„JETZT IST ES HALT EIN BISSERL MEHR GEWORDEN” – JONNY NEMETZ (EDITION HAWARA) IM MICA-INTERVIEW

EDITION HAWARA ist ein Label für österreichische Musik aus den 1970ern und 80ern. Seit 2018 erscheinen dort Platten, die man irgendwann auf einem Flohmarkt vergessen wollte: Disco, Funk, die lokalkolorierte Espresso-Stimmung zwischen Wurlitzerwünschen und einem übergehenden Marlboroaschenbecher. Manche nennen das Nische. Andere Underground. Ein bisschen Wahnsinn gehört auch dazu. 

Hinter EDITION HAWARA stehen FABIO WOLKENSTEIN, JULIAN HORN und JONNY NEMETZ. Drei, die sich lange kennen. Und sich trotz schleichenden Haaransatzes nicht in den Porsche klemmen, sondern eher ein neues Plattenregal zulegen. Als Musikmenschen veröffentlichen sie demnächst „The Other Sound Of Music” (18. Oktober via Edition Hawara) – eine Zusammenstellung „vergessener Schätze”, nach denen man lange gegraben habe.

Was die zeitgeschichtliche Baggerschaufel EDITION HAWARA antreibt, hat Christoph Benkeser gefragt. JONNY NEMETZ hat geantwortet. Zuerst aber persönliche Ambitionen geklärt.

Du legst gerne mal in Japan auf. Wie kommt’s?

Jonny Nemetz: Das sind zwar keine lukrativen Jobs – es kommen oft nur eine Handvoll Leute in diese sogenannten Listening Bars –, aber die Atmosphäre ist super. Jeden zweiten Song fragt jemand, was ich spiele. Außerdem ist das Auflegen in diesen Bars eine gute Methode, um mit der Musik älter zu werden.

Früher hast du im Club aufgelegt, als Teil der Deephousemafia.

Jonny Nemetz: Vor 25 Jahren, ja! Ich habe zuletzt aber wieder begonnen, Partys zu veranstalten – einfach weil ich gerne auflege. Allerdings merke ich: Bis um sieben in einem Club geradezustehen, damit bin mit Mitte 40 ein bisserl durch. 

Letzthin hast du bei HÖR in Berlin aufgelegt.

Jonny Nemetz: Ich habe nie aufgehört, House-Platten zu sammeln. Ich habe sie nur lange Zeit nicht mehr aufgelegt. Seit letztem Jahr reizt es mich aber wieder. Zudem kommen über das Label laufend Anfragen zum Auflegen rein. Das mit HÖR hat sich trotzdem durch Zufall ergeben.

Du bist neben Fabio der auflegende Teil von Edition Hawara?

Jonny Nemetz: Fabio war ja schon zum Ende der Deephousemafia dabei. Unabhängig von uns hat er außerdem ein paar coole Bookings wie Kerri Chandler nach Wien gebracht. Er hat also einen Tanzmusik-Background, ja. Julian eigentlich auch, er hat früher die Partyreihe TEMPO! im Club U gemacht – auch wenn das eher in die sanftere Balearic-Richtung gegangen ist. 

Du beschäftigst dich dagegen …

Jonny Nemetz: Auch in meinem heutigen Alltag viel mit Musik, ja. Ich konzipiere Hintergrundmusik für Hotels, Restaurants und Shoppingketten. Deshalb kann ich in der schrägsten Musik gute Sachen finden. Und: In den Schlagerzeiten der 1970er und 80er sind wirklich viele leiwande Disco-Nummern entstanden.

Die Musik, die bei Edition Hawara erscheint, bezeichnest du aber nicht als Hintergrundmusik?

Jonny Nemetz: Nein. Allerdings habe ich schon mehrmals erlebt, dass Musik, die ich aufgelegt habe, später zu Hintergrundmusik geworden ist. Zum Beispiel 2000er-House in Café-del-Mar-Compilations. Plötzlich war das inflationär. Der Hype wurde zur Hintergrundmusik. 

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Mit einem anderen Hype ist Edition Hawara 2018 gestartet: dem Reissue des Albums der Kremser Band Zenit von 1986.

Jonny Nemetz: Dass wir bei einer österreichischen Band gelandet sind, ist Zufall. Julian hat – einige Jahre vor dem Reissue-Release – diese Nummer von Zenit bei YouTube hochgeladen. Das ist mit einer Million Views eskaliert. Ich bin dann draufgekommen, dass ich Alexander Spritzendorfer, der Spray Records betrieben hat [das Label, auf dem 1986 „Straight Ahead” von Zenit erschien, Anm.] kenne. Er hat in den 2000er-Jahren Partys in der Meierei veranstaltet. Also habe ich ihn angerufen, er hat gemeint: Es melden sich laufend britische und amerikanische Labels, die das Album lizenzieren wollen. Für mich war die Sache ab dem Punkt erledigt. Drei Monate später hat er sich aber bei mir gemeldet, denn: Keines dieser Labels wollte mechanische Rechte bezahlen. In Österreich geht das nicht. Wenn man hier bei der AKM einen Release meldet, gibt man die mechanischen Rechte exklusiv an die AustroMechana weiter. 

Ihr seid also willig eingesprungen?

Jonny Nemetz: Ja, die Labels hätten zwar insgesamt viel mehr für die Neuveröffentlichung bezahlt, dennoch haben sich Zenit für uns entschieden. Das haben sie auch nicht bereut. Sie fühlen sich heute als Anstoß für die Gründung von Edition Hawara – und das ist auch der Fall.

Edition Hawara ist also … passiert?

Jonny Nemetz: Schon. Ich kannte mich ja kaum mit österreichischer Musik aus. Zu diesem Zeitpunkt bin ich gerade in japanische Musik gekippt. Wir haben aber angefangen zu recherchieren mit der Idee, einige Releases zu machen. Jetzt ist es halt ein bisserl mehr geworden – auch weil es sonst kein Label gibt, das diese österreichische Musik aus den 70ern herausbringt.

Bild Drei Hawara
Drei Hawara (c) Patrick Wollner

Was interessiert dich daran?

Jonny Nemetz: Die Underground-Musikkultur dieser Zeit. Die betreffenden Musiker hätten das wahrscheinlich nicht so gesehen – sie wollten nach angloamerikanischem Vorbild ehere eigene Hits produzieren. Viele dieser Platten haben sich aber schlecht oder gar nicht verkauft. Deshalb gibt es so viele Veröffentlichungen, die nicht bekannt sind. Wir haben zum Beispiel als lose Recherche für ein mögliches Edition-Hawara-Buch eine Liste mit Veröffentlichungen angelegt. Die Idee ist: aus unserer persönlichen Perspektive die spannendsten Produktionen dieser Zeit festzuhalten. 

Wo fängt man an mit der Suche?

Jonny Nemetz: Flohmärkte waren früher ein Ding. Heute sind es oft lange Nächte mit Discogs. Man recherchiert Namen, kommt von einem zum nächsten. Entdeckt aber auch neue, indem man blind via eBay einkauft. Schließlich sind viele Alben gar nicht auf YouTube. Man findet sie also wirklich zum ersten Mal. Was man davon lizenziert, ist trotzdem eine andere Frage. Eine coole Nummer führt nämlich nicht zu einer kostendeckenden Veröffentlichung. Außerdem muss man Lizenzinhaber auftreiben. Das kann fünf Jahre dauern. Am Ende lehnt die Person womöglich ab und die Arbeit war umsonst. 

Wie oft kommt das vor?

Jonny Nemetz: Es ist nicht so, dass sich alle über unsere Anfrage freuen. Bei unserer zweiten Veröffentlichung von The Word hat uns Karl Ratzer [er produzierte die Platte mit Peter Ponger, Anm.] zum Beispiel ausrichten lassen, was wir mit dem Schaß wollen. 

Reissue-Arbeit ist also vor allem: Überzeugungsarbeit?

Jonny Nemetz: Und Detektivarbeit! Für einen Titel auf der kommenden Compilation waren wir fünf Jahre dran, ohne Erfolg. Letztendlich kam der Lizenzgeber auf uns zu, weil er ein Interview von uns gelesen hat. Gleichzeitig sind manche Veröffentlichungen mit wirklichen Dramen verbunden. Familienstreitereien, brachliegende Rechte, ernsthafte Enttäuschungen. All das führt dazu, dass manche nicht unseren charmanten Blick auf diese Zeit teilen. 

Wie viele teilen ihn? 

Jonny Nemetz: Wir veröffentlichen teilweise Platten, die schon damals einmalige Do-it-yourself-Projekte waren. Sie kommen von Menschen, die heute also keine Musik mehr machen. Sie freuen sich, weil sie nie an einer Karriere interessiert waren. Neulich habe ich zum Beispiel mit einem Zahnarzt gesprochen, der in seinen 20ern mit seiner Frau eine Nummer gemacht hat. Hätten wir sie nicht entdeckt, wäre sie für immer vergessen gewesen.

„ALKOHOL, DROGEN – VIELE HABEN NICHTS AUSGELASSEN.”

Gibt es Platten, die ihr gerne veröffentlichen würdet, aber nicht könnt?

Jonny Nemetz: Wir wollten lange ein Album des Linzer Künstlers Bernie L. veröffentlichen. Wir waren mit ihm in Kontakt, Julian hat immer wieder mit ihm telefoniert. Irgendwann ist der Kontakt ohne Begründung abgerissen. Das muss man akzeptieren. Neben möglichen Lizenzproblemen oder unauffindbaren Musikern gibt es auch einen weiteren Grund: Texte, die heute nicht mehr durchgehen. Man kann dann nur hoffen, dass es ein Instrumental gibt.

Gleichzeitig bilden auch diese Begriffe eine Zeit ab, nicht?

Jonny Nemetz: Deshalb wollten wir diese Nummern ursprünglich trotzdem veröffentlichen. Vielleicht geht das irgendwann wieder. Momentan ist die Sensibilität für solche Themen zu stark. Ich bin der Letzte, der damit ins Fettnäpfchen treten will. Auch weil ich weder eine Position vertrete, noch ein politisches Statement abgebe.

Wie schwierig ist es, persönliche Prinzipien mit Archivarbeit zu verbinden?

Jonny Nemetz: Schwierig. Einige damalige Künstler haben sich stark verändert, ihre Ansichten entsprechen oftmals nicht mehr unseren Erwartungen, die wir an eine Künstlerszene haben. Dazu kommt, dass das Leben hart mit manchen gespielt hat. Alkohol, Drogen – viele haben nichts ausgelassen. Gleichzeitig gibt es das Gegenteil. Robert Ponger ist gezeichnet durch seine Erfahrungen mit Hans Hölz – er lehnt alles ab, was mit Suchtmitteln zu tun hat.

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Ihr habt seine Soloplatte veröffentlicht. Eine, die die Zeitgeschichte vor seiner berühmten Zusammenarbeit abdeckt. 

Jonny Nemetz: Das waren größtenteils Nummern, die er mit Vocals von anderen Künstlern veröffentlicht hat, aber: Man konnte bereits erahnen, woher der Funk-Sound von Falco kommt. Robert war schließlich schon damals ein guter Produzent. Er konnte amerikanische Disco-Produktionen hören und eins zu eins in seinem Studio umsetzen. Mit einem Sound, der massentauglich war. Und immer noch ist. 

Ist Edition Hawara auch ein Zeitgeschichte-Projekt?

Jonny Nemetz: Anfangs nicht, mittlerweile schon! Wir sind nämlich an Platten dran, die es nie in einem Geschäft zu kaufen gab. Es sind Privatpressungen oder Promogeschenke von Unternehmen. Die auszugraben, hat archivarischen Charakter. In Wien gibt es mit Florian Stöffelbauer, Mike Burns, aber auch Albi Dornauer und Al Bird noch weitere wichtige Digger. 

Erlaub mir eine letzte Frage zum Label: Wohin verkauft ihr die meisten Platten?

Jonny Nemetz: Jedenfalls nicht in Österreich. Einzige Ausnahme: die Platte von Robert Ponger. Ansonsten verkaufen wir mehrheitlich ins UK, in die USA und nach Japan. Dort wollen wir auch präsent sein, indem wir auflegen oder spezielle Promosachen wie Sticker machen. Wichtig ist aber auch der digitale Vertrieb: Wir haben uns lange vor Bandcamp gedrückt und es bereut. So wenig Streaming für uns relevant ist. Downloads sind für Edition Hawara wichtig. 

Ich höre manchmal Songs, die ihr wiederveröffentlicht habt, im Internetradio NTS. Eine englische Show interessiert sich für österreichischen Disco aus den 80ern. Auch weil die Musik damals internationales Flair gehabt hat?

Jonny Nemetz: Absolut! Außerdem hat es in den letzten 15 Jahren einen Kipppunkt gegeben: Bei Sammlern ist es plötzlich nicht mehr so wichtig, dass man versteht, was man hört. Mir geht es damit ähnlich – auch weil ich nicht immer alles verstehen muss. 

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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Links:

Edition Hawara (Homepage)

Edition Hawara (Bandcamp)

Edition Hawara (SoundCloud)

Edition Hawara (Instagram)