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„Ich glaube, es braucht ein klares Bekenntnis, die Sache anzugehen.“ – YASMIN VIHAUS und STEFAN NIEDERWIESER im mica-Interview

Wie sieht es mit der Wiener Clubszene aus? Was sind ihre Anliegen, wo liegen ihre Probleme? Lässt sich überhaupt eine Homogenität innerhalb der Szene ausmachen? Diesen Fragen und anderen widmeten sich STEFAN NIEDERWIESER und YASMIN VIHAUS in ihrem vor Kurzem präsentierten und von der STADT WIEN geförderten Forschungsbericht „Clubkultur Wien“. STEFAN NIEDERWIESER und YASMIN VIHAUS sprachen mit Michael Ternai. 

Vielleicht zu Beginn. Wie seid ihr beide eigentlich dazugekommen, diese Studie durchzuführen. Seid ihr beauftragt worden?

Stefan Niederwieser: Beauftragt worden sind wir nicht, für mich begann es mit dem Interesse, gewisse Dinge aufzuschlüsseln. Als Journalist, der ich auch bin, habe ich mitbekommen, dass es brodelt. Manche äußern ihr Unbehagen lauter, andere leise. Und es gab Bemühungen, politisch etwas umzusetzen, unter anderem die Petition Ja zur Initiative Nachtbürgermeister Wien” von Martina Brunner. Auch die IG Kultur Wien hat sich immer wieder eingebracht. Darüber hinaus sind Artikel zum Thema erschienen, die große Resonanz hatten. Da ist die Idee zum Forschungsbericht entstanden. Und als es von Seiten der MA7 Signale gab, das zu unterstützen, habe ich relativ bald Yasmin gefragt.

Yasmin Vihaus: Stefan war zu Beginn involvierter als ich. Er hat den Prozess, in dem man versucht hat, sich innerhalb der Clubszene zu organisieren, von Anfang an begleitet. Aber ich habe durch meine Zeit bei The Gap und meine Arbeit in einem Club viel mitbekommen. Bei diesem Projekt war es vorteilhaft, dass ich anfangs nicht beteiligt war und Dinge offener gesehen habe. In diesem Bereich hat jede und jeder eine andere Vorstellung davon, was passieren soll. Das Ziel des Berichts war nicht zu sagen, so muss das ausschauen, sondern, den Beteiligten die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man etwas weiterbringen kann.

In der Szene brodelt es ja bekanntermaßen schon länger. Ihr habt in eurer Studie auch eine Bestandsaufnahme durchgeführt. Zu welchen Ergebnissen seid ihr gekommen?

 

Yasmin Vihaus: Alle ClubbetreiberInnen haben eigene Issues. Die einen haben mit Leuten zu kämpfen, die ständig wegen Lärm anrufen, andere haben ein Problem mit der Betriebsanlagegenehmigung und bekommen beispielsweise keine Genehmigung für Live-Musik. Wiederum andere wollen im Freien veranstalten, bekommen aber nicht rechtzeitig von Ämtern Bescheid. Und dann gibt es auch noch Leute vor den Clubs, die Lärm machen. Die Probleme sind sehr vielfältig, die gesamte Struktur sehr komplex. Dann ist da auch noch das Geld, das fehlt. Und natürlich ist das mit November kommende Rauchverbot ein großes Thema. Das wird vor allem kleinere Clubs vor Probleme stellen. Es bräuchte, glaube ich, Vermittlung zwischen der Politik und den Clubs.

„Man wird etwa alleine mit der Einrichtung eines Schallschutzfonds, wie es ihn in Köln und Berlin gibt, nicht alle Probleme bewältigen.”

Stefan Niederwieser (c) Elisabeth Els

Stefan Niederwieser: Viele Probleme haben mit Schallschutz zu tun. Das geht über in Eignungen und Betriebsanlagegenehmigungen. Dabei gibt es kein Allheilmittel. Man wird etwa alleine mit der Einrichtung eines Schallschutzfonds, wie es ihn in Köln und Berlin gibt, nicht alle Probleme bewältigen. Eben weil es sich um eine so komplexe Materie handelt, die leider auch zwischen den Magistraten hängt. Auf der einen Seite betrifft das stark die Kultur, weil Clubs eben auch Kulturorte sind, andererseits Orte mit gastronomischem Interesse. Insofern ist das eine heiße Kartoffel, die hin und her geschoben wird. Viele Stellen haben gewisse Lösungen, aber keine die Gesamtlösung. 

Yasmin Vihaus: Clubs sind etwas sehr Heterogenes. Die einen sind als Vereine organisiert, die anderen sind Unternehmen. Die einen können sich von der Wirtschaftskammer beraten lassen, die anderen als Verein nicht. Die einen sind mitten in der Stadt angesiedelt und haben Anrainer, die anderen an Orten, wo sich dieses Problem nicht stellt. Die einen haben beispielsweise noch eine alte Betriebsanlagegenehmigungen und dadurch unter Umständen weniger Probleme, die anderen wollen neu aufsperren und müssen extrem hohe Auflagen erfüllen, damit sie überhaupt erst anfangen können. Das macht die ganze Sache auch so schwierig. Richtet man einen Lärmschutzfonds ein, dann hilft das vielleicht einigen, aber bei Weitem nicht allen. Das Problem, dass Leute draußen stehen und rauchen und Lärm machen, besteht auch, wenn drinnen noch so gut gedämmt ist.

Habt ihr den Eindruck, dass die Stadt in der Vergangenheit vielleicht einiges verschlafen hat? Was braucht es, dass bei diesem Thema Bewegung reinkommt.

Yasmin Vihaus: Ich glaube, es braucht ein klares Bekenntnis, die Sache anzugehen. Wie zum Beispiel in London. Dort mussten zwischen 2007 und 2015 rund 35 Prozent der Grassroots-Music-Venues schließen. Der Bürgermeister hat damals gesagt, dass diese Venues zum Stadtbild und zur Londoner Kultur gehören. Man hat einen umfangreichen Plan entwickelt, wie man diese Venues retten kann. Und der besteht aus verschiedensten Maßnahmen. Das geht von Steuererleichterungen über das Agent of Change-Prinzip bis hin zu einem Night Czar, der zwischen Politik, Kultur und allen Betroffenen verhandelt. Es wurden eine Menge Maßnahmen eingeleitet, die ineinandergreifen. 2017 wurden diese dann evaluiert. Fast kein Club musste seither mehr schließen, beziehungsweise falls ein Club schließen musste, ist dafür ein neuer entstanden. So etwas würde ich mir auch für Wien wünschen.

Stefan Niederwieser: In Wien ist ja nicht nichts gemacht worden. Nur nicht mit einem übergeordneten Plan. Es hat etwa die MA36 ein Eventcenter eingerichtet, das für Beratungen da ist. Die Wirtschaftskammer Wien bietet einen Betriebsanlagenservice an. Es gibt von der IG Kultur Wien Beratungen zum Veranstalten in Wien. Das mica berät in Sachen Veranstaltungen. All diese Services richten sich an einen bestimmten Bereich. Es fehlt ein ganzheitlicher Ansatz. Deshalb ist man vermutlich zurückhaltender. Man hat ja Dinge gemacht. Und nur weil es in anderen Städten plötzlich eine Clubcommision oder eine Sound Ambassador gibt, sind die eigenen Services jetzt nicht schlecht, nur weil sie anders heißen.

„Viele VeranstalterInnen fühlen sich mit den vielen Auflagen alleine gelassen.”

Aber wir haben schon Lücken festgestellt. Viele VeranstalterInnen fühlen sich mit den vielen Auflagen alleine gelassen. Sie haben das Gefühl, dass es wenig Transparenz gibt, wenig Knowhow, das gebündelt ist, wenig Knowhow in Sachen Schallschutzmaßnahmen, die greifen, wenig Information darüber, wie in anderen Clubs oder bei Festivals bei Begehungen gehandelt worden ist. Wir haben gehört, dass manchen Festivals kurz vor dem Start ein Schallschutzgutachten vorgeschrieben wird. Und das kostet pro Tag einige hundert Euro. Da ist es für VeranstalterInnen nicht nachvollziehbar, warum manche Auflagen gelten und andere nicht. 

Ihr habt die Lage in Wien mit der in europäischen Städten verglichen und vorher zum Beispiel London erwähnt. Stellen sich die Probleme für die Clubszenen in den verschiedenen Städten ähnlich dar oder muss man sie von Fall zu Fall individuell beleuchten?  

Yasmin Vihaus: In London haben Clubs natürlich auch mit Auflagen und Problemen zu kämpfen. Viele Clubs sind aus dem Zentrum gewandert bzw. wurden von Wohngebieten verdrängt, außerdem gibt es teilweise sehr harte Sperrstundenregelungen. Grundsätzlich hat man sich in London dazu bekannt, von Seiten der Behörden Unterstützung für diese Grassroot-Music-Venues zu bieten. Es wurden verschiedene Maßnahmen gesetzt um gegenzusteuern und man achtet darauf, dass es zu weniger Verdrängung kommt. 

Stefan Niederwieser: Auflagen gibt es in anderen Städten auch. Aber man versucht, Maßnahmen zu setzen, die diese mit der Clubkultur vereinen. Und in London versuchen sie, das Prinzip der 24-Hour-Economy zu etablieren beziehungsweise Zonen einzurichten, in denen Lärm möglich ist. 

Yasmin Vihaus: In Berlin wiederum gibt es den Lärmschutzfonds. Und in Amsterdam hat man eine App eingerichtet, über die die BewohnerInnen und Bewohner bei Problemen mit LokalpolitikerInnen in Kontakt treten können. Dort versucht man Probleme zu lösen, bevor sie eskalieren.

Stefan Niederwieser: Der Nachtbürgermeister in Amsterdam ist sicher ein Vorzeigeprojekt, weil es dort gelang, sich langfristig in Planungen der Stadt einzubringen. Und die Entwicklung einer funktionierenden Clubszene ist ein langfristiges Projekt. Es geht darum, wie man Stadtplanung mit einer lebendigen Kulturszene vereint, die an manchen Orten auch laut sein darf.

„Gerade passiert in Österreich musikalisch sehr viel. Und das sollte man fördern.”

Wien versteht sich als Musikstadt, wobei hier oftmals die klassische Musik gemeint ist. Liegt nicht vielleicht in diesen Umstand ein Grund darin, warum die anderen Szenen – die Elektronik- oder Pop-Szene – in der Wahrnehmung nebenherlaufen? 

Yasmin Vihaus: Ich glaube, man muss, wenn man als Stadt auf Musik und Kultur stolz ist, auch die junge Musik miteinbeziehen und ihr den Raum zur Verfügung stellen, sich zu entwickeln und zu etablieren. Diese jungen Bands beginnen nicht in Schönbrunn oder im Gasometer, sondern in kleinen Locations. Und das sind oft auch Clubs. Das sind Orte an denen Musik entsteht. Es ist wichtig sich darum zu kümmern. Man kann nicht sagen, in Wien passiert nichts, deswegen kümmert man sich nicht darum. Gerade passiert in Österreich musikalisch sehr viel. Und das sollte man fördern. Ein Club wird immer mit elektronischer Tanzmusik gleichgesetzt, wenn man sich Clubs in Wien anschaut, sieht man, dass in den meisten Konzerte, Lesungen und auch Ausstellungen stattfinden. Das sind grundsätzlich Kulturorte, in denen es nicht nur ums nächtliche Feiern geht. 

Stefan Niederwieser: Wien war immer wieder auch durch Clubs recht hip. Sowohl in den 1990er wie auch Anfang der 2010er Jahren, Grelle Forelle, Pratersauna, Celeste, Fluc und wie sie alle heißen. Und es wäre schön, wenn man in den ganzen internationalen Berichten über Wien, neben dem guten Wasser, der hohen Lebensqualität, dem günstigen öffentlichen Verkehr, den leistbaren Wohnungen auch etwas über die super Clubszene geschrieben steht. Und österreichische Musik ist international sehr erfolgreich, damit meine ich nicht nur den deutschen Sprachraum, sei das jetzt HVOB, Mavi Phoenix, Parov Stelar, Joyce Muniz, Salute oder Fennesz. 

Inwieweit verspürt ihr wirklich den Willen und das Bemühen der Stadt, eine Lösung in dieser Frage zu finden? 

Yasmin Vihaus: Ich glaube, dass es das Bemühen gibt. Sonst wäre dieser Forschungsbericht ja nicht gefördert worden. Dass das nicht ganz einfach ist, darauf sind wir im Rahmen dieses Berichts auch draufgekommen. Dementsprechend ist es verständlich, dass man nicht von heute auf morgen einen Nachtbürgermeister installiert und damit alles abschließt. Das halte ich auch für den falschen Weg. Aber gleichzeitig wird schon lange darüber geredet und diskutiert und es sind mittlerweile viele Menschen involviert. Dementsprechend wäre es gut, wenn in naher Zukunft der nächste Schritt kommt. 

Und wie können solche weiteren Schritte aussehen. Welche Maßnahmen würden hier in Wien eurer Meinung nach Sinn machen, die die Situation der Clubs verbessern würden? 

Stefan Niederwieser: Viele Städte weltweit richten gerade Clubcommissions, einen Soundambassador oder ähnliches ein. Sogar das verschlafene München hat letztens eine Nachbeauftragten angekündigt. Und es gibt Städte, in denen man sehr gute Erfahrungen gemacht hat. Je nachdem, wie man diese Stelle ausstattet, kann diese Beratungen durchführen, Workshops anbieten, Wissen vermitteln, kann Stammtische, im deren Rahmen man sich austauschen kann, organisieren. Man redet vor allem auch mit den verschiedenen Stakeholdern und der Politik. Das wäre eine sinnvolle Stelle. Aber man kann auch sowas in den Sand setzen. In London zum Beispiel, kann man ehrlich sagen, ist der Night Czar mittlerweile auch nicht mehr unumstritten, weil er es in Hackney nicht geschafft hat, so zu agieren, dass es keine starken Einschränkungen geben wird. Aber wenn man so etwas angemessen aufsetzt, macht es für Wien auch Sinn. 

„Nützlich wäre auch Forschung in dem Bereich vorteilhaft.”

Yasmin Vihaus: Eine entscheidende Position wäre tatsächlich eine Person oder eine Personengrupppe, die vermittelt und die Sorgen der VeranstalterInnen und ClubbetreiberInnen den Magistratsstellen und der Politik näherbringt. Es braucht jemanden, der bei vielen dieser Termine dabei ist und die Leute schon vorab beraten kann, worauf sie aufpassen müssen und was auf sie zukommen kann. Und dann kommt es natürlich auch darauf an, mit wie viel Geld so eine Stelle ausgestattet wird. Ein Lärmschutzfonds wäre super, muss aber richtig aufgesetzt werden. Nützlich wäre auch Forschung in dem Bereich vorteilhaft. Es gibt aktuell keine Zahlen darüber, wie viele Clubs es in Wien gibt und auch eine Definition, wer überhaupt Club ist, fehlt. Man weiß einfach zu wenig über die Clubszene. Solche Zahlen könnte man auch nutzen, um ein Bild von der Szene zu bekommen und auch um weiteres Backing zu bekommen. Das sieht man auch in anderen Städten.

Stefan Niederwieser: Das kann ich nur unterstreichen. Wir hatten für unsere Studie leider nicht die Ressourcen, auch in dieser Richtung Daten zu erheben. Die Clubcommission Berlin hat so etwas gemacht. Sie besteht seit 18 Jahren und kennt alle AkteurInnen. Sie hat mittlerweile erhoben, welche Wirtschaftskraft die dortige Clubszene hat und welche Wertschöpfung durch sie generiert wird. Auch hat sie die Anstellungsverhältnisse – ob die Leute in der Szene prekär oder nicht prekär angestellt sind – beleuchtet. Solche Zahlen gibt in relativ wenigen Städten weltweit. Und so etwas wäre sehr hilfreich.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

Forschungsbericht Clubkultur Wien, Stefan Niederwieser, Yasmin Vihaus

 

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