Ein Bild von Judith Unterpertinger für das Festival 4020 in Linz
Judith Unterpertinger © Michael Wegerer

mica-Interview mit Judith Unterpertinger

Judith Unterpertinger führte bei den Klangspuren Schwaz und als composer-in-residence beim Komponistenforum Mittersill das auf ihrer Fotoserie „Thirsty Camel“ basierende  Raumklang-Ensemblestück „außen, von innen“ auf. Im nachstehenden mica-Interview, geführt von Heinz Rögl unter dem unmittelbaren Eindruck eines mit dem Janus-Ensemble bestrittenen Konzerts in der Alten Schmiede, gibt Judith Unterpertinger Einblicke in ihr Denken und ihre musikalischen Arbeitsweisen.

Du hast viel mit dem Janus-Ensemble gearbeitet und ja auch bei Christoph Cech studiert. Dein Stück “Intimacy” – eine Reihe von instrumentalen Dialogen – erklang im Konzert vorhin in einer erweiterten Fassung, einer Art kollektiven Komponierens und Improvisierens, typisch für das Janus-Ensemble. Welche Rolle spielt die Arbeit in diesem Ensemble für dich?

Judith Unterpertinger: Christoph hat mich 2002 zum ersten Mal gebeten für das Janus-Ensemble zu schreiben, mittlerweile sind es bereits vier, fünf Stücke geworden, bei denen ich teils selber mitgespielt habe. Das letzte Projekt, das wir auch in Mittersill beim KOFOMI und jetzt in der Alten Schmiede gemacht haben, entsprang dem Wunsch Christophs, die jeweilige genannte eigene Komposition mit Material der anderen vier Komponisten [Anm.: Christian Mühlbacher, Boris Hauf,  Peter Herbert und Christoph Cech] zu verknüpfen, daraus etwas zu recyceln. Meine Komposition “Intimacy” ist während eines langen Kanada-Aufenthalts entstanden. Es sind fünf Duette, die mit mir und meinen Gefühlen sehr viel zu tun haben. Aus dem Material der anderen Kompositionen sind dann noch zwei Quintette hinzugekommen.

Du bist in Hall in Tirol aufgewachsen, hast Klavier gespielt und dann zunächst in Wien studiert.

Judith Unterpertinger: Ich habe in Wien Philosophie zu studieren begonnen, während des Studiums ist aber die Liebe zum Klavierspielen immer größer geworden, Uli Scherer war damals mein Lehrer, der hat mich auch auf die Aufnahmeprüfung in Linz vorbereitet. Und dann habe ich gefunden, dass ich auch noch Komposition studieren muss. Philosophie habe ich dann 2002, Klavier und Komposition 2005 bzw. 2006 beendet.

Da Uli Scherer ein Jazzer ist: Wolltest du Jazz studieren?

Judith Unterpertinger:  Ja, aber es hat sich dann bald herausgestellt, dass mir das viel zu wenig ist. Ich habe mich für den experimentellen Bereich interessiert, mit dem präparierten Klavier begonnen Sachen auszuprobieren. Das Hauptfeld war improvisierte Musik, Jazz war und ist ein kleinerer Bereich davon. Ich bin mit 19 Jahren in Wien viel ins “Tunnel” gegangen. Dort habe ich Reinhard Micko kennengelernt, der war mein erster Jazzklavierlehrer, dann kam ich zu Uli Scherer und mit 23 war mir eines Abends klar, dass ich Klavier studieren muss. Ich war dann beim Christoph Cech und habe mich vom Jazz sukzessive wieder verabschiedet und mich in einem freien Kontext Neuer Musik bzw. im Spannungsfeld zwischen komponierter und improvisierter Musik angesiedelt.

2001 schon hast du dann den “Bösen Zustand” gegründet .

Judith Unterpertinger: Ein Hauptprojekt von mir seither, 2005 kam die erste CD heraus. Derzeit arbeiten wir an einem neuen Programm. Das wird im nächsten Jahr hoffentlich auch wieder live zu hören sein, in neuer Besetzung mit Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Cello.

Spielst du nicht auch selbst mitunter Cello?

Judith Unterpertinger: Ja, laienhaft zwar, aber bei improvisierter Musik ist es nicht unbedingt notwendig, ein Instrument perfekt zu beherrschen, glaube  ich. Da geht es vor allem auch um die Idee, die man konsequent verfolgt. Ich spiele auch viel mit dem Innenraum des Klaviers, mit Schlägeln und Präparierungen, sehr rhythmisch akzentuiert, was das Instrument eigentlich eher zu einem Schlagwerk macht. Je nach dem, was das jeweilige  Thema eines Stücks erfordert, fallen mir dann auch am Instrument die Sachen ein.

Du hast in Mittersill mit Eva Reiter ein gemeinsames Projekt gemacht. Bei ihr habe ich den Eindruck, dass sie sehr nahe am Sound und an der Sounderfindung arbeitet. Wie entsteht bei dir die Musik im Kopf?

Judith Unterpertinger: Stimmt, bei dem Projekt stand der Klang im Vordergrund, es gab auch Performance-Elemente, aber wichtiger war, dass wir vor allem am Klang gearbeitet haben. Bei anderen Sachen – ich bin ja auch Performerin – entsteht auch vieles primär musikalisch, da merke ich aber, dass ich mir sehr oft eine Bühnensituation vorstelle, eine Stimmung, ein Bild. Das ist bei mir immer etwas sehr Wichtiges.

Kannst du das anhand deines in Schwaz und Mittersill aufgeführten Ensemblestücks „außen, von innen“ erklären?

Judith Unterpertinger: Dieses Stück hat Fotografien und Zeichnungen von mir – “Thirsty Camel” – zur Grundlage, weil es mir offenbar sehr entspricht visuell zu arbeiten, Visuelles mit Akustischem zu verbinden oder das eine durch das andere auszudrücken.

Da war aber auch eine Reduktion im Spiel, indem du von den Fotos auf die Zeichnungen kamst, die dann zur Grundlage der Komposition wurden. Wie entstanden die Fotos?

Judith Unterpertinger:  Mein Hauptort des Komponierens ist das Kaffeehaus. In Kanada, vorher auch in London, habe ich diese anderen Kaffeehäuser kennengelernt, erst gehasst, dann aber genossen, wo man eigentlich in der Auslage sitzt, man schaut nach außen, wird aber auch nach innen begafft – eine Situation, die mir aus Österreich kaum bekannt gewesen war. Dieses Beobachten und Beobachtet-Werden fand ich spannend und da habe ich begonnen, zu fotografieren. Es ist zwar eine Glasscheibe dazwischen, aber die Leute kriegen das zum Teil schon mit und regen sich teilweise auch auf. Jedenfalls, unversehens ist da aus der Kamera ein Arbeitsgerät geworden. Das war der erste Schritt. Ich habe begonnen, meine Wahrnehmung eines Gesichts festzuhalten, zu fixieren, etwas, das mich darin fasziniert hat. Natürlich kann man eine Person nicht auf das Äußere reduzieren, aber es sagt auch sehr viel aus. Ich fand es spannend, mich anschließend mit den Fotos hinzusetzen und immer mehr Details wahrzunehmen, Falten, ein Lächeln, was auch immer. Und dann habe ich davon Zeichnungen angefertigt ..

… aus denen dann musikalisch eine Art von Charakterstücken entstanden ist?

Judith Unterpertinger:  Genau. Und zu der Zeit wusste ich schon, dass ich für mein Stück sechs Spieler zur Verfügung haben werde, zwölf Fotos verwenden und immer mit der Zahl Sechs spielen möchte. So habe ich entweder zwei, drei oder sechs Skizzen angefertigt, die dann das Material geliefert haben. Jedem Musiker wurde das Material von zwei Fotos zugeordnet, wobei diese zwei Fotos zueinander auch wieder in einem Kontext standen, jeweils ein eher ruhigeres, gelassenes, und ein bewegteres, wo in dem Menschen viel vorgeht. Dieses Prinzip, diese Dualität habe ich dann übernommen. Dann ging es beim Komponieren aber eigentlich darum, nicht das Foto zu komponieren, sondern die Stimmung, die ich beim Fotografieren hatte. Da spielte in einem Abschnitt die Spannung eine Rolle, ob man ein bestimmtes Gesicht eines Vorbeigehenden auch scharf aufnehmen kann, oder dass sich dabei die Wahrnehmung von Lärm im Kaffeehaus stark verändert, das kann stören, dann ist es wieder sehr konzentriert. Es war wichtig, dass ich das in Schwaz in einer Halle aufführen konnte, dass da ein Raumklang, eine Quadrophonie, ein Austausch entstanden ist.

Deine Stücke haben immer viel mit Gefühlen zu tun?

Judith Unterpertinger:  Man kann von meinen Stücken schon sagen, dass sie immer sehr persönlich sind, von innen heraus kommen. Was nicht heißen soll gefühlslastig, aber es muss schon immer einen starken Bezug zu mir geben. Bei Intimacy ging es in einem der fünf Duette um dieses ständige Dialogisieren in meinem Kopf, innere Stimmen, deren äußere Entsprechung ich in Kanada bei Vögeln in einem Vogelschutzgebiet entdeckt habe: die habe ich dann in Skizzen transkribiert und in dem Duett für Horn und Saxophon realisiert. In einem weiteren Stück geht es um Angst, Angst vor Bären oder Angst vor Naturgewalten – dazu habe ich meine Hand gezeichnet und als graphische Notation ist das Ausgangspunkt für das Stück für Schlagzeug und Synthesizer. Ein anderes ist ein Stück, bei dem ich einfach das schrieb, was mir in den Sinn kam – ein Stück für Flügelhorn und Schlagwerk das ich eigentlich nur für mich geschrieben habe, für meine Seele.

Komponieren als Verarbeitung existenzieller Erfahrungen und von Erlebnissen, fast ein wenig altmodisch?

Judith Unterpertinger: Sehr altmodisch. Aber es gibt auch anderes. Für das Bratschenkonzert Splitter zerfressener Steine machte ich auf einer Trekkingtour in Nepal sehr genaue Aufzeichnungen über das Wetter, über die Lebensverhältnisse, daraus wurde dann mein Stück.

Du bist auch mit Didi Bruckmayr aufgetreten?

Judith Unterpertinger:  Ja, aber das ist jetzt wieder vorbei, aktuell ist jetzt der Böse Zustand und fruit market gallery und dann ein neues Projekt mit Eva Reiter, das wir in Mittersill ausgemacht haben, wo wir erstmals zusammenarbeiteten.

Wie kann man als freie Komponistin überleben?

Judith Unterpertinger: Schwierig, man ist natürlich sehr abhängig von Förderungen. Ich lebe sehr sparsam und nehme mir derzeit aber auch mehr Freiraum: Es ist so, dass ich nicht bereit bin, so zu arbeiten wie bis vor zweieinhalb Jahren, wo ich so viel Termine, Konzerte, CD-Produktionen hatte, dass dann sonst gar nix mehr gegangen ist. Es ist mir wichtig, aus dem immer wieder herauszutreten. Es ist mir wichtig, dass es mir gut geht und ich kontinuierlich arbeiten kann und ein schlechter Tag nicht gleich zu einer Katastrophe wird. Da ist etwa das Bergsteigen und in der Natur sein für mich unglaublich wichtig.

Komponieren im engeren Sinn – welchen Stellenwert hat das für dich?

Judith Unterpertinger:  Klassisch komponieren lernte ich bei Gunter Waldek und  Christoph Cech, der nicht nur Jazztheorie unterrichtete, sondern sofort eine praktische Anwendung verlangte, indem er sagte, so, jetzt schreib ein paar Takte in dem oder dem Stil – daraus hat sich ergeben, dass das Komponieren die mir gemäße Form ist, aber nicht die einzige, mir sind immer Anregungen aus ganz anderen Bereichen wichtig. Sei das jetzt Tanz, bildende Kunst oder das Bergsteigen.

Und du zeigst auch mitunter sehr persönlich gesellschaftskritisches Engagement …

Judith Unterpertinger: In „Dein Anderlstück, eine Heimatverbundenheit“ habe ich mich, die ich in Rinn aufgewachsen bin, mit der antisemitischen „Legende“ rund um das Anderl von Rinn auseinandergesetzt, habe Interviews gemacht, mich konfrontiert mit diesen Glaubensstrukturen, die von Rassismus und Antisemitismus durchsetzt sind von Kindheit an. Wie geht man damit um, wenn man mit so was aufgewachsen ist und wenn das zu bröckeln beginnt? Wobei ich das dann schon von der Ebene persönlicher Aufarbeitung ins Allgemeine gehoben habe, ich habe mit einem Philosophen und Psychologen zusammengearbeitet und mit ihm Texte geschrieben, es wurde eine sehr genaue Auseinandersetzung daraus. Und es ist mir schon ein Anliegen, mit meinen Stücken auch zeitkritisch zu sein und mich nicht vor Themen zu scheuen, die vielleicht auf Widerstand stoßen, nicht gefällig sind. Das Anderlstück wurde zwar nicht zum Skandal, aber es gibt Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis dort, die mit mir da nicht mehr darüber reden wollen, weil sie wissen, dass ich da eine prononcierte Meinung habe, die ich dann auch äußere. Zumindest gibt’s da eine merkwürdige Zurückhaltung mir gegenüber seither.

Erlebtest du deine Ausbildung und deinen Werdegang als eine männlich dominierte Angelegenheit?

Judith Unterpertinger:  Also eine männliche Domäne bleibt es schlicht, solange es wesentlich mehr Komponisten als Komponistinnen gibt, die aufgeführt werden. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber es gibt jedenfalls immer mehr Komponistinnen. Mir war durchaus bewusst, dass ich manche Aufträge bekommen habe, weil ich eine Frau bin. So die Masche Alibiquotenfrau. Das mache ich heute aber nicht mehr. Ich habe einmal, weil ich das Geld brauchte, eine Einladung angenommen, in einem Ensemble mitzuspielen, wo die gesagt haben, es wäre klass, wenn eine Frau dabei wäre und mich im Nachhinein darüber fürchterlich geärgert. Da habe ich beschlossen, das nicht mehr zu machen. Wenn nicht die Qualität im Vordergrund steht oder meine musikalische Sprache – dann interessiert es mich wirklich nicht.

Wie war deine Erfahrung beim Komponistenforum Mittersill?

Judith Unterpertinger: Wunderschön. Es ist schon so, dass Komponisten in der Regel jeder für sich vor sich hinarbeiten, mir geht es nicht ganz so schlimm, weil ich ja auch selber spiele. Aber es war sehr spannend mitzubekommen, wie andere Komponisten arbeiten. Es ist wichtig, aus seiner kleinen Welt, in die man unweigerlich wieder zurückkehrt, herauszutreten und zu schauen was es sonst noch gibt. Und mit den anderen auch über Probleme beim Arbeiten, über Zeiteinteilung zu reden, über die man sonst normalerweise – ich weiß auch nicht warum – nicht redet.

Was sind sonst wichtige Projekte?

Judith Unterpertinger: Im April 2008 gibt es in Innsbruck die Uraufführung eines Stückes für die sehr komplexe Besetzung von zwei Klavieren und zwei Schlagwerken.

Diese Besetzung hat auch Bela Bartók in einem berühmten großen Werk gehabt, seiner Sonate von 1937.

Judith Unterpertinger:  Ich weiß, aber ich möchte es mir nicht anhören, damit ich nicht davon beeinflusst werde. Und das nächste Großprojekt ist ein Orchesterwerk für Linz 2009.

Und sonst?

Judith Unterpertinger: Ich würde gerne wieder nach London gehen, dort habe ich einige Monate gelebt und das hat mir unglaublich gut gefallen, dort habe ich zu fotografieren und zu zeichnen angefangen, Ballett zu tanzen, dort sind mir sehr viele Ideen gekommen.

Der schnelle Karriereaufstieg ist nicht so dein Modell?

Judith Unterpertinger: Ich möchte lernen, mir eine gewisse Langsamkeit zuzugestehen. Viele machen das anders, meinen, du musst da spielen, dort spielen, das machen. Ich denk mir derzeit: Ich muss gar nichts. Ich finde es schlecht, sich so einen Druck und solche Erwartungshaltungen aufzubauen, dass dann das Eigentliche verloren geht.

Das Interview führte Heinz Rögl.

Fotos Judith Unterpertinger © Christine Hinterkörner

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