Mit ihrem Album „live recording sessions #1“ haben VERONIKA MAYER und GOBI DRAB aka MAYER + DRAB eine musikalische Momentaufnahme geschaffen, die rohe Energie und feine klangliche Strukturen vereint. Improvisation ist für sie mehr als ein Konzept – es ist ein stetiges Austesten von Kontrasten, Brüchen und spontanen Entscheidungen. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählen sie, wie ihr Duo entstanden ist, warum sie sich im Studio eher fehl am Platz fühlen und welche Räume sie sich für zukünftige Auftritte wünschen. Außerdem blicken sie auf kommende Projekte – unter anderem ihr nächstes Konzert am 8. März im Setzkasten, das wieder neue klangliche Möglichkeiten eröffnen wird.
Ihr kommt beide aus unterschiedlichen Bereichen, gleichzeitig gibt es viele Überschneidungen. Was hat euch dazu gebracht, mayer + drab zu starten?
Veronika Mayer: Das Duo in seiner jetzigen Form entstand im Rahmen von Frau*feld. Die haben ihre Konzertreihen sehr spannend kuratiert: Musikerinnen, die beim vorherigen Konzert dabei waren, konnten jemanden vorschlagen, und diese Person durfte dann noch eine weitere dazuholen. Mich hat damals Viola Falb eingeladen, und ich habe Gobi mit hineingebracht.
Ihr habt euch davor aber schon gekannt?
Gobi Drab: Ja, wir haben uns im Kontext von snim kennengelernt – dem spontanen netzwerk für improvisierte musik.
Veronika Mayer: Da haben wir auch schon miteinander gespielt, aber nicht als Duo.
Kam nach Frau*feld gleich die Idee, etwas zusammen aufzunehmen?
Gobi Drab: Dazwischen gab es noch andere Konzerte. Aber es hat einfach gut funktioniert – sowohl unsere Zusammenarbeit als auch das Zusammenspiel. Irgendwann kam dann die Frage: Was machen wir jetzt damit?
Was hat in der Zusammenarbeit besonders gut gepasst?
Veronika Mayer: Musikalisch ist es unglaublich spannend und verändert sich stetig. Wenn ich an unsere ersten Proben oder Gigs denke, fällt auf, dass wir irgendwann in eine völlig andere Richtung abgebogen sind.
Gobi Drab: Am Anfang gab es noch viel mehr Sprache, mehr Texte. Das ist dann nach und nach weggefallen.
Veronika Mayer: Außerdem wurde es immer energetischer. In unserem Zusammenspiel steckt eine enorme Kraft und Spontaneität – sowohl in der Musik als auch im gegenseitigen Reagieren.
Gobi Drab: Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem ich meinte, dass ich in zwanzig Jahren nicht mehr so spielen könne, weil ich auf der Bühne teils bis zur Erschöpfung gespielt habe – und das aber Teil der Musik wurde. Ich wusste, dass es funktioniert! Und wenn ich nicht mehr konnte, hat mich Veronika weitergetragen.
Klingt anstrengend.
Gobi Drab: Aber es hat Spaß gemacht!
Aber es ist nicht besonders nachhaltig, oder?
Gobi Drab: Körperlich gesehen nicht, nein. Irgendwann geht es bergab – egal, wie brav ich laufen gehe.
Auf welchem energetischen Level habt ihr euch musikalisch getroffen?
Veronika Mayer: Ich glaube, wir haben einen ziemlich guten Schlagabtausch.
Wie beeinflusst das, was ihr jeweils mitgebracht habt, eure Zusammenarbeit? Gab es Spannungsfelder oder besondere Synergien?
Veronika Mayer: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten.
Versuchen wir es mit einer!
Veronika Mayer: Ich denke da zunächst ans Klangmaterial: Zu Beginn habe ich viele Aufnahmen von Gobi gemacht und geschaut, was passiert, wenn ich mit ihren Klängen und meiner Elektronik spiele. Dadurch sind schon sehr spannende Sounds entstanden. Aber ich glaube, du bist oft irritiert, wenn du plötzlich ein Duett mit dir selbst spielst, oder?
Gobi Drab: Am Anfang hat mich das überrascht. Mittlerweile kenne ich das und finde es spannend!
„UNSERE MUSIK BESTEHT AUS DIREKTEN REAKTIONEN“
Das heißt, Veronika: Du sampelst Gobis Material, und sie selbst spielt dann darüber?
Gobi Drab: Wichtig ist: Veronika sampelt mich nicht live, sondern arbeitet mit Aufnahmen.
Also kein Live-Looping?
Gobi Drab: Nein.
Veronika Mayer: Und ich verwende nicht nur Samples von Gobi – aber auch. Das beeinflusst natürlich, wie sich die Klänge mischen und wie heterogen oder homogen sie werden.
Hast du deinen eigenen Sound schon mal nicht wiedererkannt, Gobi?
Gobi Drab: Ja, wenn er stark verfremdet wurde: sicher!
Veronika Mayer: Ein anderer Aspekt ist, dass wir zu Beginn unseres Duos sehr flächig gespielt haben – von beiden Seiten. Inzwischen sind wir an einem ganz anderen Punkt. Jetzt ist unser Spiel viel impulsiver, weshalb „Schlagabtausch“ als Begriff viel besser passt. Unsere Musik besteht aus direkten Reaktionen. Flächen gibt es immer noch, aber sie sind nicht mehr unser Hauptfokus.
Gobi Drab: Ich glaube, mittlerweile denken wir nicht mehr so unterschiedlich über Musik. Wir arbeiten nur mit völlig verschiedenen Medien: Ich bin rein akustisch, Veronika ausschließlich elektronisch. Aber unser Zugang zur Musik und unsere Art zu kommunizieren haben sich angeglichen.
Habt ihr das Gefühl, eine bestimmte Rollenverteilung zu haben?
Gobi Drab: Ich verlasse mich darauf, dass Veronika übernimmt, wenn mir die Luft ausgeht!
Veronika Mayer: Und umgekehrt! Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt: Sich aufeinander verlassen zu können. Nur weil man gemeinsam auf der Bühne steht, heißt das nicht, dass man ständig aktiv etwas zusammen macht. Manchmal mache ich eine Pause, manchmal du. Und trotzdem bleibt die Musik im Fluss.
Gobi Drab: Außerdem sind wir mittlerweile viel besser darin, schnelle Entscheidungen zu treffen, wohin sich ein Stück entwickeln soll. Beim letzten Konzert war das mit Veronika völlig intuitiv.
Wie kommuniziert ihr beim Spielen – verbal und nonverbal?
Gobi Drab: Gemeinsam Kaffeetrinken ist schon mal essenziell! Aber ernsthaft: Wir hatten eine Zeit, in der wir uns bewusst Aufgaben gestellt haben, um Neues auszuprobieren.
Veronika Mayer: Genau, zum Beispiel, indem wir uns für eine Probe eine konkrete Herausforderung gestellt haben.
Gobi Drab: Das hilft, aus der Komfortzone herauszukommen.
Wie habt ihr einander herausgefordert?
Gobi Drab: In der freien Improvisation gibt es immer die Gefahr der „Banane“!
Was meinst du damit?
Gobi Drab: Es ist dieses typische Muster: Einer fängt leise an, der/die andere steigt auch leise ein, dann wird es langsam lauter, man verändert gemeinsam das Material, und irgendwann findet man einen gemeinsamen Schluss. Das ist nicht schlecht, kann aber auf Dauer eintönig werden. Also wollten wir bewusst aus dieser Form herausbrechen. Und auch aus unseren Lieblingsmaterialien, -strukturen und -längen.
Veronika Mayer: Ich erinnere mich an eine Probe, in der wir nur darauf geachtet haben, Stücke in Popsonglänge zu improvisieren – statt uns Zeit zu lassen und alles langsam aufzubauen.
Das spiegelt sich auch auf eurem Album wider – die Stücke sind sehr unterschiedlich lang. Ich konnte nie genau sagen, wo ein Track beginnt oder aufhört: Es war wie ein Rausch!
Gobi Drab: Das klingt gut! Wir haben aber auch mehrere Stücke in einem Track verarbeitet.
Wie hat eure Art zu improvisieren das Album beeinflusst? Wie habt ihr es konzeptionell aufgebaut?
Veronika Mayer: Die Aufnahmen stammen aus dem März letzten Jahres, aber wir haben nichts nachträglich geschnitten oder zusammengeschoben. Die vier Tracks sind genau in dieser Form entstanden und geblieben.
Gobi Drab: Witzigerweise haben wir festgestellt, dass wir eine Lieblingsdauer von sieben Minuten haben!
Veronika Mayer: Stimmt! Vielleicht sollten wir überprüfen, ob die längeren Tracks auch aus mehreren „sieben-Minuten-Blöcken“ bestehen?
Das wird jetzt sehr komplex, deswegen zurück zur „Banane“: Auf dem Album findet man sie jedenfalls nicht! Wie habt ihr euch davon befreit?
Gobi Drab: Schwierige Frage. Es ist immer seltsam, im Nachhinein über einen kreativen Prozess zu sprechen.
„WENN ICH AUF DER BÜHNE STEHE UND SPIELE, MUSS ICH DIE TECHNISCHEN FRAGEN VERGESSEN UND EINFACH SPIELEN.“
Aber was ist dieser Moment, der euch in eine bestimmte Richtung bewegt?
Gobi Drab: Wir haben uns natürlich mit formalen und technischen Aspekten beschäftigt, aber zumindest für mich persönlich ist es so: Wenn ich auf der Bühne stehe und spiele – selbst wenn es nur ein Wohnzimmerkonzert mit drei Zuhörer:innen ist – muss ich die technischen Fragen vergessen und einfach Musik machen. Das passiert dann in dem Moment. Gleichzeitig gibt mir die technische Vorbereitung das Vertrauen, andere Dinge aufs Tableau bringen zu können, die die Musik wiederum verändern. Aber geplant ist das nicht. Das ist meine Seite – wie ist es bei dir, Veronika?
Veronika Mayer: Ich glaube, das hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Was mich besonders an unserer Zusammenarbeit reizt, ist die Möglichkeit, bewusst Brüche in die Musik einzubauen. Also wirklich zu sagen: Nein, ich mache jetzt etwas völlig anderes – mal sehen, was passiert! Das ist aber nicht in jeder musikalischen Zusammenarbeit möglich, weil es immer ein Risiko ist.
Wenn jemand immer die „Provokateur:in“ ist, stelle ich mir das schwierig vor.
Veronika Mayer: Es geht nicht darum, absichtlich zu stören, sondern eher darum, zu hinterfragen: Wie kann ich die Musik umlenken? Vielleicht beschreibt „Kontrast“ es besser als „Bruch“. Und das Material, das du spielst, verlangt von mir völlig andere Dinge, als wenn ich mit anderen Personen spiele. Genau das macht es so spannend.
Wie kam es konkret zu der Idee, eine Session für „live recording session #1“ aufzunehmen? Hattet ihr eine künstlerische Fragestellung im Hinterkopf?
Gobi Drab: Ich sage jetzt etwas, das man vielleicht nicht laut sagen sollte, aber: Ich bin eine bessere Musikerin, wenn ich Publikum habe. Und genau deshalb finde ich Studioaufnahmen so langweilig. Deshalb war es ja auch eine Live Recording Session mit Publikum!
Veronika Mayer: Der wichtige Punkt war, uns in eine Konzertsituation zu versetzen.
Gobi Drab: Lustigerweise ist die Aufnahme, die auf der Frau*feld-Compilation gelandet ist, auch ein Livemitschnitt – und nicht die Studioaufnahme. Wir wollten dann mal etwas mit der Studioaufnahme machen, aber das hat sich irgendwie verlaufen.
Ich wollte gerade fragen: Habt ihr die Studioseite auch schon ausprobiert?
Gobi Drab: Ja, wir waren mit Frau*feld im Studio, weil das Teil des Projekts war. Es sind zwar schöne Dinge entstanden, aber zum Glück hatten wir eine Studioaufnahme und eine Live Recording Session im echoraum. Und weil die anderen Musiker:innen zugehört haben, hatten wir dort auch eine Art Publikum – das war ja noch während des Lockdowns. Uns war schnell klar, dass wir die Liveaufnahme nehmen wollen. Im Nachhinein ergibt es total Sinn, dass das jetzige Album eine Art Weiterführung davon ist. Nicht geplant, aber logisch.
Und dass ihr das Album auf scatterArchive veröffentlicht habt – wie kam es dazu?
Gobi Drab: Ich habe dort mein Soloalbum herausgebracht, und Liam (Anm. Stefani) ist ein unglaublich netter und unkomplizierter Mensch.
Ihr meintet am Anfang, ihr hättet früher viel mit Text gearbeitet. Meint ihr damit konkreten Text?
Gobi Drab: Ja! Beim Kultursommer hatte ich ein Buch in der Hand und habe Susan Sontag vorgelesen.
Aber Sprachrhythmen spielen ja weiterhin eine große Rolle. Was fasziniert euch daran?
Gobi Drab: Ich habe das nur eingebracht, weil ich generell viel mit Sprache arbeite. Meine wenigen existierenden Kompositionen enthalten alle Sprache – einfach, weil ich den Rhythmus und die Melodie von Sprache unglaublich spannend finde. Gleichzeitig hat es mit meiner eigenen Entwicklung zu tun: Ich sehe mich zwar als Blockflötistin, aber ich arbeite immer mehr mit meiner Stimme. Am Anfang war es noch einfacher, wenn ich ein Buch in der Hand hatte und etwas vorlesen konnte. Das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber ich habe dann nach und nach meine eigene Stimme gefunden – und dieser Prozess geht immer noch weiter. Mich vom konkreten Text zu lösen und meine Stimme freier einzusetzen, war für mich ein großer Schritt. Andererseits verwendet Veronika auch viele Stimmsamples.
Veronika Mayer: Das stimmt! Aber eher unverständliche. Mir geht es nicht um Textverständnis, sondern um Sprache als Klangmaterial. Trotzdem hört man, wo es herkommt.
Ich finde dieses „die eigene Stimme finden“ nicht kitschig – das sagt viel über eine Person aus!
Gobi Drab: Ja! Und in der experimentellen Musik hat Stimmarbeit nichts mit klassischer Gesangsausbildung zu tun – die ich auch nicht habe. Sondern eher mit der Frage: Was will ich mit meinen Stimmbändern machen?
Veronika Mayer: Man setzt sich aber auch in einen anderen Kontext, wenn man weiß, dass Gobi Susan Sontag lesen wird. So kann man sich für ein Konzert eine Art Thema vorgeben.
„WIR SIND AM GLÜCKLICHSTEN, WENN NACH DEM KONZERT ETWAS NEUES ENTSTANDEN IST“
Habt ihr immer ein Thema?
Veronika Mayer: Vielleicht am Anfang, durch die Texte. Inzwischen nicht mehr.
Was macht für euch eine gelungene Improvisation aus?
Gobi Drab: Hin und wieder sage ich vor einem Konzert scherzhaft: „Na, was spielen wir heute?“
Veronika Mayer: Und ich antworte dann meistens: „Na, was Schönes!“ Wir sind am glücklichsten, wenn nach einem Konzert etwas Neues entstanden ist – und wir uns einfach nur wundern.
Hat es auch etwas von einer Rückschau – dass man auf das eigene Werk blickt und sich wundert, wie das eigentlich entstanden ist?
Gobi Drab: Ja! Aber es gibt verschiedene Reflexionsebenen: Woran erinnere ich mich direkt nach dem Konzert? Was fällt mir am nächsten Tag ein? Wie fühle ich mich, wenn der Adrenalinpegel nach Stunden endlich sinkt? Und wie klingt die Aufnahme, wenn ich sie später höre? Diese Wahrnehmungen können sehr unterschiedlich sein.
Wie sieht für euch das ideale Publikum aus? Seid ihr da streng?
Veronika Mayer: Da muss Gobi was erzählen!
Gobi Drab: Meine Blockflöte sieht seltsam aus, und nach Konzerten werde ich oft gefragt, was das für ein Instrument ist. Einmal kamen ein paar Studierende auf mich zu, aber bevor ich antworten konnte, musste ich sie darauf hinweisen: „Übrigens, ich habe euch tratschen gehört.“
Veronika Mayer: Natürlich wünschen wir uns ein aufmerksames Publikum, das wirklich zuhört.
Gobi Drab: Aber ich habe noch nie ein Konzert erlebt, bei dem ich dachte: Was sind das für Leute? Das geht gar nicht!
Welche Klangmaterialien oder Inspirationsquellen ziehen euch besonders an?
Veronika Mayer: Ich habe über die Jahre einen riesigen Fundus an Sounds gesammelt – aus ganz unterschiedlichen Kontexten und Situationen. Da ist alles dabei: Alltagsgeräusche, Instrumentalaufnahmen und vieles mehr.
Also ist deine Hauptinspiration einfach, durch den Tag zu gehen und aufmerksam zuzuhören?
Veronika Mayer: Ja, genau das! Für mich ist es immer das Hören.
Und was gibt euch Energie?
Gobi Drab: Ich habe keine direkten blockflötistischen Einflüsse, das interessiert mich nicht so. Aber ich frage mich: Zu welchen Konzerten gehe ich gerade? Welche Ausstellungen schaue ich mir an? Welche Bücher lese ich? Welche Eindrücke nehme ich auf? Manchmal sind es auch einfach schöne Altbauhäuser oder Türen, die mir auffallen.
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Bedeutet das, dass es einen intensiven Abstraktionsprozess gibt? Also, dass du solche Eindrücke nicht direkt, sondern auf Umwegen in Musik verwandelst?
Gobi Drab: Ich bin mir nicht sicher, ob es da eine direkte Verbindung gibt. Es ist eher die Frage: Welche Streicheleinheiten braucht mein Gehirn, um gute Musik zu machen?
Gibt es Orte oder Kontexte, in denen ihr besonders gerne zusammen spielen würdet – wenn ihr komplett freie Wahl hättet?
Veronika Mayer: Darüber denke ich eigentlich nie nach!
Gobi Drab: Meine spontane Antwort wäre: im Kunsthistorischen Museum. Ich bin dort sehr gerne und habe seit Jahren eine Jahreskarte.
Veronika Mayer: Passt – machen wir!
Und wo genau?
Gobi Drab: Mein absolutes Lieblingsbild im Kunsthistorischen Museum ist das Selbstporträt von Sofonisba Anguissola. Leider hängt das nur in einem viel zu kleinen Raum. Beim Vermeer wär’s aber auch sehr schön. Oder bei den Velázquez-Kindern.
Veronika Mayer: Ich bin aber für das meiste offen. Wir haben an vielen Orten noch nicht gespielt, aber große Hallen wären sicher einmal spannend. Wir spielen oft in sehr kleinen Räumen – das ist nicht schlecht, aber eine andere Akustik und ein anderes Zusammenspiel mit dem Raum wären interessant. Und ein Mehrkanal-Gig steht auch noch aus!
Wie meinst du das?
Gobi Drab: Wir wollen den Wahnsinn erleben, ein Live-Instrument in einem Mehrkanalraum zu spielen – allein schon wegen des Feedbacks! Es wäre für Veronika eine große Herausforderung, weil sie dann grundsätzlich mit Mehrkanal arbeiten müsste, und für mich, um zu sehen, was in diesem Kontext überhaupt funktioniert. Ich glaube, das würde unsere Musik noch einmal stark verändern. Das müssen wir unbedingt mal ausprobieren!
Veronika Mayer: Wenn die Räumlichkeit selbst einen zusätzlichen strukturellen Faktor in die Musik einbringt …
Vielleicht für die „live recording sessions #2“?
Veronika Mayer: Mit 360-Grad-Video!
Gobi Drab: Da müssten wir vielleicht vorher ein bisschen proben! Aber die Idee bleibt im Hinterkopf.
„MAN ORDNET SICH OFT SELBST IN DEN KONTEXT ‚NICHT NORMAL‘ EIN“
Eine klassische Abschlussfrage: Was sind eure nächsten Pläne?
Veronika Mayer: Am 8. März spielen wir ein Konzert im Setzkasten, das ist immer ein guter Rahmen für Experimente.
Gobi Drab: Das ist auf jeden Fall unser nächster geplanter Gig!
Veronika Mayer: Und irgendwann gibt es noch einen Release im Trio. Bei „live recording sessions #2“ spielen wir mit Audrey Lauro. Das liegt schon fertig herum und muss eigentlich nur noch veröffentlicht werden. Auch das war eine sehr spannende Erfahrung, weil wir zu dritt völlig anders gespielt haben.
Mir kommt vor, je mehr Leute dazukommen, desto schwieriger wird es?
Gobi Drab: Das hängt von den Menschen ab. Unser Trio in Wels mit Lucie Vítková ist etwas ganz anderes als das mit Audrey Lauro bei unserer zweiten live recording session.
Veronika Mayer: Das war auch ein völlig anderer Rahmen.
War der Rahmen schlechter?
Veronika Mayer: Nein, nicht schlechter. Aber es macht einen Unterschied, ob wir bei mir im Wohnzimmer aufnehmen oder auf der Bühne im Schlachthof Wels vor Festivalpublikum spielen.
Dann bin ich gespannt auf den nächsten Release! Wenn ihr euer Projekt in einem Satz beschreiben müsstet – was wäre das?
Gobi Drab: Gute Übung für unsere Pressetexte!
Es können auch drei Worte sein, wenn euch das leichter fällt!
Gobi Drab: Gute seltsame Musik!
Was ist denn für euch „seltsam“?
Veronika Mayer: Ich habe letztens über das Wort „schräg“ nachgedacht. Wir bezeichnen unsere Musik oft so.
Und?
Gobi Drab: Es geht meistens darum, das Publikum darauf vorzubereiten, was es hören wird. Wenn wir uns zum Beispiel über Blues unterhalten, dann ist das für uns schräg, weil das überhaupt nicht unsere musikalische Blase ist.
Veronika Mayer: Ja, das hängt immer vom Kontext und Standpunkt ab. Wir hatten auch „sperrig“ als Begriff – aber das ist genauso kontextabhängig.
Das Wort ist ja oft negativ besetzt.
Gobi Drab: Es liegt aber auf der Hand, weil ich mit einer Sperrholzflöte spiele!
Veronika Mayer: Notiz an mich: Ich muss mehr Sperrholzsounds aufnehmen.
Gobi Drab: Fazit: Es ist schwierig, das in Worte zu fassen.
Konsens: Es ist also immer kontextabhängig?
Veronika Mayer: Was ich immer wieder bemerkenswert finde: Man ordnet sich selbst oft automatisch in den Kontext „nicht normal“ ein. Natürlich bewegt man sich in einem Umfeld, in dem einen alle verstehen oder etwas Ähnliches machen. Aber man denkt immer: Das ist nicht das, was der Rest der Welt hören will.
Inzwischen gibt es für alles Nischen.
Gobi Drab: Klar, aber es ist auch eine Frage, wie bekannt diese Art von Musik im weiteren Kontext ist. Und deswegen hat man bei Beschreibungen immer das Dilemma: Mit welchen Worten mache ich sie für Menschen zugänglich, ohne dass sie sich gleich davon abgestoßen fühlen?
Das ist ein gutes Schlusswort – vielen Dank für das Gespräch!
Ania Gleich
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Termin:
Samstag, 8. März 2025
Setzkasten: kastenkonzert 49
Hernalser Hauptstrasse 31, 1170 Wien
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