zu verlieren ist sehr wichtig.
Und wie lange sind die einzelnen Stücke live? Tendiert ihr dazu, die Stücke live zu verlängern, spielt ihr euch in einen Rausch?
S: Nein, das geht leider nicht, weil die Elektronik fix programmiert ist.
M: Wir haben einmal ausprobiert, die Stücke zu verlängern, sind dabei aber auch an unsere physischen Grenzen gestoßen. Irgendwann wird es zu anstrengend, sowohl für uns als auch das Publikum.
Aber die Live-Umsetzung war nie wirklich mitgedacht, oder?
S: Schon, schon. Wir haben von Anfang an Wohnzimmerkonzerte gespielt, vor einer Hand voll Freunden.
M: Und dann waren wir eh schon bald im Fluc.
S: Irgendwann will man immer vor Leuten spielen, um direktes Feedback zu bekommen.
Musik mit diesem oder ähnlichen ästhetischen Konzepten scheitert aber doch in den meisten Fällen an der Live-Umsetzung, weil es zu Laptop-lastig und langweilig ist.
S: Das ist aber doch gerade das Spannende: Zu spielen.
M: Ich wäre ja auch nie auf die Idee gekommen, dass Leute tatsächlich glauben, wir würden das alles quasi am Schnitt-Tisch zusammenbasteln. Das ist harte Arbeit – auch live.
S: Einen Ton auf 150.000 verschiedene Arten zu spielen – das ist es doch, was uns reizt. Wenn wir beide einen Ton spielen und jeder von uns variiert diesen einen Ton, kommen dabei die lustigsten Sachen dabei raus.
Geht das dann auseinander, wieder zusammen und dergleichen?
S: Das Ziel wäre, eigentlich, dass es nicht auseinander geht.
Aber Disharmonie kann doch auch sehr interessant sein, oder?
S: Ach so meinst Du das. Damit spielen wir, ja. Da spielt es sich ab. Wenn man einmal eine schöne Dissonanz findet, kann man sich regelrecht drauf setzen.

S: Tanzbar ist unsere Musik schon, finde ich. Vielleicht nicht alles, aber einiges schon. Mit der Hüfte wippen oder mit dem Knie wackeln kann man auf jeden Fall.
M: Das eine Stück ist mehr, das andere weniger tanzbar. Die Tanzbarkeit spielt immer rein, ist aber nicht das vordergründige Ziel.
S: Wir haben schon auch einmal probiert, tanzbarere Musik zu machen, aber es hat nie wirklich funktioniert.
Und wieso nicht?
M: Weil uns irgendwann immer unser eigener Stil in die Quere kam. Selbst der fetteste Bass reichte nicht, um uns wirklich bis in die letzte Faser tanzbar zu machen, weil wir irgendwann immer anfingen polyrhythmisch zu werden.
Gab es irgendwann den Versuch, einfach nur noch elektronische Musik zu machen?
S: Eigentlich nicht. Das war nie Thema.
Warum nicht? Wenn ohnehin nur schwer feststellen kann, was akustisch und was elektronisch ist, könnte man doch gleich alles elektronisch generieren.
M: Man muss die Instrumente nicht als akustische Instrumente wahrnehmen, aber man nimmt sie wahr
S: Vielleicht ist der wahre Grund dafür auch viel pragmatischer: Ich kann einfach besser Cello spielen als Elektronik bedienen. Und das Gleiche gilt wohl auch für Michael.
M: Es macht uns einfach mehr Spaß Instrumente zu spielen, und es ist auch vom Körpereinsatz her etwas völlig anderes.
Wie seid ihr eigentlich zu einem Schweizer Label gekommen?
S: Ich habe davon geträumt.
Tatsächlich? Und dann?
S: Ja, und dann haben wir alle möglichen Schweizer Labels angeschrieben und da hat dann tatsächlich jemand reagiert.
M: Nachdem wir vorher circa zweihundert österreichische angeschrieben hatten…
Und in Österreich gab es gar kein Interesse?
M: Schon, aber die Bereitschaft, es dann auch wirklich mit uns durchzuziehen, war nirgends wirklich erkennbar.
Und warum habt ihr es nicht gleich selbst gemacht?
S: Wenn es auch in der Schweiz nicht geklappt hätte, wäre das die letzte Option gewesen. Dann hätten wir es eben selbst gemacht.
M: Mit einem Label aber hat man schon eine wirklich gute Unterstützung. Für uns war es gut so, weil wir keine Erfahrung haben.
Das Programm eures Labels ist recht weit gestreut, so weit ich gesehen habe.
M: Ja, ganz unterschiedlich. Von Pop bis experimentell.
Wie wurde das Projekt finanziert?
S: Die Produktionskosten haben wir selbst getragen.
Und wie war das Feedback bisher?
S: Gut. Eigentlich wurden wir überall außer in Österreich beachtet.
M: In zwei italienischen Zeitschriften bekamen wir ein Feature, eine Story in Holland, eine in England. Sogar in Australien gab es Reaktionen.
S: Es hat sich wirklich einiges getan.
M: Wir hatten nicht gedacht, dass es so gut ankommt.
Und gibt es Live-Pläne?
S: Wir haben uns bislang ein bisschen schwer getan. Es ist ein wenig zäh.
M: Es ergibt sich hie und da etwas. Dadurch, dass wir jetzt wirklich gutes Feedback bekommen haben, geht es ein wenig besser, aber insgesamt ist es immer noch schleppend.
Wie schauen eure weiteren Pläne aus?
S: Wir überlegen nicht, wir machen einfach
M: Nach dem Aufnehmen, das auch eine Art Fortbildung im Hören für uns war, war der erste Impuls, aufzurüsten und in Klang, im Speziellen in analoge Synthesizer, zu investieren.
S: Genau. Das ist die Zukunft: Klangerweiterung.
Vielen Dank für das Gespräch.
Fotos: Monika Signorato
http://rotterdam.pl/