mica-Interview mit Dieter Glawischnig

Der Grazer Pianist, Arrangeur, Komponist und Bandleader Dieter Glawischnig feierte Anfang März seinen 70. Geburtstag. Er war Mitbegründer der Jazzstudiengänge in Graz und Hamburg. Unter seiner langjährigen Leitung wandelte sich die NDR-Bigband vom Radio-Tanz-und-Unterhaltungsorchester zur international renommierten Bigband. Im Sommer kehrt er nach Österreich zurück und wird sich wieder verstärkt seinen kammermusikalischen Projekten widmen.

Wie hast Du zum Jazz gefunden?
Wenn ich mich richtig erinnere, war in Graz ein gewisses Jazzklima vorhanden, schon in den 50-er Jahren. Graz war in der englischen Zone und die Engländer haben Jazz, Swing und, ich nehme an, Bebop mitgebracht. Ich hatte einen Nachhilfelehrer in englisch, der hat Saxophon gespielt. Und der hat gesagt, heute ist ein Konzert und da spielen sie um Mitternacht “round midnight”. Ich konnte damals damit nichts anfangen. Dann gabs damals schon “Voice of America”, eine bekannte Sendung, die habe ich abends im Bett immer gehört. Ganz wichtig war für mich der Film “Die badende Venus”. Auf dem Schiff war ein Orchester in weißem Smoking und da wurde der  “Trumpet Blues” gespielt. Ich war hingerissen, habe sofort meinen Papa gesagt, ich möchte auch Trompete spielen. Klavier habe ich vorher schon gespielt. Irgendwann gründete ich dann ein Bebop Quintett, in dem ich damals als Trompeter mitspielte. Louis Armstrong war mein Vorbild. Bald habe ich die Musik Chet Bakers entdeckt und bin stilistisch umgestiegen. Das war als wir immer nach Liniano auf Urlaub fuhren. Dort konnte man Jazz in der Jukebox hören, unter anderem Chet Baker. Am Klavier hatte ich klassischen Unterricht. Das Jazzklavierspielen habe ich mit dann autodidaktisch beigebracht. Da war ein Pianist in Graz, Schwede war er, und der hat so einen interessanten Akkord gespielt, C7 gabs immer dann, Blues in f C7. Den Akkord habe ich dann kopiert, das war dann die + 9 – diese ganze Akkordsymbolik habe ich dann aber erst später gelernt. So kommt man dann langsam rein. Und die Jazzszene in Graz hat sich langsam entwickelt. Sogar soweit, dass wir das erste Jazzinstitut europaweit gründen konnten.

Die Gründung einer Deiner wichtigsten Gruppierungen fiel auch in Deine Grazer Zeit.
Ja, das waren die “Neighbours”. Mit denen haben wir relativ frei gespielt. Aber wir haben dann auch angefangen, das völlig freie Spiel wieder ein wenig zu strukturieren, um der Gefahr der Beliebigkeit zu entkommen.

Der damalige NDR-Bigband-Redakteur Wolfgang Kunert hat Dich dann nach Hamburg geholt. Er hat mir erzählt, wie es dazu kam.

Wolfgang Kunert, ehemaliger NDR Jazzredakteur:
Ich habe Dieter Glawischnig am Rande der Berliner Jazztage 1971 kennen gelernt, wo wir beide als Besucher im Hause Eckehard Jost lebten. Und die Konzerte besucht haben und die Nächste durchgezecht haben und einen Tag, bevor ich abreiste hat Eckehard Jost mir einen Tipp gegeben, ich sollte mich vielleicht mal mit diesem Glawischnig unterhalten, weil er unter Umständen ziemlich interessant für die NDR-Bigband sein könnte. Ich hatte keine Ahnung, wer er war. Aber gut, ich habe ihn schließlich gefragt, ob er was schreiben würde für das Orchester in Hamburg und dann haben wir 1973 die erste Produktion gemacht. Da kam er mit Stücken, die so am Rande des Free Jazz waren. Er gehörte ja mit zu den ersten, die anfingen, dieser Musik wieder eine Struktur zu geben.

Was hast Du da für Stücke mitgebracht? Die Band war ja damals längst nicht die Bigband die sie heute ist, sondern ein Tanz- und Unterhaltungsorchester mit vielfältigen Aufgaben.
Ja, der Redakteur des damaligen NDR Radio-Tanz- und Unterhaltungsorchesters Wolfgang Kunert lud mich zu einem Gastspiel ein. Das Tanzorchester spielte zu allen möglichen Anlässen, Fernsehshows und Hafenkonzert inklusive. Jazz gabs eher selten. Dann nannte sich das Orchester “Studioband”. Ich habe vier verschiedene Stücke mitgebracht, eins meiner von Dollar Brand beeinflussten Patternstücke, ein Bebopstück mit Zwölftonmaterial, ein freies Stück und einen Standard. Das hat denen ganz gut gefallen, obwohl es schon zum Teil etwas völlig Neues war für die Band. Franz Ton war damals der Dirigent. Während der 70er Jahre war ich dann immer wieder Gastdirigent. Dazu arbeitete ich als Korrepetitor am Grazer Opernhaus.
1980 nahm ich dann ein Karenzjahr von meinen Grazer Verpflichtungen an der Oper und der Hochschule. Nachdem Franz Ton in den Ruhestand ging wurde die Stelle des Orchesterleiters neu ausgeschrieben und man hat sich für mich entschieden.

Was gab dann den Ausschlag, die Zelte in Graz ganz abzubrechen und sich (bis zum Jahr 2008) endgültig in Hamburg niederzulassen?
1982 schrieb Hermann Rauhe, der damalige Präsident der Hamburger Musikhochschule, eine Jazzprofessur aus. Er wollte dort einen Jazzstudiengang einführen. Und das war für mich interessant, Jazztheorie, Praxis und Pädagogik verbinden zu können, das hat mich schon immer interessiert. Ich habe die Stelle bekommen und bin so seit 1982 ständig in Hamburg.

 

 

Wie ist denn dieser Studiengang strukturiert? Was war Dir wichtig?
Der Etat war gering, so dass ich als Lehrer vor allem Musiker aus der Bigband verpflichtete. Vor allem aber habe ich das sogenannte Zweisäulenmodell aus Graz mitgebracht: Jazz als Basis muss natürlich jeder umfassend lernen. Aber jeder Student bekommt auch Unterricht im klassischen Sektor: vier Jahre Instrumentalunterricht sinds insgesamt, darunter sind auch drei Jahre Klassikstudium verpflichtend. Damit steht der Hamburger Jazzstudiengang immer noch alleine in der deutschen Szene. Aber die Klassik ist immens wichtig, um die Ohren zu öffnen, um eine andere Ästhetik kennenzulernen, ein anderes Verständnis und andere Handwerksmethoden als im eigenen Fach. Und: Der Jazz hat an der Hamburger Musikhochschule sogar einen eigenen Fachbereich bekommen. Dann war mir auch immer wichtig, dass die Studenten viel transkribieren, um sich wirklich immer wieder auch ganz exakt mit allen Details eines Standards (oder was auch immer) auseinanderzusetzen. Natürlich sollten und sollen sie auch möglichst früh Kontakt zur Berufspraxis bekommen. Besonders gute Studierende bekommen also die Möglichkeit, als Substitute bei der NDR Bigband auszuhelfen.

Die Bigband – ein gutes Stichwort. Der Name der NDR Bigband ist untrennbar auch mit dem Namen Dieter Glawischnig verbunden. Du hast als Arrangeur und Komponist für die Band gearbeitet und viele Jahre, ja Jahrzehnte geleitet, ihr zu dem internationalen Renommee verholfen, das die Band heute genießt. Dabei hattest Du bzw. hattet Ihr bis dahin ein ganzes Stück des Weges zurückzulegen. Wie kann man sich die Band von damals im Vergleich zu heute vorstellen?
Als ich zum Orchester gekommen bin, hieß es damals RadioTanzundUnterhaltungsorchester. Das war ein vielbeschäftigtes Orchester, in dem auch Streicher mitspielten. Wir mussten alle Arten Unterhaltungsmusik spielen, Schlager, Fernsehshows, Hamburger Hafenkonzerte. Vom Jazz war gehobene Swingmusik das Ideal, das damals gespielt wurde. Wolfgang Kunert, der damalige Redakteur der Band, hatte aber immer schon den Wunsch, das Orchester langsam zu einer Bigband umzuwandeln. Denn als das damalige Orchester Jazz gespielt hat, dann nicht unter seinem offiziellen Namen sondern es hieß dann NDR Studioband. Ich habe das dann mit Wolfgang Kunert weiter aufgebaut und die Idee natürlich sehr unterstützt. Immer wenn einer der Musiker pensioniert wurde, wurden Jazzer eingestellt. Jetzt ist die Band wirklich top besetzt: z.B. mit Christoph Lauer, Rainer Winterschladen, Peter Polte, Claus Stötter, alle bringen ihre verschiedenen Stilistiken ein.

Und das Interessante ist, wie es einer Rundfunkbigband entspricht, dass es eine stilistisch offene Band ist. Es ist keine Name-Band wie z.B. das Duke Ellington-Orchester. Ein Dirigent ist deshalb auch notwendig, weil jede Woche ein anderes Repertoire gespielt wird. Die band spielt Mainstream, Bebop, Swing, Latin, sowohl Standardliteratur als auch größere Projekte wie z.B. “Sketches of Spain” von Gil Evans mit Claus Stötter als Solisten.
Was natürlich auch sehr wichtig ist mit der Band und auch für die Band, ist die Förderung neuer Leute in Deutschland; junger Arrangeure und Komponisten, die was anzubieten haben. Das letzte Projekt in dieser Richtung, meiner Ansicht nach eins der besten, war mit Nils Wogram. Daraus wurde dann auch eine CD-Produktion, die bei enja erschienen ist. Außerdem arbeitet die Band regelmäßig mit wirklichen Top-Arrangeuren wie Steve Grey aus London. Die Band lebt von den Solisten und den qualitätvollen Arrangeuren.

Aber experimentellere Projekte sucht man in den letzten Jahren eher vergebens. Sollten die nicht auch zum festen Repertoire einer Rundfunkbigband gehören, die sich ja eigentlich nicht nur um Ausschnitte aus der Jazzwelt kümmern sollte? Früher gab es ja in einigen Deiner Projekte etwa Gastsolisten aus dem Umfeld der AACM.
Ja, es sind heute meist eher jazzgebundene Projekte, gelegentlich mit Öffnungen ins Freie, könnte man sagen. Aber experimentelle Sachen sind relativ selten. Wir haben eines gemacht in den letzten Jahren – mit graphischen Partituren. Bei dem Projekt war ich allerdings gar nicht dabei.

1988 z.B. waren Ray Anderson, George Lewis und Anthony Braxton in Hamburg – überhaupt waren wesentlich experimentellere Projekte als heute möglich. Auch Fred Anderson und Bill Brimfield spielten mit der Band. Aber heute ist es ist schon sehr im Sinne des Hauses NDR, die Band mit einem Repertoire hinaus zu schicken, dass auf Anhieb einmal die Leute nicht abschreckt, dass sie gleich begeistert sind. Das sind also Projekte, wo das Hörerlebnis so auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht wird, dass sich der jazzinformierte Zuhörer angesprochen fühlt und auch innerhalb der Projekte Qualitätsunterschiede feststellen kann zu anderen Bands. Dass man die andere Szene mehr einbauen sollte, ist auch mein Wunsch, ich werde das wieder anregen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die freie Szene ein größeres Ensemble oft gar nicht ausnützen kann.

 

 

Nun, auch das liegt doch zum Teil sicher daran, dass es selten die Möglichkeit für Musiker aus der freien Szene gibt, in größeren Gruppen zu arbeiten. Einer der leidvollen Teufelskreise vielleicht. Doch kommen wir zu Deinen eigenen Projekten.
Ich habe immer, trotz meiner Bigbandtätigkeit, mit meinen Trios weitergespielt. Es war halt weniger Zeit mit den zwei Jobs, die ich ja fast über 20 Jahre lang hatte. Das Trio “Neighbours” mit Ewald Oberleitner am Kontrabass und John Preininger, der vor ein paar Jahren leider verstorben ist, am Schlagzeug, das war und ist sicher die wichtigste und langjährigste kammermusikalische Besetzung, in der ich arbeite.

Insgesamt hab ich’s mit den Texten, vor allem in den Bigband-Kompositionen. Das ist mein musikalisches Steckenpferd, was mich am meisten interessiert, Jazztradition zur Mitteilung von Botschaften zu verwenden. Texte von Ernst Jandl, Gunter Falk, dann habe ich verschiedene Projekte im Hamburger Politbüro gemacht, dann gabs die sogenannte Vers- und Kaderschmiede von Thomas Ebermann oder Abende mit Enzensberger. Mit der Bigband konnte ich sechs größere eigene Werke realisieren, einstündige. Der Sprecher stand als Hauptsolist im Mittelpunkt, aber die Musik sollte natürlich niemals Begleitgedudel sein, sondern so substantiell, dass sie auch ohne Text spielbar ist, in Form einer Orchestersuite, wenn man das will. Gerade die Texte von Ernst Jandl mit einer unglaublich strukturellen Vielfalt der Möglichkeiten, die verschiedenste strukturell gebaute Musik, vom gestampften Rockrhythmus über improvisatorische Passagen, die hat mich schon früh fasziniert.

Wie gehst Du an solche textgebundenen Kompositionen heran? Soll die Musik den Text ausdeuten oder eher als ein Kommentar zum Text, eine zweite Ebene bilden?
Ich denke mir die Musik in direktem Bezug zum Text. Entweder kann man aus der Struktur des Textes die Struktur der Musik ableiten oder den emotionalen Gehalt oder den gedanklichen, intellektuellen Gehalt, obwohl das schwerer zu fassen ist. Ich beziehe mich immer auf die Inhalte der Texte, das sind meine Inspirationsquellen, wie bei der Oper. Nein, es ist keine irgendwie strukturelle Inspiration, ich suche mir Texte die mich irgendwie ansprechen, die für mich von Bedeutung sind. Ernst Jandl zum Beispiel hat ganz präzise momentane Situationen beschrieben, die man wunderbar umsetzen kann, die sind so intensiv, dass es, glaube ich, kaum einen Musiker gibt, dem dazu nichts einfallt.

Wie stehen Improvisation und Konstruktion im Verhältnis?
Bei den textbezogenen Sachen ist es meist irgendeine Verbindung, ein Statement und die Improvisation wird aus diesem Statement entwickelt, was immer dieses auch ist. Seinerzeit habe ich angefangen, mit Zwölftonreihen zu improvisieren. Das ist aber für eine Bigbandimprovisation nicht gerade einfach. Improvisation steht, wenn ich für die Bigband komponiere, bei mir immer in Verbindung mit einem Grundmaterial.
In festen kammermusikalischen Besetzungen wird zuweilen auch ohne Absprachen improvisiert, gerade wenn man sich gut kennt, sind ja viele potentielle Kommunikationsformen erprobt.

Du hast einige der namhaftesten Protagonisten der Chicagoer AACM nach Europa geholt, mit ihnen nicht nur in kammermusikalischen Formationen gespielt, sondern sie auch als Gastsolisten für die Bigband verpflichtet. Wie kam es dazu?
In Kontakt mit AACM bin ich während meines Karenzjahres in Amerika gekommen, das war 1976. Da war ich zwei Monate in Chicago, dann fünf Monate in New York, ich machte Ausflüge nach New Orleans und so. Und in Chicago habe ich dann Kontakt bekommen zu den Musikern dort, v.a. zu Fred Anderson, Bill Brimfield, auch Anthony Braxton war dort, Roscoe Mitchell, also die ganze AACM-Clique. Und dieses Treffen hat dann zur Zusammenarbeit geführt. Wir haben den Fred Anderson und den Bill Brimfield eingeladen für das Trio Neighbours, das war, glaube ich, 1978, die haben wir nach Europa gebracht. Wir haben über 50 Konzerte gespielt. Dann habe ich Braxton näher kennengelernt und ihn dann als Solisten für die Bigband engagiert. Im Mai werden in Österreich ein paar Konzerte stattfinden, da haben wir den Fred Anderson eingeladen, um auf die Anfänge der Chicago-Kontakte hinzuweisen.

Und was sind weitere, aktuelle oder geplante Projekte, jetzt als “rastloser Pensionist”?
Ich habe in letzter Zeit öfter solo gespielt. Da habe ich mir ein gewisses Repertoire-Material überlegt. Das Stück heißt “winged by distance”, “beflügelt durch abstand”, da kann man einiges hineindenken: Abstand zur Jazzszene, zur klassischen Szene, zur Popszene, aber auch ganz materialbezogen, der Abstand zweier Töne, ein banaler Titel wäre “Intervalltrainig”. In Anschluss an die seriellen Muster habe ich ein Reihenmodell festgelegt, wo alle zwölf Intervalle der Größe nach ansteigend vorkommen. Es wird dann immer von einem andern Ton anders fortgesetzt, da ergibt sich ein harmonisches Feld, das unglaublich anregend ist, wenn man sich das erarbeitet. Es ist eine ziemlich beschränkte Angelegenheit, aber mit unglaublichen Freiheit. Freiheit in der Beschränkung! Vielleicht ist es ja ganz nett bei all dem Soundüberfluss, wenn die Leute wieder mal Intervalle hören und die identifizieren können.

Dann soll auch wieder Lesungen mit Dietmar Mues geben: “Jandl forever”! Und ich will wieder was für die NDRBigband schreiben. Außerdem möchte ich in Zukunft wieder mehr lesen, nachlesen, Bücherstapel abarbeiten, vielleicht wieder was Analytisches schreiben.

Doch erst heißt es: Kisten packen und wieder nach Graz übersiedeln. Herzlichen Dank für das Gespräch in Reinbek bei Hamburg.

Das Interview führte Nina Polaschegg.

 

 

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