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XING (c) Selim Eins

„Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen hat mich immer beschäftigt“ – XING im mica-Interview

Die Linzerin XING LI tritt mit ihrer Single „Own the Gold“ erstmals solo auf. Bisher stand sie als Background-Sängerin von LOU ASRIL auf der Bühne. Inzwischen dürfen sich die Scheinwerferkegel auch auf die in Wien lebende Künstlerin richten. Zwischen R’n’B und Hip-Hop rollt XING mit ihrer Stimme den Soul-Teppich aus. Einflüsse wie Erykah Badu oder Lauryn Hill fallen genauso auf wie der Mut, das Erlebte in einen künstlerischen Kontext zu setzen – und damit nicht nur Sprachbarrieren zu ihren Eltern zu überwinden. Über ihr Aufwachsen im Chinarestaurant, Verantwortungsverschiebungen als Sängerin und die Schmerzen der Vergangenheit als Inspirationsquelle für neue Schönheit hat XING mit Christoph Benkeser gesprochen. 

Du bist in einem chinesischen Elternhaus in Oberösterreich aufgewachsen. Wie hast du deine Kindheit in Erinnerung?

Xing Li: Ich bin in Urfahr in Linz aufgewachsen und genoss viele Freiheiten. Meine Eltern hatten ein Chinarestaurant und haben 24/7 gearbeitet. Ich war viel draußen unterwegs und hab mit anderen Kindern gespielt. Der einzige Unterschied zu ihnen war, dass sie irgendwann nach Hause mussten – ich hatte niemanden, der mich nach Hause gerufen hat, weil niemand zu Hause war. Mir war wirklich oft fad.

Mit sieben Jahren hast du mit einer klassischen Klavierausbildung begonnen, mit 14 kam das Singen dazu. Welchen Bezugspunkt hattest du in diesen Jahren zur Musik? 

Xing Li: Mit der klassischen Klavierausbildung musste ich anfangen. Mein Vater wollte das, ich konnte es in den ersten Jahren nicht genießen. Ich wusste zwar, dass mir Musik gefällt. Aber ich wollte nie Pianistin werden. Als ich ins Gymnasium kam, hat sich mein Zugang verändert. Ich habe zu singen begonnen.

Die Entscheidung zu singen war aber freiwillig? 

Xing Li: Genau. Im Gymnasium gab es Abschlusskonzerte, bei denen ich einmal gesungen und Klavier gespielt habe. Das kam gut an. Also habe ich mir gedacht: Why not? Mit dem Schulwechsel ins BORG Linz und der Entscheidung, Gesangsunterricht zu nehmen, hat sich die Sache weiterentwickelt.

Wie hat sich die Beziehung zur Musik über die weiteren Jahre verändert?

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Xing Li: Als Jugendliche habe ich viele Anime-Serien geschaut. Anstatt Bach-Sonaten zu üben, wollte ich lieber die Theme-Songs dieser Serien lernen. Es war der Moment, in dem ich in meiner Freizeit gerne Klavier gespielt habe. Da waren keine klassischen Stücke mehr, sondern Popsongs, die mir selbst gefielen. Außerdem habe ich auf YouTube rumgestöbert. Und dann kam das Album von Lauryn Hill – ihr einziges Soloalbum. Für mich war diese Platte ein einschneidendes Erlebnis, die mich in Sachen Singen und Songwriting geprägt hat. Ich greife auch gerne auf dieses Album zurück, wenn ich grad keine neue Musik zum Hören hab.

Den Erykah Badu-Ansatz hört man bei dir auch raus. 

Xing Li: Die habe ich aber erst mit 18 kennengelernt. Ich war wie jeder Teenager viel im Internet unterwegs. In der Oberstufe im BORG hatten wir viel Musikgeschichte, Theorie und Ensembleunterricht. Ich wollte mich davon abwenden und mein eigenes Ding finden. Nach meiner Matura bin ich nach Wien gezogen und hab Anfang 2019 angefangen, selber Musik zu machen. Ich habe mich mit dem Produzenten Thomas Bernhard getroffen – einfach zum Ausprobieren, weil ich viele musikalische Ideen hatte, die ich bisher nicht umsetzen konnte. Schließlich kann ich nicht produzieren, und habe kein Studio. In der ersten Session entstand direkt „Own the Gold“. Kurz darauf hat mich Wolfger Buchberger vom BORG Linz angerufen. Er wollte ein „20 Jahre Pop-Borg“-Geburtstagsfest machen, wo Leyya, Krautschädl und Folkshilfe, die alle auf diese Schule gingen, spielen sollten. Er hat mich gefragt, ob ich auftreten möchte. Für mich kam das sehr überraschend. Ich hatte fast keine Songs. Die entstanden dann innerhalb von drei Monaten mithilfe der alten Song-Ideen. Erst in der folgenden Sommerpause habe ich meine Liveband gegründet.

Gemeinsam mit Pia Sophie Denz und Sophia Andlinger stehst du außerdem als Backing-Sängerin mit Lou Asril auf der Bühne. Wie kam es dazu?

Xing Li: Mit Lukas [Riel, Anm.] verbindet mich eine tiefe Freundschaft. Ich war mit ihm in der Klasse, seit 2016 bin ich bei Lou Asril dabei. Also von Anfang an. Auch wenn sich viel verändert hat. 

„Bei meinem Projekt bin ich dafür verantwortlich.“

Welche Veränderung ist es, auf einmal selbst als Solo-Performerin im Mittelpunkt zu stehen? 

Xing Li: Ich hatte immer vor, solo Musik zu machen. Bisher war ich nicht bereit dafür. Und nicht so schnell wie Lou Asril [lacht]. Bei ihm ging das direkt nach der Schule los, ich konnte als Background-Sängerin einsteigen. Über den Wechsel hin zur Solo-Performerin bin ich aber total glücklich, weil ich gerne auf der Bühne stehe – ich bin stolz auf mein eigenes Projekt. Aber klar, es ist was anderes. Man hat auf einmal die Kontrolle, spielt eigene Songs mit einer Band, der du vertraust. Beim Background-Singen ist Lukas mein Chef. Er muss schauen, dass alles funktioniert. Bei meinem eigenen Projekt bin ich dafür verantwortlich.

Das Thema der Verantwortlichkeit – in dem Fall für dich und deine Band – ist sicher größer.

Xing Li: Es ist anders als bei Lou Asril, klar. Wenn wir mit ihm proben und er seinen Sound sucht, kann ich mich zurücklehnen. Das ist sein Ding. Mit meiner eigenen Band ist es mein Ding.

Was kannst du von deiner Erfahrung als Background-Sängerin für die Solo-Performance mitnehmen?

Xing Li: Lukas und ich gehen stark vom Gefühl aus. Das zeigt sich auch in den Proben. Manchmal weiß er nicht, wie er bestimmte Sachen theoretisch-instrumentell bezeichnen soll und versucht dann, seine Gefühle in Worte auszudrücken. Das funktioniert. Ich bin da ähnlich. Letztes Jahr habe ich viel live gespielt. Vielleicht auch zu schnell zu viel. Mittlerweile nehme ich mir mehr Zeit, um die Songs auszuarbeiten.

Gerade ist mit „Own the Gold“ deine erste Solo-Single erschienen. Du hast schon erwähnt, dass dich der Song schon länger begleitet. Was hat zu dem Stück geführt? 

Xing Li: Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und die erste Generation in Österreich zu sein hat mich immer beschäftigt. Als Teenager habe ich darüber viel nachgedacht. Manche Dinge, die passiert – oder nicht passiert sind, haben sehr weh getan. Die Sprachbarriere zu meinen Eltern, das Gefühl des Alleinseins als Kind – das hat mich stark beschäftigt, beschäftigt mich noch immer. Deshalb wollte ich diese Themen wieder aufgreifen, weil sie für mich wichtig sind.

„Ich wusste, dass es etwas Besonderes sein kann – auch wenn es nicht immer die schönsten Erfahrungen waren.“

Du sprichst das Aufwachsen zwischen den Kulturen an. Wie hat sich dieser Zustand des Dazwischenseins auf deinen Ansatz des Musikmachens ausgewirkt?

Xing Li: Die Sprachbarriere zwischen mir und meinen Eltern war immer da. Ich spreche nicht fließend Mandarin, sie können nicht fließend Deutsch. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ihnen viel mitteilen zu müssen, obwohl ich manche Dinge nicht aussprechen kann – oder sie mich nicht verstehen. Dieses Gefühl hat sich im Songschreiben und in der Musik kanalisiert. Gefühle, die vielleicht nur ich verstehen kann, weil ich in meinem Umfeld niemanden hatte, der so aufgewachsen ist wie ich. Ich hatte keine asiatischen Freunde, niemanden, der im Chinarestaurant aufgewachsen ist. Diese Dinge, meine Gefühle, habe ich aufgeschrieben, weil ich wusste, dass es etwas Besonderes sein kann – auch wenn es nicht immer die schönsten Erfahrungen waren.

Durch dieses Öffnen entsteht ein Moment der Verletzlichkeit, das im Video sichtbar und in der Musik hörbar werden kann. 

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Xing Li: Gerade im Video wollte ich die Klischees zeigen. Im Chinarestaurant mit echtem chinesischem Essen und nicht nur …

… das, was man beim All-You-Can-Eat-Buffet bekommt. 

Xing Li: [lacht] Genau. Meine Mama hat einen Fisch gekocht – im Ganzen mit Kopf. Außerdem haben wir das Video im Restaurant meiner Eltern aufgenommen. Das macht es für mich persönlich. Ich habe auch beim Lili Markt am Naschmarkt gefragt, ob wir dort filmen dürfen. Die Ästhetik des Asia-Stores hat mir gefallen. Es ist ein guter Kontrast.

„Searched for the Silver, now we own the gold“ heißt es im Refrain der neuen Single. Kommt es manchmal besser, als man denkt?

Xing Li: Mein Vater war früher an in der Peking-Oper Tänzer und Schauspieler. Politisch ist damals in China viel passiert, er kam nach Österreich, um ein besseres Leben zu haben. Manchmal erzählt er mir Geschichten aus seiner Jugend. Mich interessiert das sehr, weil er so viele andere Dinge gesehen hat als ich. Irgendwann hat er mir auf chinesisch gesagt: „Wir haben nach Silber gesucht und Gold gefunden.“ Er wollte damit ausdrücken, dass er auf der Suche nach einem besseren Leben war, mittlerweile sind wir eine ganz normale Familie in Österreich, uns geht es gut, das ist das Gold. Ich fand diesen Satz schön und hab ihn ins Englische übersetzt. Das war der Ausgangspunkt für „Own the Gold“. Dieses Gefühl, das Gold zu besitzen, wollte ich ins Video übertragen – Schickimicki im Chinarestaurant.

„Meine Musik soll ehrlich sein. Das ist mir wichtig.“

Du trittst unter deinem Namen XING – in Großbuchstaben – auf. Das fällt auf. Welche Perspektiven äußern sich dadurch?  

Xing Li: Meinen eigenen Namen habe ich gewählt, weil es für mich komisch gewesen wäre, mir einen Künstlernamen auszusuchen. Meine Musik soll ehrlich sein. Das ist mir wichtig. Es sind meine Geschichten, mein Name steht dahinter. Deshalb XING. Außerdem kenne ich keine andere Person, die so heißt – außer diese Website [lacht]. Mein Name heißt auf Chinesisch übersetzt Stern. Irgendwie fand ich das witzig.

2020 möchtest du zwei weitere Singles veröffentlichen, nächstes Jahr außerdem eine EP produzieren, hast du bereits angekündigt. Das klingt nach einem ambitionierten und abgesteckten Plan. Wie viel Raum für Zufall und Intuition darf es in deiner Musik geben?

Xing Li: Zufälle sind für mich wichtig. Die dürfen natürlich passieren. Ich schätze mich glücklich, Teil eines kleinen Kreises an jungen Produzentinnen und Produzenten zu sein, mit denen ich Musik mache. Ich halte mir aber alles offen. Dieses Jahr singe ich an der Bruckner-Universität vor, weil ich Jazz-Gesang studieren möchte. Daneben gehen sich hoffentlich noch weitere Singles aus. Aktuell plane ich einen Song zu veröffentlichen, den ich mit 15 geschrieben – und noch nie live gespielt habe. Einfach weil mich das Thema des Stücks in der Quarantänezeit beschäftigt hat. Es geht darin um schlechte Gedanken. Das passt gerade.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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