Bandfoto Filou
Filou (c) Julian Simonlehner

„Wir sind doch eher subtiler“ – FILOU im mica-Interview

„Jungsein heißt Älterwerden und Draufkommen auf Sachen, aber nichts wissen, sondern sich alles fragen, und alles, was man sich fragt, in Worte fassen und dazu tanzen.“ Das ist das Motto von FILOU: Lukas Meschik (Gesang, Gitarre) Christoph Kornauth (Bassist, Keyboard), Kasper Dziurdź (Gitarre) und Robin Prischink (Schlagzeug). Eine Wiener Bandformation, die sich mit Leib und Seele dem Indie-Pop verschrieben hat. Im März 2016 erscheint ihr drittes Album „Feste Farben“ bei Problembär Records, in dem sich das Quartett „endgültig das Herz aus der Brust reißt, und es offen auf den Tisch knallt“. Anlässlich dessen sprach Julia Philomena mit FILOU über „die Welt, die sich dreht, bis sie wieder untergeht.“

Filou wurde 2007 gegründet und seit 2012 besteht die Band aus denselben Mitgliedern wie heute. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Lukas Meschik: Wenn wir 2011, beim aller ersten Album beginnen, dem ersten Album noch ohne Robin, würde ich sagen, dass alles viel weniger fokussiert abgelaufen ist. Wir hatten sehr viel Material und das haben wir relativ ungefiltert für das Album verwendet. Mit dem Band-Einstieg vom Robin hat sich dann einiges verändert. Wir sind musikalisch konzentrierter geworden, haben uns getraut mehr Material zu verwerfen. Und auch jetzt bei „Feste Farben“ kommen wir besser zum Punkt.

Robin Prischink: Vor allem weil wir schon zwei Alben veröffentlicht haben, viel live aufgetreten sind und ausprobieren konnten, ist es leichter, sich auf das Gesamte zu konzentrieren. Auf den Klang der Band und die Lieder als solche, anstatt auf seinen eigenen Part fixiert zu sein, an dem man früher vielleicht pedantisch herum gefeilt hat.

Kasper Dziurdź: Beim neuen Album ist das „auf den Punkt“ bringen sicher zentral. Wir haben wirklich alles weggelassen, was nicht essentiell gewesen ist. Das Album ist kompakter geworden und hat dadurch sicher an Dynamik gewonnen.

Christoph Kornauth: Die Arbeit an den einzelnen Liedern ist wirklich viel intensiver geworden. Wir haben schon viel besser reflektieren können. Umbauen, verändern, neu aufnehmen, streiten und weitermachen.

Wie kann man sich konkret den Aufnahmeprozess für das dritte Album vorstellen?

Robin Prischink: Wir waren vergangenen Sommer beim großartigen Alex Tomann. Jeder der ihn kennt, weiß, wie großartig er ist. Beim Alex Tomann im Studio haben wir alles live eingespielt und aufgenommen. Das ist uns sehr wichtig gewesen, dass die Energie, die wir im Proberaum oder live auf der Bühne haben, auch im Studio nicht verloren geht.

Lukas Meschik: Wir haben uns diesmal auch sicher besser vorbereitet für die Aufnahmen, haben länger geprobt und viel Zeit in die Pre-production investiert. Dass man sich professionalisiert ist mir wichtig, weil das Kreative sowieso da ist.

Wie lange hat es dann in Summe gedauert?

Christoph Kornauth: Gedauert haben die Aufnahmen im Studio zwei Wochen. Mit dem Songwriting dagegen haben wir aber schon unmittelbar nach, wenn nicht sogar schon während des letzten Albums begonnen. Ich glaube wir haben damals im Badeschiff, auf der Album-Releaseparty des zweiten Albums, als letzte Nummer schon eine des neuen gespielt.

Kasper Dziurdź: Wer die letzte CD hat und die jetzige kaufen wird, kann eine Verbindung erkennen! (lacht verschmitzt)

Einen essentiellen Leitfaden?

Kasper Dziurdź: Den gibt es, ja, aber er ist vielleicht weniger bewusst entstanden! Er verweist eher darauf, dass wir schon zum damaligen Zeitpunk songwriting-technisch viel Material gehabt haben, das es halt erst jetzt auf die CD geschafft hat. Das sind Lieder gewesen, die wir unbedingt behalten wollten. Die sind zu einem netten, zusammenhängenden Übergang geworden und stehen für einen kontinuierlichen Prozess.

Was haben die Namen „Filou“ und „Feste Farben“ auf sich?

Lukas Meschik: Wir hatten ursprünglich ganz viele Bandnamen zur Auswahl! Von denen waren viele so schlecht, dass ich sie jetzt gar nicht aufzählen will! (lacht) Das waren immer Notlösungen. Zufällig ist mir dann in einem Schnitzler-Buch das Wort „Filou“ ins Auge gesprungen und das hat mir gefallen.

Christoph Kornauth: Ja, der Lukas hat mich angerufen, sehr aufgeregt, und begeistert ins Telefon gehaucht: „Filou!“. Ich hab’ gesagt: „Okay!“ (lacht).

Kasper Dziurdź: Bei dem Albumnamen „Feste Farben“ haben wir gemeinschaftlich überlegt, und „Feste Farben“ hat uns allen am besten gefallen. In der Single „Sound“, die jetzt gerade erschienen ist, kommen die beiden Wörter auch vor. Das ist schon eine wichtige Nummer auf dem Album und sie steht sehr für das, was wir auf „Feste Farben“ vermitteln wollen.
Außerdem ist es ein widersprüchlicher Titel, das passt gut. Einerseits ist es die Abwechslung, das Bunte, die Farben, die uns ausmachen. Und auf der anderen Seite sind wir dann aber doch profund geworden, eben fest. Und alle drei Wörter beginnen mit F.

Lukas Meschik: Ja, das war eigentlich mein einziges Kriterium. (lacht)

„Jungsein heißt Älterwerden und Draufkommen auf Sachen, aber nichts wissen, sondern sich alles fragen, und alles, was man sich fragt, in Worte fassen und dazu tanzen.“ So schreiben Sie über Sich. Was fragen Sie sich denn?

Lukas Meschik: Eine griffige Antwort habe ich da jetzt nicht parat, aber es war vorhin schon die Rede von einem Kontinuum. Für mich ist die Band das Kontinuum, das Bandsein ist ein Lebenszweig, in den man alles hineinstecken kann, alles verarbeiten, reflektieren usw.
Es gibt von uns zum Beispiel ein Lied, das „Fuchsfänger“ heißt. Ich hab den Film „Foxcatcher“ gesehen, war völlig verstört – und das war der Impuls. Das war der Grund, dieses Lied zu schreiben. Ich glaube, jeder macht sich Gedanken über alles. Jeder gewinnt Eindrücke und fragt sich irgendwas, immer. Es geht vielleicht mehr um das generelle „sich fragen“. Und unser Ventil ist die Band.

Robin Prischink: Ich kann mich erinnern, dass der Lukas mal gesagt hat, dass jedes Lied ein Liebeslied ist. Nicht nur im Sinne von romantischer Liebe, sondern auch über die bestehende Beziehung zur Umwelt. Der Gedanke hat mir gefallen.

Was passiert, wenn Ihr Euch uneinig seid? Gab es schon künstlerische Verwerfungen? Oder zertrümmert Ihr dann lieber den Proberaum?

Lukas Meschik: Das können wir uns nicht leisten! (lacht)

Christoph Kornauth: Nein, handgreiflich werden wir nicht, aber es gibt hitzige Diskussionen, ja!

Lukas Meschik: Die künstlerischen Fragen sind schwierig, weil man sie nicht messen kann. Das ist immer Gefühls- und Geschmackssache. Wenn man selbst der Meinung ist, Recht zu haben, alle anderen aber auch der Meinung sind, Recht zu haben, gibt es keine mathematische Gleichung, mit der man zu einer Lösung kommt. Da gibt es schon frustrierende Momente!

Christoph Kornauth: Das Problem ist nämlich zusätzlich, dass es oft keine Entscheidung ist, im Falle eines Textes zum Beispiel, zwischen A oder B, sondern zwischen A oder nix. Musikalisch gibt es schon eher eine B-Variante.

Robin Prischink: Man merkt zum Glück eh relativ schnell, ob etwas gut ist oder nicht. Und sollten wir dann doch ewig streiten, vertagen wir die Diskussion. Das tut gut, finde ich. Wenn man dann mit einer Distanz noch mal über dasselbe Thema spricht, fällt die Entscheidung schon leichter.

Bandfoto Filou
Filou (c) Julian Simonlehner

Kasper Dziurdź: Dieser Vergleich mit A oder nix trifft es ganz gut, finde ich. Wenn der Lukas mit seinem Text nicht bei allen ankommt, dann spielen wir die Nummer nicht, und sie landet auch nicht auf der Platte. Dadurch entsteht aber eigentlich ein schönes Sieb. Ein Sieb, das nur durchlässt, was bei uns allen Anklang findet und zur Harmonie beträgt.

Stichwort Harmonie: gab es ein Konzert, das Ihr als Euer bis dato schönstes bezeichnen würdet? Und wenn ja, warum?

Robin Prischink: Für mich war das beste Konzert sicher vor zwei Jahren am Donauinselfest! Die Kulisse war super, und es waren so viele Leute da! Die Leute kommen und gehen die ganze Zeit, in unserem Fall war der Platz am Ende ganz voll. Und dann noch die Donau daneben…das war schon sehr speziell schön!

Kasper Dziurdź: Ich finde jedes Konzert sehr schön, wenn man Menschen erreicht, die man davor noch nicht erreicht hat. Ich find’s schön, wenn man seine Fans im Publikum erkennt, die immer wieder kommen, die sich die CD wegen einer Nummer kaufen und ihre Lieblingslieder laut in die Menge schreien.

Lukas Meschik: Warum ein Konzert schön ist oder nicht, kann so viele Gründe haben. Ich kann mich zumindest an keines erinnern, das unangenehm gewesen ist. Oft wird man überrascht! An das Volksstimmefest erinnere ich mich zum Beispiel, vor zwei Jahren, das war sehr cool! Da hatte ich wenige Erwartungen. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob wir bei dem sehr linken, politischen Publikum ankommen, als Band, die jetzt nicht unbedingt für ihre Messages steht. Wird sind doch eher subtiler. Aber die Leute haben das sehr gut angenommen und auch alle CDs gekauft. Da hab’ ich mich eh geärgert, dass wir nicht genug mitgenommen haben.
Schön ist es auch, wenn die Veranstalter liebevoll sind. In Tübingen zum Beispiel sind wir in einem besetzten Haus gewesen, haben in einem Matratzenlager geschlafen, und das Publikum hat uns jetzt nicht gerade die Tür eingerannt. Aber die Veranstalter waren so nett, haben sich so gut gekümmert um uns und waren so engagiert dabei! Das freut mich, wenn man über die Musik solche Leute trifft!

Was wäre ein Grund für Filou, mit der Musik aufzuhören?

Robin Prischink: Selbst wenn ich keine Hände, Füße und Ohren mehr hätte, würde ich mit der Musik nicht aufhören. Vielleicht wird’s schwierig ohne Ohren (lacht)! Aber selbst dann würde ich einen Weg finden!

Lukas Meschik: Aufzuhören aktiv Musik zu machen, würde für mich heißen, es fällt einem nichts mehr ein. Und ich kenne diese Phasen. Auch dass man frustriert ist, nicht so viele Menschen zu erreichen wie andere Bands. Das ist zwar Kraft raubend und man schaufelt Energie in ein schwarzes Loch, aber irgendwann kommen wieder die Ideen, und coole Momente, die einem Auftrieb schenken. Man darf sich vor dem Erfolg nicht verschließen, lieber gelassen sein und sich daran erinnern, worum es im Kern geht: nämlich darum, dass es schön ist!

Christoph Kornauth: Ich muss sagen, dass ich gerade an dem schwarzen Loch, von dem der Lukas gesprochen hat, große Freude habe! Die Tätigkeit des Musikmachens ist eine so freie und schöne, die Glücksmomente kommen so oft, auf der Bühne, im Proberaum, überall kann das sein! Und die werden nicht weniger. Wenn die irgendwann nicht mehr kommen würden, dann vielleicht, dann würd’ ich vielleicht aufhören. Aber das ist quasi unvorstellbar!

Lukas Meschik: Und mühsam war auch nie das Musikmachen selbst, eher die nüchterne Zahlenwelt dahinter. Aber die gehört halt dazu.

Wie würden Sie sich als Musiker beschreiben?

Lukas Meschik: Ich bin ein beherzter Dilettant und komme von der inhaltlichen Ebene.

Christoph Kornauth: Dilettant, ja, das find’ ich gut. Kommt ja von „dilettare“, sich an etwas erfreuen. Das ist mein Zugang zur Musik!

Kasper Dziurdź: Ich hab manchmal sehr komische und gewagte Ideen. Und wenn wir dann mutig genug sind, diese umzusetzen, ist mir doch jeder dankbar!

Robin Prischink: Ich hab’ immer Freude daran gehabt, Dinge richtig zu machen. Irgendwer muss es ja machen in der Band. (Alle lachen) Als Drummer da hinten bin ich der Motor.

Was dient Ihnen als Inspirationsquelle?

Lukas Meschik: Alles! Musikhören aber interessanterweise weniger, als andere Kunstbereiche!

Robin Prischink: Ich ziehe schon viel Inspiration aus Musik und aus Schlagzeugern, die ich großartig finde! Oder aus dem, wie ich halt musikalisch sozialisiert worden bin, da ist viel deutsche Musik dabei.

Christoph Kornauth:  Wirklich benennen könnte ich es jetzt nur fürs Bassspielen: James Jamerson zum Beispiel. Den bewundere ich sehr. Oder auch den Bassisten von Joy Division und die Bassistin von Talking Heads. Die haben mich in meinem Spiel sehr beeinflusst.

Kasper Dziurdź: Also bewusst lass’ ich mich nicht inspirieren. Ich mag gerne klare, elektronische Musik oder auch deutschen Pop, aber sobald ich im Proberaum bin, hat der Lukas zum Glück schon vorgesorgt. Er steht dann mit Text und Gitarre vor uns, dann nehmen wir unsere Instrumente auch und inspirieren einander gegenseitig. (lacht)

Wird ein Veganer den Zielpunkt vermissen?

Lukas Meschik: Wahrscheinlich nicht! Da gab’s nur Wurst!

(Alle lachen)

Danke für das Gespräch!

Julia Philomena

Filou live
25.2. B72, Wien (Release-Konzert)
03.4. Rhiz, Wien
09.4. Subkultur, Fürstenfeldbruck (DE)
05.5. Korneuburg Open Air

 

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