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Stirner & Seidl (c) Stirner & Seidl

„Komponieren kommt von Kompost“ – STIRNER & SEIDL im mica-Interview

Das Wiener Duo STIRNER & SEIDL hat sich mit seinem Debütalbum „The Greatest Hits“ 2015 in der Wiener Szene schon einen Namen gemacht. Antonia Seierl sprach mit KARL STIRNER und SEBASTIAN SEIDL über ihre musikalischen Anfänge, Komposition und Inspiration.

Wie ist das Duo Stirner & Seidl entstanden?

Sebastian Seidl: Wir haben uns im Theater in Litschau kennengelernt, Karl war Dramaturg und Komponist und ich war Tonhospitant. Wir haben dann vier Wochen zusammengearbeitet und sehr viel Spaß gehabt. Einige Monate später kam dann vom Karl eine SMS: „Machen wir eine Technoplatte.“

Karl Stirner: Wir haben über Komposition geredet und ich habe dann gesagt: „Machen wir gleich ein Projekt.“ Das Projekt heißt „Kompositionsstudium“.

Sebastian Seidl: Stimmt. Karl hat mich irgendwann auf ein paar Tage zu sich ins Waldviertel eingeladen und dort haben wir ein paar Nummern gemacht, die nicht veröffentlicht worden sind, aber ein Anfang waren. Und so ist es immer weitergegangen – bis heute.

Karl Stirner: Bruckners Siebente haben wir dort gemacht – es ging um den Merge von Klassik-Samples und Beat.

Sebastian Seidl: Wir haben das Projekt anfangs „Ahorner goes Flex“ genannt – wir wollten Peter Ahorner auf den Dancefloor bringen, das war die ursprüngliche Intention.

Karl Stirner: Ganz genau. Ich wollte wissen, wie das zum Beispiel im Flex geht, wo die jungen Leute hingehen, damit die nicht immer nur „Uh Yeah“ hören, sondern jemanden, der sagt: „Kurze Frage lieber Gott, wer ist dein Boss?“ So hat das angefangen.

Aber wieso Peter Ahorner? Es ist ja doch die Hälfte der Platte mit Texten von ihm geschmückt – warum?

Karl Stirner: Peter Ahorner schreibt überwältigend gute Texte. Er beherrscht die Sprache. Er hat ein sehr gutes Auge und eine noch bessere Verbindung zwischen Auge und Schreibhand.

Sebastian Seidl: Peter und Karl sind ja schon öfter aufgetreten. Peter liest, Karl spielt Zither. Ich habe die beiden ein paar Wochen vor der ersten Session gesehen. Danach habe ich mich sehr auf das Vertonen gefreut – ohne zu wissen, was auf mich zukommt.

„Unsere Musik kommt aus Wien, auch wenn sie nicht in Wien produziert wird.“

Sie profitieren also sehr voneinander? Also Sebastian Seidl von Karl Stirners Erfahrung und Karl Stirner von Sebastian Seidls Jugend?

Karl Stirner: Ja, das ist die Aufhebung des Generation Gap, denn der hat sich nicht bewährt. Das naturgemäße und moderne Modell ist die symbiontische Community. Ich mache seit 1999 elektronische Musik, aber ohne an der Clubkultur teilzunehmen. Ich schreibe einfach die Musik aus meinem Kopf ab. Seidl brachte ein neues Know-how über Geschwindigkeit, Technik und Genres. Es gibt kein klassisches Lehrer-Schüler-Verhältnis. Lehrer ist Schüler ist Lehrer. Man lernt voneinander. Ich weiß tontechnisch jetzt viel mehr und der Seidl fürchtet sich jetzt nicht mehr vor Dreier- gegen Vierertakt, weil er weiß, dass sie Brüder sind. Wir wachsen aneinander. Für mich ist es ein enormer Luxus, mit jemandem aus seiner Generation zu arbeiten.

Sebastian Seidl: Das gilt natürlich nicht nur für den musikalischen Aspekt. Ich würde den Karl nicht unbedingt als Musiklehrer bezeichnen, sondern eher als Mentor.

Karl Stirner: Gute Freunde sind wir auch und es gibt ein Level an Humor, das wir teilen.

Man findet für Sie die ebenso treffende wie völlig deplatzierte Bezeichnung „Wienerlied-Duo“. Sind Sie denn ein Wienerlied-Duo? Wie würden Sie Ihre Musikrichtung bezeichnen?

Karl Stirner: Nach unserer Präsentation in Litschau hat sich von meiner Fanbase genau die Gruppe gelöst, die ich sowieso nicht haben wollte. Also alle Ich-bin-kein-Rassist-aber-Leute und die ganze pseudo-tolerante, misogyne Partie waren weg. Wir haben Intense Visuals dort gehabt, und das war Strategie – ich wollte die Spreu vom Weizen trennen. Ich mag Wienerlieder nicht einmal. Ich kenne alle, mag sie aber nicht. Ich mag Wien-Musik. Das ist auch unsere Branche, und die vom Nino aus Wien oder vom Ernst Molden. Das Wort „Wienerlied“ gab es vor 1910 nicht, es ist eine Propagandalüge.

Sebastian Seidl: Unsere Musik kommt aus Wien, auch wenn sie nicht in Wien produziert wird, insofern sind wir schon ein Wienerlied-Duo.

Karl Stirner: Definitionen sind wie Behördenwege. Sie sind ein Abhalten vom Musikmachen. Deswegen brauchen wir sie nicht. Wien hat ein Gefühl. Ist ein Gefühl.

Sebastian Seidl: Wir bezeichnen uns auch als den „elektronischen Arm des Wienerlieds“, ohne jetzt konkret zu werden.

Karl Stirner: Remixes machen wir auch gerne, jemand macht etwas sehr Schönes und man macht einen Remix davon. Zuletzt eben „Staub“ von Das Trojanische Pferd. Dann kam Bernhard Eder und fragt, ob wir das zu „Melodies for Refugees“ beisteuern würden. Das machten wir dann, weil es ein super Projekt war. Remixen macht sehr viel Spaß, es ist ein sehr gutes Netzwerktool.

„Peter Ahorner sagt: ‚Der Staat ist ja keine Nation, der tut nur so.‘“

Weil gerade das Stichwort „Melodies for Refugees“ gefallen ist: Sind Sie politisch motiviert?

Sebastian Seidl: Für das Thema Flüchtlinge braucht man nicht politisch motiviert zu sein, dazu muss man nur ein Mensch sein.

Karl Stirner: Wir sind eine politische Band. Wir wissen natürlich, dass die „Flüchtlingskrise“ ein Geschäftsmodell ist und der Staat, der sich für uns ausgibt, wahnsinnig viel Geld damit einfährt. Peter Ahorner sagt: „Der Staat ist ja keine Nation, der tut nur so.“ Die Zivilgesellschaft hat in dieser Krise nahtlos die Staatsrolle übernommen. Es ist ein Kunstprojekt, im 21. Jahrhundert zu leben.

„Es muss seltsam sein, aber auch schön.“

Man findet bis jetzt nicht wirklich viele Liveauftritte von Ihnen – kommen die noch oder bleiben Sie lieber im Studio?

Sebastian Seidl: Wir hatten bis jetzt zwei Auftritte, beide waren Albumpräsentationen. Wir haben unser Album vorgestellt und mit Visuals inszeniert. In nächster Zeit werden wir kaum live zu sehen sein, weil wir das Album so live nicht bringen können.

Karl Stirner: Das sind homogene Studioproduktionen, die kann man nur in Szene setzen, aber es ist sinnlos, sie live zu spielen. So, wie sie sind, sind sie perfekt produziert.

Sebastian Seidl: Wir stellen uns nicht als DJs mit zwei CD-Playern auf die Bühne und mischen die Nummern zusammen. Die Präsentationen waren, wie gesagt, visualisierte Inszenierungen.

Karl Stirner: Und es war eine Messwerterhebung. Man hat geschaut, wie die Menschen darauf reagieren.

Sebastian Seidl: Künftig wollen wir auf jeden Fall live unterwegs sein – mit neuen Sachen, die man einfacher live bringen kann und viel mehr Improvisationsspielraum haben, aber es bleibt weiterhin elektronische Musik. Wir werden jetzt nicht zu einem Zither-und-Gitarre-Duo. Die Komplexität bleibt also erhalten.

Karl Stirner: Sie wird vermutlich erhöht, aber bei gleichzeitiger Steigerung der Schönheit.

Sebastian Seidl: Deswegen hat sich unser Produktionsprozess auch geändert. Wir werden ein Livealbum machen, soweit das möglich ist. Es werden Drum-Loops und Basslines gebaut, und die werden dann live abgeändert, die Zither wird gespielt.

Karl Stirner: Wir werden so auch Gäste haben können, die mit uns gemeinsam musizieren. Peter Ahorner wird live lesen können, ohne den Track auswendig lernen zu müssen. Der Peter soll der Peter sein, das kann er nämlich fantastisch, und wir müssen üben und ein Set-up trainieren, sodass wir jederzeit jeden musikalisch untermauern können.

Sebastian Seidl: Es ist für uns beide Neuland!

Karl Stirner: Deswegen fingen wir mit einer „The Greatest Hits“-Platte an, weil das am urgentesten war. Jetzt definieren wir den Livestil dieser Band. Jetzt kommt Interesse an unserem Projekt und wir wollen unseren Betrieb so modern wie möglich führen. Der Hack dabei ist, dass wir so Nachfrage erzeugen: „Wo sind die Platten, von denen die ‚Greatest Hits‘ sind?“

Wer spricht die Stimme auf Ihrem Album? Machen Sie das überwiegend, Karl Stirner? Oder nehmen Sie jemand Dritten dazu?

Sebastian Seidl: Die Stimme ist auf über der Hälfte des Albums jene von Peter Ahorner. Bei „Huat aus Hoa“ spricht der Stirner, das ist seine Nummer – sozusagen ein Remix von uns. Bei „Persönlicha Jesus“ ist der Text auch vom Stirner und er singt das auch.

Karl Stirner: Es ist natürlich auch die Frage, was passiert, wenn wir das Livekonzept beginnen – der Seidl kann singen, das weiß ich, weil seine Ohren funktionieren.

Sebastian Seidl: Ich habe diese typische Tontechniker-Krankheit. Wenn ich entscheide, was aufgenommen wird, kann ich auch entscheiden, dass es nicht meine Stimme ist, weil ich sie nicht mag. Also überall wo „Feat. Peter Ahorner“ steht, sind der Text und die Vocals vom Ahorner.

Woher bekommen Sie Ihre Inspirationen?

Sebastian Seidl: Es beginnt so, dass wir 99 Prozent der Zeit im tiefsten Waldviertel sitzen. Man schläft dort dreimal so tief. Wir verbringen die ganze Zeit miteinander. Wenn etwas dabei entsteht, ist das cool, und wenn nicht, dann sitzen wir mit Karls Familie zusammen und trinken Kaffee.

Karl Stirner: Alle mögen den Seidl. Auch meine Hunde und Katzen. Insofern sind das Production Patches – geblockte Zeiträume von mehreren Tagen. Ein ungestörter Produktionsprozess.

Gibt es Musikerinnen und Musiker, die Sie inspirieren?

Sebastian Seidl: Ich habe viele Inspirationen, einige davon kenne ich durch den Karl – er hat mich in die Wiener Szene eingeführt. KÖNIGLEOPOLD zum Beispiel – auch Lukas König solo – ist einfach bombastisch. Ich komme eher aus der Clubszene. Ich habe viel Techno, Drum ’n’ Bass und andere Bassmusic-Arten immer im Hinterkopf. Ich will gar nicht mit Genres anfangen.

Karl Stirner: Große Inspirationen sind die klassische Ecke und die Menschen, mit denen ich spielen und deren Schaffen ich miterleben darf. Spontan fällt mir gerade Schmieds Puls ein, das ist eine wunderbare Generation, sie erzeugt unglaublich viel Zuversicht. Mich inspiriert vieles. In meiner Jugend habe ich nur Bach, Schubert und AC/DC gehört. Sonst nicht wirklich viel.

Sebastian Seidl: Wir versuchen, nichts nachzuäffen.

Karl Stirner: Wir sampeln Schönes. Im letzten Remix ist ein Stück von Henry Purcell drin. Hubert Weinheimer hält die ungeheuerlichste Regierungsansprache und dahinter sind Kirchenglocken zu hören, da braucht’s das Rondo-Veneziano-Feeling. Da sind wir wieder beim Kompositionsunterricht. Der Lehrplan erzeugt sich von selbst – wenn er von vornherein feststeht, dann ist er falsch.

„Dann ist da plötzlich eine Zuckerkruste, die du vorher einfach nicht gesehen hast.“

Wie läuft das Produzieren bei Ihnen ab? Wie kommen Sie auf Ideen und wie setzen Sie diese dann um?

Sebastian Seidl: Es gibt keinen fixen Ablaufplan. Bei den Ahorner-Sachen konnten wir immer vom Text ausgehen. Beim Remixen ist das klarerweise ähnlich.

Karl Stirner: Textvertonung heißt zum Beispiel, dass man ein Sample hört und überlegt, ob das passt und warum. Manchmal geschieht ein Remix, bei dem das Original von Spur zu Spur verschwindet. Plötzlich steht einfach – wie bei „Mäderl“ – ein Walzer da.

Sebastian Seidl: Wir setzen uns hin und machen Musik. Es gibt vielleicht eine Idee, die der Stirner in seinem Kopf hat – das ist dasselbe wie ein Notenblatt, weil er nie etwas aufschreibt, er merkt sich alles.

Karl Stirner: Und der Seidl kommt mit einem total argen Beat daher oder einem wirklich strangen Synth.

Sebastian Seidl: Wir verwerfen auch in einem fortgeschrittenen Produktionsstadium mal eine Spur oder alle. Es gibt kein Rezept.

Karl Stirner: Wenn es uns selbst gefällt, dann ist es super. Die ersten Versionen von „Mäderl“ haben uns weggeblasen. Gustav Mahler schrieb in einem Brief: „Jetzt ist mir Musik passiert, die so viel größer ist als ich.“ Das kenne ich auch. Oft kommt der Seidl dann mit Sachen, an die er sich erinnert, und die passen dann perfekt zum Sample – dann ist da plötzlich eine Zuckerkruste, die du vorher einfach nicht gesehen hast. Komponieren kommt von Kompost – zusammenzufügen, darum geht’s.

Sebastian Seidl: Es gibt auch diesen ominösen Ordner „Uraltes Zeug“ vom Stirner, auf dem Gigabytes an Samples von ihm drauf sind, die er vor 80 Jahren gemacht hat.

Karl Stirner: Stimmt, 1999 habe ich die gemacht.

Sebastian Seidl, Sie studieren ja noch – wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?

Sebastian Seidl: Mein Vater ist Musiker und deswegen war ich immer mit Musik in Berührung. Ich hatte Klavierunterricht – im Sinne von: Ich bin beim Lehrer gesessen und habe gehofft, dass es bald aus ist. Mit zwölf habe ich begonnen, elektronische Musik zu machen, also mit Sequenzern zu basteln, und so ist das weitergegangen. Ich hatte eine Tontechnikausbildung, jetzt das Sounddesign- und Kompositionsstudium – Musik ist auf jeden Fall das, mit dem ich weitermachen will.

Machen Sie die Synths durchgehend selbst?

Sebastian Seidl: Ja, schon. „Bumbum“ ist mir zu wenig, also muss es melodiöser sein, und da muss ich mich wieder beim Stirner bedanken. Ich probiere einfach aus: Was gut klingt, klingt einfach gut. Da weiß ich oft nicht, was ich da mache. Es muss seltsam sein, aber auch schön.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Karl Stirner: Sie zu gestalten.

Sebastian Seidl: Kein Konzept zu erstellen, das passiert von selbst. Wir wollen musikantischer sein – also live Musik machen.

Karl Stirner: Es geht darum, Sachen zu kommentieren, die nicht unkommentiert bleiben dürfen. Erweiterte Zivilcourage sozusagen, politische Musik.

Sebastian Seidl: Wir stehen in den nächsten Monaten nicht auf einer Bühne, aber es wird etwas zu hören geben.

Danke für das Gespräch!

Antonia Seierl

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