Crystal Soda Cream – Escape From Vienna

Post Punk ist eine Musikrichtung, die seit ihrer Blütezeit Ende der 1970er viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Die Frage, wie nah sich Punk und präzise komponierte Musik kommen können wurde oft aufgeworfen. Die New-Wave-Bewegung in den 1980ern führte zu einer Vermischung der Genres und zu dem Fall des Batcave, des legendären Goth-Punk Clubs in London. No-Wave und Noise-Rock bildeten einen Nebenarm des großen Post Punk-Stromes, um schließlich selber ein reißender Fluss zu werden, und das Mutter-Genre zu überfluten.

Doch Post Punk hat sich weder unterkriegen lassen, noch ist es zu einem unbekannten Szene-Genre geworden. Die Beliebtheit dieser Musikrichtung ist noch immer zu spüren, weswegen es nicht verwunderlich ist, dass auch Österreich seine eigenen Formationen hat. Allen voran Crystal Soda Cream, die mit ihrem Debütalbum „Escape From Vienna“ auch internationale Augen auf sich ziehen. Das Trio begründet ihre Beliebtheit in der Blogosphäre einerseits mit den eigenen Bemühungen, und andererseits mit ihrem „Exotenstatus“. Und tatsächlich werden sie gleich in mehreren Artikeln als Erben englischer Grafschaften beschrieben. Dies kommt wiederum bei amerikanischen Fans besonders gut an, denn Post Punk ist ja ein europäisches Exportgut.

Wenn einem außerdem jemand einreden will, dass „Escape From Vienna“ von 1984 ist, würde es der Reingelegte wahrscheinlich glauben. Auf dem Album haben die drei MusikerInnen die Essenz eines Genres eingefangen, und von der Produktion über die Instrumente bis zur Stimme bravurös umgesetzt. Die Band selber sagt, dass eine damalige Post Punk Band gar nicht so ein Album hätte produzieren können, da sie noch nicht so viel Referenzmaterial gehabt haben wie Crystal Soda Cream heute. Das mit dem Zitieren und Referenzieren sehen die drei auch nicht so eng, denn keine Musik kommt heute noch ohne Referenzen aus, nicht mal, wenn sie darauf verzichten möchte.

Und auch wenn die Band diesem Vergleich schon überdrüssig geworden ist, kann man einfach nicht  leugnen, dass Philipp Forthuber wie ein junger Robert Smith klingt. Die Tiefen nimmt er wie Peter Murphy, mit ernst und Drama und in die Höhen legt er eine gewisse Laissez-Faire Attitüde. Vor allem auf „DIWHY“ hört man den satirischen, „Alles-Egal“-Unterton besonders. Der Song ist eine Kritik an dem DIY-Trend, der seine frühere politische Message schon lange verloren hat. Musikalisch ist es eine Mischung aus der gewohnten Lo-Fi Stimmung und ein bisschen Kinkiness à la Soft Cell.

Auch wenn es nicht gerade der Happy-Song schlechthin ist, zählt er doch zu den wenigen eher in Dur gehaltenen Liedern. Der Titelsong „Escape From Vienna“ zählt mit seiner Aufbruchstimmung auch noch dazu. Die langgezogenen Synthies umrahmen pathetische Gitarren, und die scheppernden Becken ergänzen den New Wave Touch. Dieser hat auch „Shades“ erfasst, doch auch die hellen Synthies und der treibende Rhythmus können die melancholische Stimmung nicht verbergen.

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Melancholie dominiert „Shot By Both Sides“, das in feinster Bauhaus Manier düster und exotisch zugleich ist. Daran sind die verspielten Gitarren schuld, die sich wie ein Schlange durch den ganzen Song winden. Die repetitiven Lyrics fügen sich durch ihre Monotonie perfekt in die Musik ein. Sie geben ihren Platz an der Front auf um ein Teil der Klangwolke zu werden. Derselbe Effekt kommt auch bei „Sweet Doom“ zum Vorschein, da dort der Texte auch kaum variiert wird. Jedoch verändert sich die Emotion im Einklang mit den Tempowechseln. Die schnellen Beats und arabisch anmutenden Gitarren münden in einer Slow-Motion Momentaufnahme derselben. „Fire in Cairo“ trifft auf ein härteres „Three Imaginary Boys“ – um mit The Cure Liedern zu sprechen.

Der meiste Punk von allen steckt aber in dem Opener „Freud und Jung“. Die selbstbewussten Gitarren kooperieren mit dem hüpfenden Schlagzeug, und Forthubers Stimme ist recht frech. Der Song ist der perfekte Einstieg in ein großartiges Album. Wie schon oben beschrieben: Vor allem als Fan des Genres ist man schockiert und gleichzeitig überrascht wie heimelig die Musik von Crystal Soda Cream klingt. Es ist wie ein Album, das man vor vielen Jahren andauernd gehört hat, und nun ist es einem durch Zufall wieder in die Hände gefallen. Das Trio meistert den Balanceakt zwischen vertrauten Melodien und neuer Details. „Escape From Vienna“ ist hoffentlich nur der Anfang einer langen Reise durch viele neblige Grafschaften.

Anne-Marie Darok

Foto: Crystal Soda Cream

http://totallywiredrecords.bandcamp.com/album/escape-from-vienna
https://www.facebook.com/crystalsodacream