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“Widerstand liegt ganz einfach in meiner Natur” – RANA FARAHANI im mica-Interview

Seit Jahren ist RANA FARAHANI aka FAUNA als Produzentin experimenteller Clubmusik und als DJ unter dem Synonym RANAH fixer Bestandteil der lokalen Musikszene. Zwischen technologischem Selbst, politischer Auseinandersetzung und Alltagseindrücken formuliert sie dystopisch-futuristische, aber auch sehr persönliche Tracks, die sich am zeitgenössischen Geschehen aufladen. Im Interview mit Shilla Strelka erklärte die Musikerin, was im Zentrum ihrer künstlerischen Auseinandersetzung steht.

Vertreterinnen und Vertreter progressiver Clubmusik bekennen sich in ihren Produktionen wieder mehr zu Emotionen, statt sich an der digitalen Oberfläche aufzuhalten. Trifft das auch auf Ihre Musik zu?

Rana Farahani: Musik verarbeitet doch immer Emotionen, natürlich trifft das auch auf meine Musik zu. Das müssen allerdings nicht nur persönliche Erfahrungen sein, die können auch aus meinem Umfeld stammen.

Sie haben eine klassische Gesangsausbildung und setzen ihre Stimme auch in den Tracks ein. Allerdings verfremden Sie diese durch Vocoder und Effekte. Oft wirkt Ihre Stimme geschlechtslos und nähert sich dem Konzept eines Cyborgs an, bleibt in den Aussagen aber unserer Alltagswelt verhaftet. Das nimmt auch Einfluss auf den emotionalen und empathischen Anteil in Ihrer Musik. Ihre Tracks oszillieren zwischen Fragilität und Konsequenz, zwischen der gebrochenen Strenge melancholischer Scapes und der Intimität von Stimme und Wörtern. Sie klingen wie der Soundtrack einer Generation, die post-everything ist: erschöpft, nihilistisch, skeptisch bis zynisch. „Grey is the colour of hope“ heißt es da an einer Stelle. Reflektiert Ihre Ästhetik – Broken Beat, Samples, melodische Artefakte, glatte Oberflächen, digitale Klarheit – die heutige Gesellschaft?

Rana Farahani: Ich setze mich nicht in erster Linie hin und produziere einen Track, um den Zuhörerinnen und Zuhörern etwas zu vermitteln oder sie zu bilden. In meiner Musik drückt sich eine bestimmte Haltung zum Leben aus und ich lege es nicht darauf an, anderen diese Haltung aufzudrücken. Die Erwartungshaltung an mich selbst ist da eigentlich auch höher als die Erwartungshaltung in Bezug auf das Publikum. Ich freue mich natürlich, wenn jemand zu mir kommt und sagt, es habe ihr oder ihm gefallen, aber ich mache mich da nicht so abhängig von der Meinung des Publikums. Ich selbst finde, grundsätzlich könnte mein Sounddesign mehr in Richtung High End gehen.

Es gibt ja einige Vertreterinnen und Vertreter dieser Richtung. Produzentinnen und Produzenten wie Holly Herndon, M.E.S.H. und Fatima Al Quadiri haben konkrete Themen, die sie mit ihren Alben behandeln. Arbeiten Sie auch auf diese Art? Wissen Sie vorher schon, was Sie kommunizieren möchten? Haben Sie also einen Ansatz, der eher Richtung Konzeptkunst geht?

Rana Farahani: Absolut, auch wenn ich das etwas spontaner und aus dem Bauch heraus angehe. Die Tracks, die ich produziere, hängen vor allem stark mit der eigenen Wahrnehmung zusammen. Wenn ich zum Beispiel etwas lese, was mich zutiefst ärgert, setze ich mich aufgeregt hin und lasse es raus, indem ich einen Track aus dieser wütenden Energie mache. Meistens kommt dann etwas raus, was eher melancholisch klingt, aber manchmal gelingen mir da total heftige und aggressive Tracks. Das sind dann meine Lieblingsstücke.

In Ihren Tracks finden sich Vocal Snippets, die wirken, als wären sie aus dem Alltag gegriffen. Musik fungiert bei Ihnen auch als intimes Medium. Wie geht es Ihnen, wenn Sie live spielen? Ist der Schritt von der Eigenheimproduktion in die Außenwelt da schwieriger?

Rana Farahani: Ich denke, jede und jeder kann sich mit den Stimmungen, die ich in den Tracks aufgreife, identifizieren, aber ich möchte mich da nicht festlegen. Mal geht es um Einsamkeit und Abgrenzung, dann aber auch wieder um Zusammenhalt und Freundschaft. Erfahrungen und Gefühle stehen da im Fokus. Mich als Person auf eine Schaffensperiode, in der zum Beispiel das Thema Isolation behandelt wird, zu reduzieren, ist nicht echt. Wie alle anderen auch mache ich unterschiedliche Erfahrungen. Die Schwierigkeit bei Live-Auftritten ist für mich nicht diese Intimität, sondern viel eher meine Auftrittsangst. Ich bin da immer sehr unter Stress und denke an die Erwartungen der Menschen im Publikum. Doch ich versuche, es immer gelassener anzugehen. Auch das Scheitern fasziniert mich.

Verwenden Sie nur Laptop und Stimme oder auch anderes Equipment bzw. andere Instrumente?

Rana Farahani: Ja, unter anderem. Ich arbeite vor allem viel mit Samples und stehle ich mir so alle möglichen Sachen zusammen, die ich dann aber mit allen mir erdenklichen Mitteln zerstöre und unkenntlich mache. Grundsätzlich bin ich aber ein Gauna, der seine Plastikflaschen ordentlich recycelt.

„Mein Leben gestaltet sich ganz einfach: Ich gehe in die Arbeit, mache Musik oder hänge mit meinem Kater ab“

Sie sind schon lange in der Wiener Clubszene unterwegs. Merken Sie Veränderungen? Wenn ja, woran lassen sich diese festmachen?

Rana Farahani: Ich war schon in vielen Szenen unterwegs, beschäftige mich aber kaum mit solchen Fragen, weil ich mich in unserer Bliss-Blase [Anm.: Bliss ist eine von Marlene Engel initiierte Veranstaltungsreihe] sehr angekommen und wohlfühle. Die ganzen Diskussionen um die Wiener Clubszene sind mir ziemlich egal. Mein Leben gestaltet sich ganz einfach: Ich gehe in die Arbeit, mache Musik oder hänge mit meinem Kater ab. Dazwischen übernehmen wir mit der Burschenschaft Hysteria die Weltherrschaft.

Politische Auseinandersetzungen finden seit einiger Zeit wieder zurück auf den Dancefloor. Es ist ein wichtiger Schritt, der sich auch auf die Roots der elektronischen Clubmusik besinnt. Sie sind in der Burschenschaft Hysteria aktiv, sind eine Resident-DJ von Marlene Engels Club-Reihe Bliss, die sich politischer Clubmusik widmet. Wie schwierig ist es in Ihren Augen, ein politisches Moment in den Club zu integrieren, und welches Potenzial hat dieses Format?

Rana Farahani: Es ist überhaupt nicht schwierig, Politik in den Club zu kriegen, es interessiert nur kaum jemanden, so was zu machen. Deshalb gibt es da immer wieder so halbherzige Trends. Mir ist aufgefallen, dass das im sogenannten Wiener Underground-Feminismus gerade cool ist. Davor war Antifaschismus modern. Ich finde es gut und wichtig, sich mit solchen Themen zu beschäftigen und sich als Veranstalterin bzw. Veranstalter starkzumachen. Wenn ein Club von sich selbst behauptet, feministisch und antifaschistisch zu sein, gleichzeitig aber 99 Prozent Männer in höheren Positionen sitzen und vor allem das Line-up kaum Frauen aufweisen kann, ist es für mich ganz einfach nicht glaubhaft. Klitclique’s Track Feminist bringt es auf den Punkt und diesen Track widme ich allen, die sich hier angesprochen fühlen (sollten).

Welche Rolle spielen Communitys für Sie? Spielt das auch in Ihre Produktion hinein oder hat das eher mit Rahmenbedingungen zu tun, die den Ausgangspunkt ändern?

Rana Farahani: Community ist mir sehr wichtig, da ich mittlerweile gerne mit anderen an einem Projekt arbeite. Vor mehreren Jahren hätte ich das noch anders gesehen, aber ich lerne täglich mehr Menschen kennen und es ist fantastisch. In der gemeinsamen Arbeit können alle Beteiligten profitieren und voneinander lernen.

Der Begriff Gegenkultur hat für mich etwas destruktives […] “

Würden Sie sagen, dass Sie einer Gegenkultur angehören? Würden Sie den Begriff noch verwenden? „Subkultur“ ist seit der scheinbaren Demokratisierung durch das Internet und andere Sichtbarkeiten ja mittlerweile ein beinahe entleerter Terminus. Was kann ein Begriff wie „Underground“ noch leisten?

Rana Farahani: Gute Frage. Anstatt Gegen-Kultur zu sein, würde ich mich eher als Teil einer Für-Kultur einordnen. Der Begriff „Gegenkultur“ hat für mich etwas Destruktives, mir und meinem Umfeld ist es wichtiger, konstruktiv zu arbeiten und große Pläne für die Zukunft zu entwickeln.

Wie fühlt es sich an, in Clubs zu spielen, die kommerzieller orientiert sind? Es ist ja oft eine heikle Gratwanderung zwischen der individuellen Haltung und dem Kontext, in dem performt wird.

Rana Farahani: Ich spiele nicht in Clubs, die kommerziell orientiert sind. Der Großteil steht am Abgrund oder verbrennt einfach nur Steuergeld.

Was hat Sie politisch so wachsam gemacht? Welchem Gefühl entstammt Ihr Widerstand? Sie treten auf Facebook, bei Burschenschaft Hysteria, in der Refugees-Welcome-Bewegung aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung, für Mitmenschlichkeit, Weltoffenheit und Gleichberechtigung ein. Kann Musik die Vermittlung Ihrer Anliegen vorantreiben oder würden Sie das nicht in Zusammenhang bringen?

Rana Farahani: Widerstand liegt ganz einfach in meiner Natur. Vertreterin der Gleichberechtigung bin ich übrigens nicht, da müsste ich lügen. Aufgewachsen bin ich in einem streng patriarchalen Umfeld. Das hat mich stark geprägt. Es ist Zeit, die Umstände umzukehren und sich einfach mal zu nehmen, was diese schöne Welt so zu bieten hat. Die Musik liefert den perfekten Soundtrack dazu.

Als politisch engagierte Künstlerin schaffen Sie den Spagat zwischen Aktivismus, Social Media und progressiver Ästhetik. Haben Sie das Gefühl, dass Dissens oder eine gewisse Form von Widerstand in Ihrer Ästhetik greifbar gemacht werden kann?

Rana Farahani: Dass etwas ganz und gar nicht stimmig ist und gerade etwas Chaotisches passiert, kann man bestimmt an meiner Musik raushören. Mein Sound ist gewissermaßen eine dunkle Prophezeiung.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Shilla Strelka

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