„Virus is the air our plant is breathing” – SADSAD_PLANT (CHRISTOPHER IZSÁK und SAMUEL OBERNOSTERER) IM MICA-INTERVIEW

SADSAD_PLANT (spacially displaced club destreaming) ist eine Musik-Streamingplattform, die von CHRISTOPHER IZSÁK und SAMUEL OBERNOSTERER gegründet wurde und auf dem Gaming-Portal TWITCH stattfindet. In den vergangenen Monaten der Isolation und der manchmal prekären Lebensumstände wurde SADSAD_PLANT zu einem wöchentlichen Fixpunkt für experimentelle Musik, DJ-Sets, Konzerte und virtuelles, aber gemeinsames Hören. Ada Karlbauer traf die SADSAD_PLANT-Gründer etwas klischeeartig am Friedhof, um mit Blick auf die Vergangenheit die Gegenwart zu diskutieren. Im Gespräch ging es um Coping-Mechanismen in Momenten, wo alles an Form verliert, die Beziehung zwischen Cyberwelten und physischen Räumen, um Zustandsbeschreibungen der musikalischen Subkultur, dem Wunsch nach Face-to-Face-Interaktion ohne Screen dazwischen und um eine traurige, aber widerspenstige Pflanze, die durch Isolation aufblüht, Knospen bildet und dann wieder vergeht.  

Aus welchen Gedanken heraus ist das Streamingprojekt sadsad_plant entstanden?

Christopher Izsák: Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, eine Veranstaltungsreihe in Wien auf die Beine zu stellen, habe aber nie eine Location gefunden, die in meinen Kontext gepasst hätte. Natürlich gibt es das Venster 99, das wir beide extrem schätzen, aber was zeitgenössische Elektronik anbelangt, findet da bereits gefühlt alles statt. Es gibt einige Onlineprojekte, die ich schon längere Zeit etwas mitverfolgt habe. Manche habe ich dann Sam gezeigt, woraufhin wir bereits vor Covid mit dem Gedanken gespielt hatten, meine Idee einer Veranstaltungsreihe in einem Onlineformat umzusetzen. Dies hat mich auf unterschiedliche Weise bei der anfänglichen Konzipierung des Projekts inspiriert, zum Beispiel bei der visuellen Kommunikation, der Übersetzung und den klanglichen Ästhetiken. Ich hatte gerade meine Semesterpräsentation an der Angewandten, als die Nachricht, dass alle Universitäten zusperren werden, kam. Diese unsichere Situation hat dann sofort die Dringlichkeit erschaffen, unser Streamingprojekt sadsad_plant zu realisieren.

„sadsad_plant war natürlich auch ein ‚Coping Mechanism‘, denn zu Beginn der Quarantäne ist erst mal alles weggefallen.“

Die Acts, die bisher auf sadsad_plant gefeaturt wurden, sind überwiegend in Bereichen der elektronischen Subkultur anzusiedeln. Entstand die Programmierung aus einem Community-Gedanken heraus?

Graphic by Christopher Izsák

Christopher Izsák: Ja, alle, die auf sadsad_plant spielen, sind Freund_innen oder Bekannte von mir oder Sam. Die Quarantäne war der perfekte Zeitpunkt, um so ein Projekt zu starten, denn es war schon sehr hart, gar nicht rauszugehen und Freund_innen zu treffen. In einer Zeit, in der nichts stattfand, war es einfach ein schöner Fixpunkt. Jeder Donnerstag und Samstag wurde zu einer kleinen Feier im eigenen Zimmer.

Samuel Obernosterer: sadsad_plant war natürlich auch ein „Coping Mechanism“, denn zu Beginn der Quarantäne ist erst mal alles weggefallen. Man hat sich einen Grund geschaffen, um sich neu zu organisieren, zu strukturieren und Sachen zu machen. 

Christopher Izsák: sadsad_plant wurde auch zu einem Fixpunkt, um mit Bekannten Kontakt zu halten, die beispielsweise nicht in Österreich leben. Einer der Grundgedanken war es, eine Plattform zu schaffen, die Menschen Publicity gibt, die sonst durch den Ausfall von Veranstaltungen weggefallen wäre. Wir wussten von Anfang an, dass wir keine Ressourcen haben werden, um die Künstler_innen finanziell zu unterstützen, was schon problematisch war. Sowohl die Künstler_innen als auch wir beuten uns selbst durch die unbezahlte Arbeit aus. Insofern war es umso wichtiger, dass eine Form von Networking und Publicity für die Acts daraus entsteht. Dass dadurch beispielsweise auch Leute aus Tschechien, Ungarn oder aus der Slowakei in Wien eine gewisse Form der Aufmerksamkeit bekommen. Es war auch wichtig, in dieser gewissen Szene Osteuropa und Westeuropa ein bisschen mehr zusammenzubringen, so ausgelutscht das auch klingen mag. Natürlich muss aber dazu gesagt werden, dass wir alle mehr oder minder privilegierte Positionen einnehmen und über ein gewisses Kapital verfügen, sodass so etwas in dieser Form überhaupt stattfinden kann.

„[…] wir haben einfach festgestellt, dass sadsad_plant kein Ersatz für einen realen, physischen Club- oder Konzertabend ist.“

Die gängige Club-Kurationspraxis basiert natürlich meist auf monetären Entscheidungen, was zwangsläufig viele unbekanntere oder weniger kommerzielle Artists von den Line-ups ausschließt. Im virtuellen Raum von sadsad_plant fällt dieser Zwang weg.

Christopher Izsák: Es gab schon auch viele Sets, die sehr clubby waren, aber daneben auch Konzerte oder das Set von Asfast, in dem nur Black Metal gespielt wurde. Dadurch hat man auch gesehen, dass sich verschiedene musikalische Sprachen nicht zwangsläufig ausschließen, wie es zum Beispiel oft im physischen Clubraum passiert. Diversität und auch die Entscheidung, welche Künstler_innen miteinander „gebucht“ wurden, waren sehr wichtig.

Samuel Obernosterer: Das war auch einer unserer ersten utopischen Gedanken, dass der Club-Kontext weggefallen ist und wir jetzt ganz frei nach subversivem Potenzial suchen können. Wir waren dann aber schnell ernüchtert, denn das existiert gar nicht [lacht]. Es war ja auch nicht das Einzige, das zu dieser Zeit online stattfand, denn unser Studium hat online stattgefunden, soziale Interaktion hat online stattgefunden und wir haben einfach festgestellt, dass sadsad_plant kein Ersatz für einen realen, physischen Club- oder Konzertabend ist. Damit hat sich auch unser etwas naiv-euphorische Ausgangsgedanke, dass unsere Plattform etwas ersetzen kann oder problematische Strukturen neu angehen könnte, auch sofort wieder selbst ausgelöscht.

„Wir wollten nicht den Club ins Internet bringen, sondern den Club im Internet neu überdenken.“

Das Potenzial von Club-Utopien wurde gewissermaßen auch durch die Realität im Stillstand überholt.

Christopher Izsák: Ja, auf jeden Fall. Wir wollten nicht den Club ins Internet bringen, sondern den Club im Internet neu überdenken. Deshalb war es mir auch wichtig, den Fokus nicht zu sehr auf Club-Ästhetiken zu legen oder den Clubraum digital nachzubilden, weil einfach das Setting daheim ein komplett anderes ist.

Wenn man die Sets auf sadsad_plant verfolgt, hat man das Gefühl, dass viele der Künstler_innen einen Einblick in ihren aktuellen Musikkonsum geben, als ein abgeschlossenes, makelloses Produkt zu zeigen, um die Beine in Bewegung zu halten. 

Samuel Obernosterer: Das ist wirklich passiert. Es war schon ein Ursprungsgedanke von uns, dass die Künstler_innen möglicherweise die unterschiedlichsten Dinge zeigen werden, und so kam es auch. Viele Leute, deren Sound man schon kennt, haben einfach was ganz anderes gezeigt.

Christopher Izsák: Dafür war das Format sehr einladend. Es gab immer Überraschungen. Ich habe mir die Sets aus diesem Grund davor auch nie angehört. Ich habe sie bekommen, habe sie an Sam weitergeleitet, der sich um die technischen Aspekte gekümmert und dann das Set-up gemacht hat. Am Ende war es immer eine Überraschung. Auch für mich, das fand ich sehr schön.

„Es war auch spannend, in ein existierendes System einzutauchen, in diese ganze Kultur […] mit all ihren Codes und Jokes […]“ 

sadsad_plant wird auf der Gaming-Plattform Twitch gestreamt, wie kam es zu dieser Entscheidung?

Christopher Izsák: Noch bevor Zoom als Kommunikationsplattform auf den Universitäten gängig wurde, hatte ich eine Lehrveranstaltung, in der die erste Einheit auf Twitch stattfand. Ich hatte nie einen Bezug zur Gaming-Kultur, daher war mir die Plattform auch fremd. Außerdem hätte Zoom etwas gekostet. Twitch war auch einfach sympathischer und spannender.

Samuel Obernosterer: Es war auch spannend, in ein existierendes System einzutauchen, in diese ganze Kultur, die auf Twitch herrscht, mit all ihren Codes und Jokes, die es dort gibt, die ja kein Produkt der Quarantäne waren, sondern schon länger existierten.

Christopher Izsák: Pass me the salt [lacht]!

Samuel Obernosterer: Vor allem, weil viele Gaming- und Internet-Kultur-Einflüsse in die zeitgenössische Club-Ästhetik eingeflossen sind.

Graphic by Christopher Izsák; Original Foto bei Ada Karlbauer

Christopher Izsák: Es ging irgendwie alles so leicht von der Hand. Es war wirklich so ein Projekt, bei dem man einen Schritt nach dem anderen ganz organisch geht. Es ist alles ganz organisch gewachsen, wie eine sadsad_plant, die ein bisschen traurig ist, aber weitermacht und immer wieder die Traurigkeit überwindet. Es gibt sie und man kann sie und ihre Blüten donnerstags und samstags bewundern [lacht].

Was ist eigentlich eine „sad, sad plant“?

Christopher Izsák: Wir haben sehr lange über den Namen nachgedacht und ich wusste, es gibt diese Zimmerpflanze, die ganz widerständig ist, die sogenannte ZZ-Pflanze. Sie braucht fast kein Wasser oder Licht.

Samuel Obernosterer: Als es Chris dann eingefallen ist, hat er den Namen schräg in den Kühlschrank hineingesagt und ich habe kaum etwas verstanden, aber es war die sadsad_plant [lacht]. Wir waren schon traurig zu dieser Zeit, aber als wir dann die sadsad_plant hatten, waren wir froh, denn donnerstags und samstags sind wir sozusagen in unseren Zimmern ausgegangen.

Durch den täglichen Konzert- und Club-Stream-Overload im Netz hatte man dann aber irgendwann keine Lust mehr auszugehen, nicht einmal im eigenen Zimmer. Was sind eure Gedanken zum Quarantäne-Streaming-Hype?

Christopher Izsák: Mittlerweile nervt es schon, dass alles online stattfindet, selbst wir [kollektives Lachen]. Es ist einfach kräftezehrend, überfordernd und kein Ersatz für eine Live-Erfahrung, aber trotzdem ist unser Stream real, also er ist kein Fake oder hyperreal. Es war in diesem Zusammenhang auch wichtig zu überlegen, wann sadsad_plant stattfindet. Um 15 Uhr irgendein dystopisches Experimental-Konzert zu streamen, kann schon toll sein, fühlt sich dann aber hauptsächlich verkehrt an. Man kann sich sadsad_plant einfach anschauen oder anhören oder beides und danach schlafen gehen, weil sadsad_plant ist die Afterhour [lacht]. War nur ein Joke.

Samuel Obernosterer: Spannend war immer die Beziehung zwischen Cyberwelten und physischen Räumen. Nach diesem gezwungenen Rückzug in das eine haben wir beide genug davon bekommen. Auch als wir darüber geredet haben, was wir nach sadsad_plant machen möchten, war uns klar, dass wir für das nächste Projekt reaktionär ortsbezogen, physisch, sinnlich und körperlich denken und arbeiten wollen. Einfach mal wieder gemeinsam in einem realen Raum stehen, less interfaces.

Christopher Izsák: Genau, face-to-face und ohne Screen dazwischen.

„Der Virus ist zwar noch da, aber das, was die Pflanze nährt, ist die Isolation.“

Was passiert nun mit der traurigen Zimmerpflanze, jetzt, wo sie wieder ausreichend Wasser und Licht bekommen könnte und die Quarantäne vorerst vorbei ist?

Christopher Izsák: Ich habe schon bemerkt, dass die dem Projekt zugrunde liegende Dringlichkeit nicht mehr so stark vorhanden ist wie zu Beginn. Jetzt treffen sich die Leute wieder und viele schauen gar nicht mehr zu, weil es einfach schöner ist, den Blick vom Computer abzuwenden. Ich habe das Gefühl, dass angesichts dieser Veränderungen die Berechtigung für das Projekt nicht mehr so stark da ist. Die Publicity fällt auch immer mehr weg und mir war es eben wichtig, dass Künstler_innen durch sadsad_plant entdeckt werden, Menschen sich vernetzen und etwas daraus wächst. Virus is the air our plant is breathing.

Samuel Obernosterer: Auch in Bezug auf das organische Verhalten einer Pflanze: Man hat realisiert, dass durch den globalen Kapitalismus eine Pandemie zum Teil unserer Lebensrealität wurde. Der Gedanke bei unserem Projekt war es, dass sich eine Pflanze auch wieder zurückzieht, wenn der Zeitpunkt kommt, sie aber jederzeit wieder sprießen kann, sollte eine ähnliche Situation wiederkehren. Inzwischen fehlen eben die Publicity, die Dringlichkeit und der soziale Aspekt. Der Twitch-Chat war vor allem zu Beginn sehr lebendig. Die Leute haben sich nicht gesehen und alle waren traurig und isoliert und im Chat hatte man das kurze Gefühl von Nähe. Das war ein Treffpunkt, es gab sogar eigene Codes und eine eigene kleine Community. Es gibt einfach so viele talentierte Leute in Wien und es ist einfach wichtig, dass die eine Plattform bekommen.

Christopher Izsák: Auf alle Fälle. Virus is the air our plant is breathing“ ist ein Teil unserer offiziellen Beschreibung. Das bedeutet, sadsad_plant ist virusinduziert. Der Virus ist zwar noch da, aber das, was die Pflanze nährt, ist die Isolation. Ein großes Dankeschön an alle Leute, die es geschafft haben, die Ressourcen für sich zu suchen! Es war einfach extrem überwältigend, dass die Künstler_innen nicht nur Interesse daran hatten, dass sadsad_plant stattfindet, sondern dass sie das Resultat auch aktiv mitgestaltet haben. Aus diesem Grund ist für uns das Projekt voll aufgegangen. Es werden noch zwei Veranstaltungen stattfinden, die vorerst mal das Ende von sadsad_plant markieren werden. Das Schöne an unserer Pflanze ist aber, dass sie jederzeit wieder aufblühen und neue Knospen bilden kann.

Thx an:

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Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Ada Karlbauer

Link:
sadsad_plant (Soundcloud)