Gerhard Schedl Musiktheaterpreis – Präsentation des Siegers im Seminarraum des mica.

Heute, am Donnerstag den 10. Dezember 2009 wurde um 11.30h der Sieger dieses Wettbewerbs präsentiert, den die BNP Paribas Stiftung, der Musikverlag Doblinger und die Neue Oper Wien ausgeschrieben hatten. Es ist der 1977 in München geborene deutsche Komponist Markus Lehmann-Horn (Komposition & Libretto). Der Arbeitstitel für seine geplante Oper in drei Akten nach einer Novelle von Michael Schneider: “Bruder Woyzeck – Traumfalle”. Die Uraufführung durch die Neue Oper Wien wird in der Saison 2011/12  erfolgen.  

Die Generalbeauftragte der Stiftung, Martine Tridde Mazloum, die den “Mäzen” des Förderpreises BNP mit ihrer Anwesenheit repräsentierte, der Initiator des Projekts Walter Kobéra (Leiter der Neuen Oper Wien) sowie Dr. Angela Pachovsky als Vertreterin der Doblinger-Verlagsleitung erklärten am Podium im mica-Seminarraum die Entscheidungsfindung für den Preis. Der anwesende Komponist Markus Lehmann-Horn erzählte, wie er auf den “Woyzeck”-Stoff gekommen war.
 
Die Ausschreibung dieses Wettbewerbs, dessen Einreichfrist am 12. Oktober 2009 endete, wurde weltweit an Medien, Musikuniversitäten, Musikhochschulen und viele andere Institutionen versandt, um international möglichst viele potentielle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu erreichen. Die Initiatoren freuten sich über zahlreich – dem Vernehmen nach 60 – eingelangte Werke, was bewies, dass sie dem gewünschten internationalen Anspruch mehr als gerecht geworden sind. Auch die inhaltliche Bandbreite der verschiedenen Einsendungen übertraf die Erwartungen. Sie kamen, wie Angela Plachoysky berichtete, aus 20 Ländern, einige darunter auch aus Nord- und Südamerika, sogar aus Singapur. Fast ein Drittel der Einsender waren unter 30, der Anteil von weiblichen Komponistinnen immerhin 25 %.  

Zum ausgewählten Stück

Der Sieger, für den sich die internationale Jury entschieden hat, wurde letztlich  Markus Lehmann-Horn, der seit 9/2009 auch einen Lehrauftrag Musikelektronik an der Hochschule für Musik und Theater in München innehat. “Lehmann entsprach dem Qualitätsbegriff der Jury”, meinte Walter Kobéra und diese vertraue ihm, dass er die gesamte Oper in derselben Qualität wie die bereits vorgelegte Szene vollenden wird. “Alles oder nichts” – das sei das Prinzip, erklärte Kobéra. Als musikalische Kostprobe konnte man bei der Präsentation eines seiner Lieder für Sopran und Orchester anhören. Lehmann selbst erzählte, dass er auf die Novelle von Michael Schneider schon früher aufmerksam wurde, die Ausschreibung des Wettbewerbs brachte ihn dann dazu, eine Szene daraus zu vertonen. 

Der Inhalt des Siegerwerks: Klara, eine erfolgreiche Theaterschauspielerin, die gerade die Marie aus “Woyzeck” gespielt hat, begegnet dem Häftling Georg, der das Leiden der von ihr bewunderten Bühnenfigur des “Woyzeck” zu spiegeln scheint. Fasziniert und gerührt von der “Wahrheit” Georgs, der seine Frau im Affekt erstochen hatte, wird Klara zur Grenzgängerin zwischen zwei Welten: dem Kunstraum der Bühne und dem Schauplatz einer modernen Haftanstalt. . Als Georg kurze Zeit später freikommt und Klara ihn bei sich aufnimmt, erkennt sie in einer albtraumhaften Nacht die Illusion ihrer Liebe, plötzlich fürchtet sie den Mörder in Georg, vor dem sie sich versteckt. Sie flüchtet in den Theaterbetrieb.

 

 

Die folgenden “Gedanken zum Stück” machte sich Markus Lehmann-Horn: Bei “Bruder Woyzeck – Traumfalle” (Arbeitstitel) handelt es sich um ein Theater im Theater. Je nach den örtlichen Gegebenheiten sind der Phantasie des Regisseurs keine Grenzen gesetzt, dieses auch, quasi als “Spiegelmodell”, im Theater zu inszenieren und die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschmelzen zu lassen. Die Premierenfeier ist im Moment nur für das Ensemble komponiert, könnte aber auch mit Statisten angereichert werden, sehr reizvoll erscheint mir auch die (nicht nur szenische) Nebeneinanderstellung von Gefängnis und Theater. Eine wichtige Ebene ist die mitschwingende Sorge und Kritik am Theaterbetrieb, dem Kunstbetrieb an sich, auch am Musikbetrieb. Daher finden sich in meiner Komposition wichtige Zitate aus Alban Bergs “Wozzeck” (der Anfang der Oper ist quasi ein “Wozzeck” in 30 Sekunden), die Musiksprache entfernt sich immer mehr von der Klanglichkeit Bergs, ohne jedoch einen Bezug zu ihr zu verlieren.”

Befragt, ob es in dem Stück neben den beiden Hauptprotagonisten auch andere Rollen geben werde, bejahte dies Lehmann – insgesamt 7 Rollenträger werden teils auch abwechselnd mehre Personen verkörpern. Elektronik, die er ja auch beherrscht und in München unterrichtet, soll in der Oper keine vorkommen, Lehmann setzt auf die Stimmen und die Instrumente.

Michael Schneider, von dem die Libretto-Vorlage stammt, ist ein sehr interessanter deutscher Schriftsteller. 1968 geriet er an die Freie Universität Berlin, studierte dort Philosophie, Soziologie und Religionswissenschaft, engagierte sich in der Studentenbewegung und war als politischer Publizist tätig. Nach seiner Promotion im Jahre 1974 war er Lektor im Wagenbach-Verlag in Berlin und auch Dramaturg am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. Seit 1991 ist Schneider Dozent an der Filmakademie Baden-Württemberg, seit 1995 als Professor im Fachbereich Drehbuch. Ältere Semester unter uns erinnern sich noch gut an seine politisch-essayistischen Werke, etwa “Neurose und Klassenkampf” (1973) oder “Die lange Wut zum langen Marsch” (1975), beide in Reinbek bei Hamburg verlegt. Doch Schneider hat auch erzählerische Werke verfasst. Lehmann erinnert sich, eine sehr positive Besprechung eines seiner Werke im “Literarischen Quartett” Reich-Ranickis erlebt zu haben.
 
Das bisherige Prozedere des Opern-Wettbewerbs

Die Initiative der Neuen Oper Wien und ihres künstlerischen Leiters Walter Kobéra ist in mehreren Aspekten bemerkenswert. Zum einem wird die Zusammenarbeit zwischen Komponist und Librettist von einer musikalischen und literarischen Jury ausgezeichnet. Das preisgekrönte Werk wird beim Musikverlag Doblinger herausgegeben und als Uraufführung – geplant 2011 – von der Neuen Oper Wien produziert. Das von der Stiftung zur Verfügung gestellte Preisgeld: 25.000 ?.

Die Jury setzte sich aus folgenden – durchwegs illustren (!) – Personen zusammen: Johannes Erath (Regisseur), Christian Gangneron (Regisseur, Gründer und künstlerischer Leiter von ARCAL), Detlev Glanert (Komponist), Paul Griffiths (Librettist und Autor), Mag. Hannes Heher (Komponist, Vizepräsident Österreichischer Komponistenbund Wien),  Dr. Peter Keuschnig (Dirigent), Walter Kobéra (Intendant Neue Oper Wien), Dr. Hans Landesmann (Künstlerischer Leiter Salzburger Biennale), Dr. Birgit Meyer (Chefdramaturgin Wiener Volksoper, designierte Intendantin Oper Köln),  Dr. Angela Pachovsky (Verlagsleitung Musikverlag Doblinger).

 

 
Der Text der Wettbewerbs-Ausschreibung beinhaltete folgenden Bedingungen: “Für alle Teilnehmer gilt, dass sie am Tag der Einreichung das 45. Lebensjahr noch nicht vollendet haben dürfen. Ziel des Wettbewerbs ist ein eigens zu diesem Zweck komponiertes Bühnenwerk für Gesang und Orchester (gegebenenfalls Elektronik) mit einem dafür eigens verfassten Libretto. Bühnenwerk und Libretto oder Teile von beiden dürfen vor der Einreichung weder veröffentlicht noch aufgeführt worden sein. Jeder Teilnehmer darf nur ein Werk einreichen.”

An formalen Vorgaben gab es die folgenden: “Für die Besetzung des einzureichenden Werkes ist eine Orchestergröße von maximal 17 Instrumentalisten sowie maximal sieben Sängersolisten und kein Chor vorgeschrieben. Das Werk sollte abendfüllend und zwischen 60 und 90 Minuten lang sein. Das Libretto kann in deutscher, englischer oder französischer Sprache verfasst sein. Die inhaltliche Ausrichtung des Werks ist freigestellt”, es sollte jedoch keine Kinderoper werden.

Die Verdienste des Musikverlags Doblinger und Gerhard Schedl  

Gerne soll an dieser Stelle auch einmal wieder das Wirken des Verlagshauses Doblinger gewürdigt werden. Wir folgen dabei dem Pressetext von Doblinger anlässlich der Presiverleihung: “Auf über eineinviertel Jahrhunderte seines Bestehens kann der Verlag inmitten der Wiener Altstadt zurückblicken. Seit der Gründung durch Bernhard Herzmansky hat sich das traditionsreiche Unternehmen rasch zu einem der wichtigsten und verlässlichsten Partner im österreichischen Musikleben entwickelt. Klassiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts (Bruckner, Mahler, Goldmark) und des beginnenden 20. Jahrhunderts (u. a. Zemlinsky, Busoni, Dohnányi, Schmidt), sowie führende Vertreter der Operette (Ziehrer, Lehár, Oscar Straus) und des Wiener Liedes bildeten den Grundstein für eine beispiellose Repräsentanz österreichischen Musikgeschehens.

Zahlreiche Doblinger-Autoren wurden von den Nazis vertrieben, verfolgt und verfemt, auch der Verlag und sein Leiter Bernhard Herzmansky junior waren Repressalien ausgesetzt.” Ab 1945 gelang es, viele Vertriebene zumindest verlegerisch “heimzuholen”. Zudem wurde das Augenmerk verstärkt auf das zeitgenössische Schaffen im Bereich der Ernsten Musik gerichtet, sodass mittlerweile sehr viele der namhaften österreichischen Komponisten der Gegenwart bei Doblinger vertreten sind. Mit der “Initiative 2000” wurde mittlerweile rund ein Dutzend Komponisten jüngerer Generationen in den Verlag aufgenommen.

Seit den 80er-Jahren verstärkte Doblinger zudem seine Rolle als Bühnenverlag. Einer der wichtigsten Verlagskomponisten war und ist Gerhard Schedl (1957 – 2000). “Gerhard Schedl hatte diese echte Bühnenpranke.” schreibt der Verlag zu Recht. Von der intensiven und überzeugenden Kraft seiner Musiktheaterwerke ließ und lässt sich mittlerweile ein internationales Publikum immer wieder begeistert mitreißen. Schedl selbst schrieb über seine stilistische Ausrichtung schon 1989 (vgl. mica-Musikdatenbank): “Ins Herz will ich treffen, und so liebe ich das Gefühl, in einer langen Tradition der abendländischen Musik zu stehen und den Weg weiterzugehen.”

An seine wichtigsten Erfolge allein im Musiktheater sei hier kurz erinnert: Dem Komponisten, der sein Studium bei Erich Urbanner in Wien begonnen hatte, gelang 1987 der Durchbruch mit den Uraufführungen seines szenischen Oratoriums “Der Großinquisitor”, der Kinderoper “Der Schweinehirt” und des Orchesterstücks “Tango”. Ein Jahr später wurde seine Kammeroper “Kontrabass” beim Dresdner Carl Maria von Weber-Wettbewerb für Kammeropern ausgezeichnet. Ab 1990 entstanden für das Salzburger Landestheater u. a. die Auftragswerke “Glaube Liebe Hoffnung” (1993), “…fremd bin ich eingezogen” (1997) und “Julie und Jean” (1999); 1990 gab es die erste szenische Gesamtaufführung der zum “Triptychon” zusammengefassten drei Kammeropern “Pierre et Luce”, “Kontrabass” und “S.C.H.A.S.” Gerhard Schedl, der zuletzt an seiner vierten Symphonie “Belfast” arbeitete, die 2001 uraufgeführt werden sollte starb durch Freitod am 30. November 2000.
Heinz Rögl