„Kein Zugeständnis an ein gewisses Format oder an den Markt“ – MIK im mica-Interview

Der Sänger, Produzent und Multiinstrumentalist Mik “MIK” Tanczos veröffentlicht unter dem Titel „New Room“ sein erstes Solo-Album. Der Name ist Programm, war MIK doch bisher als Frontmann der erfolgreichen Pop-Rock-Band „Zeronic“ in Erscheinung getreten. Im Gespräch mit Sebastian J. Götzendorfer spricht MIK über das Finden eines eigenen Stils innerhalb der „Pop-Klammer“, das Beschreiten von Solo-Pfaden und den ökonomischen Irrsinn heutzutage auf Englisch zu singen.

Das neue Album „New Room“ ist das erste Solo-Werk unter dem Namen MIK. Wo sehen Sie die Unterschiede sowohl im kreativen Prozess als auch im Resultat im Vergleich zur Arbeit mit der früheren Band Zeronic?

MIK: Der Prozess, der sehr lange gedauert hat, war etwa nur möglich, weil es ein Solo-Album ist. In diesem Fall ist niemand anderer da, der andrückt, wartet oder andere Erwartungen an Dinge wie den Recording-Prozess oder Deadlines hat. Das klingt zwar klischeehaft, aber ich hatte jetzt wirklich einmal die Zeit, um die Dinge so zu tun wie ich will. Während der Arbeit an Kompositionen ermöglicht diese Herangehensweise beispielsweise einen Song auch wieder zu verwerfen oder umzuschreiben, wobei man sich als ganze Band viel schwerer tut. Wenn man als Band an einem Song arbeitet und man mit dem Material immer vertrauter wird und dann kommt jemand und will etwas gravierend ändern oder gar verwerfen, dann wird es unangenehm und unrund. Da hatte ich jetzt andere Möglichkeiten.

Bis zu einem gewissen Grad war die Loslösung von der Band also eher befreiend?

MIK (c) Joe Schroecker

MIK: Ich hatte nie das Gefühl, dass die Band mich eingeengt hätte oder das man in der Zusammenarbeit nicht umsetzten konnte was man wollte. Jetzt ist das Feld halt komplett offen und man kann seine eigenen Vorstellungen, Fehler und Neigungen einfließen lassen. Das ist in einer Band nicht immer so leicht.

„Das ist für uns alle eine schöne Errungenschaft“

Im Studio gibt es auch bei Solo-Alben normalerweise Kollaborationen. Wie war das bei „New Room“?

MIK: Georg Prenner hat etwa teilweise Gitarren eingespielt. Dasselbe gilt für Sasha Saedi am Bass. Nach wie vor haben auch die Bandmitglieder von Zeronic einen gewissen Einfluss, auch wenn sie am Recording nicht direkt beteiligt waren. Wenn ich etwa eine Demo oder einen Mix habe, kann ich bei ihnen einfach mal nachfragen, wie sie etwas finden. Das Verhältnis ist zum Glück nach 15 Jahren so, dass wir eigentlich noch immer beste Freunde sind. Das ist für uns alle eine schöne Errungenschaft, auch wenn wir jetzt nicht mehr gemeinsam Musik machen. Hin und wieder braucht man diesen Abgleich. Bezüglich Produktion, Mix und Recording habe ich sehr viel alleine gemacht. Beim Arrangement hingegen ist man manchmal zu verbohrt und zu eng in seinem eigenen System, wenn man bei gar niemandem nachfragen würde.

Hatten die Studio-Musiker in ihren Parts freie Hand oder haben Sie ihnen genaue Anweisungen gegeben?

MIK: Freie Hand wäre übertrieben, da die Songs einer sehr klaren Struktur folgen. Es geht eher um den Goldstaub und diese Nuance, die es spannender macht und eventuell eine weitere Tür öffnet. Grundsätzlich waren die Kompositionen aber vor dem Input der Musiker fertig.

Sie arbeiten in Ihrem eigenen Studio. Wie beeinflusst diese Doppelrolle die Arbeit an einem Solo-Album hinsichtlich Ressourcen und Freiräume?

MIK: Momentan finde ich die Situation ideal. Es ist so, dass man sich eine musikalische Werkstatt eingerichtet hat. In der kann man von der ersten musikalischen Idee bis zum fertigen Song alles entstehen lassen. Entweder mit anderen oder eben alleine, man kann seine Idee jedenfalls genauso umsetzen, wie man will. In den letzten Bandjahren wollten wir auch schon dieses Konzept der limitierten Studiozeit umschiffen, indem wir beispielsweise woanders aufgenommen haben. Beim letzten Zeronic-Album waren wir etwa mit mobilem Equipment in Italien und haben zu großen Teilen dort gearbeitet. Das Auflösen der Zeitspanne von 9-18 Uhr ist mir sehr wichtig. Das ist mit dem eigenen Studio jetzt natürlich allumfassend möglich. Man kann arbeiten, wann man will.

„Da bin ich über meinen Schatten gesprungen“

Solo-Alben verbindet man auch ganz besonders mit der Suche nach dem persönlichen Stil. Was war Ihr Anspruch an einen eigenen Stil im Genre des Pop-Rock?

MIK: Der Anspruch bei diesem ersten Solo-Album orientiert sich hauptsächlich an der Qualität des Songwritings. Ich habe versucht Songs zu schreiben, die schlicht sind, aber denen man die Schlichtheit nicht sofort anhört. Das ist mein Anspruch ans Songwriting. Ich bin kein großer Musiktheoretiker, sondern eher ein Autodidakt und mache vieles „hands-on“. Ich versuche alles in dem Rahmen, den ich musikalisch besitze, zu machen. Mir persönlich gefallen ganz einfach klare Songstrukturen. Das ist meinerseits kein Zugeständnis an ein gewisses Format oder an den Markt. Das wäre eh lächerlich. Sondern, für mich ist „der Pop-Song“ die Klammer, in der ich gerne arbeite. Diesen Rahmen will ich melodisch soweit ausreizen, wie es mir möglich ist.

Apropos „Pop-Song“: Wie haben Sie sich thematisch das Feld abgesteckt? Gibt es beispielsweise die Überlegung Texte zu schreiben, in denen sich der Zuhörer oder die Zuhörerin schnell wiederfinden kann oder schreiben Sie sich ganz einfach das von der Seele, was Sie beschäftigt?

Cover “New Room”

MIK: Ich würde sagen, dass drei Viertel einfach so passieren. Dann kann man versuchen, die Geschichten so zu erzählen, dass sich Menschen besser darin wiederfinden. So würde ich das beschreiben. Man setzt sich nicht hin, wie etwa im echten Mainstream-Pop: einer hat ein Konzept, dann schreibt irgendwer einen Text, dann kommt der Nächste und schreibt die Musik und dann überlegen alle gemeinsam, wie man das Stück nennt. So ist das nicht. Es gibt aber auch Leute, die diese Herangehensweise gut umsetzen.

Es gibt auf diesem Album jetzt vermehrt Texte, die in der ersten Person erzählt sind. Dafür hat mir lange der Mut gefehlt hat, das wirklich zu tun. Klar, so eine Geschichte betrifft nicht nur mich, sondern auch andere. Aber mittlerweile erzähle ich das direkter in der ersten Person im Gegensatz zu früher. Da bin ich über meinen Schatten gesprungen, mittlerweile auch unangenehme Dinge aus der Ich-Perspektive erzählen zu können.

In einer Zeit, in der die Selbstverständlichkeit Texte auf Englisch zu schreiben wieder bröckelt, wie kommt es etwa bei Ihnen dazu?

MIK: Ich habe ehrlich gesagt noch keine Sekunde darüber nachgedacht, dass ich auf Deutsch singen könnte. Es ist ökonomisch betrachtet Irrsinn. Womöglich ist es sogar dahingehend ein Problem, dass von dem was man vermitteln will, viel an den Zuhörern vorbeigeht. Es ist also nicht nur ökonomisch ein Problem, sondern auch ein inhaltliches, da Leute beim Englischen weniger hinhören. Aber ich kann mir meine Musik und wie ich Songs schreibe auf Deutsch schlicht nicht vorstellen.

Ein Blick in die Zukunft: was sind die Pläne nach dem Release von „New Room“?

MIK: Zuerst wird das Release-Konzert im b72 am 07.06. stattfinden. Das ist bei freiem Eintritt, was mir wichtig war. Dadurch kann einfach jeder dabei sein, der dabei sein will.
Generell bin ich sehr froh, dass es das Album und eine dazugehörige Live-Umsetzung gibt und möchte damit im Herbst auch eine Tour starten. Mir ist klar, dass dieses Projekt jetzt echt bei null beginnt. Das Album ist also das erste Statement und ich habe vor in einer hohen Frequenz Solo-Alben zu veröffentlichen in einem gewissen Flow. Wie die Sache aufgenommen wird, wird man natürlich abwarten müssen.
So oder so, selbst falls die Rückmeldungen nicht so gut sind, freue ich mich darauf, die nächste Platte zu machen.

Vielen Dank fürs das Gespräch.

Sebastian J. Götzendorfer
Live:
07.06. b72, Wien

Links:
MIK