„Wir haben uns einfach mega frei gefühlt bei diesem Album“ – DRAMAS im mica-Interview

Mit cineastischem Artpop und einem Hang zur Melancholie haben sich DRAMAS längst einen Fixplatz in der heimischen und internationalen Indie-Szene erspielt. Vier Jahre nach ihrem zweiten Album melden sich Viktoria Winter und Mario Wienerroither mit „Jewel Drums“ (VÖ: 27.06.2025, Fabrique Records) zurück – einem stilistisch vielseitigen Werk, das sowohl radiotauglichen Pop als auch experimentelle Tiefen zulässt. Im Gespräch mit Katharina Reiffenstuhl erzählt das Duo, warum der kreative Neustart notwendig war, wie sich Streit in produktive Energie verwandeln lässt, und weshalb ein Song manchmal zehn Jahre reifen muss.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Viktoria Winter: Wir sind beide aus Oberösterreich und haben uns 2011 kennengelernt auf dem Ars Electronica in Linz. Da haben wir uns gut verstanden und gewusst, dass wir beide gern Musik machen.

Mario Wienerroither: Das war gleich der erste Satz: “Und, was machst du so?”. Dann hat sie mir was vorgesungen.

Viktoria Winter: Wir haben uns dann ein, zwei Jahre später in Wien getroffen, Mario hat da schon dort gewohnt. Musikalisch haben wir uns da im Indie-Pop und Folk-Pop bewegt und wollten mit einer Band was ausprobieren. Das ist aber alles recht kompliziert gewesen, die Musiker hatten alle andere Projekte und irgendwie hat es auch nicht soo gevibet.

Mario Wienerroither: Ich habe auch gleich gesagt, wir müssen das zu zweit mal probieren – daraus entsteht dann vielleicht eine Band.

Viktoria Winter: Er hat mir dann einiges gezeigt und da war dann irgendwann die Schiene gelegt, dass wir zu zweit weitermachen, weil wir uns eh voll gut verstehen. Bis auf unsere Streitigkeiten.

Mario Wienerroither: Das war damals noch so. Wir haben lange nicht gewusst, ob wir wirklich Musik machen gemeinsam. Ich wollte unbedingt, weil mir ihre Stimme so gut gefallen hat. Wir haben uns nur musikalisch noch überhaupt nicht gefunden gehabt. 

 „Es war, als würden wir nochmal bei Null anfangen“ habt ihr über euer neues Album, das Ende Juni erscheint, gesagt. Warum?

Viktoria Winter: Weil es vom Mindset so ein “Woah, wir können eigentlich machen, was wir wollen” war. Wir haben schon unseren Signature Sound. Wir haben uns einfach mega frei gefühlt bei diesem Album. 

Mario Wienerroither: Es war auch einfach wirklich so, dass wir fast nochmal bei Null anfangen, weil wir vor zwei Jahren schon ziemlich fertig waren mit dem Album. Wir haben Nummern gehabt, wo wir hundertprozentig sicher waren, dass die raufkönnen, und ein paar wo wir uns dachten, die können auch schon abgehakt werden – das Album ist quasi fertig. Dann haben wir einige fertig produziert, und in dieser Phase sind so viele neue, gute Ideen entstanden, dass wir alles andere über den Haufen geschmissen haben und quasi von vorne begonnen haben. Darum hat es auch ein bisschen länger gedauert.

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Viktoria Winter: Ich glaube, wir haben ein bisschen in der Schiene vom zweiten Album weitergemacht, da haben dann viele Sachen nicht so gewirkt, wie wir wollten. Da haben wir dann von vorne gestartet.

Mario Wienerroither: Wenn man sich vier Jahre lang Zeit lässt für ein Album, dann entstehen so viele Sachen, mit denen man nicht rechnen kann. Ich bin sehr froh, dass das Album jetzt so klingt, wie es vor zwei Jahren geklungen hätte. Aber es war sehr viel mehr Arbeit. (lacht)

„ES HAT EIN PAAR DRAMATISCHE PHASEN GEBRAUCHT“

Es ist das dritte Album bereits. Das erste Album ist unter vielen persönlichen Diskrepanzen entstanden, das zweite während einer Pandemie. Wie dramatisch war der Entstehungsprozess bei diesmal?

Viktoria Winter: Es war eigentlich sehr harmonisch. Wir haben schon viel diskutiert – oder manche würden das Streiten nennen. Aber es war ein effektives Streiten. Es ist alles bis zum Ende ausdiskutiert worden, wir haben genau gewusst, wo wir selbst hinwollen und was der jeweils andere will. Es hat ein paar dramatische Phasen gebraucht, da kommen wir auch nicht drum herum. Aber ich bin gerne mit dir in einem Konflikt, das fordere ich fast gerne heraus, dass das nicht sofort passt. Das ist fast wie mein Antrieb.

Mario Wienerroither: Wir hatten wirklich viele kreative Diskussionen. Wenn ich zum Beispiel mit einem Sound-Layout anfange, habe ich eine ganz genaue Vorstellung, wie die Stimme klingen muss. Da lasse ich dann oft überhaupt nicht locker, weil die Viki stellt sich das dann ganz anders vor. Irgendwann ist es ermüdend, wenn man einen Track 20-mal aufnimmt und ich immer noch genauso unzufrieden wie am Anfang bin. Früher haben wir da einfach aufgegeben und gemeint, das ist jetzt einfach nicht das richtige Lied für uns. Jetzt sind wir mittlerweile gut darin, uns musikalisch zu verstehen, und dann wird das auch fertiggemacht. Bis zum bitteren Ende.

Bild des Albumcovers Jewel Drums
Albumcover “Jewel Drums”

Viktoria Winter: Keine Kompromisse mehr. Auch stimmlich, muss ich sagen, mir hat dieses “Ausbrechen” ab dem zweiten Album gefallen. Im Elektro-Pop ist ja sonst diese zusammengedrücktere, komprimiertere Stimme üblich. Wir haben jetzt Songs dabei, wo ich meine Stimme mehr zeigen kann, da bin ich sehr dankbar, dass das Platz gefunden hat. Ich komme sehr aus der Richtung und mag es, wenn ich wie zum Beispiel bei “Soul Capture” meine klare, natürliche Stimme zeigen kann und das auch in der Produktion so umgesetzt wird.

Mario Wienerroither: Die große Änderung bei dem Album war, dass wir fast alles gemeinsam gemacht haben. Es hat niemand groß was Eigenes angefangen und versucht durchzusetzen. Da waren wir automatisch viel zufriedener. Wir bringen uns da immer in Stimmung, indem wir ganz viel Musik hören.

Wie seid ihr denn musikalisch sozialisiert?

Viktoria Winter: So viele verschiedene Genres eigentlich. Bei mir ist es so, dass ich viel Indie-Pop höre, also LOLA YOUNG oder BILLIE EILISH. Mittlerweile auch viel TAYLOR SWIFT. Das finde ich songwriting-technisch ganz spannend. Teilweise gefallen mir aber auch Melodien aus der Klassik und ich bin neugierig, wie das in einem Pop-Mantel klingt.

Mario Wienerroither: Bei mir waren es immer 80er, Rap, ganz früher. Aber vor allem JUSTICE, CHEMICAL BROTHERS. 

„EINEN GUTEN POP-SONG ZU SCHREIBEN, IST ÜBERHAUPT DIE KÖNIGSDISZIPLIN“

Ich möchte euch da in keine Schublade stecken, deshalb frage ich euch: Wie würdet ihr selbst eure Musik beschreiben?

Viktoria Winter: Da tue ich mir ganz schwer damit.

Mario Wienerroither: Vielseitig. Also wie du eh betonst, wir haben uns auf keinen Stil festgelegt. Aber ich höre ganz deutlich den Faden raus, der uns ausmacht. Textlich und stimmungsmäßig kann man schon sagen, dass die Melancholie immer mitschwingt. Aber musikalisch sind wir nicht festgelegt.

Viktoria Winter: Wir entwickeln uns schon immer viel weiter, was den Sound angeht, aber wollen trotzdem einfach einen roten Faden haben und uns treu bleiben.

Eure neueste Erscheinung heißt „I heard it on the radio“, ist erst vor wenigen Wochen erschienen und hat absolutes Ohrwurmpotenzial. Gibt es eine besondere Geschichte hinter dem Song?

Bild des Duos DRAMAS
DRAMAS © Tim Cavadini

Viktoria Winter: Musikalisch wollten wir wirklich einmal das Poppigste ausprobieren, was irgendwie möglich ist und was wir auch zulassen. Ich finde, einen guten Pop-Song zu schreiben, ist überhaupt die Königsdisziplin. Einer, der nicht zu gewöhnlich oder vorhersehbar klingt. 

Mario Wienerroither: Ich wollte am Anfang einfach möglichst authentisch 80er-mäßig sein. Dann war der Synth da, dann waren plötzlich die Drums da, für mich hat sich das automatisch in die Richtung entwickelt. Dass dieser Song dann nur funktioniert hat, wenn er poppig war. Er war am Anfang auch viel langsamer – viel mehr DRAMAS-like, wie man es sich erwarten würde. Dann haben wir uns gedacht, wir übertreiben es jetzt einfach mal. Wenn dann gleich gescheit. (lacht)

Viktoria Winter: Das ist auch der einzige Song, wo wirklich der Mario den ganzen Text geschrieben hat. Ich war zu der Zeit sehr busy und er hat mir erzählt, dass er den Text geschrieben hat. Und ich war so “Was? Seit wann schreibst du Texte?” (lacht) Aber ich dachte mir “Passt, das könnte eh aus meiner Feder auch sein, lass’ ma so”.

Ein seltener Moment, dass es für beide passt, obwohl es nur einer gemacht hat.

Viktoria Winter: Es war Wahnsinn. Ich habe auch nicht gewusst, dass er so ein Poet ist.

Mario Wienerroither: Ah ge, das hast schon g‘wusst.

Viktoria Winter: Ja von Geschichten, aber nicht von Pop-Songs.

Mario Wienerroither: Ich weiß halt ein bisschen, wie 80er-Jahre-Lieder funktionieren, und hab mir immer schon schöne Textzeilen aufgeschrieben. Die konnte ich dann endlich zu einem Song verpacken.

„Soul Capture“ ist der ursprünglich älteste Song, den es von euch gibt, die Originalversion ist über zehn Jahre alt. Fürs Album habt ihr ihn nochmal neu geschliffen – welche Veränderung hat er nach diesen zehn Jahren benötigt?

Mario Wienerroither: Es hat die Jahre gebraucht, wahrscheinlich.

Viktoria Winter: Geschrieben habe ich ihn schon 2011. 2014 haben wir ihn das erste Mal aufgenommen, da hatte er diesen strengen, sehr schweren Flügel-Sound. Das ist für mich ein gutes Beispiel, was das Album ausmacht: Wir hätten den auch so raufpacken können, aber dann wäre er von vorne bis hinten eher ähnlich durchgegangen.

Mario Wienerroither: Wie Album Nummer 1. 

Viktoria Winter: Genau, wie wir es beim ersten Album vielleicht gemacht hätten, so ein bisschen auf Nummer sicher. Ich habe es noch einmal eingesungen, wir haben da jetzt auch Takes von Anfang 2025 oben und es geht sich stimmlich aus, man merkt es nicht. Es ist auch satter geworden, finde ich. Und dann waren da noch so kleine Spielereien, auf die wir einfach Bock gehabt haben – diese Flüstereien zwischendurch, das Chorische am Schluss. Das hat es noch gebraucht, dass es ganz besonders wird. 

Mario Wienerroither: Er wäre damals zu brav gewesen. Deswegen ist er auch so lange liegen geblieben. Der Michi von unserem Label hat gemeint, das ist so ein schöner Song, der muss unbedingt aufs Album. Aber für mich ging der so überhaupt nicht, deswegen haben wir dann alles gelöscht, sodass nur noch die Essenz überbleibt. Und dann haben wir versucht, zu vergessen, wie der vorher geklungen hat und überlegt: “Was würden wir machen, wenn wir den jetzt neu produzieren würden?”

Viktoria Winter: Der “Twenty Oh Nineteen” ist auch so ein Song, der upgecycled worden ist. Der ist 2019 entstanden, hat da ganz anders geklungen, anderer Text, andere Melodie. Nur die Akkorde sind gleich gewesen. Den haben wir noch krasser verändert.

Mario Wienerroither: Der war ein bisschen schuld daran, dass sich das Album so verzögert hat. Der hat mich ein dreiviertel Jahr aufgehalten, dass ich bei irgendwas anderem weitermache. Ich wollte unbedingt, dass der Song fertig wird. Er hat ungefähr 17 verschiedene musikalische Versionen.

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Hätte der schon aufs zweite Album gehört?

Viktoria Winter: Ja. Aber das ist sich nicht ausgegangen.

Mario Wienerroither: Ich war so grantig auf die Nummer, wir haben die drei Jahre nicht aufgemacht. 

Viktoria Winter: Aber jetzt ist es mein Lieblingstrack am Album. 

In einem früheren mica-Interview habt ihr erzählt, dass du, Mario, eher der Konstante bist, und du, Viktoria, eher die Höhen und Tiefen mitbringst. Ist das bis heute so?

Mario Wienerroither: Unbedingt. (lacht)

Viktoria Winter: Es ist sehr klischeehaft, aber es ist so. Ich kenne keine stabilere Person als dich. Du bist trotzdem sehr modern, aber auch voll prinzipientreu. 

Mario Wienerroither: Aber ich habe lange gebraucht, um zu lernen, wie gewisse Dinge funktionieren. 

Viktoria Winter: Der lernt sich jeden Tag Dinge neu. Der ist so neugierig wie ein kleines Kind, aber er weiß genau, was er kann und lässt sich null verbiegen.

Mario Wienerroither: Ich lasse mich schon manchmal auch auf Kompromisse ein. Aber es ist schon gut, wenn es eine Konstante gibt und dann diesen Wirbelsturm, der wieder alles durcheinanderwirft. Da muss ich mich drauf einlassen.

Viktoria Winter: Wir sind da sicherlich weniger stur als früher und lassen uns jetzt mehr auf die Stärken des jeweils anderen ein. 

Danke euch fürs Interview!

Katharina Reiffenstuhl

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